Die Sammlerin der Seelen

Ein doppelspuriges Buch: 

Einerseits literarische Reportagen aus Moldawien, Slowakei, Polen, Kosovo, Rumänien und immer wieder Tschetschenien, andererseits Reiseskizzen, Essays zu Heimatverlust, Fremde, Krieg, politischem Engagement, Recht auf Selbstbewahrung und Reflexionen über das Schreiben. Der Sammelband ist ein organisches Ganzes, ein poetischer, faktenreicher Entwicklungsroman einer Schreibenden und gleichsam auch der ostmitteleuropäischen Länder, die eine staunende Ich-Erzählerin dem Westen vermittelt. Wir werden hineingezogen in eine synchrone Entwicklung, die der Reporterin und der sich im Aufbruch befindenden Gegenden, und werden Zeuge der Geburt der Texte, die am Schreibort Basel geschehen. In der geschliffenen und fremden deutschen Sprache fügt die Autorin die Ost-West-Zerrissenheit zusammen.

Sammelband „Die Sammlerin der Seelen“, Unterwegs in meinem Europa, Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 
207 Seiten, nicht mehr im Buchhandel. 

Über die Autorin erhältlich.

Auszüge

Aus "Abgesägter Obstgarten"  
Reportage aus Moldawien und Transnistrien 

                Noch ist Chisinau grün, die Not zugedeckt vom lauschigen Schatten der gleichgültig gütigen Bäume. Was ist hier geschehen, im „sonnigen Moldawien“, in diesem Sowjetklischee vom Garten Eden? Die Frauen herausgeputzt, ihre Haare geordnet, die Häuser ganz, etwas verkommen, aber gleich ihren Bewohnerinnen bemüht, den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten. Die Angestellten gehen morgens gemessenen Schrittes allen Ernstes und heroisch dorthin, wo die Gehälter sie verspotten. Die einsamen Alten treten auf die Hauptstrasse, halten diskret die Hand hin, wenn die monatliche 10-Dollar Rente sich verspätet. Jene, die die Haus- und Schamschwelle nicht zu übertreten vermögen, verkriechen sich, sterben still, wie verletzte Tiere. Überall erstickte Schreie, gepresst in leise, gedehnte, düstere Klagen, dazu spuckt man gemeinsam auf der Parkbank die dunkle Schale der Sonnenblumenkerne aus und behält den hellen Kern. 
              Auf dem Land bis zwei Meter tief fruchbare schwarze Erde, Obst-und Tabakplantagen, Weinberge rennen über sanfte Hügel, Sonnenblumenköpfe nicken in der Brise einmütig bis zum Horizont, Mais reift für das Nationalgericht, Nussbäume säumen die Strassen, „Konjak“ ist bereit für den Export nach Russland. Doch in acht Metern Tiefe auf dem Grund des Brunnenschachtes glänzt eine Pfütze, der Bauer trauert: „Gott beleidigt uns, er schickt seit zwei Monaten keinen Regen“. Ein Arm des Dnjestr endet im Kornfeld vor einem Wall, das trübe Wasser dreht sich an Ort, Enten und Gänse drehen sich mit. Wer reisst den Wall ein, schafft den Durchbruch? „Ach, hier tut niemand etwas fürs Gemeinwohl“, winkt der Bauer ab. Und bei jeder Dorfeinfahrt entsteigt Gott mit Bart und wallendem Haar einer Kumuluswolke, breitet fürsorglich-gebieterisch die Arme aus, und unter seinem Bild hängt auf dem Kreuz der verlassene irdische Sohn. Und die Sonne brennt erbarmungslos. 
              Verbrannte Felder, Wüste entdeckte hier Alexander Puschkin. Der Zar schickte den Dichter 1820 zur Strafe nach Chisinau - hier, im sogenannten „Südrussland“ sollte der freie Geist seine Frische verlieren. Der junge Petersburger Dandy langweilte sich, sah bloss Leere, und als imperialer Zeitgenosse füllte er Bessarabien mit „russischem Ruhm“. Die Zeiten, als die Russifizierung der lateinischen Bevölkerung noch Ruhm hiess, sind nicht vorbei, heute heisst sie bloss geschickter „Gleichberechtigung der russischen Minderheit“. Das Puschkinmuseum, ein niedriges Haus, in dem das 21-jährige Genie mit seinem Diener hauste, duckt sich inmitten sowjetischer Hochhäuser. Der moldawische Dichter Grigore Chiper geht lieber nicht hin. Er wird den Okkupationsdruck nicht los. Tritt der leidenschaftliche Rumänischlehrer auf die Strasse, schlägt ihm Russisch entgegen. 
                   Die slawische Minderheit dominiert die Städte eines Volkes, das sich nicht einig ist, wie es sich und seine Sprache nennen soll. Grigore Chiper und andere Intellektuelle nennen sich Rumänen, die meisten bezeichnen sich als Moldawier und ihre Sprache als Moldawisch. Es ist simpler als das Rumänische in Rumänien und gespickt mit russischen Lehnwörtern. Grigore Chiper aber weiss: "Meine Sprache ist Rumänisch". Er verehrt Rumänien, das westlich von ihm hinter dem Fluss Pruth liegt, dort entsteht die reiche Literatursprache eines Mircea Cartarescu, dort ist die westliche Kultur. Weder teilen seine Landsleute diese Gefühle, noch werden sie aus Rumänien erwidert. Intellektuelle sind unter sich bei „Contrafort“ - die ambitiöse rumänischsprachige Kulturzeitschrift versteht sich als Balken, der die Festung, die eigene Kultur stützt. Die Redaktion ist in einem Betonbau in Chisinau, von hier aus stützt man eher mit dem Balken im eigenen Auge den Blick der durstigen Literaten, der durch das Guckloch den westlichen Himmel nach Fata Morganen absucht. 
                  Draussen wälzt sich die verräterische, die dumpfe Masse, die vor knapp zwei Jahren die Kommunisten zurückgewählt hat. Ekel befällt den Chefredakteur, er wendet sich ab und beginnt zu träumen: „Wenn der Blick vom Präsident Bush bei seinem Herumreisen bloss auf uns fallen würde. Könnte er uns doch von den Kommunisten befreien!“ Und ein Seufzer: „Das Unglück kam über Bessarabien, weil die k.u. k. Monarchie uns nicht anektiert hat. Dadurch fielen wir dem Osten anheim“. Seit zwei Jahren füllt „Contrafort“ ganze Seiten mit Tagebüchern des Direktors und des Chefredakteurs von ihrer Europareise im internationalen Schriftstellerzug. Wie Gefangene, die die Gnade der bunten Träume und der lieblichen Erinnerung ans Draussen geschenkt bekommen. In den Literaturcafés des Westens verkehren wollen, Freiheit des Wortes geniessen - es ist eine einsame Sache, in Moldawien Intellektueller zu sein, wenn man das Naheliegende, das Eigene nicht liebt, die kleinen grossen Geschichten der Erniedrigten verachtet, die täglich vor den Festungsfenstern überleben. Wie tun sie das überhaupt? (...)

 

Aus "Heimatsinne und Fremd-Card" 
Essay 
                   

              Als ich die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie nach ihrem Hamburger Konzert frage: "Aber wie hören Sie?", liest sie mir von den Lippen ab und fragt gereizt zurück: "Und wissen Sie, wie Sie hören?" In der sprachlosen Verwirrung, in die mich die taube Musikerin stösst, nehme ich auf einmal Druckwellen in meinen Beinen wahr, die von einem startenden Motorrad kommen. Seitdem höre ich auch mit den Beinen. 
              In einem Londoner Café bedient mich ein Transvestit, der mit seiner dicken rosaroten Schminke und dem hyperbolisierten Hüftewiegen das permanente Fest der Weiblichkeit veranstaltet. Hineingeboren in die Männlichkeit, ist er trunken davon, endlich eine Frau zu sein. Der Kenner beschämt die in die Weiblichkeit Hineingeborene, die den Genuss an diesem Umstand vergessen hat. Als ich das Café verlasse, lege ich in meine Schritte die grösstmögliche Anmut, die Frau würdigend. 
              Für mich sind das Heimatgeschichten. Mir ist die Heimat abhanden gekommen, es war vor über drei Jahrzehnten, und seitdem sehe ich mich in der halben Welt nach ihr um, spüre sie mit einem fein entwickelten Heimatorgan auf. 

            Die Nachricht von der biblischen Heimreise der von Stalin deportierten Krimtataren berührt mich. Ein ganzes Volk kehrt seit Mitte der neunziger Jahre nach einem halben Jahrhundert verwehrter Heimat aus den zentralasiatischen Steppen auf die Krim zurück. Die Redakteurin eines Schweizer Magazins blickt leer, als ich ihr diese Reportage vorschlage: “Wo, sagen Sie, ziehen diese Leute hin? Wozu? Nein, das zieht nicht.“ Mich zieht das Ende des Heimatverlustes an. Ich fahre nach Bachtschissaraj. Auf einem Rosenfeld sehe ich aufgeschlagene Zelte, darin Armut und Entschlossenheit zu bleiben. Ich treffe den krimtatarischen Anführer Mustafa Dschemilew, er ist körperlich ausgezehrt und geistig fest. Für das Recht auf Rückkehr wurde er fünfzehn Jahre lang durch den GULAG geschleift, aber er stand zur Heimat. Ich kenne seine Geschichte der Standhaftigkeit, jahrelang schrieb ich Briefe aus der Schweiz an den Kreml, forderte seine Freilassung. Dieser Heimatüberzeugte war für mich in meinem Schweizer Exil mehr als ein politischer Gefangener, sein Ungebrochensein gab mir ein Stück heimatlichen Bodens; ihn nun in einem bescheidenen Haus neben dem krimtatarischen Khanpalast zu wissen ist mir bedeutsam. Ich höre vieles von dieser Heimat, dass sie den Jungen keine Arbeit gibt, dass ihr Wind die Wangen liebkost und sie den Alten einen plötzlichen Tod schenkt, mit der Sicherheit, in ihrer Erde begraben zu werden. Früher brachten die Krimtataren ihre Toten heimlich in Koffern hierher. Keine Heimat zu Lebzeiten zu haben heisst hier der halbe Tod, heimatlos zu Todeszeiten zu bleiben aber, heisst nicht gelebt und nicht gestorben zu sein. 
             

           Und meine, nur meine Heimat? Wenn ich beim Sonnenuntergang auf dem Fahrrad durch das hügelige Elsass fliege, an Pferden, Weihern, Blumenfeldern, an Wäldern vorbei, und die nach dem Heim fragende tschechische Hymne singe: "Kde domov muj", dann sind mir diese Sommerabende im selbst erzeugten Wind Heim. Das ist meine Heimat im Jahr 2 000, die mit der Fremde ausgesöhnt ist, da die Fremde nun mit der Heimat vermählt ist. Das war nicht immer so. 

            1984. Kalter Krieg. An einem afrikanischen Ball in Frankreich fordert mich ein Guineer zum Tanz auf. Er spricht russisch. Er hat in der verbrüderten Sowjetunion studiert und lebt als Emigrant in Frankreich, nun ist der eigenwillig sozialistische Diktator Sékou Touré gestorben, die Emigration ist zu Ende, das westafrikanische Guinea ist das erste Land der Welt, das den Kommunismus abschüttelt. Das erfahre ich im wiegenden Rhythmus, und einige Wochen später lande ich um vier Uhr Morgens im tropischen Regen in Conakry, mit meinem blauen staatenlosen Pass, Bürgerin von Nirgendwo, ich bin alleine und noch kaum des Französischen mächtig, mächtig ist nur meine Heimatprojektion. Das Tor des Konzentrationslagers Camp Boiro ist soeben geleert geworden, an den Wänden steht noch mit Exkrementen geschrieben: "Dieu est grand". Hier wurde des Hungers gestorben, im schwärzesten schwarzen Humor hiess er diète noire, hier lehrten tschechoslowakische Geheimdienstler mit Strom foltern, wenn Conakry stromlos im Dunkeln versank. Ich nehme die Aussagen der Überlebenden auf, fühle Scham, Respekt und Nähe. Ich erlebe, wie Guinea sich öffnet, aber auch, wie viele ärmer werden und einige noch reicher. Ich komme immer wieder hierher, als wäre es mein postkommunistisches Trenčín. Bald spreche ich Französisch mit guineischem Akzent, werde heimisch im Gang der Guineerinnen, bei dem das Becken gelöst in der Hitze ausschwingt, trage in riesigen Containern Zehntausende Lehrbücher und Werke der Weltliteratur aus der Schweiz in den Hafen von Conakry und dazu meinen zweiten Sohn aus, mit der afrikanischen Farbschattierung auf der Haut. Jahrelang denke ich, die Heimat trägt dunkle Haut. Bin ich mir selbst nicht Heimat? Einmal im Flugzeug über dem Nil lese ich eine deutschprachige Zeitung und erkenne in ihrem intellektuellen Stil die Heimat der zu klaren Kristallen eingefrorenen Gedanken. Ich will sie wieder selbst erschaffen. Ich schreibe über die Begegnung mit der schwarzen Haut auf deutsch, bis ich sie enthäute, diese heimlich heimelige Heimat entheimate, sodass sie mir nicht mehr mit dem Pawlow`schen Reflex den Heimatschein ausstellt, sondern zu ihrem Ursprung zurückkehrt, zum freien Pigmentspiel der Natur. Ich unterscheide zwischen beheimatet und entfremdet, aber nicht mehr nach der Hautnuance. 

               Wie oft denke ich auf Reisen: Hier ist es gut, hier lasse ich mich nieder. 

               1980, Austin, Texas. Eine Heimat wird mir angeboten wie ein blankes Blatt Papier - fang hier an, schreib dich ein, das vergangene Gekritzel gibt es nicht. Eine joggende Gesellschaft lächelt mir zu, hi, hi, how are you, als wäre ich eine von ihnen. Und bin ich es nicht, wenn ich mich in den lockeren Smalltalk einbürgere? Eine grosszügige Heimat, meinen weichen Akzent darf ich behalten, streng wird sie bloss, wenn die Vergangenheit aus mir herausbricht, makabre Geschichten aus „Europe“, dann lacht mich die texanische Sonne ob soviel Ernstes wieder mal aus. Soll ich mir einen fröhlichen Lebenslauf andichten? Eine verführerische Entkleidung von Altem, alles ist möglich, alles ist einfach, aber so schwierig, nein, unmöglich. Von Monat zu Monat behacke ich mich und kann sie nicht loswerden, meine ureigenen Blüten, die wohl liebste unter ihnen ist die slowakische Sprache, getunkt im melancholischen Humor. Ich flüstere dieses Erbe meinem dreijährigen Sohn zu, und er flüstert es zurück, eine zwischen den Kakteen spriessende Heimat, wir zwei sind ihre einzigen Bürger. Da fragt eine von allen unnützen Sprachen befreite Texanerin: "Welcher indianische Dialekt ist das?" Ich beisse die Lippen zusammen und gebe sie nicht her, meine belastete Vergangenheit, sie ist mir Heimat. Wir kehren zurück nach „Europe“. 

 

                Heimatlose aus Diktaturen aller Welten sind meine Freunde. Wir sprechen in vielen Sprachen im selben Heimatton. Je tiefer er ist, umso beschwingter werden wir. Hier darf vom Gefängnis gesprochen werden. Meine Geschichte ist nicht exotisch, die der Achtjährigen, der der Staat die Mutter wegnahm. Sie wurde eingesperrt, und das Mädchen durfte nie ein Wort darüber sagen, auch nicht der Grossmutter. Hier wundert sich niemand, dass Kindern eine Heimat aus Schweigen aufgezwungen wird, die sich eines Tages ins geschriebene Wort umkehrt. Es gibt Schlimmeres. Und man kommt damit zurecht oder eben nicht. Wundes gehört zum Smalltalk. Was für eine verständnisvolle Heimat, das Weinen kennt Lachen, das Lachen kennt Weinen. Zu Hause in den Extremen. Dabei merke ich nicht, dass die Mitte zur Fremde wird, zum Abgrund. (...)

 

Aus "Osteuropa eine Frau, der Westen ein Mann?" 
Essay 

                  Nach der Wende führ ich immer wieder für Reportagen in verschiedene Länder Mittel-und Osteuropas, suchte die slawische Welt mit neuen, schon verwestlichten Augen zu erforschen. Ich suchte auch nach einem Weg, um meine eigene zwischen Ost und West zerrissene Weiblichkeit zu vereinen. Ich sah professionelle östliche Frauen sich wie Puppen schminken und kleiden, in der Anwesenheit der Männer kichern und im Handumdrehen diesen grob befehlen. Ich begegnete einer Spaltung der Frau in Mädchenhaftigkeit und Verrohung, in Nachgiebigkeit und Fanatismus, ich sah eine Disharmonie in ehemaligen Direktorinnen, Dissidentinnen, Traktoristinnen, ich sah Mütter und Grossmütter, die keinen Mann kannten, da er im Suff oder im GULAG verschwunden war, und die den Knaben als ihr liebstes Puppenstubenspielzeug bar jeglichem Respekt behandelten. Sie strickten sich den „Mann“ buchstäblich mit ihren eigenen Zwangsjacken zu, führten sich und ihn in ewige Verstrickungen. Diese Söhne und Enkelsöhne krochen gerade aus dem schummerigen sozialistischen Mutterkuchen heraus und torkelten umher. Das frühere verbrecherische Monopol der KP zerfiel in abertausend kriminelle Verbände, die sich das Imperium aufzuteilen anschickten. Die Hauptverliererin sollte die Frau sein. 

               Im Jahr 2 000 entlarvte die griechische Presse eine von der Ostmafia geführte Kette von kleinen Konzentrationslagern in Nordgriechenland, die als „Neue Dachaus, Folterkammern für Importmädchen“ bezeichnet werden. Frauen aus Russland und der Ukraine „bilde“ man darin durch Hunger, Durst, Schläge und regelmässige Vergewaltigungen für die Arbeit als begehrte, zu jeder Perversion bereite Sexsklavinnen aus. Nach ein paar Jahren Einsatz in Bordellen stürben sie ausgelaugt und gebrochen. Solche postkommunistische Sklaverei hält einen triumphalen Einzug in ganz Europa. 

              In der russischen Unterwelt gilt die Frau als ein Nicht-Mensch - der kriminelle Jargon kennt für das Wort Frau nur die Bezeichnung "prostitutka". Die Herabwürdigung der Frau auf einen für den Mann abgerichteten Körper ist in der kriminellen Welt genauso ein Reflex wie das ungehemmte Weinen des hartgesottenen Sohnes, wenn ihn die Mutter im Knast besucht. Die Karriere einer Frau in diesem infantilen und grausamen Milieu ist, Mutter eines hochrangigen Kriminellen zu werden. Die Hure wird in die Hölle geschickt, die Madonna in den Himmel gehoben, um den weiblichen Menschen aus der Welt zu schaffen. Denn gäbe es die Frau, würde sie die Allmacht der Mutter relativieren. Die Hure ist jedoch keine Konkurrenz, mit ihr gibt es keine Bindung, der Mutterverrat ist gebannt, und der Sohn darf Sohn bleiben. 

                Der ostslawische Sklavinnenhalter ist kein Abweichler von seiner Kultur. Das, was er dank neuen kapitalistischen Freiheiten im Sexgewerbe konsequent betreiben kann, die Unduldsamkeit gegenüber jeglichem Subjekt, das es nicht geben darf, geschieht in Russland überall, ob physisch oder psychisch. Vor einigen Jahren blieb ich für eine Reportage drei Wochen lang im Milieu des Paten des russischen Fernen Ostens. Am meisten verblüffte mich die Bravheit dieser harten Jungs, ihre ständige pathologische Angst, ja alles „richtig“ zu machen. Dieses „richtige Verhalten“ auch sprachlich als "pravilnyje ponjatija" codiert, ist das bis in die kleinsten Details festgelegte ungeschriebene kriminelle Gesetz, dem sich auch der mächtige Pate unterzuordnen hat. Er verfügt genauso wenig frei über die Mordaufträge, die er anordnet, wie über seine Körperhaltung, die zur Machtdemonstration aufgebläht sein muss. Jedes Zeichen individueller Entspannung, ob in Geste oder Wort kann ihn nämlich das Leben kosten. 

                Die Illusion, sich durch kriminelle Taten aus dem Spucknapf der Verstrickungen herauszuwinden, bringt den jungen Mann in eine neue Abhängigkeit von der streng hierarchischen kleinen "gruppirowka", "formacija" oder eines einige Hundert Mitglieder zählenden "klans". Er ist kein Einzelgänger, sondern auf ewig der "bratwa", der krimininellen Brüderschaft gegenüber verpflichtet. Diese kommerssanty oder bisnissmjeny waren von ihrer eigenen - wie sie es nannten - „gerechten“ Lebensführung überzeugt. Die Welt ausserhalb ihrer Gruppierung erlebten sie als böse und gegen sich gerichtet. Und sie bekämpften sie genauso edel wie jede abweichende Meinung. (...)

 

Aus "Hart der Boden, biegsam der Mensch" 
Reportage aus den slowakischen Dörfern im rumänischen Bihor 

                Im 19. Jahrhundert waren die slowakischen Kolonisten in mehreren Wellen mit ihren Holzwagen aus den armen Gegenden der Slowakei und Mährens in die Hügel des heute rumänischen Bihor gekomen. Sie kamen, um den Wald zu roden, sie waren Holzfäller, und die ungarischen Grafen Baranyi und Banffy hatten sie gerufen. Der Wald ist noch da. Ein biegsames, hochgeschossenes Wesen, jung sind die Ahorne, die Eichen, die Buchen, zart die Birken, wie oft sind sie gefällt worden und nachgewachsen, auch pflegeleichte Fichten wurden gepflanzt. In Österreich-Ungarn gehörte der Wald dem Grafen, der ihn teilweise zur Nutzung freigab, im Kommunismus eignete sich ihn der Staat ganz an. Jetzt besitzen jene Parzellen von ihm, die an ihm wohnen und mehrere Wörter für ihn haben - les, hora, húšťava. Sie haben sich mit der Axt den Lebensraum freigehauen, haben darauf ihre Holzhütten errichtet. Heute sind die weit verstreuten Höfe aus Lehm und lehnen sich gerne an den Wald an. Dort suchen die Menschen ihren Mittelpunkt. Gefällte Stämme ähneln Goldbarren, Holz ist eine feste Währung. Ich helfe dir dein Dach reparieren, du bringst mir dafür Holz. Äste liegen nicht herum, jedes Stück wird eingesammelt. Und das Fällen und Wiederaufforsten geht weiter. Diesmal für den Export nach Ungarn, Italien und in die Schweiz. Plötzlich heulen Sägen auf, ein ganzer Hügel wird entblösst, zeigt seine frischen Stümpfe. Ein schmerzvoller Anblick wie der der beinlosen Bettler vor dem Eingang zum Donnerstagmarkt. 
                 Die Waldwege entstehen irgendwo, kreuzen sich, laufen Hand in Hand nebeneinander her, gewunden sind sie, trennen sich wieder, verlaufen sich im Dickicht, tauchen aus dem Nichts neu auf. Wortkarge Bauern grüssen sich zwar mit „Gesegnet sei Herr Jesus Christus“, aber jene Göttin, die sie unablässig verehren, heisst Arbeit. Ihretwegen sind sie hierher gekommen, ihretwegen haben sie ausgeharrt, sie hat sie am Leben erhalten. Die Regime fallen, die Geldscheine ändern ihren Wert, aber eine Kuh bleibt eine Kuh, und wer sät, der erntet. Práca, robota, die Arbeit, das häufigste Wort. Wer seid ihr? Wir sind arbeitsam, sagen schon ihre Kinder. Die schwere körperliche Arbeit, der Ernst, der Wind meisseln ihre Gesichter und Körper zu Gestalten wie aus Stein. Aber wenn sie sagen, ihr Leben sei hart, sagen sie es scheu und weich. Das Dulden der allzu Müden, der so oft Betrogenen, der leicht Dankbaren. Als die Religionslehrerin fragt, welcher Weg in die Hölle führt, weiss die Klasse die Antwort: der bequeme. 
               Der Pfarrer predigt: „Das Glück ist neben dir, du musst es bloss sehen und ergreifen.“ Zu der Frau mit dem von neun Kindern und dem Tragen von Lasten gebeugten alten Rücken sagt die Ordensschwester: „Tragen Sie es weiter, nehmen Sie es an. Gott ist mit Ihnen.“ Dann lindert sie ihre Schmerzen, behandelt mit ihrer Krankenschwesterhand eine Wunde am Fuss. Wäre der Fuss nicht vom Tritt der Kuh so angeschwollen, dass er die Arbeit behinderte, wäre die Bäuerin nicht in die Krankenstation beim Pfarramt gekommen. Der Körper ist wie der Karren, er trägt den Menschen, und bekommt er Wunden - ach, das wird schon vergehen. Und Schmerzen haben ab vierzig alle, im feuchten Klima meldet sich Rheuma, Vorbeugen kennt man nicht. Der Tod schlägt plötzlich zu. Noch am Montag hielt der Alte die Zügel auf dem Pferdewagen, abends fiel er hin, am Donnerstag war er tot. Der Pfarrer steigt auf den Hügel und schickt dem Sohn eine SMS in die Stadt: „Der Vater ist gestorben. Das Begräbnis ist am Samstag.“ Eine Mobilfunkantenne steht neuerdings bei der Dorfeinfahrt, höher als die Kirche. Eine andere Telefonverbindung gibt es nicht. 
              Die hiesigen Lebensziele fordern auch eine Weitsicht - die Kuh melkt man, wenn das Euter voll ist. Das Schwein wird bis zur zabíjačka, dem vorwinterlichen Schlachtfest, gepäppelt. Seine Speckreste kochen die Frauen im Garten und rühren sie mit Soda zur gelben Brühe, bis diese dick wird - dann ist sie Seife. Alle schwärmen zur Pilzsuche aus, wenn die Zeit kommt, auch der Lehrer sammelt dann Steinpilze statt Aufsätze im Unterricht. Trauben werden zu Wein gepresst und Paprika vorsorglich in Essig eingelegt. Und man steht morgens auf, bevor es hell wird, und trifft sich jeden Sonntag beim „Zdravas Maria“ in der Kirche. Wenn dann der Schnee kommt, füllen die Kinder den Kartoffelsack mit Stroh und rutschen den Hang zur Schule hinunter, überqueren Bäche, stampfen sich kilometerweit den Weg durch den Wald. 

„Hanka, was gefällt dir hier?“ 
„Wenn die Schwalben im Frühling kommen.“ 
„Und was noch?“ 
„Wenn die Bäume Blüten bekommen.“ 
„Hanka, was ist dein Traum?“ 
„Ich habe keinen. Ich bin erst acht.“ 
„Alle haben Träume.“ 
„Ich will ein Fahrrad haben und die Stadt sehen.“ 

             Hier ist ein wie aus Zeit und Raum herausgeschnittener slowakischer Ort fern vom Mutterland. Das Slowakische erklingt hier inmitten des Rumänischen, nah am Ungarischen, neben dem aussterbenden Deutsch und über die Landstrassen zieht die Sprache der Roma. Es ist weich und zieht sich ins Freie, singend in die Weite nach der Art der ostslowakischen Sprachmelodie. Und man spricht mal derb, mal lyrisch, mal ehrfürchtig und siezt auch jene, die nicht anwesend sind - der Pfarrer sind gegangen, heisst es. Der Pfarrer in Mehrzahl steht für die gebündelte Einzahl. Er verbindet neuerdings die geistige und die zivile Macht. Nur für die Predigt zieht er sich das weisse gestärkte Gewand über den Pullover. Der Pfarrer in Nová Huta ist auch Bürgermeister geworden, er lacht viel und gutmütig, raucht unentwegt und plant eine Pommes-frites-Fabrik. Für seine Leute, damit dieses Stück slowakischer Erde erhalten bleibe. Er liess sich nicht ins Pfarramt in die Slowakei abwerben. Es wandere schon genug intelektuelle Elite seit Jahrzehnten ab. Er harrt auf dem kargen Boden aus, rötlich und steinig ist er, gut genug für die anspruchslosen Kartoffeln und als Kuhweide. (...)

 

Aus "Wurst, Käse, Wodka und Musik" 
Goralen-Hochzeit im polnischen Tatragebirge 
 

               Die Braut dreht sich, fest trippeln die unsichtbaren Füsse unter dem schweren Weiss, der Kopf strebt den Himmel an, das Kinn ist gebieterisch nach vorne geschoben, pani mloda, wie die Braut auf Polnisch genannt wird, dreht sich um sich selbst. Sie ist das Zentrum. Die Goralen- Hochzeit dreht sich um sie. Männer springen nacheinander aus dem Kreis heraus, einer berührt mit der Handfläche den Boden vor ihren Füssen, als streichle er die Erde, der er verpflichtet bliebt, er gibt das Zeichen, dass er an der Reihe ist, um sie herumzustampfen. Der wirbelnde Mann besteht aus vielen beweglichen Teilen, mit den Händen schlägt er sich über Kreuz auf die Sohlen, umkreist die Frau als wilder Satellit, seine Präsenz ist dröhnend, während sie das stille und mächtige Ganze bleibt, nur ihr praller Busen vibriert, als stünde sie unter Strom, und es leuchtet der stolze Blick und unmerklich zittern die erweiterten Nasenflügel. Einer Kerze soll die junge Frau gleichen, in der Höhe das Licht anzünden, und schon brennt sie nieder. 
              Noch gehört ihr die Verehrung vieler junger Männer, aber der Pfarrer hat ihr gesagt, sie müsse Abschied nehmen von der Wertschätzung der Freunde und Freundinnen, der Eltern und Grosseltern, von nun an solle sie alles so tun, wie es ihrem Wawrzyniec gefällt, den sie gewählt habe, wie dieser sie, die fünfundzwanzigjährige Katarzyna, gewählt habe. Von nun an würden sie alles teilen, sich aneinander gewöhnen, Nachsicht füreinander erlernen und, das Wichtigste - ihre Kinder, die kommen würden, ja, das hoffe man, so Gott will, im Katholizismus erziehen. Miloszcz, Liebe sei all dies. Der Pfarrer, ein wortgewandter Anti-Utopist, entwarf einen Ehebund des Zusammenkauerns, stiess die in die Welt Hinausdrängenden aus ihr in die Verplichtung zum Allernächsten hinein und rettete sich selbst ins Zölibat. 
             Vorne vor dem Altar standen sie, in der farbigen Tracht der Vorfahren, den Rücken gekehrt ihren Sippen und Freunden, es schien, sie froren in der kleinen Holzkirche so auf sich gestellt, sechs ernsten Priestern übergeben. Das Private der Liebe, das Ungezügelte wurde der Gemeinschaft zur Begutachtung, zur Regelung anvertraut. Ein grausames Ritual wurde da vollzogen - bis dass der Tod Euch scheidet, Amen, und ihre rechten Hände wurden behutsam mit einem weissen Band verbunden, als wären sie von nun an verletzt, beide am selben Glied. Sie liessen es geschehen, bleich, wie erschrockene Kinder in starken, erwachsenen Körpern. Und den kühlen Herbstmorgen wärmte etwas der Glaube, sie würden all das zermürbend Kompromisshafte der Ehe zu tragen vermögen. 
              Und stand nicht die Gemeinde als Rückendeckung immer noch da? Und hat nicht der Pfarrer den Schmerz der Trennung von den Eltern besänftigt, als er sagte, diese sollten ihre Kinder nicht mehr lenken, ihnen aber weiterhin mit Rat und Tat beistehen? Und war das nicht auch die Welt, gar eine runde und grosse, diese dreihundert versammelten Hochzeitsgäste, die ihren Entschluss so warmherzig guthiessen? Von überall, aus ganz Polen, gar aus Amerika sind sie gekommen. Und haben es nicht alle Älteren vor ihnen schon durchgestanden, und würden nicht die jungen Trauzeugen auch bald so im Mittelpunkt stehen? Zwei sich ineinander einhakenden Glieder einer langen, einer bewährten Kette. Rhythmisch kniete die Gemeinde auf harte Holzbänke nieder und erhob sich und sang und murmelte in Demut: "Vater unser, erlöse uns", und die Priester führten die Hand zum Herzen, als fächelten sie sich Luft in der Benommenheit zu, und wiederholten melancholisch: "Meine Schuld, meine Schuld". Und da vermengte sich die Schuld jedes Einzelnen mit der des Nachbarn und des Nachbarn des Nachbarn, unerträglich dicht wurde es im Raum, wenn alle Versammelten ihre Herzen berührten und sich im Chor eingestanden: "Meine Schuld, meine Schuld". 
               Und als das Schuldbündnis so überhandnahm, dass das Düstere der menschlichen Existenz alle Zellen durchdrang, spielte auf einmal von der Galerie her die Musikkapelle frisch und leicht die Goralen-Tanzrhythmen, und wie durch einbrechende Lichtstrahlen hellten die vertrauten Töne die betretenen Mienen auf. Das Blut strömte zurück in die mit der Erbsünde bestraften Sterblichen, es spülte die Schuld weg gleich den siebenhundert Litern selbstgebrauten Wodka, der als flüssiger Refrain jedes Hochzeitsfest begleitet. Wie eine ausgelassene Kinderschar verlässt man die Kirche und fährt auf zwanzig Kutschen, geschmückt mit wehenden Schleifen, zum Hochzeitsschmaus, in der warmen Decke hinter jedem Sitz die Wodkaflasche eingewickelt. Für den Weg, es soll Euch wärmen! (...)


Aus "In der Bahn, aus der Bahn" 
Eine Reise durch die Ostslowakei und das Tatragebirge 

                Am Samstagnachmittag fährt auf dem Korsoplatz in Košice ein Bähnchen auf alten Schienen, gezogen geduldig vom stattlichen grauen Pferd, es fährt im Kreis um die gotische St. Elisabeth-Kathedrale: Am laufenden Band wird geheiratet, schwarz der Bräutigam, weiss die Braut, die Gegensätze werden vermählt, in die Bahn gebracht. Ein frischer Bund für Leben tritt aus dem Kirchentor, spaziert zur Fontäne, diese spritzt hoch und fällt im Takt zur klassischen Musik, es wird fotografiert, und Passantinnen begutachten das Brautkleid, und das nächste Paar tritt mit seinem bunten Schweif von Verwandtschaft in diese grösste Kirche der Slowakei, und das übernächste wartet und das überübernächste reiht sich in die Warteschlange ein. Und der Himmel ist tief. So war das hier geregelt in Österreich-Ungarn, zu Zeiten der kapitalistischen Tschechoslowakei, in der Slowakischen Republik von Hitlers Gnaden, so bewahrte man sich im Rahmen der Sozialistischen Tschechoslowakei, und so lebt man fort im ersten Jahrzehnt der ersten unabhängigen Slowakischen Republik, so sanft, so gepflegt und jung und fügsam, als ob alles vergessen wäre: das Joch, die Kriege, die Umstürze, die Diktatur, die Zeiten der Not. Dabei sind wir wieder inmitten einer schweren Zeit. 
             Die Speisekarten quer durchs Land verraten es nicht, sie überbieten sich wie eh und je im Angebot an üppigen Fleischgerichten. Mögen Sie das Rind nach Räuberart? Und dazu Knödel zur Besänftigung oder gleich eingebacken im Käsemantel, getunkt in dicke Tatarsauce und anschliessend reichlich Mehlspeise, übergossen mit Schokolade, gekrönt mit Schlagsahne, bestreut mit gemahlenen Nüssen, gepaart mit Puderzucker... Und natürlich bietet schon die Frühstückskarte hauptsächlich allerlei Berauschendes an. Wenn essen, dann richtig, wenn leben, dann heute. Doch der sinnenfrohe Schein trügt, die traditionelle Maxime ist noch da, sie aber bis zu den Restauranttischen zu befolgen, ist nicht mehr leicht. 
            In Kurort Bardejov (Bartfeld) plätschert das ein-bis zweiwöchige Sein zwischen der Moorpackung, dem geduldigen Anstehen vor der Heilquelle - auch die kränkelnde Kaiserin Sissi machte hier 1895 die Trinkprozedur mit - und dem Verdaungsspaziergang, es plätschert im Becken, eingelullt von den vorgeschriebenen 28-Grad drehen sich Kurgäste, embryonal gemächlich um die eigene Achse, flüstern Belangloses auf Polnisch, Slowakisch, Ukrainisch, Tschechisch, Russisch. Ein slawischer Treffpunkt, ein friedliches Babylon, wo sich zumindest sprachlich alle verstehen, wo es paradiesisch egal ist, wer wie spricht, wer wohin gehört - die nachbarlichen Vorurteile scheinen hier und jetzt überwunden, die Polen sind nicht alle Schmuggler, die Tschechen nicht geizig, die Slowaken nicht dümmlich, die Ukrainer nicht grob, die Russen nicht aller und eines jeden Feind. Die Einheimischen machen die Versöhnung vor, ihr Šarišdialekt verschiebt die nahe slowakisch-polnische Grenze, verschiebt die Betonung auf jedem Wort von der slowakischen ersten auf die polnische vorletzte Silbe und verwischt die Trennung gar mit seinen vielen Zischlauten. Die Rezeptionsdame sprudelt selbstbewusst auf Slowakisch auf einen neureichen Russen, und der Grossrusse sucht angestrengt nach vertrauten Wörtern in der kleinen slawischen Sprache. Der ehemalige verhasste Okkupant passt sich an, er ist nun ein Kurgast wie jeder andere. 
              Man spaziert in Familienverbänden, in Grüppchen, selbst die Holzstatuen stehen in Bardejov im Halbkreis auf dem Rasen, alle aus demselben Holz, gleicher Lackanstrich, ergebener Gesichtsausdruck, Augen mal geschlossen, mal visionär ins Weite blickend, doch die Annahme, dass sie von ein und demselben Bildhauer kreiert wurden, ist verfehlt - nicht einer erschafft Vielfalt, sondern viele erschaffen Ähnliches. Aber das verbrüdernd trüb- grüne Bassinwasser hat den Menschen auf die Vereinzelung nicht vorbereitet, je wärmer es war, umso mehr friert es dann auf dem Boden der Realität, es tut weh, sich ausgeliefert zu sehen, da sehnt man sich nach den dicken Himbeerbuchteln in zerlassener Butter, auch in politischen Belangen. (...)
 
Aus "Mit Fernrohr im Auge des Tornados" 
Erzählung 

               Eine neue Erkenntnis, die mir erst später einleuchten sollte, hat mir ein junger Mann im Erstklassabteil im Zug von Krakau nach Zakopane anvertraut. Er sass mir schräg gegenüber, mit wachem Blick, wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm, dass ich unterwegs in die Tatra zu einer Reportage über Goralenhochzeiten sei. Eigentlich sei ich keine Reporterin des persönlichen Glücks, mich ziehen kollektive Heimsuchungen an, deportierte Völker, Genozid, Flüchtlinge, Diktaturen. Daraufhin erwähnte er irgendwelche slawischen Minderheiten, die vom früheren Regime aus der Tatra zwangsumgesiedelt worden waren und nun spärlich zurückkehren würden. Das Bergvolk der Goralen wandere dagegen seit langem aus eigenem Antrieb nach Chicago aus, aber es sei noch da, ich würde es sehen, sein eigentümliches Polnisch, das auch Elemente des Slowakischen habe, hören. Der Mann sprach Polnisch, ich wiederum polonisierte mein Slowakisch, wir verstanden uns gut und nicht nur wegen der Verwandtschaft beider Sprachen. Es war milder Herbst, im Erstklasswaggon mit weissen Überzügen über den Kopflehnen sass ausser uns nur noch ein älterer Herr, der zu den Ausführungen seines Landsmannes beipflichtend nickte. Sympathische Menschen, diese Polen, herzlich und kultiviert, dachte ich. 
              Als sich die Vorläufer des Gebirges hinter den Fenstern wölbten, wurde der Mann ernster und leiser. Er verriet mir seine Erkenntnis, die ich zuerst verwarf; so ungeheuer war sie mir erschienen, doch er beharrte auf seinem Fund und behauptete, die Beweise für seine Entdeckung verhärteten sich täglich. Die Prämisse seiner Theorie war: Die vorrangigste Aufgabe des Menschen ist, eigene Energien zu schonen. Daraus ist zu folgern: Man muss es vermeiden, sich von hungrigen Geistern anzapfen zu lassen. Und was ist das zuverlässigste Erkennungszeichen für einen gierigen Geist?, fragte der junge Forscher und stiess zum Kernwort vor: Die Wut, nämlich die Wut darüber, dass der Hunger nicht gestillt werden konnte, weil ich mich dem hungrigen Geist verweigert habe! Und diese natürliche Wut des nicht satt gewordenen Gegenübers soll uns erfreuen, und mein Mitpassagier wurde sichtbar zufrieden, er bekam ein rundes Gesicht, das von Natur aus schon oval war. An der Grösse der Wut, fuhr er fort, können wir ablesen, wie gut unsere Überlebensstrategien funktionieren. Der Reisende, der als Geschäftsmann für eine Firma in Warschau tätig war, schilderte dann seine Alltagswonnen, in die ihn der aufbrausende Hass seines Mitarbeiters versetze. Da schaut er sich den Frustrierten am anderen Ende des Tisches an und gratuliert sich selbst zum richtigen Umgang. Sollte der Mitarbeiter aber liebenswürdig werden, ist Vorsicht angesagt, denn Liebenswürdigkeit überkommt den suchenden Geist, wenn er im Begriffe ist, einen leerzutrinken. Wenn er den perfiden Triumpf der Sattheit im Gesicht seines Gegenübers wahrnimmt, übt er zu Hause Schutztaktiken, konsultiert entsprechende Bücher, die es endlich auch auf dem polnischen Markt gibt. 
             Ich hatte zu jener Herbstzeit die Vorteile der eigenen Wut bereits erkannt, aber die Freuden über die fremde Wut als geistiges Ziel anzustreben, das war mir nicht einmal theoretisch bekannt, und in anfänglicher Abwehr dagegen ersuchte ich den jungen Entdecker für die Harmonie zu missionieren. Unser Überleben hängt im Gegenteil davon ab, ob wir es schaffen, die Anderen umzustimmen, und nicht Bösartigkeit in ihnen auszulösen. In einer liebenden Atmosphäre explodieren die Energien, vervielfachen sich und den Segen davon erfahren alle Beteiligten, verkündete ich. Das sei übrigens mit der synchronen Atmung leicht zu erreichen, mit der ich die Anderen, statt sie noch mehr aufzuregen, zur Ruhe bringe. Zunächst synchronisiere ich ihre schnelle Atmung, ahme ihre nervöse Gestik nach und allmählich atme ich tiefer und langsamer, öffne die Gesten vorsichtig, lasse zuletzt die Arme entspannt auf den Knien ruhen, und schon synchronisieren wiederum die Anderen meine Gesten und atmen in meinem Rhythmus, ohne es zu merken. Ich demonstrierte mit Einsatz des ganzen Körpers die Verwandlung von einem aufgescheuchten Huhn zur Buddha Statue. Der spirituelle Geschäftsmann schaute mir gespannt zu. Er war unterwegs zu einer Sitzung in ein slowakisches Städtchen. Wie wir uns der slowakischen Grenze, die gleich hinter Zakopane liegt, näherten, zog ich mich unwillkürlich aus dem Polnischen zurück, wobei sein Polnisch sich slowakisierte, nicht nur in der Lexik, er übernahm auch die slowakische Sie-Anrede, die direkt ist, und benützte nicht mehr die polnische 3. Person, die auf mich wohltuend höflich wirkt, als wende man sich an eine Frau neben mir, denn zum Beispiel der Satz: „Wie heissen Sie“ heisst: „Wie heisst die Frau?“ 
               Doch als ich die Vorteile der Harmonielehre begründet und eine Denkpause eingelegt hatte, gab ich plötzlich zu Bedenken, ob meine Aura etwa löchrig geworden sei, zerschossen durch die vielen tragischen Themen, denn ich bevorzuge in der letzten Zeit Erstklassabteile, und zwar nicht aus hygienischen oder snobistischen Gründen. Es liegt mir an dem hier gewährleisteten grösseren Abstand zu der geistigen Verschmutzung, die sich gerne, wo Menschen sich tummeln, ansammelt, und die mich leicht durchdringt. Ich verriet dem Unbekannten, dass ich zu der traditionellen Hochzeit, die am nächsten Tag in Zakopane stattfinden sollte, nicht nur aus professionellen Gründen fahre, sondern wegen eines Experimentes. Hungrige Geister, erläuterte ich, tarnen sich nicht nur in Einzelmenschen, sondern bewohnen ganze Themen, üben einen Sog gleich schwarzen Löchern aus, und ich sei oft bis über die Ohren in solchen Löchern gewesen, hatte den Themen Krieg, Gefängnis, Unterwelt, mein lebendiges Herz, die bildhafte Vorstellungskraft, den Intellekt, alle Körperzellen zur Verfügung gestellt, zur Plünderung freigegeben und bekam Fieber nach solchen Recherchen, Beklemmungen, Kopfschmerzen. Erst die eigenen geschriebenen Worte waren der Haarschopf, an dem ich mich herauszog.(...) 

 


Aus "Teufel im Kloster, Gott im Schwefel" 
Reisenotizen aus dem rumänischen Bihor 

                  Da kam über den Hügel eine sehr junge Frau im wollenen Kopftuch und einem schwarzen langen Rock. Sie ging lächelnd und leise auftretend zu uns hinunter. In den Händen trug sie einen sich vor dem dunklen Hintergrund abhebenden frisch gepflückten Petersilienstrauss. Als sie uns erreicht hatte, betrachtete ich ihre blasse Haut mit den weichen Gesichtszügen und grossen mandelförmigen Augen. Ich war einem harmonischen Menschen begegnet, an einem Ort, der die Dinge in Bezug zueinander brachte und die Zeitabläufe ebnete, so dass es zeitlos wurde. Die Erscheinung dieser Frau könnte genauso aus dem Altertum sein wie auch gestellt für ein zeitgemässes Modejournal. Ihre Schönheit, ihr Bekenntnis zur Nonne war Fiktion und greifbare Wirklichkeit zugleich. Was fühlte und dachte sie? Ein Mädchen, das im realsozialistischen Rumänien auf die Welt gekommen war, den postrevolutionären Niedergang kannte und den Weg der Weltentsagung gewählt hat. Hat sie ihn gewählt? Über ihrem rauhen Gewand trug sie eine ärmellose Nylonweste mit dem Schriftzug Nike. Sie legte den Petersilienstrauss auf einen Stein und führte uns ins Kloster. Sie ging mit den Gaben ihrer Jugend so um wie mit der Petersilie. 


Aus "Die Sammlerin der Seelen" 
Porträt einer Tschetschenin 


                Sainap sucht fremde Seelen, Soldaten gegen den Krieg sammelt sie, Soldaten ohne Kalaschnikow, nicht tote Seelen, lebendige will sie, solche mit Riss. Sie ist es, die sie einreisst, mit dem durchschossenen Körper ihres Volkes, den sie durch die westlichen Städte des Friedens trägt, Fotos der abgerissenen Glieder, der verkohlten Leichname zeigt und erwartungsvoll lächelt. Wenn die glatte Seele einreisst und sich für eine Weile dem Kaukasus zuwendet, freut sich Sainap. Sie nennt es Freunde sammeln an der Westfront. Wenn Sainap es schafft, die fremde Seele vom Frieden weg in die tschetschenischen Ruinen zu führen, ist ihre Arbeit vollendet, sie wird nichts mehr tun müssen, nur von der Seite schaudernd zuschauen, wie die Seele all das einsaugt, was Sainap schon das siebte Jahr in sich trägt, und wie sie von all dem eingesaugt wird. Hier bricht die Seele auf und wird feucht. Dann wird Sainap die Seele umarmen und weiter gehen. Für diesen Kampf braucht es viele Seelen. Sainap darf nicht ruhen. 
              Am Morgen aufspringen, die Haare nach hinten binden, den langen Rock mit den Handflächen über den Schenkeln glätten, auf den Mann nicht hören, das nütze alles nichts, sie solle ihre Kreise in der Familie drehen, er werde sie verlassen, solch eine Frau bringe ihrem Mann Unglück. Es ist aus mit dieser Stimme. Sainap hört andere Rufe, die Schreie der Zerfetzten im Pfeiffen der Geschosse. Das ist ihre Moral und ihre Familie. Sainap fliegt wie ein Granatsplitter, wie Hunderttausende von Granatsplittern, bohrt sie sich in neue Körper hinein, wandert unter der Haut. Die erste Rakete, die neben ihrem Haus in Grosny einschlug, als Sainap in der Küche stand, hat sie nach ihrem Bild geformt. Der Einschlag, die Wucht und die verstreuten Fragmente der Welt, das ist Sainap. Der Krieg ist ihre Unruhe, und sie ist seine Tochter. Manchmal denkt sie: Der Krieg ist mir alles geworden. Weder meine Schwester noch meine Mutter verstehen mich, aber jene fremden Seelen, die ich zu treffen vermag, die verstehen mich. Ich muss sie tiefer treffen, sie mit der Harpune aus unserem Leid an Kriegsland heraufziehen, aber behutsam vorgehen, die Unwissenden mit Wissen verletzen, doch ihren Schrecken erst allmählich auslösen. 
             Sainap weiss, dass sie die Krankheit des Krieges verbreiten muss, wenn sie ihr Volk heilen will, andere mit ihrer eigenen Rastlosigkeit anstecken, die fremden Kleider in den vertrauten Schiesspulvergeruch eintauchen. Es ist ein vor der Welt versteckter Krieg, und Sainap muss ihn bekannt machen, wenn sie ihm ein Ende setzen will. Dann kann sie sich das erlauben, was so viele tun, junge Frauen, die in den Flüchtlingslagern ankommen und umfallen, um nie mehr aufzustehen. Sainap sehnt sich, es ihnen gleich zu tun, aber sie schaut bloss hin und geht weiter; nein, erst nach dem Krieg, dann wird sie den Kopf auf ihr Archiv legen und einschlafen. Solange das Dröhnen nicht über die zerschundenen Dörfer hinauskommt, muss Sainap sein Echo werden, es Verbrechen um Verbrechen, Wunde um Wunde, Foto um Foto mit ihren kleinen Händen, mit ihren wissenden Augen, mit ihrer im Krieg geschliffenen Sprache hinaustragen, dem Lärm das zu geben, was er verdient - ein starkes Echo zu werden, das von den westlichen Parlamenten nach Moskau und nach Grosny zurückkommt und von dort in jedes Dorf, in jedes Haus auf jenem kleinen Stück Erde, in Tschetschenien. Wir nennen Dich Itschkeria, mein Land, du bist ein winziges Marienkäferchen. Wirst du noch einmal fliegen?

            Sainap weiss, wie unstandhaft die Mauern der Parlamente sind, sie sind aus Schleiern, in denen die Bombenexplosionen lautlos versinken. Schleier kennen keinen Widerstand, wie sie ihn kennt. Sainap, die Zierliche, die Gewöhnliche, die Hinausgeschleuderte, die Feste, hat vor, das mächtige Echo zu werden, damit die Welt zu hören anfängt. Sie schreit nicht, empört sich nicht. Sie spricht gar leise. Wenn sie sich dazu entschliesst, ein paar schamvolle Worte über den Hunger, die Folter zu sagen, schickt sie voraus: Verzeiht, dass ich euch traurig machen muss. Und sie lächelt. Das Lächeln lässt sie nie aus. Bei jeder Detonation fühlt sie die Schuld in sich fallen, jene Schuld, die ihr die Täter überlassen. Sie schämt sich der Plünderungen, die die betrunkene Soldateska begeht. Sie schämt sich der Armut, in die die Bäuerinnen gestürzt worden sind. Sainap lädt sich jene Scham auf, die Andere abwerfen. Wenn sie in die Kirchen der christlichen Städte geführt wird, meint sie die Tempelwände stürzen ein, weil sie, die vom Krieg Beschmutzte, hierher kommt. Erst wenn Sainap solange gerannt wird, bis der Krieg besiegt ist, bis ihre Söhne auch die letzte Mine entfernt haben, bis die Verstümmelten eine Prothese erhalten werden, bis die Kriegswaisen den Mördern ihrer Eltern verziehen haben, da die Mörder bestraft worden sind, erst dann wird Sainap wagen, die Schuld neben sich zu stellen, um sie anzuschauen, als wäre diese ihr fremd. 
               Wenn Sainap in ihrer Sprache „Nochtschi“, Tschetschenin, sagt, findet sie die Achse, die sie ins Zentrum rückt. Wenn sie sich ihren eigenen Tod vorstellt, will sie „Nochtschi“ sagen und in Frieden gehen. Wenn sie in der Moskauer Metro in der Menge unterzugehen droht, denkt sie: „So Nochtschi iu“, und schon umschliesst sie eine lichte Kugel und macht sie unverletzbar. Wie gut, dass ich Nochtschi bin, und wie unerträglich es ist, Nochtschi zu sein. Liebt uns Gott oder hasst er uns? Manchmal denkt Sainap, dass sie mehr gesehen hat als Gott sich ausdenken kann. Sie will nicht, dass der Erhabene dorthin hinabgezerrt wird, wo sich Fäkalien mit Blut vermischen, weil Pflöcke in die Gefolterten gestossen werden, dort könnte er den Glauben an sich selbst verlieren. 
               Gott muss nicht wissen, wie Menschenteile auseinanderfliegen, aber einen Teil der zerrissenen Wahrheit soll er kennenlernen, davor will ihn Sainap nicht bewahren. Diese Kraft soll er schon aufbringen, wenn die kleingewachsene Sainap all das erträgt. Manchmal zeigt sie Gott ihre Kriegsalben. Die geschändeten Leichen in den Massengräbern stanken so, dass sich Sainap übergeben musste, als sie sie fotografierte. Und wenn sie die Fotos über die Konferenztische reicht, ist der Gestank wieder in ihr, und Sainap fürchtet die Fassung zu verlieren, aber sie weint nicht vor fremden Menschen, sie ist Nochtschi, sie musste schon immer für sich einstehen. Der Krieg ist Arbeit mit Gestank, und Sainap macht ihre Arbeit. Der säuerliche Gestank, der aus dem Leichnam ihres Volkes entweicht, begleitet sie schon durch zwei Kriege, und falls Gott ihrem Volk einen dritten Krieg erlässt, verspricht sie, glücklich zu werden, und mehr als das gibt es nicht zu versprechen. Sie will Gott mit ihrem Versprechen eine Freude machen und ihn in ihre Arbeit einbinden. 
                 Je mehr Seelen Sainap einfängt, umso bereiter ist sie zu sterben. Werde ich Morgen ermordet, trete ich auf eine Mine, wird die Arbeit auch ohne mich fortgesetzt, freut sie sich. Sie kennt Mütter, die in wenigen Jahren ihre vier Söhne bestattet haben, es ist ungerecht, aber noch ungerechter findet Sainap den Tod eines fremden Journalisten, einer humanitären Helferin. Dann zweifelt sie an der Richtikeit des Unabhängigkeitskampfes. Es ist unsere Wahl, wenn wir zugrunde gehen, denkt sie, aber andere, die uns lieben, die sollen am Leben bleiben. Am liebsten würde sie einen Lustgarten für die neugewonnenen Seelen einrichten, diese mit Medaillen behängen, sie üppig bewirten und unterhalten. Sie führt sie in Flüchtlingszelte, wo ihnen die Kriegswaisen Tänze vorführen, barfuss und kraftvoll. Die Blutarmen, die Verstörten lachen breit während der Vorstellung. Diese Freude ihres Volkes verschenkt sie als tschetschenisches Souvenir. Es ist Sainaps Überlebenssinn, ihr Volk ungebrochen zu zeigen. Sind die Gäste zufrieden, weiss sie, dass die Tschetschenen Menschen sind, Nochtschi, dass sie noch leben. (...)

 

32 Pressestimmen in Kürze

Es ist zu hoffen, dass die facettenreiche Stimme Irena Brežnás zu denen durchdringt, die sie mit Freude und Erschrecken aufnehmen werden - Freude an all den Entdeckungen, die bei dieser Lektüre zu machen sind und Erschrecken angesichts schonungslos dargestellter Gewalt und Ungerechtigkeit...Der Band, in dem es keinen Satz gibt, der nicht überraschend wäre...Heimat mutet sie... uns als Thema zu...Heimat in dem Sinne, wie Irena Brežná sie weniger definiert als vielmehr suchend umkreist, ist also mitnichten ein altbackener Begriff. Heimat ist hochbrisant, hochproblematisch, aktuell und neu zu entdecken...Irena Brežná beschreibt eine Welt, in der die Schicksale, noch die entferntesten, miteinander verwoben sind.
Sopia Deeg, NZZ am Sonntag 

 

Aber diese schmerzwache Genauigkeit macht Brežnás Kunst der Reportage noch nicht aus. Das Besondere ist vielmehr, dass hier keine Chronistin des Elends spricht, sondern eine Emphatikerin der Freundschaft...Irena Brežná ist keine Romantikerin der fröhlichen Armut und der gesellschaftlichen Rückständigkeit. Weil sie den Verheissungen eines bloss technisch oder ökonomisch gedachten Fortschritts misstraut, ist sie jedoch in der Lage, mit wachem Auge Schönheit, Würde, Glück dort wahrzunehmen, wo der müde Blick des Konsumseuropäers nichts als Mangel und Defizit zu erkennen glaubt. 
Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung 

 

...die Autorin hat etwas zu erzählen...Geschichten über die allmählich schwindende deutschsprachige Minderheit in Siebenbürgen, aus slowakischen Dörfern im Nordwesten Rumäniens oder aus dem zerrissenen Moldawien zeugen davon. Auch in den Berichten über den Krieg in Tschetschenien, wo sie sich - ohne Bemühen, Ausgewogenheit zu heucheln - auf die Seite der WiderstandskämpferInnen stellt, führt Brežná ihre Leserinnen und Leser in eine andere grosse Welt, führt sie in ein Land, dessen Bevölkerung sie als stark und stolz zeichnet. 
Wiener Zeitung 

 

Der Band...verbindet, er sammelt, er gibt verstreuten, vergessenen, verletzten Seelen ein Heimatrecht in unserem fest gefügten westeuropäischen Bewusstsein. Wie die von ihr porträtierte tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa ist die Autorin selbst eine „Sammlerin der Seelen“ und der leisen Stimmen, vor allem der von Frauen...Wie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab appelliert Irena Brezna nicht einfach ans Mitgefühl, mit Bildern und Fakten zerstört sie „unser Ost-West-Märchen“....Hier fügen sich die Reportagen zusammen zu einem weiblichen Lebens-Roman.
Neues Deutschland 

 

Die Verfasserin gehört zu jenen wenigen, die, Wanderer zwischen zwei Sphären, es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Westeuropäern den so nahen und zumeist doch so unbekannten östlichen Teil unseres Kontinents zu vermitteln. Der Bruch im eigenen Leben und der Sinn, den man ihm abgewinnt - dies ist das eine. Das andere: das Nachdenken über die slowakische Muttersprache und das ursprünglich bloss für hart und streng gehaltene Deutsche, das sie heute virtuos beherrscht; die Reportagen sind denn auch von literarischem Rang...Breznás Parteinahme gilt den Unbeachteten, den Vergessenen, denen, die das schlechte Gewissen der in Frieden lebenden, zivilisierten Welt gern verdrängt. 
Andreas Oplatka, Neue Zürcher Zeitung 

 

Die Sammlerin der Seelen berichtet nicht nur über die Vereinigungen und Einigkeiten. Zwei Drittel der Reportagen aus der Zeit von 1995 bis 2000 befassen sich mit Krieg, Feindschaften und Angriffen gegen Menschenrechte. "Unterwegs in meinem Europa" heißt der Untertitel des Buches, in dem sie drei Aspekte miteinander verflechtet: Denken in Landesterritorien, grenzenloses Handeln und immer Auf-Ästhetik-Bedachtsein. Die drei scheinbar disparaten Aspekte zu verbinden, gelingt der Theodor-Wolff-Preisträgerin Brežná erstaunlich harmonisch: Mit einer unverfälschten und reinen Prosa, gepaart mit warmherziger, humaner Intelligenz, verleiht sie ihren literarischer Reportagen eine besonders vitale Ausdruckskraft. 
Fahimeh Farsaie, Freitag, Berlin 

 

Ihre Porträts, poetische Reportagen und Skizzen, sind deshalb für sie Heimatgeschichten. Es ist Literatur über die Fremde. Immer wieder schreibt sie davon, halb Osteuropäerin geblieben und halb Westeuropäerin geworden zu sein, was sie zu einer Ganzheit zusammenzubringen versucht. Sie präsentiert viele kleine Texte, die spannend erzählt sind, nicht nur, wenn sie aus Kriegsgebieten berichtet. 
Joachim V. Hildebrandt, Das Parlament 

 

Brežná stellt sich vor Ort diesen europäischen Realitäten, am Schreibtisch daheim im durchaus fremd gebliebenen Basel leben die Menschen, denen sie begegnet ist, in ihr weiter. Sie finden die Sprachlosen zu ihrer Sprache. Brežnás slowakische Wurzeln und ihr Tschetschenien-Engagement habe sie zum zuverlässigen Seismographen der Sowjetmentalität und des russischen Einflusses werden lassen...Das Ergebnis ihres kindlich-entwaffnenden Blicks auf und hinter die Dinge sind merkwürdige literarische Streifzüge durch Europas blühende Randschaften. Sprachlich ist das derart virtuos umgesetzt, dass die Texte einen magischen Sog entwickeln. 
Andreas Saurer, Berner Zeitung 

 

„Die Sammlerin der Seelen“ ist ein Sammelband von literarischen Reportagen, Beobachtungen, Porträts, Schilderungen und Tagebucheintragungen, die Brežná 1995 bis 2000 aufgeschrieben hat, geleitet von einem systemathischen Interesse, das Geschehen im Europa des 21. Jahrhunderts zu dokumentieren und zu kommentieren. „Unterwegs in meinem Europa“ heisst der Untertitel des Buchs. Unterwegs war Irena Brežná vor allem in einem Europa, über das meist nur in Politik-Dossiers berichtet wird, in dem Krieg ist und Angriffe gegen Menschenrechte stattfinden...Doch ist sie dabei auch an eigene Grenzen ihres Engagements gelangt und entschied sich schliesslich für „offene Verweigerung“. 
Stadt Revue, Köln-Magazin 

 

Die Kampfnatur Irena Brežná ist jedoch kein Kind von Traurigkeit...In witzigen, humorvollen und melancholischen Farbtönen schildert sie den oft befremdenen Fest- und Werktag... In ihren Texten pulsieren Leidenschaft und Kontraste. 
Helena Kanyar, Basler Zeitung 

 

Irena Brežnás eindrückliches Leben auf der Flucht ist ein Lehrstück menschlicher Existenz. 
Joachim v. Hildebrandt, Rheinischer Merkur 

 

Ein weites Buch... Irena Brežná...hat in der Schweiz den Spagat zwischen slowakischer Bindung und westeuropäischer Unverbindlichkeit, zwischen ihren Wurzeln im slawischen Idiom und der als Befreiung und zugleich Bevormundung empfundenen deutschen Sprache gelernt. Diesen Spannungsbogen hält sie seither nicht nur aus, sondern gewinnt ihm gestalterische Energie und eine eigene Bildhaftigkeit ab. Ihr Schreiben ist ein in seiner Stetigkeit sanft anmutender Kraftakt. 
Georg Aescht, Neue Promenade 

 

So wuchtig und gleichzeitig fragmentarisch ist die Prosa Irena Brežnás, es sind literarische Reportagen, die über blosse Tatsachen hinweisen und die Menschen ins Zentrum stellen und Themen wie Macht und Gewalt in ihrer ganzen Komplexität darstellen. 
jol, WOZ, Zürich 

 

Es ist ein Berichten, das klug das Erlebte ordnet und doch vor allem durch den Körper geht. Irena Brežná will das ihr Fremde „erriechen, erweinen, erhören, ersehen“, sie liest die Körper der Menschen, denen sie begegnet, und deutet deren Gezeichnetsein mithilfe ihres eigenen Körpers, der immer auch der Körper einer Frau ist, was sogar nationale Konstellationen als Geschlechtsverhältnisse verstehbar(er) macht - entlarvend etwa die Analyse Russlands in „Matuschka Rossija und ihr Sohn“ oder die Beschreibung der Massenvergewaltigung in Tschetschenien als Übergriff auf einen „nationalen Körper“ -, und es ist ein Berichten, dem die selbstbewusste Kraft poetischer Sprache zur Verfügung steht. Eine Sprache, die fliesst und verwebt die private Nahaufnahme mit der politischen Totale, das Sachliche mit dem Traum, das Entsetzen mit der Reflexion darüber. Und die Hoffnungslosigkeit - zuletzt - doch auch mit Hoffnung und Trost.
Verena Stössinger, Programmzeitung, Kultur im Rahmen Basel 

 

Sie lebt ihren Beruf mit Leib und Seele...In eine neue Sprache hinein zu gehen, war für sie das „grösste Wagnis“. 
rei, Neue Osnabrücker Zeitung 

 

Positiv hervorzuheben sind auch die aussergewöhnlichen Einsichten, die Brežná dem Leser aufgrund ihrer reichen Erfahrung bieten kann, und die schonungslose Konfrontation mit grausamen Realitäten und Zeitdokumenten, wie etwa einem erschütternden Brief aus einem Frauenlager im Ural. Die kulturwissenschaftlichen, teilweise gar tiefenpsychologischen Analysen, die Brežná darüber hinaus immer wieder einflicht, zeugen von einer unablässigen Beschäftigung mit dem europäischen Osten und weisen neue Wege in der Deutung des politischen Geschehens. Brežnás Essays erfüllen die grosse Aufgabe, an die Verlierer im heutigen Europa zu erinnern. Sie blicken nach Rumänien, Polen, in die Slowakei, in das Kosovo und darin liegt ein besonderer Verdienst - sie erzählt von den himmelschreienden Vorgängen in Tschetschenien.
Sendung. Kulturhit, Offener Kanal Kiel 

 

Liebesgeschichten, Anekdoten und Tagebucheintragungen stehen den Berichten, u.a aus der Schuttwüste Grosny, nicht etwa entgegen, vielmehr durchdringen sich die vielfältigen „Textsorten“ in synchroner Bewegung. Diese epische Choreographie kennzeichnet natürliche Eleganz. Kontemplative Besinnung und harsche Dramatik, reflexive Innerlichkeit und scharsichtiger Realismus - nichts Menschliches und nichts Politisches, nichts Lyrisches und nichts Journalistisches ist der Autorin fremd. Im Gegenteil, diese Etiketten, mit denen Erkenntnis und deren literarische Umsetzung heutzutage klassifiziert werden, versagen vor der Prosa der Irena Brežná... Dennoch bleibt sie bei aller Partizipation auf fast seltsame Weise nüchtern bewusst, exponiert sich, ihre Erfahrungen und Eindrücke, ihre Worte und Bilder dauernd der sanft fragenden Ironie. 
Georg Aescht, Politische Korrespondenz, Bonn 

 

Irena Brežná ist eine Grenzgängerin...Die Mischung von Poesie und glasklarer Analyse machen die Qualität ihrer Reportagen aus, dazu kommt ein augenzwinkernder Humor, vor allem, wenn es um die Grenzen in den Köpfen geht. Was an den Reportagen auffällt, ist einerseits der offene Blick auf die Situationen, ob das nun die Prostitution an der deutsch-tschechischen Grenze ist, ein Kloster in Rumänien oder ein Thermalbad, das sich als Treffpunkt der Mafia entpuppt, und andererseits die Nähe zu den porträtierten Menschen, und seien es Zufallsbegegnungen im Zug. Die Nähe und Identifikation mit dem Leid... Irena Brežná zog mit diesem Buch auch eine Bilanz ihres Lebens - von einer, die in Angst aufwuchs, in Ohnmacht emigrierte, ihre Heimat in der Solidarität mit den Entwurzelten fand - und nun wieder auf dem Weg zu sich und nach Hause ist. 
Eva Pfister, Donau-Kurier 

 

Aus der Sicht dieser genauen Beobachterin, die sich „heimisch in der Vielfalt“ weiß, ist die Frage „Wo beginnt der Osten?“ eine Aufforderung an uns, unseren eigenen Platz im „Haus Europa“ zu bedenken. Tschetschenien gehört zu Europa. Seit Irena Brežná 1996 als Kriegsberichterstatterin dort war, wird ihr Schreiben und Handeln besonders davon bestimmt, den noch immer in diesem Land herrschenden „vergessenen Krieg“ in europäische Bewusstsein zurückzuholen...Wir, die wir uns so gerne als die Hausherren verstehen, sollten uns bewusst werden, dass wir für alle Räume im „Haus Europa“ Verantwortung tragen. Dann könnten die christlichen Werte, deren Fehlen im Entwurf der europäischen Verfassung so beklagt wurde, zur Grundlage eines gesamteuropäischen Bewusstseins werden. Menschen wie Irena Brežná sind auf dem Weg zu einem wirklich einigen Europa. Sie können noch Begleiter gebrauchen! 
Grit von Woedtke/Thomas von Woedtke 

 

Atemlose Sätze wie dieser verdeutlichen den starken Impuls der Autorin bei ihrer Schreibarbeit. Was im «Kampf gegen den Terrorismus» im Kaukasus verbrochen werde, sei Völkermord. Das verpflichtet Irena Brežná.W enn für sie selbst das «Schreiben ein Akt der Heilung und der Befreiung aus der Zerstörung» ist, öffnet «Die Sammlerin der Seelen» der Leserschaft das Tor zu Menschen – Vertriebenen und Zurückgebliebenen – und Landschaften im geschichtsträchtigen, postkommunistischen (Süd-) Osten Europas...Irena Brežná ist eine genaue Beobachterin und eine unterhaltsame, bisweilen auch heitere Erzählerin. Die Autorin schreibt mit Lust und Leidenschaft – so, wie sie den Menschen bei ihren Reisen begegnet. 
Anna Wegelin, Amnestie! Bern 

 

In diesem lesenswerten Band sind einige berührende Dokumente zu finden von Begegnungen mit Männern und vor allem mit Frauen in Kriegs- und Krisengebieten...Es entsteht ein Panorama melancholischer Landschaften, in denen Menschen leben, die sich entweder resigniert in ihr bescheidenes Schicksal fügen; aber auch Menschen, die sich auflehnen und kämpfen, für ein kleines Stück Freiheit und Fortschritt, gegen Krieg und Gewalt, für ihre Rechte und für eine eigene Heimat. 
kb. Klartext, Schweizer Journalistenmagazin 

 

Ihre deutsche Sprache ist ungewöhnlich kontrastreich und poetisch. Mit ihren bildreichen Worten schafft diese Autorin nicht nur Fakten, sondern haucht den verschiedenen Gestalten ihrer Geschichten Leben ein und macht sie sichtbar. Das Aussergewöhnliche an dieser Sprachpoesie, die in dieser Form selten anzutreffen ist: Deutsch ist nicht die Muttersprache von Irena Brežná...Weil sie grausame Realitäten aus dem Krieg auf so sensible, ruhige Weise zu Papier bringt, ohne sie abzuschwächen. Im Gegenteil, auf diese Weise brennen sich Details stärker ein als lautstark und sensationsheischend vorgetragene Tatsachen. Irena Brežná ist eine äusserst scharfsinnige Beobachterin. Auch kleine vermeintliche Nichtigkeiten aus dem Alltag geraten in diesen Geschichten zu Wichtigkeiten. Irena Brežná erzählt von Frauen, die alles können: melken, Kinder erziehen, zwischen Bomben durchlaufen und bei Konferenzen referieren. 
Maria Pistor, Neueste Nachrichten, Rostocker Anzeiger 

 

Irena Brežná fokussiert auch in ihren neuesten Texten auf kleine, nur scheinbar banale Szenen und Skizzen von menschlichen Schicksalen, die aber oft mehr aussagen als wortreiche Analysen... Diese und viele andere Szenen schildert die Autorin in einem manchmal lakonischen, manchmal wütenden Ton. Das Besondere dabei ist, dass die seit 35 Jahren in der Schweiz lebende Slowakin alle die von ihr entworfenen Bilder mit einem doppelt gebrochenen, doppelt fremden Blick betrachtet und wiedergibt. So sehr die Reportagen aus Mittel- und Osteuropa aber auch Brežnás seismografischen Sinn für Veränderungen aufzeigen – die stärksten Passagen und eindringlichsten Formulierungen gelingen der heute in Basel lebenden Schriftstellerin und Reporterin in den Texten, in denen sie am nächsten bei sich selbst ist: Wenn sie über ihr Verhältnis zum Begriff «Heimat» reflektiert oder über die Wandlungen, die sie in über dreissig Jahren in der Schweiz durchlaufen hat, überzeugen ihre Texte psychologisch und literarisch am meisten. 
Bettina Spoerri, WOZ, Zürich 

 

Wenn man in diesem Buch den letzten Drittel der darin enthaltenen Essays, Reportagen, Erzählungen die Russland und seinem Kolonialkrieg im Nordkaukasus gewidmet sind, liest, merkt man die eigenständige Denkerin über den informativen Journalismus hinaus. Irena Brežná ist als Slawistin, Publizistin und Psychologin, die zudem als Kriegsberichterstatterin in Tschetschenien mehrmals war, für eine Analyse der fast zehnjährigen, von der Welt unbemerkten Tragödie geradezu prädisponiert. Jenes Tschetschenien, das Irena Brežná uns zeigt, ist nicht nur ein zerstörtes, sondern auch ein berührendes, ein starkes. Wenn Sainab in Genf nur drei Minuten erhält, um das tägliche Morden und Foltern in Tschetschenien anzuklagen und wenn sie den Begriff Genozid nicht benützen darf, trägt sie es mit einer Fassung, die so kraftvoll ist, dass darin der Glaube ans Menschliche schlechthin enthalten ist. Und Sainab, die besessene „Sammlerin der Seelen“ rennt weiter, um diesen verstecken Krieg bekannt zu machen: „Wir machen weiter, demontieren die Maschinerie der Lüge, Schraube um Schraube“ Ein Buch, das sich mit vielen Stimmen ans Gewissen von Europa wendet. 
Aslan Dudajev, Chechen Times, München 

 

Selten habe ich Reportagen, Skizzen und Portraits mit soviel Gewinn für mich selbst gelesen, wie diejenigen, die der Band „Die Sammlerin der Seelen“ in sich vereint. Nicht nur, dass eine Tür nach Osteuropa geöffnet wird, die den Blick über die Tagesnachrichten hinaus auf den Alltag und die Schicksale der Menschen dort lenkt. Darüber hinaus fand ich in jedem der Texte die ureigene Suche der Autorin nach Heimat gespiegelt...Ich fand mich eingesogen in mir unbekannte Welten und doch am Ende jeder Geschichte auf mich selbst zurück geworfen. Mitgenommen an Orte, an denen die Frage nach Heimat deutlicher zu Tage tritt als in unserer westeuropäischen Beschaulichkeit, wurde die Suche der Autorin zu meiner eigenen. 
Bettina Melzer, Frauenzeitschrift „Ab 40“ 


Heimat zeigt sich teils auf heimliche Art und Weise, unverhofft, festgemacht an einer Person, einem Gefühl, einer Landschaft oder Begebenheit. Letztlich bekommt der Leser den Eindruck, sich heimisch zu fühlen, ist auch die Fähigkeit im Jetzt anzukommen, wo Brežná es in ihrer bilderreichen und poetischen Sprache ausdrückt..Deutlich spürbar wird die Spannung zwischen der Schweizer Heimat und dem Draussen der Welt in dem Text „Eintagsfliege als Subjekt“, wo das literarische Ich seinen Platz zwischen Weltnachrichten, Schreiben und Mutter-Sein sucht. Unheimlich wird die Heimat im Text über die Absurditäten und Unmenschlichkeiten des Schweizer Asylrechts. Kafkaesk mutet die bürokratische Willkür an, mit der die Behörden und der Gesetzgeber versuchen, die Flüchtlinge...aus dem Kosovo abzuweisen. Wieder ist es der zutiefst humanistische Blick der Autorin, der den Leser in der scheinbaren Fremde, in Beiträgen über Rumänien, Polen, Moldawien und die Slowakei heimisch werden lässt. Die Figuren mit ihren Schicksalen, Brüchen und ihrer Liebenswürdigkeit treten dem Leser nahe und lösen bei ihm das Gefühl aus, nicht gleichgültig zu sein gegen das scheinbar Fremde auch nicht gegen das fremde Leid... Hier gelingt ihr immer wieder, gerade dadurch, dass sie uns teilhaben lässt an ihrer ganz persönlichen Reaktion auf diesen Krieg, der Brückenschlag zwischen der Fremde Tschetscheniens und der friedlichen Heimat in Westeuropa. 
Sarah Reinke, Pogrom, Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker 


In ihren Texten spricht sie von Grenzen und Zugehörigkeit. Um so herrlicher ist es, dass dieses Buch lehrt, einen fremden Schmerz, ein fremdes Leid gibt es nicht. Das Unglück des Anderen und die eigene Betroffenheit kreuzen sich, werden untrennbar. "Heimatlose aus Diktaturen aller Welt sind meine Freunde" stellt Irena Brežná fest. Sie schreibt von suchenden, von kämpfenden Menschen, denen sie auf ihren Reisen in entlegenen Gegenden begegnet, sich mit ihnen verbunden, seelenverwandt, und auch mitverantwortlich für sie fühlt. Sie ist nicht nur eine begabte Schriftstellerin, sie ist eine intelligente Frau, sie gehört zur dünnen Schicht der "Intelligenzija"... Zur Intelligenzija gehören Menschen mit einem besonders wachen Gewissen, deren Verantwortungs- und Zugehörigkeitsgefühl weit ist – das menschliche Leid wird darin nicht in "eigen" und "fremd" aufgeteilt. 
Anna Schor-Tschoudnowskaja, Zeitschrift Osteuropa, Berlin 

 

Irena Brežnás Reportagen sind eindringlich, ohne aufdringlich - aufrüttelnd, ohne besserwisserisch zu sein. Unaufgeregt, oft poetisch klingen ihre Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind - dem Leben in den gelegentlich vergessenen Teilen Europas. Es lohnt sich, mit ihr in „ihrem Europa“ unterwegs zu sein. 
Tanja Wagensohn, Südosteuropa Mitteilungen, 05/2004 


Wo immer Brežná einen festen Gegenstand im Blick hat, wo sie an einem roten Faden entlang Menschen, Situationen und Bedingtheiten beschreibt, ist sie hervorragend. Auf einem breiten Grenzstreifen zwischen Beobachtung und Fiktion gelingt es ihr, dem präzise Dokumentierten poetischen Leben einzuhauchen. 
Kurt Markel, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Heft 2, München 2005 

 

Bemerkenswert an allen diesen Texten ist Brežnás spezielle Perspektive, die versucht eine Balance zu halten zwischen Objektivität und Emphatie den jeweiligen beschriebenen Problemen und Menschen gegenüber. Auf welcher Seite ihre Sympathien liegen, ist dabei immer eindeutig: es sind die Schwachen, die Beschädigten, die Zerstörten, die Benachteiligten, die Vergessenen, kurz, die Opfer machtpolitischer Auseinandersetzungen in dieser Region. So schreibt sie mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, mit klarem Blick, ohne jedoch in eine wertende Haltung zu verfallen, jenseits aller gängiger Klischeevorstellungen 
Ewald Balasco, Band „Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20 Jahrhundert“, Wien 2004. 

 

Irena Brežná stellt sich den russischen Invasoren entgegen, prangert deren Gräueltaten an und hilft in ihrer Schweizer Wohn- und Schreibheimat der „Sammlerin der Seelen. Damit meint sie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, die unermüdlich auf Vortragsreisen versucht, Westeuropa wachzurütteln. Ihr widmet Brezna den Sammelband. 
Daniel Goldstein, Der Bund, Bern 

 

In 25 fragmentarisch angelegten und sprachlich meisterhaften Essays erzählt die Autorin die Geschichte eines Kontinents, erkundet Krisen- und Kriegsgebiete, ohne dabei Kriegsberichterstatterin zu sein. Sie sammelt Geschichten kleiner Leute, Schicksale abseits der Fernsehkameras und Sensationen. Irena Brežná versteht sich auf Pointen. Für sie gibt es kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Und". Ihre Erzählungen sind voll von Metaphern, die ins Innerste treffen. Sie scheut sich nicht, Vergleiche anzustellen, auch wenn sie sich dadurch angreifbar macht. Irena Brežná schuf mit diesem Band ein Kaleidoskop der Menschlichkeit und Würde. Von Zdenka Becker, Die Presse, Wien

 

 

Rezensionen in voller Länge

Irena Brežná ist eine Grenzgängerin zwischen westlichem und östlichem Europa. Sie reist zu Pfarrersleuten in der Slowakei, besucht eine Nonne in Rumänien, feiert mit Gorallen in der polnischen Tatra ein Hochzeitsfest und beobachten die Frauen von Chisnau. Gelegentlich begleitet ein feiner, leiser Humor Bržnás Erzählungen, oft bahnt sich Trostlosigkeit den Weg durch graue Hochhaussilos und bunte Landschaften. Vielfältig ist das, was sie beschreibt, Menschen wie Schicksale. Irena Brežná ist eine Autorin, die sich auf ihren literarischen Reisen nie im Ton vergreift, die scharf beobachtet und leidenschaftlich eintritt - in erster Linie für die, deren eigene Stimme nicht laut genug ist. Junge Belarussinnen und Ukrainerinnen, die skrupellosen Menschenhändler in ein perverses Prostitutionsnetz zwingen, Flüchtlingsfamilien aus dem Kosovo, die im absurden schweizerischen Behördendickicht verloren gehen, russische Strafgefangene, denen die Grausamkeiten von Leben und Lager die Menschenwürde verweigern: Sie alle sind Irena Bržnás Klienten, von ihnen handeln ihre Geschichten Dramatisch ist das, was sie aus Tschetschenien zu berichten hat. Russlands Krieg im Kaukasus ist für sie das vielleicht wichtigste Thema. 
Irena Brežná schreibt über Soldaten, die Frauen und Männer vergewaltigen, über Minen, die wie Frösche aussehen, damit Kinder sie von der Wiese aufheben, um mit ihnen zu spielen, über Städte ohne Wasser und Strom und über die Menschen, die versuchen, den Blick der Welt auf den Süden der Russischen Föderation zu lenken Eine von ihnen ist Sainab Gaschajewa, deren Porträt „Die Sammlerin der Seelen“ dem Buch den Titel gegeben hat, von der gleich mehrere Geschichten erzählen und der Irena Brežná ihr Buch widmet. Sainab ist eine Frau, die unerschrocken zwischen Tschetschenien und dem Rest der Welt pendelt, zwischen einem Land, das nichts anderes mehr will als seine Freiheit, und „einer polierten Welt“, die diesen Krieg nicht begreift. Irena Brežnás Reportagen sind eindringlich, ohne aufdringlich - aufrüttelnd, ohne besserwisserisch zu sein. Unaufgeregt, oft poetisch klingen ihre Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind - dem Leben in den gelegentlich vergessenen Teilen Europas. Es lohnt sich, mit ihr in „ihrem Europa“ unterwegs zu sein. 
Tanja Wagensohn, Südosteuropa Mitteilungen, 05/2004 


Dieses insgesamt siebte Buch der Irena Brežná versammelt 24 Texte, von denen 20 zwischen 1996 und 2002 in unterschiedlichen, teils renommierten bundesdeutschen und Schweizer Publikationen erschienen waren. Reportagen aus Kreigsgebieten wie dem Kosovo und Tschetschenien oder auch aus beschaulichen, halbvergessenen Landstrichen Polens, Rumäniens, Moldawiens und der Slowakei wechseln sich ab mit leidenschaftlich-harter Satire, kleinen Sprach- und Gedankenspielereien oder tagebuchähnlichen Notize. Wie eine Ars poetica klingt es, wenn sie in einem ihrer selbstbefragenden Texte berichtet: “...ich bekannte mich dazu, eine Realistin zu sein, die sich nichts ausdenken kann, bloss das Geschehene vom Boden leicht anhebt, damit es sich verschiebt.“ 
Die Konsequenz daraus wäre, dass ihre Texte immer nur so gut sein können wie das Thema, das sich ihr aufdrängt. Und wirklich: Wo immer Brežná einen festen Gegenstand im Blick hat, wo sie an einem roten Faden entlang Menschen, Situationen und Bedingtheiten beschreibt, ist sie hervorragend. Auf einem breiten Grenzstreifen zwischen Beobachtung und Fiktion gelingt es ihr, dem präzise Dokumentierten poetischen Leben einzuhauchen. So füllt sie in der satirischen Collage „Eine Familie ist noch kein Härtefall“ die Faktenschilderungen mit der Gedanken- und Vorstellungswelt der jeweiligen Individuen auf, um diese lebendig-poetische Ebene umso kontrast- und effektreicher auf der harte, unkommentierte Beamtensprache der zitierten Gesetzestexte prallen zu lassen - ein Aufprall, in dem das poetisch Angereicherte real und da Nüchterne irreal wird: das Unfassbare nachvollziehbar und das Sachliche unbegreiflich. 
Auch in ihrer Reportage über eine traditionelle Hochzeit bei den Goralen im polnischen Teil des Tatragebirges beschränkt sich Brežná nicht etwa auf die Schilderung des Brauchtums, der Abläufe, der Speisen, der Tänze oder der Kleidung - sondern sie benutzt Passagen wie: „Und den kühlen Herbstmorgen wärmte etwas der Glaube, sie würden all das zermürbend Kompromisshafte der Ehe zu tragen vermögen. Und stand nicht die Gemeinschaft als Rückendeckung immer noch da? Und hatte nicht der Pfarrer den Schmerz der Trennung von den Eltern besänftigt, als er sagte, diese sollten ihre Kinder nicht mehr lenken, ihnen aber weiterhin mit Rat und Tat beistehen?“ Solche Sätze sind natürlich nicht journalistisch, sondern fiktional- ein Reporter wüsste nur, was gesprochen, nicht aber, was gedacht wird. Und letztendlich ist gerade diese spekulative Seite des Berichts dasjenige, was den Beobachtungen Echtheit, Nähe und Substanz verleiht. 
Aber dies geschieht vor allem dann, wenn „das Geschehene“ der Autorin eine tragfähige Dramaturgie vorgibt, wenn also auch Gegenständliches ihre Beobachtungsgabe in den Bann zieht. Dort, wo ihr der Anker des Körperlichen fehlt, läuft Brežná meist Gefahr, dass auch die Substanz des Textes verweht wird. 
Kurt Markel, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Heft 2, München 2005 


LITERARISCHER TON 
In ihrem Reportageband übt die "Sammlerin der Seelen" Irena Brežná den Frieden in Kriegszeiten

Ein "embryonales" Verhältnis zu ihrer Heimat lehnt die Autorin Irena Brežná aus der Slowakei ab. Nicht weil die Osteuropäerin seit 1968 in der Schweiz lebt, sondern weil sie in der Fremde "neue Räume" entdeckt hat, die sie "ihrem Land schenkt", um es aus anderem Blickwinkel betrachten zu können. Jahre lang spürte sie ihre vor über drei Jahrzehnten abhanden gekommene Heimat in der Fremde mit einem "fein entwickelten Heimatorgan" auf. Am Ende dieser Suche, die sie in ihrer intimsten Sprache durchführt, in der sie ihrem Sohn Märchen vorliest und sich mit ihrer Freundin in Bratislava über die Liebe unterhält, stellt sie fest, dass die Heimat nichts anderes als eine verwechselbare Illusion ist. "Ich besitze nun eine weltweit anwendbare Fremd-Card. Wenn ich mich vergesse und versuche, in verschiedene Gruppierungen als Einheimische einzutreten, gibt es einen Code, der mich entschlüsselt und auffordert mit meiner wahren Identität zurückzukommen. Dann hole ich die Fremd-Card."
Heimatsinne und Fremd-Card lautet der Titel des ersten Teils von Die Sammlerin der Seelen. Brežná, 1950 in der Slowakei geboren, emigriert 1968 mit ihren Eltern in die Schweiz. Sie schreibt aus der Perspektive einer zwischen Ost und West zerrissenen Weiblichkeit und versucht, in sehr persönlichen Aufsätzen diese beiden Seiten zu vereinen. (Die Ostfrau) eine kichernde Puppe, die über eine gewisse Autorität verfügt und (die Westlerin) eine arrogante Besserwisserin, eine tüchtige Geschäftsfrau. Die Unterschiede sind so drastisch, dass Brežná sie nur miteinander verbinden kann, um dadurch von den Gemeinsamkeiten profitieren zu können. 
Die Sammlerin der Seelen berichtet nicht nur über die Vereinigungen und Einigkeiten. Zwei Drittel der (schon in Zeitungen erschienenen) Reportagen aus der Zeit von 1995 bis 2000 befassen sich mit Krieg, Feindschaften und Angriffen gegen Menschenrechte. Unterwegs in meinem Europa heißt der Untertitel des Buches, in dem sie drei Aspekte miteinander verflechtet: Denken in Landesterritorien, grenzenloses Handeln und immer Auf-Ästhetik-Bedachtsein. Die drei scheinbar disparaten Aspekte zu verbinden, gelingt der Theodor-Wolff-Preisträgerin Brežná erstaunlich harmonisch: Mit einer unverfälschten und reinen Prosa, gepaart mit warmherziger, humaner Intelligenz, verleiht sie ihren literarischer Reportagen eine besonders vitale Ausdruckskraft. Etwa in ihren ausführlichen Aufzeichnungen über den Besuch in Moldawien und Transnistrien. In den idyllischen Orten, die damals in der Sowjetzeit "Garten Eden" hießen, findet man nun Ruinenstädte aus verrostenden Industrieanlagen, einstürzenden Plattenbauten und abgesägten Obstgärten. Ein Bauarbeiter aus der Gegend spricht für alle: "Man hat uns belogen, beraubt, wir wissen nicht einmal mehr, wen wir töten sollen. Oder sollen wir uns selbst erhängen?" 
Erhängen wollen sich auch einige Mädchen in den Mädchenabteilungen der russischen Gefängnisse, in denen rund 40.000 weibliche Gefangene "verwahrt" werden. Mit einem unverbrauchten, die Dinge auf den Punkt bringenden Stil schildert die Autorin diesen "Vorhof der Hölle", in dem ein bis zwei Mädchen dazu gezwungen werden, den Status von Sklavinnen zu übernehmen. "Das heißt, sie müssen sexuell verfügbar sein. Sie werden mit Löffeln vergewaltigt. Ihre Haare werden verbrannt, an der Oberlippe werden sie tätowiert, um sie als Angehörige der niedrigsten Kaste zu brandmarken." Ähnliche Gräueltaten finden ebenfalls in Tschetschenien statt, aber nicht nur im Versteckten, nicht in den ausgehobenen Erdgruben und nicht in den Filtrationslagern, sondern in der Öffentlichkeit. Im Juli 2001 haben die meist vermummten Soldaten die Bewohnerinnen von Sernowodsk auf ein Feld getrieben und vor ihren Augen die Frauen vergewaltigt. 48 Männer versuchten, diese in der tschetschenischen Kultur schlimmste Form der Erniedrigung zu verhindern, woraufhin sie mit Handschellen an Panzerwagen angekettet und ebenfalls vergewaltigt wurden. Mit literarischem Ton erzählt sie, dass Politik etwas mit Märchen zu tun hat, mit dem Staub, dem Licht, dem Dreck eines bestimmten Territoriums. Mit Matuschka Rossija und ihrem Sohn, Soldat in Tschetschenien. 
Aus Tschetschenien kommt auch die Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, der die Autorin als Sammlerin der Seelen ihr Buch gewidmet hat. Aus Gesprächsfragmenten mit ihr und aufschlussreichen Episoden setzt Irena Brežná das düstere Bild des Kriegs und des Bevölkerungsleides zusammen. Ihre eindrücklichen Schilderungen konfrontieren den Leser mit seinem Verlangen nach Einfachheit und Komfort bis Brežná selbst an die Grenze ihrer Verteidigungslinie gelangt. Da kämpft sie gegen den Krieg, in dem sie ihn aus ihrem Alltag vertreibt. So sagt sie offen zu Sainab Gaschajewa, mit der sie eine Weile durch Westeuropa reiste, um an jenen vergessenen Krieg zu erinnern: "Der Krieg hat nicht Vorrecht auf alles. Du lebst im Krieg, ich im Frieden, trotzdem sind wir beide, jede auf ihre Weise, arm und reich. Verbeuge dich vor meinem Leben, wie ich es vor deinem tue. Es ist nicht weniger wert, nur weil es nicht durch den Krieg bedroht ist." Es war Frühling 2002, in Tschetschenien war noch Krieg, aber wir übten in der Schweiz schon den Frieden."  

Fahimeh Farsaie, Freitag, Berlin, 24. 10. 2003.

 

 

Vergessene und Verdrängte 
Irena Breznás Reportagen

Zwei eng verflochtene Motive - eher: Grundgefühle - kehren in den Texten wieder, die der Band der Journalistin und Essayistin Irena Brezná vereinigt: die Heimatlosigkeit (oder, so man will, die Zugehörigkeit zu zwei Ländern und Welten) sowie die Auseinandersetzung mit zwei Sprachen. Die Erinnerung an die Flucht aus der Tschechoslowakei im Jahr 1968, an die Ankunft des jungen Mädchens in der so andersartigen, damals auch wesensfremd empfundenen Schweiz ist in Irena Breznás Arbeiten ständig präsent. Sie bestimmt ihre Sicht der Dinge und vorab die Wahl ihrer Themen. Die Verfasserin gehört zu jenen wenigen, die, Wanderer zwischen zwei Sphären, es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Westeuropäern den so nahen und zumeist doch so unbekannten östlichen Teil unseres Kontinents zu vermitteln. Der Bruch im eigenen Leben und der Sinn, den man ihm abgewinnt - dies ist das eine. Das andere: das Nachdenken über die slowakische Muttersprache und das ursprünglich bloss für hart und streng gehaltene Deutsche, das sie heute virtuos beherrscht; die Reportagen sind denn auch von literarischem Rang.

 

Das Wort «Reportagen» entspringt vielleicht der Verlegenheit. In beträchtlicher Spannweite reichen die im vorliegenden Band gesammelten, zuvor in der Presse schon erschienenen Beiträge von persönlichen Alltagsnotizen über satirische sprachliche Spielereien («Fremdfirma. Interkulturelle Antiberatung») bis zu leidenschaftlichen Berichten aus dem vom Krieg heimgesuchten Tschetschenien. Ob sie kosovo-albanische Flüchtlinge beschreibt, die ihre Familien nachziehen möchten und sich verzweifelt mit Schweizer Behörden herumschlagen, ob ein armseliges slowakisches Dorf in Rumänien Thema wird oder die Vernichtung und die Verbrechen, mit denen der Krieg das Land der Tschetschenen überzieht, Breznás Parteinahme gilt den Unbeachteten, den Vergessenen, denen, die das schlechte Gewissen der in Frieden lebenden, zivilisierten Welt gern verdrängt. Die politische Analyse ist nicht Sache der Verfasserin; ihre Argumente überzeugen dennoch durch die Anschaulichkeit des Geschilderten.

 

Irena Breznás Neigung, politisches, auch kriegerisches Geschehen, allgemein die Verhaltensweise und die Konflikte von Völkern nach psychologischen Denkmustern zu deuten - Mutterbindung der Russen, natürliche Ablösung der Nordkaukasier -, braucht gewiss nicht jedermann zu teilen. Der Rezensent bekennt, dass er sich mit dieser Methode nicht anzufreunden vermag, sie aber als Merkwürdigkeit zur Kenntnis nimmt. Sein Respekt vor dem Engagement Irena Breznás bleibt indessen intakt. Daran ändert auch das Unbehagen nichts, das sich gelegentlich meldet - dann nämlich, wenn sich die Verfasserin allzu gern der eigenen Person widmet, wenn sie eine Spur zu oft «ich» sagt. 
Andreas Oplatka Neue Zürcher Zeitung

 


Das Buch von Irena Brezná „Die Sammlerin der Seelen“ ist benannt nach dem darin enthaltenen Porträt von Sainab, einer starken Frau, die sich das Wirken gegen den Krieg zur Aufgabe gemacht hat. Ihr Land wird vernichtet und verraten, und so begibt sie sich auf die Suche quer durch Europa nach Menschen, raren Seelen, deren Menschlichkeit ihre Heimat retten könnte. „Wenn Sainab in ihr gefiltertes Tschetschenien zurückkehrt, umringen sie die Menschen: Was sagt Europa? Wann kommt die Hilfe? Wann zwingt Europa die Russen dazu, mit uns zu verhandeln? Genug hat Sainab von den Beschwichtigungen, die sie sich stets ausgedacht hat. Nun spricht sie unverständlich, sagt, Europa gebe es nicht, nur einzelne Europäer, auf die man bauen müsse, aber in den Parlamenten säßen sie nicht. Die Geschichte von der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainab ist wenige Seiten lang, der Text wirkt jedoch gerade in seiner Dichte. Der neue Sammelband der gebürtigen Slowakin Irena Brezná mit Texten aus Ost und West handelt von der Gabe des Mitfühlens und der des Wortes. Die Autorin, die seit 1968 in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt, fühlt sich der Welt, die sie bewohnt und bereist, ganz zugehörig, obwohl sie für eine Fremde gehalten wird: „Ich fühle mich als Angeklagte, als wäre die Emigration ein schweres Verbrechen“, gesteht sie. Sie sehnt sich nach den Konturen und dem Geruch der Heimat, nach ihrer Geborgenheit und Zuwendung. „Ein Fremd-sein, als gäbe es mich nicht“, will sie nicht akzeptieren. Als Fremde sucht sie überall nach dem Eigenen. Als Frau, als denkender Mensch sucht sie nach den Menschen, mit denen sie das für sie Wichtigste teilen kann – die Solidarität mit den Entrechteten, egal wo. In ihren Texten spricht sie von Grenzen und Zugehörigkeit. Das Buch lehrt, einen fremden Schmerz, ein fremdes Leid gibt es nicht. Das Unglück des anderen und die eigene Betroffenheit kreuzen sich, werden untrennbar. „Heimatlose aus Diktaturen aller Welt sind meine Freunde“ stellt Irena Brezná fest. Irena Brezná schreibt über Heimat und Fremde, Angst und Krieg, über Wut und Hoffnung und die Freude an der Mitmenschlichkeit. Sie liefert Details über soziale und politische Zustände, über Sitten und Umbruchstimmung in Osteuropa. In der Fremde und in der fremden Sprache habe sie einen einzigen Besitz erworben – „das wie böhmisches Glas geschliffene Denken“. Brezná ist eine begabte Schriftstellerin, die zur dünnen Schicht der „Intelligenzija“ gehört. Für diesen russischen Begriff sucht man vergebens nach einer Entsprechung in anderen Sprachen, man übernimmt das fremde Wort unangetastet wie „Sputnik“ oder „Perestrojka“. Doch auch im Russischen gibt es keine eindeutige Definition davon, am nächsten steht der Begriff „Gewissen“. Zur Intelligenzija gehören Menschen mit einem besonders wachen Gewissen, deren Verantwortungs- und Zugehörigkeitsgefühl weit ist – das menschliche Leid wird darin nicht in „eigen“ und „fremd“ aufgeteilt. Das zwanzigste Jahrhundert begann für Europa mit dem Begriff der Entfremdung. Von der Entfremdung und dem Fremden ist die Rede, immer noch, immer mehr. Neue Migrationsströme, neue Grenzen, Zwei- und Mehrsprachigkeit machen die Suche nach dem Eigenen besonders notwendig. Laut Brezná gibt es weder die alte Klassenstruktur noch die alte Familie. Das Individuum sucht sich, sehnt sich nach einer klaren Zugehörigkeit, nach dem eigenen Platz. Irena Brezná scheut nicht das klare Wort: Sie benennt die heutigen Zustände schonungslos und treffend, ob sie über Rußland, Tschetschenien, Kosovo, Rumänien, Moldawien, Slowakei, Polen, über Minderheiten an europäischen Rändern oder über den Schreiballtag an ihrem Basler Wohnsitz schreibt. Ihre kraftvollen Texte, stets mit feinem Humor, mal als persönliche Notizen, Essays, Erzählungen oder als Reportagen und Porträts, sind nicht nur gute Literatur, sie sind Plädoyers – Plädoyers dafür, das Wesentliche zu sehen, die Welt mit allen Sinnen zu fühlen und mit ihr mitzufühlen. Literatur wie diese lebt nicht selten von der eigenen Betroffenheit. Es ist das Talent des schreibenden Menschen, die Welt für den Leser anders erfahrbar zu machen und mit eigenen Empfindungen und Überlegungen seine Wahrnehmung zu erweitern. Die klare und sehr schöne persönliche Note des Buches „Die Sammlerin der Seelen“, ein deutliches Ich, das die Welt zu begreifen und zu erklären sucht, drückt gerade das schriftstellerische Talent der Autorin aus. Die Auseinandersetzung mit der Fremde dank der Klarheit der eigenen Seele, des eigenen Gewissens endet mit dem Entwurf eines friedvollen Miteinanders. Das Buch ist dem „Ende des Heimatverlustes“ gewidmet. Der Buchuntertitel „Unterwegs in meinem Europa“ verspricht eine erfüllte Reise zum Wichtigen zu werden – es löst sein Versprechen ein. 
Anna Schor-Tschudnowskaja, Zeitschrift "Osteuropa", Berlin



Bemerkenswert an allen diesen Texten ist Breznas spezielle Perspektive, die versucht eine Balance zu halten zwischen Objektivität und Emphatie den jeweiligen beschriebenen Problemen und Menschen gegenüber. Auf welcher Seite ihre Sympathien liegen, ist dabei immer eindeutig: es sind die Schwachen, die Beschädigten, die Zerstörten, die Benachteiligten, die Vergessenen, kurz, die Opfer machtpolitischer Auseinandersetzungen in dieser Region. So schreibt sie mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, mit klarem Blick, ohne jedoch in eine wertende Haltung zu verfallen, jenseits aller gängiger Klischeevorstellungen über vergessene slowakische Dörfer in Rumänien, über letzte absterbende deutsche Enklaven in Siebenbürgen, porträtiert Menschen und ihre Lebenseinstellungen bzw. Lebensentwürfe, die von den unseren so unendlich weit entfernt scheinen. Den Blick gerade auf benachteiligte Gruppen aus diesen Regionen zu schärfen und zu sensibilisieren ist zu einer Zeit, das sich Europa anschickt seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in dieser Region durchzusetzen, ein nicht zu gering veranschlagendes Verdienst.... Aus der Slowakei stammend, von dort 1968 mit 18 Jahren nach dem Zusammenbruch des Prager Frühlings zwangsemigriert, war die Autorin gezwungen, den Schock des Heimatverlustes zu überwinden, sich eine neue Identität in einer neuen Sprache aufzubauen. Diese Integration in eine fremde Kultur und in eine fremde Sprache gelingt, die existenzielle Grunderfahrung des Heimatverlustes und der damit verbundenen Auslöschung der eigenen Person wird aber ein Hauptmotiv ihres Schreibens bleiben. „Diese unstillbare Sehnsucht nach Form. Ihre Aesthetik der Worte ist ein Gesetz, dem sich die Schrecken fügen und die so erträglicher werden“. Zerstörung, Auslöschung, Heimatverlust sind zentrale Themen in diesem Sammelband und reflektierend über ihr eigenes Schreiben versucht sich die Autorin klar zu machen, warum sie an diese Thematik so gebunden ist...“Im Schreiben über den Krieg in Tschetschenien begreife ich, woher meine Sehnsucht kommt, der Zerstörung eine gerechte, eine sprachliche Existenz zu verleihen, gleich mir, die sich in der neuen Sprache aufgerichtet hat, in ihr die Würde der Verletzten fand.“ Dieses an das Trauma der Zerstörung der eigenen Person gebundene „emphatische Schreiben“ ist zuweilen für die Autorin mit enormen psychischen Belastungen verbunden, die sich daran zeigen, dass der Körper auf diese Belastungen mit vorübergehenden Krankheitszuständen reagiert.... In diesem Zwiespalt zwischen uneingeschränkter Emphatie, die bis zur seelischen und körperlichen Selbstgefährdung reicht, und dem berechtigten Wunsch nach Distanz halten zu könne, um sich letzten Endes auch selbst zu schützen, bewegt sich das Schreiben der Irena Brezna.... Der Autorin Irena Brezna, die selbst durch die Erfahrung der Persönlichkeitszerstörung hindurchgegangen ist, scheint klar zu sein, dass ein psychischer Bereich der Unversehrtheit, die Fähigkeit zum normalen Leben und Erleben, eine Notwendigkeit darstellt, um auf Dauer Arbeit für den Frieden leisten zu können. Sich einerseits den Tragödien zu stellen, andererseits nicht völlig von diesen Ereignissen psychisch okkupiert bzw. deformiert zu werden, diesen schwierigen Balanceakt scheint Irena Brezna lebend und schreibend bewältigen zu können. „Mit dem Fernrohr im Auge des Tornados zu stehen“ beschreibt in einer schönen Metapher diesen anspruchsvollen, schwierigen,mutigen Weg. 
Ewald Balasco, Band „Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20 Jahrhundert“, Wien 2004.

 


Liebe zu den Trümmern 
Irena Brezna, 1968 mit ihrer Familie aus der Slowakei in die Schweiz emigriert geflüchtet, hat eine unwahrscheinliche neue Heimat gefunden: Tschetschenien. Natürlich ist sie nicht in den Kaukausus emigriert, aber im publizistischen Engagement für das geschundene Bergland hat sie sich neu verankert. Was sie als 18-jährige in der alten Heimat nicht tun konnte, holt sie nun in der ganz neuen nach: Sie stellt sich den russischen Invasoren entgegen, prangert deren Gräueltaten an und hilft in ihrer Schweizer Wohn- und Schreibheimat der „Sammlerin der Seelen. Damit meint sie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, die unermüdlich auf Vortragsreisen versucht, Westeuropa wachzurütteln. Ihr widmet Brezna den Sammelband. Ueber das russische Verhalten entwickelt Brezna eine psychologische Theorie, die einleuchtend, aber höchstens eine Teilerklärung sein kann. Sie deutet die Soldaten als Muttersöhnchen, die ausserhalb der mütterlichen Obhut nicht erwachsen werden, sondern ähnlich wie Gefangene einem männerbündlerischen Brutalitätskodex gehorchen. Auch der Oberfehlshaber Putin in seinem militärischen Strampelanzug“ gehört dazu; Mütterchen Russland „hätschelt ihn, nicht trotz des Blutbades in Tschetschenien, sondern gerade deshalb hat sie ihn gewählt, stolz darauf, dass ihr schmächtiger grosser Junge eigenhädig einen Bomber in die Ruinenstadt Grosny steuert.“ Gerade dass sich das kleine Bergvolk „vom kolonialen Mutterland mit solch einem verbissenen Kampf abzutrennen versucht“, erzürnt den Sohn Putin: „Hier wagt jemand, seine eigene verhinderte Sehnsucht zu verwirklichen“. Die Spannungsfelder männlich/weiblich, östlich/westlich sowie heimisch/fremd durchziehen auch die Reportagen aus der vom Kommunismus befreiten Slowakei und Nachbarnländer, ebenso die Tagebuchnotizen übers (Ein-)Leben in der Schweiz. Hier eignet sich Brezna die deutsche Sprache an, für sie ein Werkzeug männlicher Klarheit, während ihre slawische Muttersprache „diffusen Klanmenschen“weibliche Geborgenheit vermittelt. In der Schweiz, die wenig „embryonale Nähe“ bietet, gründet Brezna mit einer anderen „Fremdin die Fremdfirma, eine interkultueller Antiberatung“. 
Daniel Goldstein, Der Bund, Bern



Heimtragen der Toten in Koffern 
Irena Breznás Essays über Krisen- und Kriegsgebiete. 
"Für mich sind es Heimatgeschichten." Irena Brezná weiß, wovon sie spricht. Vor mehr als drei Jahr zehnten ist ihr die Heimat abhanden gekommen, "seitdem sehe ich mich in der halben Welt nach ihr um, spüre sie mit einem fein entwickelten Heimatorgan auf". Heimat ist mehr als Trachtenvereine, Blasmusik und Tradition. Es ist mehr als das oft gebrauchte und mit Heimatvertriebenen, Kriegsopfern und übervollen Flüchtlingsheimen belastete Wort. Es ist ein Phänomen, nach dem die Autorin nicht müde wird zu suchen. "Und je mehr Heimat ich erwarte, umso mehr Fremde treffe ich an, wie in keinem fremden Land zuvor." In 25 fragmentarisch angelegten und sprachlich meisterhaften Essays erzählt die Autorin die Geschichte eines Kontinents, erkundet Krisen- und Kriegsgebiete, ohne dabei Kriegsberichterstatterin zu sein. Sie sammelt Geschichten kleiner Leute, Schicksale abseits der Fernsehkameras und Sensationen. Der Bogen wird weit gespannt - von der Emigration aus der ehemaligen Tschechoslowakei, über eine Hochzeit bei den Goralen (einem Volk an der slowakisch-polnischen Grenze), dem Krieg in Tschetschenien bis zu den Krimtataren, die ihre Toten in Koffern in die Heimat tragen, um sie der Heimaterde zu übergeben. Die Prostitution an der tschechisch-bayerischen Grenze beschreibt sie als einen Akt zwischen vielen geschlechtslosen Zwergen und dem scheintoten Schneewittchen. "Es lässt sich auf dem Rücksitz eines Mercedes mit D-Kennzeichen gegen Devisen begatten, aber wird davon nicht auferstehen, kann auch nicht, denn unser Ost-West-Märchen ist noch nicht zu Ende." Irena Brezná versteht sich auf Pointen. Für sie gibt es kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Und". Ihre Erzählungen sind voll von Metaphern, die ins Innerste treffen. Sie scheut sich nicht, Vergleiche anzustellen, auch wenn sie sich dadurch angreifbar macht. Den Osten beschreibt sie zum Beispiel als weiblich, den Westen hingegen als männlich. "Ich bedauerte die westliche Frau, beraubt einer mir bekannten weichen Weiblichkeit, ich bedauerte das westliche Kind, beraubt der Osmose mit solch einer Mutter, mir fehlte das tröstend nebulöse Weibliche, das Verspielte." Brezná widmet das Buch der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, mit der sie seit Jahren bekannt ist und die sie manchmal bei ihrer Arbeit begleitet hat. "Sainab sucht fremde Seelen, Soldaten gegen den Krieg sammelt sie, Soldaten ohne Kalaschnikow, nicht tote Seelen, lebendige will sie, solche mit Riss." Als die erste Rakete ins Nebenhaus einschlug, während sie in der Küche stand, wusste sie, dass ihr der Krieg alles geworden ist. Sie fotografiert, schreibt, hält Vorträge, "sie bedient die Welt mit dem Krieg". Sie scheut keine schmutzigen Arbeiten, hadert mit Gott und fragt, wer von ihnen zwei mehr Leid gesehen hätte. "Die geschändeten Leichen in den Massengräbern stanken so, dass sich Sainab übergeben musste, als sie sie fotografierte." Sie hat sich an den Gestank gewöhnt. Er gehört zu ihrer Arbeit. Schon zwei Kriege lang. Doch die Lebenden fotografiert sie aufrecht und trotzend. "Es ist Sainabs Überlebenssinn, ihr Volk ungebrochen zu zeigen." Irena Brezná schuf mit diesem Band ein Kaleidoskop der Menschlichkeit und Würde. 
Von Zdenka Becker, Die Presse, Wien



Emphase der Freundschaft 
Heimat als Begabung. Irena Brezna sammelt Seelen

Die Heimat steht im schlechten Ruf. Sie wird assoziert mit Heimat-Vertriebenen, die ihrer politischen Repräsentanten wegen eine ungebührlich schlechte Nachrede haben, oder mit kostümierten Heimat- Schützern, die in der ländlichen Tracht vergangener Jahrhunderte durch die Stadt ziehen... 
Irena Brezna, 1950 in Bratislava geboren, 1968 aus der Slowakei in die Schweiz geflohen, eine Frau, die sich in entlegenen Regionen der Welt umgesehen hat und wahrlich eine freie, ungebändigte Intelektuelle geworden ist, fürchtet sich hingegen nicht, seit zwanzig Jahren im Grunde über nichts anderes als über Heimat zu schreiben. Ueber die Neigung des Menschen, nicht als Fremder unter Fremden leben zu wollen, sondern sich eine Heimat zu suchen, und über seine Fähigkeit, diese dort zu finden, ja zu erfinden, wo man sie nicht vermuten würde. Heimat ist ihr kein Besitzstand, sondern eine spezifische Begabung, sich die Welt anzueignen und in ihr wider wechselnde Mächten und Moden zu behaupten. 
Ihre Reportagen, die sie jetzt vorlegt, verschränken geschickt Informationen, subjektive Eindrücke, Porträts von Menschen, Schilderungen von Landschaften mit Reflexionen auf Erlebtes, Gehörtes, Erinnertes. Die drei Kapiteln des Sammelbandes sind dem Kosovo, den unbekannten Ländern am Rand unseres Europa des Wohlstandes; namentlich Rumänien, Moldawien und der Slowakei, sowie dem grausamen, notorisch verdrängten Komplex „Russland und Tschetschenien“ gewidmet. 
...“Heimatsinne und Fremd-Card“ ist die mitreissende Suada überschrieben, mit der sie ihre Heimaterkundungen antritt. Sie erinnert sich darin an die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie, die den Sonderfall einer tauben Musikerin darstellt. Wie sie ihre Musik eigentlich höre, wollte Brezna nach einem Konzert von der Gehörlosen erfahren. Die Musikerin bedeutete ihr, dass man ein Schlagzeug auch durch die Druckwellen wahrnehmen könne, dies es erzeugt. 
„Seither höre ich auch mit den Beinen.“ 
In einem Londoner Café beobachtet die Autorin einen Transvestiten, der, „trunken davon, endlich eine Frau zu sein“, mit Schminke und Hüftschwung „in permanentes Fest der Weiblichkeit veranstaltet“, und die Beobachterin beschämt, weil sie, „in die Weiblickeit hineingeboren“, vergessen hat, welchen „Genuss dieser Umstand“ gewährt oder immerhin gewähnren könnte.
Als drittes fallen ihr die Krimtataren ein, die unter Stalin in die zentralasiatische Steppe umgesiedelt wurden und ihre Toten, verborgen im Koffer, zur Beerdigung nach Hause bringen mussten - trotzig einer Region verbunden, in der noch die Erinnerung an sie getilgt wurde; „Für mich sind das alles Heimatgeschichten“, fasst Brezna das scheinbar Unzusammengehörige zusammen, wie sie auch ihrem zweiten Sohn, dessen Vater Afrikaner ist, ein Heimatgefühl verdanke; seit er geboren ist, „trägt die Heimat dunkle Haut“. 
....Irena Brezna erzählt in ihren Reportagen von tschetschenischen Frauen, die vor den Augen ihrer Männer vergewaltigt wurden...,von Vertriebenen, Flüchtlingen, Heimatlosen, von Asylanten, die wie Verbrecher gehalten werden. Sie scheut nicht den genauen Blick auf die rohe Gewalt, die Grausamkeit, das Leid. 
...Aber diese schmerzwache Genauigkeit macht Breznas Kunst der Reportage noch nicht aus. Das Besondere ist vielmehr, dass hier keine Chronistin des Elends spricht, sondern eine Emphatikerin der Freundschaft. Wo immer sie sich umgesehen hat - in einem slowakischen Dorf in Rumänien, bei den letzten, auf die Ausreise wartenden Siebenbürger- Sachsen oder inmitten der Ruinenlandschaft Tschetscheniens - ist sie auf merkwürdige, grossmütig, beeindruckende Leute gestossen. Es sind Leute, die nicht nur unterdrückt werden, sondern auf ihre eigene und ganz verschiedene Weise auch Widerstand leisten, nicht nur in bitterer Armut leben, sondern auch einen Reichtum an unverwechselbaren Sitten und menschlichen Beziehungen hüten. 
Irena Brezna ist keine Romantikerin der fröhlichen Armut und der gesellschaftlichen Rückständigkeit. Weil sie den Verheissungen eines bloss technisch oder ökonomisch gedachten Fortschritts misstraut, ist sie jedoch in der Lage, mit wachem Auge Schönheit, Würde, Glück dort wahrzunehmen, wo der müde Blick des Konsumseuropäers nichts als Mangel und Defizit zu erkennen glaubt.

Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung

 

 

Ein weites Buch. 
Es besteht aus lauter in sich geschlossenen Prosastücken mit je eigenem Gegenstand, und doch findes es keinen Abschluss, ebensowenig wie die Einzelstücke an ihrem Schluss zu Enden sind. Sie schreiben sich fort, jedes einzelne in all den andern und alle gemeinsam im Denken und Empfinden des Lesers. So ergibt die vermeintlich amorphe Sammlung verstreut veröffentlichter Reportagen und Aufsätze ein thematisch und poetisch eng vernetztes Ganzes, das gleichwohl nach vielen Seiten und für die verschiedensten Erwartungen offen ist. 
Dieser eigenen Struktur des Buches entspricht der ausgreifende Themenkreis, in dem es sich bewegt: von Basel und Austin/Texas nach Siebenbürgen und Tschetschenien, aus der Slowakei ins Kosovo und aus der Tatra nach Transsilvanien. Irena Brezna ist 18jährige aus dem vereisenden Prager Frühling „ausgereist worden“ und hat in der Schweiz den Spagat zwischen slowakischer Bindung und westeuropäischer Unverbindlichkeit, zwischen ihren Wurzeln im slawischen Idiom und der als Befreiung und zugleich Bevormundung empfundenen deutschen Sprache gelernt. Diesen Spannungsbogen hält sie seither nicht nur aus, sondern gewinnt ihm gestalterische Energie und eine eigene Bildhaftigkeit ab. Ihr Schreiben ist ein in seiner Stetigkeit sanft anmutender Kraftakt. 
Die epische Choreographie kennzeichnet natürlichliche Eleganz, ebenso natürlich jedoch sind die Momente des schreckhaften Innehaltens, Staunens über die eigene Wahrnehmung. Gerade die eigene Anteilnahme versucht sie immer wieder einzuschränken, immer wieder gelobt sie Distanz, und wieder bricht sie ihr Gelöbnis - dem Gegenstand und dem Leser zum Gewinn. 
Irena Brezna ist eine Fremde in der Welt, die sie bereist und bestaunt. Je grösser aber ihre Fremdheit, je intensiver die Wahrnehmung der Bedrohung, desto intensiver ihr Bemühen um Beteiligung, aus dem Mitteilung erwächst. Ueberhaupt geht einem beim Lesen dieser Texte der ursprüngliche Sinnn des Wortes auf: Mit-Teilung. Diese Schriftstellerin teilt ihren Text sowohl mit jenen, über die, als auch mit jenen, für die sie schreibt.  
Georg Aescht, Kundenmagazin des Aufbau-Verlags, Neue Promenade, September 2003.

 

 

...Irena Brezna...versammelt in ihrem neuen Buch Geschichten und Reportagen ihrer verschiedenen Reisen; den Schicksalen der Menschen in Kriegsgebieten und Krisenregionen ermöglicht sie so einen Schauplatz inder Offentlichkeit. Im Zentrum des Buches steht die Tschetschenin Sainab, die ihren angestammten Platz im Haus und in der Küche verlässt, um gegen den Krieg zu kämpfen: „Die erste Rakete, die neben ihrem Haus in Grozny einschlug, als Sainab in der Küche stand, hat sie nach ihrem Bild geformt. Der Einschlag, die Wucht und die verstreuten Fragmente der Welt - das ist Sainab.“ So wuchtig und gleichzeitig fragmentarisch ist die Prosa Irena Breznas, es sind literarische Reportagen, die über blosse Tatsachen hinweisen und die Menschen ins Zentrum stellen und Themen wie Macht und Gewalt in ihrer ganzen Komplexität darstellen. Bauern und Nonnen in Siebenbürgen, Flüchtlnge aus dem Kosovo; sie alle bekommen eine Stimme und „samneln Freunde an der Westfront“, wie Sainab sagt. 
jal., WOZ, Die Wochenzeitung, Zürich.

 

 

Europas russische Abgründe

Basel und Grosny, die Karpaten und die Tatra, Tiraspol und Bratislava, Krieg und Hochzeit, Minderheiten und Heimatverlust. Ueberall in Europa klaffen Abgründe. Ueberall kämpfen Menschen um ihre Würde. In Irena Breznas Reportagen „Die Sammlerin der Seelen“ begegnen wir Bauern, Nonnen und Dichtern, Menschenrechtlerin, Asylbewerbern und Prostituierten, Sklaven, Romas und Uniformierten. Brežná stellt sich vor Ort diesen europäischen Realitäten, am Schreibtisch daheim im durchaus fremd gebliebenen Basel leben die Menschen, denen sie begegnet ist, in ihr weiter. Sie finden die Sprachlosen zu ihrer Sprache.  Brežnás slowakische Wurzeln und ihr Tschetschenien-Engagement habe sie zum zuverlässigen Seismographen der Sowjetmentalität und des russischen Einflusses werden lassen. 
...1968 hat die 18jährige Irena Brežná ihre slowakische Sprache und Heimat verloren. Seither sucht die Slawistin überall fieberhaft nach Nestwärme und stösst doch stets nur auf verschiedene Spielarten der Fremde. Sie tut das auf deutsch, denn die deutsche Sprache ist ihr Identität und Lebensversicherung geworden. Das Ergebnis ihres kindlich- entwaffnenden Blicks auf und hinter die Dinge sind merkwürdige literarische Streifzüge durch Europas blühende Randschaften. 
Sprachlich ist das derart virtuos umgesetzt, dass die Texte einen magischen Sog entwickeln, so dass „Weinberge über sanfte Hügel rennen“ können. Unermüdlich, besessen fast, klopft sie Idyllen jeder Art nach doppelten Böden und Hohlräumen ab. Die Formen der Demütigung und Unterdrückung sind schier grenzenlos. „Die Angestellten gehen morgens gemessenen Schrittes allen Ernstes und heroisch dorthin, wo die Gehälter sie verspotten“ heisst es zu Moldawien.....  
Andreas Saurer, Berner Zeitung.  

 

 

Sprache ist Rettungsanker und Abenteuer

...In dem Porträt „Die Sammlerin der Seelen“ schildert Brezna... die tschetschenische Kriegsfotografin und Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa. Tote in Schiessgraben und zerbombte Marktplätze dokumentiert diese Fotografin...Irena Brezna...hat viele Reportagen über den Krieg in Tschetschenien geschrieben. Sie lebt ihren Beruf mit Leib und Seele...“Schreiben als Akt der Heilung“, hole sie aus den schwarzen Löchern, in die ihre Geschichten sie ziehen, wieder hinaus...Denn als sie mit 18 Jahren in die Schweiz emigrierte, war für sie „die grösste Tragik der Verlust der Sprache“. In eine neue Sprache hinein zu gehen war für sie das „grösste Wagnis“.  
rei, Neue Osnabrücker Zeitung.  

 

 

Gehen ohne anzukommen

„Heimat ist mir abhanden gekommen“, schreibt Irena Brezna und ihre Porträts, poetischen Reportagen und Skizzen deshalb im vorliegenden Buch zusammengefasst, die für sie Heimatgeschichten sind. Es ist Literatur über die Fremde. Sie berichtet über Transsilvanien in den rumänischen Südostkarpaten, die Ostslowakei, das polnische Tatragebirge, Moldawien, über den Kosovo und vor allemn über Tschetschenien. Einer mutigen Frau hat sie ihr Buch gewidmet: Sainab Gaschajewa, der tschetschenischen Menschenrechtlerin. 
Als sie mit 18 Jahren in die Schweiz emigrierte, erschrack sie zuerst über die harten Konturen bei den Menschen, die Frauen erschienen ihr männlich, zumindest androgyn, sie verhielten sich wie abgetrennt, auch im Privatleben. Das fiel ihr beim Umgang mit Kleinkindern besonders auf, denn statt diese zu umarmen, sprachen sie mit ihnen ernsthaft wie mit Erwachsenen. In diesen Momenten vermisste sie ihre slowakische Heimat, das tröstend Weibliche, aber auch das Verspielte, während die germanisch-keltische Welt sich als geistig anregend für sie herausstellte, aber unbarmherzig männlich war. Immer wieder schreibt sie davon, halb Osteuropäerin geblieben und halb Westeuropäerin geworden zu sein, die sie beide zu einer Ganzheit zusammenzubringen versucht. 
...Sie präsentiert uns viele kleine Texte, die spannend erzählt sind, nicht nur, weil sie aus Kriegsgebieten berichtet. Im Mittelpunkt stehen Einzelschicksale und Situationen, die im Individuellen das Universelle, in der Verzweiflung einen absurden Funken Hoffnung spiegeln. 
Als Weltreisende bringt sie uns den Osten und den Westen nah. Ihre Identität hat sie inder kristallklaren deutschen Sprache und in der Literatur gefunden. 
...Eine Reporterin des persönlichen Glücks ist sie nicht, sie zieht kollektive Heisuchung an, deportierte Völker, Genozid, Flüchtlinge. So zog es sie nach Tschetschenien...Im tschetschenischen Dorf Sernowodsk in der westtschetschenischen Ebene kommt sie zu sich, zu ihrer eigenen Geschichte. Im Schreiben über dieses Dorf entdeckt sie ihre Blutsbande zwischen sich und den zerstörten Dingen. 
....In einem Politmärchen über Russlands Krieg in Tschetschenien wird von einer Mutterliebe erzählt, die den Sohn in Selbstaufgabe dermassen verwöhnt, dass er keinen Weg mehr sieht, sich von ihr zu lösen, als sie zu töten. Irena Brezna sieht diesen beidseitigen Autismus als das gesellschaftliche-politische Fundament Russlands. Man sei gefangen in einer „archaischen Symbiose“ zwischen der Mutter und ihren erwachsenen Sohn. Wladimir Putin kommt ihr vor wie der missratene Sohn, der um sich schlägt, um ein Kerl zu werden. Je schuldiger er wird, desto mehr gehört er „Matuschka Rossija“. ..Das Unabhängigkeitsstreben eines kleinen kaukasischen Volkes bringt den Sohn in höchste Wut. Denn hier ist jemand, der seine eigene unmöglich gewordene Sehnsucht verwirklichen will. Dies ist der Schuldige am eigenen Unglück. 
...Wenn Irena Brezna über den Krieg in Tschetschenien schreibt, sagt sie, begreift sie, woher ihre Sehnsucht kommt, der Zerstörung eine sprachliche Existenz zu verleihen, denn sie selbst hat sich auch in einer neuen Sprache einrichten müssen, in der sie die „Würde der Verletzten“ fand.  
Joachim V. Hildebrandt, Rheinischer Merkur.

 

 

Die Fremd-Card

Sie suchte die Heimat und fand die Fremde. Auch zu Hause, wohin sie nach zwei Jahrzehnten zurückkehren durfte. In Westeuropa und Amerika gewann sie jedoch eine Fremd-Card, mit deren Code sie sich mit den Zugereisten verständigen kann. Die Emigrantin wider Willen musste mit ihren Eltern die Slowakei verlassen, als sich dort 1968 die Sowjets heimisch machten. Dank den eigenen Erfahrungen kann sich Irena Brezna in die Lage der Flüchtlinge einfühlen und das Heimweh der Fremdarbeiter nachempfinden. Die in Basel lebende Psychologin und Slawistin reflektiert den realen Alltag in einer doppelten Perspektive. Mit einem Doppelblick des eigenen Exils und mit den helvetischen Erfahrungen. Als Journalistin und Schriftstellerin ergreift sie Partei für die Benachteiligten...Für ihr Engagement gegen die Gewalt und den Krieg wurde sie mit mehreren Publizistik-Preisen ausgezeichnet. 
Die Kampfnatur Irena Brezna ist jedoch kein Kind von Traurigkeit wie sie bei der Premiere ihres neuen Buches „Die Sammlerin der Seelen“ (im Basler Literaturhaus) aufs Unterhaltsamste bewies. Neben den Reportagen und Porträts aus dem tschetschenischen Krieg verfasst sie würzige und poetische Geschichten aus Ostmitteleuropa. In witzigen, humorvollen und melancholischen Farbtönen schildert sie den oft befremdenen Fest- und Werktag. In keinem Fall als eine distanzierte Beobachterin. In ihren Texten pulsieren Leidenschaft und Kontraste. Sie bewundert die Tapferkeit und den pathetischen Stolz der tschetschenischen Frauen, analysiert die drastischen Gesetze der Mafia-Unterwelt in Sibirien, verzeichnet die burlesken Sitten bei einer Goralen-Hochzeit in der Hohen Tatra an der slowakisch-polnischen Grenze. 
Die literarischen Reportagen und Porträts sind seit Mitte der 90er Jahre erschienen. Deren Buchform ist doppelspurig konzipiert. Politisch relevante Themen alternieren mit intimen Tagebuchnotizen, die Autobiographie schwingt stets mit....

Helena Kanyar, Basler Zeitung.

 

 

„Europa lebt für sich... Europa gebe es nicht, nur einzelne Europäer, auf die man bauen müsse, aber in den Parlamenten säßen sie nicht.“ Die dies sagt, die tschetschenische Menschenrechtlerin und Kriegsfotografin Zainap Gaschajewa, ist eine Europäerin vom Rande Europas, aus dem Kaukasus. Die ihr eine Stimme gibt, ist eine Europäerin aus der Mitte Europas, die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin Irena Brezna... Geboren in Bratislava ist sie 1968 mit 18 Jahren in die Schweiz emigriert. Ihre sehr bewusst betriebene „Auferstehung in der deutschen Sprache“ versetzt sie in die Lage, in ihren dokumentarischen und gleichzeitig literarischen Texten in ganz besonderer Weise über Heimat und Fremde zu reflektieren. Aus der Sicht dieser genauen Beobachterin, die sich „heimisch in der Vielfalt“ weiß, ist die Frage „Wo beginnt der Osten?“ eine Aufforderung an uns, unseren eigenen Platz im „Haus Europa“ zu bedenken. Tschetschenien gehört zu Europa. Seit Irena Brezna 1996 als Kriegsberichterstatterin dort war, wird ihr Schreiben und Handeln besonders davon bestimmt, den noch immer in diesem Land herrschenden „vergessenen Krieg“ in europäische Bewusstsein zurückzuholen. Tschetschenien gehört zu Europa und wird doch von einer EU-zentrierten Politik geopfert um des lieben Friedens mit Russland willen. Doch der Frieden ist faul... Dieselben Medien, die in diesem Jahr besonders daran erinnern, dass es vor 60 Jahren Deutsche gab, die Widerstand leisteten gegen Unrecht und Verbrechen im eigenen Land, sind mit den Realpolitikern vereint im Totschweigen und Verdrängen gegenwärtiger Verbrechen in der europäischen Nachbarschaft. Aber wir, die wir Bürger Europas sein wollen, werden uns nicht auf die Position derer zurückziehen können, die von nichts gewusst haben. Viele aktuelle Informationsquellen über die Lage in Tschetschenien sind bequem über das Internet zu erreichen, so über die Gesellschaft für bedrohte Völker (www.gfbv.de) oder die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft (www.d-k-g.de). ..Wir, die wir uns so gerne als die Hausherren verstehen, sollten uns bewusst werden, dass wir für alle Räume im „Haus Europa“ Verantwortung tragen. Dann könnten die christlichen Werte, deren Fehlen im Entwurf der europäischen Verfassung so beklagt wurde, zur Grundlage eines gesamteuropäischen Bewusstseins werden. Menschen wie Irena Brezna sind auf dem Weg zu einem wirklich einigen Europa. Sie können noch Begleiter gebrauchen! 
Grit von Woedtke/Thomas von Woedtke 

 

 

Ein Leben in unterschiedlichen Kulturen, in vielen Ländern unterwegs, sich in verschiedenen Sprachen verständigen, die eigene Heimat jedoch in der Solidarität mit den Entwurzelten finden - das ist das ganz besondere Leben einer Frau aus dem Osten. Irena Brezna ist eine Grenzgängerin. Wenn sie ihrem Buch „Die Sammlerin der Seelen“ den Untertitel gibt: „Unterwegs in meinem Europa“, so meint sie damit neben der Schweiz, wo sie heute lebt, fast das ganze, immer noch unbekannte Osteuropa. In ihren Reportagen erzählt sie von Rumänien, Moldawien, Polen, Russland und von der Slowakei. Dort ist sie aufgewachsen, aber mit 18 Jahren „wurde ich emigriert“, wie sie es formuliert. Denn sie wäre lieber nicht mit ihren Eltern geflohen, sondern hätte sich den sowjetischen Panzern entgegengestellt. In diesem „gestohlenen Widerstand“ liegt für sie das Motiv für ihr Engagement für unterdrückte Völker. Ein weiteres liegt sicher in ihrer Entwurzelung begründet: Sie fühlt sich solidarisch mit anderen, die aus ihrer Heimat vertrieben werden. Und so setzt sie sich in gleichem Masse für die Flüchtlinge aus dem Kosovo wie für Menschen in Tschetschenien ein, die um ihre Freiheit kämpfen. Als Irena Brezna in Basel ankam, war sie ihrer Sprache beraubt; sie musste neu anfangen und Deutsch lernen. In dieser Sprache schreibt sie heute ihre - oft preisgekrönten - Reportagen, die auch in ihrer literarischen Qualität bestechen. Deutsch ist zu Irena Breznas Schreibsprache geworden, eine Sprache, die aus Kampf hervorging und zu ihrer Waffe wurde. Sie könne auch viel freier in Deutsch denken, erzählt sie, denn das Slowakische ihrer Kindheit war umstellt von Tabus. Die Mutter verschwand eines Tages, und dem Kind wurde streng untersagt, darüber zu reden - wie über so vieles andere, das es nicht verstand. Damals begann Irena Brezna zu schreiben, und zwar Märchen, um aus der verstörenden Welt der Erwachsenen zu fliehen. Die Mischung von Poesie und glasklarer Analyse machen die Qualität ihrer Reportagen aus. Dazu kommt ein augenzwinkernder Humor, vor allem, wenn es um die Grenzen in den Köpfen geht. So berichtet sie in „Wo fängt der Osten an?“ von einer Reise mit einer Schweizerin und einem Ukrainer durch Osteuropa, das jeder aus seiner Sicht völlig unterschiedlich wahrnimmt: „In Bratislava fuhr uns der Wind in die Haare. Ich erkannte ihn wieder, er war stark und warm, bog die duftenden Kiefern vor den Hotelfenstern. „Das ist doch der Süden“, sagte Marie-Claude. Viktor schaute auf den schlichten Hotelzimmertisch, das geometrische Lampendesign der fünfziger Jahre, die Tuschzeichnung eines aufrechten Soldaten und sagte wehmütig: „Das ist doch die Sowjetunion.“ Als Tschetschenien von russischen Panzern überrollt wurde, hielt es Irena Brezna nicht mehr in ihrer sicheren Schweiz aus. Sie reiste als Kriegsreporterin in die Kaukasusrepublik, verkleidete sich als Einheimische und lebte mit den Tschetscheninnen. Ihr Porträt der Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, das dem Buch den Titel gibt, wurde mit dem Theodorf-Wolff-Preis ausgezeichnet. Erschütternd ist auch ein kleiner Text, in dem sie beschreibt, mit welchen Hoffnungen sich diese Frau auf ihren Auftritt vor der UNO-Menschenrechtssession in Genf vorbereitet: Drei Minuten gibt man ihr, um an das Schicksal ihres Volkes zu erinnern... Irena Brezna hat in Basel Slawistik, Philosophie und Psychologie studiert. Psychologie wendet sie sehr unkonventionell auch in ihren politischen Analysen an: Die Beziehung zwischen Mütterchen Russland und seinen ungezogenen Söhnen steht für sie im Hintergrund des grausamen Kampfes gegen die abtrünnigen Kaukasusrepubliken, was westliche Leser eher verblüfft, im slawischen Raum hingegen als sehr treffend empfunden wird. Was an Reportagen auffällt, ist einerseits der offene Blick auf die Situationen, ob das nun die Prostitution an der deutsch-tschechischen Grenze ist, ein Kloster in Rumänien oder ein Thermalbad, das sich als Treffpunkt der Mafia entpuppt. Andererseits ist es die Nähe zu den porträtierten Menschen, auch wenn es sich um Zufallsbegegnungen im Zug handelt. Diese Nähe und die Identifikation mit dem Leid erfuhr Irena Brezna mit den Jahren als Gefahr. Sie merkte, dass diese Art Schreiben an ihr zehrte, dass ein drohender Selbstverlust sie zu immer neuen Aktionen treib. „Es ist ein bekanntes Phänomen bei Kriegsreportern“, stellt sie fest, „dass sie es zu Hause, im Alltag,, nicht mehr aushalten. Es zieht sie immer wieder zu den Kriegsschauplätzen hin.“ In „Sammlerin der Seelen“ reflektiert Irena Brezna: „Zuhause in den Extremen. Dabei merke ich nicht, dass die Mitter zur Fremde wird, zum Abgrund.“ Irena Brezna zog die Konsequenzen und mit dem neuen Buch auch eine Bilanz ihres Lebens. Es ist das Leben einer Frau, die in Angst aufwuchs, in Ohnmacht emigrierte, ihre Heimat in der Solidarität mit den Entwurzelten fand - und nun wieder auf dem Weg zu sich und nach Hause ist. Vielleicht sogar zurück in die Slowakei. Ein Gefühl wie Heimweh ist nun wieder erlaubt. Aber für Grenzgänger ist Heimat ein komplizierter Begriff geworden.

Eva Pfister, Weltweit, 4/2005, Zeitschrift für Mission, Entwicklung und Kultur, Luzern

 

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