DIE BESTE ALLER WELTEN

Der autobiographisch geprägte Roman „Die beste aller Welten“ ist  2008 im Berliner Verlag edition ebersbach erschienen, Gebunden, 168 Seiten, nicht mehr im Buchhandel.

Über die Autorin erhältlich.

 

ISBN 978-3-938740-72-9

Auf eine humorvolle und poetische Art erzählt die heranwachsende Protagonistin vom absurd anmutenden Leben in einer mittelosteuropäischen Kleinstadt in den 50er Jahren. Während die Mutter im Gefängnis verschwindet, sucht das Mädchen, zerrissen zwischen dem Elternhaus und der Schule, seinen Weg. Der sozialistische Heldenmythos wirkt anziehender als der Katholizismus der Grossmutter oder die bürgerliche Welt des Vaters, der zur proletarischen Umerziehung zum Brückenbau abkommandiert wird. Zurück bleibt der Bruder und die tägliche Bedrohung der physischen Gewalt . Trotz der tragischen Umstände entwickelt das Mädchen, das Heldin werden will, eine grosse Überlebensstärke. Als Rettung erweist sich die Naturmysthik des Grossvaters sowie Begeisterung für Umbrüche aller Art. 

Die hintergründig geschilderten prägnanten Ereignisse, fokussierten Beobachtungen, assoziativen Erinnerungssplitter geben einen intimen Einblick in die damalige gesellschaftliche Atmosphäre und haben darüber hinaus eine universelle Gültigkeit. Die Schilderung ist getragen von einer befreienden Leichtigkeit, die durch die geographische und zeitliche Distanz der Autorin ermöglicht wird - die „glückliche Diktatur des Proletariats“ gibt es nicht mehr, sie ist wie ein Traum, der allerdings im „Herzen des Sturmvogels“ seine Wirkung hinterlassen hat.

  • Der Roman "Die beste aller Welten" war im September 2008 auf der SWR-Bestenliste

 

 

  • Die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim empfiehlt im Literaturclub SF1 das Buch: "Es ist ein sehr politisches, sehr poetisches Buch, das man lesen muss." 

 

PRESSESTIMMEN

Irena Brežná benutzt die Sichtweise des Kleinen, des Schelms, der zusieht, wie die Welt regiert wird und wie wenig die Worte, wenn man sie wörtlich nimmt, dazu passen. Und wie es sich anfühlt, wenn die festen Grundsätze mit einem Mal nicht mehr gültig sind. "Freiheit kommt mit der Unvollkommenheit" und mit deren Eingeständnis, sagt uns die Autorin im Gespräch. 
R. von Bitter, Bayerisches Fernsehen, Das Literaturmagazin 

Irena Brežnás Kindheitsroman, der in die Aufbaujahre des tschecho-slowakischen Kommunismus hinab taucht, ist präzise und poetisch, warmherzig und unerbittlich – und dies alles zugleich. 
Karl Markus Gauß, Literatur+Kritik 

Irena Brežnás Roman ist ein lesens- und liebenswertes Buch, in dem es viel Schönes, Kluges und Menschliches zu entdecken gibt.

Angela Repka, Neue Zürcher Zeitung 

Eine poetische Umdeutung voller skurriler und seltsamer Anekdoten aus der Aufbauepoche des osteuropäischen Sozialismus. Der Kindersinn nimmt die Dogmen und Phrasen wörtlich - und entlarvt so ihren Schwindel und ihre Paranoia. Ein ausgesprochen komischer und satirischer Vorgang. Ein Buch, durch das literarische Utopie weht. 
Ursula März, Deutschlandradio Kultur 

Ein aufgewecktes Gör, undressiert und eigensinnig wie`s sein soll, wenn eine jung ist und Strom aus der Erde zieht. Dieser Erdung bewahrt die Erzählerin vor altklugem Geraune, treibt der erdig elektrisierten Erzählung allen Schmalz, alles Gesülze aus. Nein, mit politisch “korrekten”, wohlfeil vorhersehbaren Stereotypen vom West aus Ost-Ost auf der ideologischen Kompassrose verortet, hat Irena Brežnás Buch nichts im Sinn. Vielmehr mit der burlesk-kaustischen Weltsicht von Autoren wie Hrabal, Esterhásy, Cosic, Stasiuk und Co. Das kesse Mädel als neuer Candide bringt ungeniert und charmant plaudernd alles Mögliche zur Sprache. Ein dringend anzuratender Roman. 
Gerd Burger, Ostbayerisches Magazin Lichtung 

Das Buch ist eine wunderbare Parabel auf die Diktatur schlechthin, die jeder mit seinen Vorstellungen und Erfahrungen konkretisieren und zum Leben erwecken kann.

Matthias Waha, Mittelbayerische Zeitung 

Ein schmaler Roman über die düsteren Zeiten ihrer Jugend in Bratislava. Die beste aller Welten ist die, die im Kopf entsteht, wenn man als Kind unter totalitären Verhältnissen leidet. 
Hubert Winkels, Deutschlandradio 

Es ist ja immer schwierig mit Kinderperspektiven, aber im Fall von Irena Brežnás Roman funktioniert es gut, weil das Kind die verschiedenen Ideologien, die es aufschnappt, neu montiert. Sprachlich wirklich originell.
Caroline Neubaur, SWR-Bestenliste 

Das Buch schlägt einen gewitzten, leichten Ton an, der aus der Perspektive des Mädchens jegliche Tragik in sich aufsaugt. Ein liebenswerter Seismograph für ein politisches System, dessen reale Widersprüche Jana zielsicher erahnt und ausplaudert. 
Beat Mazenauer, Volltext 

Eine lebensvolle Parabel – ein bunter Bilderbogen, kräftig und sensibel gezeichnet, komisch und ernüchternd zugleich.
Verena Stössinger, Basler Zeitung 

Eigentlich drängt hier ein grundtrauriger Stoff zur Gestaltung, aber wie Irena Brežná ihn anpackt, verschlägt einem bisweilen den Atem. Unter Tränen lachend, mit umwerfender Komik und bedrückender Leichtigkeit lässt sie die Welt einer hellwachen Elfjährigen erstehen. 
Beatrice Eichmann-Leutenegger, Der Bund 

Die Autorin versteht es, eine naive Sichtweise ideologiekritisch zu nutzen, ohne dabei direkt anzugreifen. Das stellt sie in eine Reihe mit Imre Kertész und Herta Müller. Selten einen gedanklich so dichten Prosatext gelesen, der mit einer so einfachen und zugleich schönen Sprache daherkommt. 
Alexandra Millner, Falter 

Der Sozialismus war nicht nur grau, aber auch nicht nur bunt; er war nichts von allem ganz. Sondern ambivalent, voll Aufbruch und Repression zugleich - und für die Betroffenen aufgrund der Inkonsequenzen von Ideologie und System mit der Schere im Kopf verbunden. Irena Brežná hat die anrührende, aber nicht depressive Geschichte eines Mädchens geschrieben, das zwischen dem "bürgerlichen" Elternhaus und der Ideologie laviert. Und so bastelt sich die Protagonistin ihre eigene Welt, in der ein menschenfreundlicher Sozialismus existiert, der alle Beteiligten glücklich mache.

TAZ, Berlin 

Die Worte, die Irena Brežná damals so sorgsam in der einen Hälfte ihres Kopfes verstecken musste, hat sie für sich bewahrt, und so kann sie die sozialistische Diktatur anhand ihrer Sprache vorführen. Sie tut das mit Lust an den Absurditäten, die sich daraus ergeben. 
Eva Pfister, Wochenzeitung 

Wie reagieren Kinder auf die Allgegenwart der Ideologie in einem totalitären System? Seit Agota Kristofs Klassiker »Das große Heft« hat keine Autorin aus Osteuropa das Thema mehr so eindringlich behandelt wie Irena Brežná in ihrem autobiografisch grundierten Roman »Die beste aller Welten«: Dieser schildert eine berührende Reise in eine bleierne Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang. 
Hubert Spiegel, Börsenblatt 

Brežná erzählt, als ob es keine Zeit gäbe…das spiegelt auch die Erstarrung der gesellschaftlichen Umbrüche, in die Jana hineinwächst. Und es schärft den satirischen Blick. 
Valentin Herzog, Riehener Zeitung 

Irena Brežna verknüpft auf eine wundersame Art die grosse Politik mit einer sehr persônlichen Geschichte des Heranwachsens und der Problematik der familiären Doppelmoral miteinander. 
Efim Schuman, Deutsche Welle, Russische Redaktion 

Das Buch ist nichts für Fanatiker der Eindeutigkeit, des Schwarz-Weiss-Denkens. Gerade dadurch kommt es der Wirklichkeit näher. Wenn man bereit ist, sich in Irena Brežná's Stil zu vertiefen, bringt dieses Buch eine grosse Bereicherung. 
Werner Sieber, Amazon 

Irena Brežnás Satire entspringt der Reife eines vollen Lebens und ist trotz bissiger Schärfe von Wärme, Sensibilität und Poesie durchtränkt. Die existenzielle Not rührt an, wie sie mit der Wahrheit des Kindes die Unwahrheit der Erwachsenen entlarvt. Das Alte und das Neue, das Verordnete und das Erlebte bleiben schmerzlich als Widersprüche stehen. 
Heike Marx, Die Rheinpfalz 

Es ist die kindlich-naive Sichtweise Janas, die sich Irena Brežná gekonnt zu Nutzen macht, um den Realsozialismus der Ostblockstaaten zu demaskieren. Schon der Titel – eine Referenz auf Voltaires Candide – unterstreicht, dass der Roman hochironisch ist: Jana nimmt die dumpfen politischen Parolen der Erwachsenen so wörtlich, dass ihre Inhaltslosigkeit, ihre Widersprüchlichkeiten dadurch humorvoll und bitterernst zugleich entlarvt werden. Auf eindrucksvolle Art entsteht so ein Porträt der Indoktrination einer ganzen Gesellschaft durch das Medium Sprache. 
Hessisches Literaturforum 

Mich beeindruckten der lakonische Stil, die kurzen und aussagekräftigen Sätze, der bildreiche und naiv-kindliche Gestus und die Selbstironie. Alle Varianten des Komischen werden durchgespielt: vom Humor über die Ironie und Satire bis hin zur Groteske. Das Buch besticht durch die vielen mosaikartigen Episoden aus dem Mund der Elfjährigen, die derb und zart zugleich daher kommen, urkomisch und bitter ernst, anklagend und in Frage stellend, stets auf Ironisierung des Titels gerichtet. Ein wichtiges Buch. Zum Schmunzeln und Nachdenken. 
Reiner Neubert, Ostragehege, Dresden 

Schliesslich ist in ‹Die beste aller Welten› die Art und Weise bemerkenswert, wie die Autorin ihren Stoff vor uns ausbreitet. Nicht linear von A nach B erzählend, sondern in einem assoziativ gewirkten Textstoff, der wächst und sich ausbreitet, verbindet, was einer Kinderlogik gemäss zueinander gehört. Einer Logik, die sich nur in So-ist-es-Sätzen ausdrückt, weil sie fürs Wäre und Als-ob noch nicht reif genug ist. Aber gerade deshalb ungleich wirkungsvoller, voller Fantasie und – ja, das auch – Witz. 
Oliver Lüdi, Programmzeitung 

Der fantasievoll-naive Blick des aufgeweckten Kindes auf eine dumpfe Zeit, gefiltert durch die subtile Ironie der erfahrenen Autorin, bietet ein hinreissendes Leseerlebnis. 
Barbara Talmon, Schweizer Bibliotheksdienst 

Jana verwandelt die Welt der sozialistischen Ideologie in eine Märchenwelt, die nur in ihrem Kopf besteht. Aus einer finsteren wird im subversiven Eigensinn des Mädchens eine recht vergnügliche Zeit. 
Ursula März, Der Tagesanzeiger 

Irena Brežná gehört zu den wichtigsten Stimmen der osteuropäischen Literatur. Und das obwohl die Slowakin seit über 40 Jahren in der Schweiz lebt und auf deutsch publiziert. Ihr neuer autobiographisch gefärbter Roman ist gleichzeitig eine Liebeserklärung und eine Abrechung mit dem damaligen System ihres Heimatlands.

Schweizer Radio DRS 1 

Man liest fasziniert, staunt über den Reichtum an Bildern im Kopf dieses Mädchens – und der Autorin. Den Charakter ihrer Heldin Jana hat sie mit feinsten Antennen ausgestattet – und schickt sie aus dem Unglück hinaus in die schönste aller möglichen Welten; aus heutiger Sicht jedoch nicht in jene des Sozialismus. 
E. Achermann, Berner Zeitung 

Irena Brežná ist ein poesievoller, einfühlsamer Roman gelungen, der auch heute noch viele aktuelle Fragestellungen aufwirft, so zum Beispiel über die Gleichberechtigung der Geschlechter. 
Intern, MitarbeiterInnenzeitschrift der BSR, Berlin 

In diesem Spannungsfeld und als Anführerin der echten proletarischen „Hofkinder“ ihres Wohnhauses versucht Jana in einer wilden Mischung aus Indoktrination in der Schule und kryptischen Andeutungen zu Hause ein Weltbild zu finden – und nebenbei erwachsen zu werden. Eine heranrührende, tragikomische Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang. 
Sylvia Treudl, Buchknetus 

„Die beste aller Welten“ von der in der Schweiz lebenden Autorin Irena Brežná ist ein hellsichtiger und poetischer kleiner Kindheitsroman, geschrieben aus der Sicht des Mädchens, in die auf subtile Weise zugleich die Weisheit der zurückblickenden Erwachsenen einfliesst. 
Asphalte/fifty fifty 

Der Reiz dieser Erzählung liegt vor allem in dem Aufeinanderprallen der unschuldig geglaubten und präzise erzählten Welt des Kindes mit der Welt aller anderen bürgerlichen Mitbewohner, das sehr poetisch, warmherzig, anschaulich und mutig erzählt wird. Im Nachhinein, wo nun alle diese Hirngespinste und Verirrungen vorbei sind, macht diese direkt und sinnlich niedergeschriebene Geschichte unschuldigen Spass. – Für alle Freunde hintersinniger Geschichten. 
Georg Bergmeier, Buchprofile, Bonn 

Auf unaufdringliche Art und Weise reflektiert die dichte, humorvolle und erstaunlich leichte Sprache des Romans jene sozialistischen Symbole und Metaphern, die für die neue Realität, die Industrialisierung in Gestalt roter Fabrikschlote, aus denen „ein stolzer, schwarzer Rauch“ steigt, stehen. Das Buch sucht und findet seine Leser im Osten und Westen. Wobei allerdings diejenigen Leser, die den „real existierenden Sozialismus“, erlebt, erfahren oder erlitten haben, einen doppelten Lesegewinn haben. Aber auch für all die anderen Leser bedeutet das Buch eine lesenswerte Neuentdeckung, einen absoluten Gewinn, der authentisch ist und frei ist von politischen Vorurteilen und gängiger Besserwisserei. 
Zeitschrift Silesia Nova, H.Ch. Trepte 

 

In Irena Brežnás Roman «Die beste aller Welten» wünscht sich ein Kind für die Welt das Beste. Jena möchte Revolutionärin sein, Parolen hört sie wie kindliche Zaubersprüche. Doch der Klassenfeind sitzt mitten in der Familie. Allmählich entdeckt das Kind Lücken zwischen den Parolen und dem Alltag und gerät in Widersprüche. Der Roman schlägt einen gewitzten leichten Ton an, der jegliche Tragik aufsaugt. 

St. Galler Tagblatt

 

Anhand von Brežnás Roman kann man zuverlässig die „pädagogische Herangehensweise“ der sowjetischen Ideologie studieren, ihre Logik und Inhalte sowie das ganze Weltbild, das sie im Kopf der „neuen Menschen“ entstehen lassen wollte. Dieser Mythos erzählt von der Tragödie und ihren Helden, denn er erzählt von Kampf, Revolution und Krieg – und selbstloser Aufopferung. Doch das Mädchen liebt diesen Mythos und vertraut ihm, sie fühlt sich darin geborgen – viel mehr als in der eigenen Familie. Ihre Gedankenwelt zeugt von einer eigenartigen Symbiose mit jenen utopischen Visionen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wird. Sie übernimmt den humanistischen Impetus der herrschenden Idee. Doch den verschiedensten Formen der Gewalt, die im Namen einer besseren Welt immer wieder neue Opfer sucht, stehen kindliche Neugier und Lebenslust gegenüber. Aus burlesk klingenden Passagen spricht ein von Freiheitsliebe angetriebenes Infragestellen. Das ist ein Verdienst von Brežnás Stil. Man kann nur staunen, wie gut sie die Spur des kindlichen, stets mit Scharfsinn verbundenen Zweifels zwischen den Zeilen hörbar macht. Die scharfsinnigen, witzigen und von Liebe zum Leben zeugenden Überlegungen des Mädchens aus „Der besten aller Welten“ suchen eine heilsame Antwort auch auf die Frage „Was war das mit uns?“.

Anna Schor-Tschudnowskaja, Europäische Rundschau, 2009/3, Wien

 

Preis für den Roman

Für die slowakische Ausgabe des Romans "Die beste aller Welten" ("Na slepačích krídlach") wurde Irena Brežná der renommierte Preis "Buch des Jahres" verliehen, der ihr am 9. Dezember 2008 an einer Feier in Bratislava vom Vorsitzenden des Slowakischen Schriftstellerverband OSS Peter Juščák übergeben wurde. 

Die Würdigung (übersetzt aus dem Slowakischen): 
Hinter dem Titel des Buches „Na slepačích krídlach“ (auf Deutsch „Die beste aller Welten“) von der in der Schweiz lebenden slowakischen Schriftstellerin Irena Brežná verbirgt sich ein bemerkenswerter Text, der alle zugänglichen Assoziationen übertrifft, die der Titel evozieren mag. Das Buch könnte man als eine Feuilletonabfolge, einen Erzählband oder als einen dynamischen Roman bezeichnen. Wesentlich daran ist jedoch eine grossartige literarische Rückkehr in die 50-Jahre in der Tschechoslowakei – die Rückkehr in eine bizarre finstere Epoche, gesehen durch die Optik einer freudvollen Mädchenseele, voll von besten Erwartungen, ob seitens der Eltern, der Grosseltern, der Kameradinnen Lehrerinnen, oder seitens einer Menge von genannten oder nicht genannten Figuren, zufälligen Bekannten oder rigiden kommunistischen Kameraden-Genossen. Die Seele der kleinen Heldin, modelliert durch die Mutterliebe sowie die Liebe ihrer ganzen Familie, nimmt die finstere Welt des sich festigenden totalitären politischen Systems auf eine direkte Art wahr, so wie es das Sediment ihrer ehrbaren familiären Erziehung gebietet. Dies gilt sogar für jene Zeit, als die Mutter plötzlich aus dem Leben der Tochter verschwindet und ins Gefängnis gerät, wie es in jener Epoche vielen widerfahren ist. Die Welt der kleinen Heldin stürzt in diesem dramatischen Augenblick nicht zusammen, vielleicht wird sie bloss ein wenig düsterer, gewinnt eine geheimnisvollere Dimension, und das Entdecken der Welt setzt sich fort. Der Spaziergang durch die wundersame Kindheit schliesst mit dem Tod des Diktators, mit einem plötzlichen Wandel der scheinbar unveränderbaren Zustände und mit der Rückkehr der Mutter aus dem Gefängnis. Der schriftstellerische Erzählfluss aus der Perspektive einer kindlichen Erzählerin ist schon getränkt von der menschlichen und literarischen Erfahrung der Autorin. Diese Kombination gekoppelt mit einer bravurösen Stilistik gibt dem Text mehrere existenziell präsente Schichten und bietet etwa eine humorvolle Lesart mit sarkastischen Hieben und philosophischen Überlegungen an. Eine andere Lesart mag sich auf die traurig-lachhaften Szenen aus dem kommunistischen Systems konzentrieren, die mit nostalgischen Erinnerungen von längst vergangenen Zeiten einhergehen. Doch nicht die Schönheit der wunderlichen Epoche ist verschwunden, sondern die Jugend, und zwar ob sie erfüllt oder unerfüllt, sinnvoll oder chaotisch gewesen war. Irena Brežná hat sich mit einem grossartigen literarischen Text vorgestellt - klug und witzig, nachdenklich und philosophierend über die Kindheit in der Epoche der Unfreiheit. Mit einer leichten Feder führt sie uns in die Zeit voller Absurditäten, gezielter Gemeinheiten, diktierter Ungemütlichkeiten, die in jedem von uns eingeschrieben sind, jedes mal anders. Das Buch kann man immer lesen, egal in welcher Zeit wir leben und egal auf welcher Seite wir es aufschlagen. 
Peter Juščcák, Vorsitzender des Slowakischen Schriftstellerverbandes OSS

REZENSIONEN IN VOLLER LÄNGE

Sozialistisches Lebensgefühl: Aus dem Genre der Tragödie 

 

„…mir gefällt es, täglich den eigenen Willen zu produzieren, mich über das warme Mittelmaß in die Kälte hinauszustrecken und

die klebrigen Fäden der Verachtung, mit denen man mich zurückhalten will, hinter mir zu lassen. Nur beim gemeinsamen Singen will ich nirgendwohin streben, sondern mittendrin bleiben, mich auflösen wie ein großer Zuckerwürfel in Mamas türkischem Kaffee. Kaum sind ein paar Jungen und Mädchen zusammen und setzten sich auf eine Parkbank oder auf die Hintersitze im Bus, schon stimmt einer ein Volkslied an, wir greifen es auf … und der Busfahrer summt mit“. 
Zu welcher Zeit spricht dieses Mädchen? Gewiss nicht heute. Und aus welcher Welt? „Die Mädchen aus unserer Klasse beneiden mich um meine zwölf Puppen und erzählen hinter meinem Rücken, wir seien reich. Sie tuscheln, Mutter schmuggle Gold und Diamanten in ihren hohen Absätzen und das sei der Grund, warum sie ins Gefängnis kam. Und sie erzählen, dass der schmale Raum neben der Küche, wo auf dem Sofa die Puppen und der Teddybär sitzen, mein Zimmer sei. Ein eigenes Zimmer, das klingt unerhört. Dabei liegt in dieser ehemaligen engen Dienstmagdkammer nach dem Mittagessen Großmutter, sie liest "Die Wahrheit" und ihr Lob auf die proletarische Herrschaft, unter der unser Land reicher und gerechter werde, wächst von Jahr zu Jahr“. Diese Passagen stammen aus einem gerade erschienenen Roman der slowakisch-schweizerischen Autorin Irena Brežná und beziehen sich auf die 1950er und 1960er Jahre in der Tschechoslowakei. Die Stimme des Mädchens kommt aus jenem Abschnitt der Geschichte Europas, in dem im östlichen Teil des Kontinents der offizielle Anspruch auf den Aufbau einer sozialistischen – und daher gerechteren (als im Westen) – Gesellschaft erhoben wurde. Es spricht ein von ihr erschaffener Mensch. 
Der bekannte russische Historiker Michail Gefter nannte den inzwischen gut erforschten und viel diskutierten „Stalinismus“, der zwischen dem Beginn der 1930er Jahre und 1953 (dem Todesjahr Stalins) Millionen Menschenleben auslöschte, die „in ihrer Rätselhaftigkeit furchtbarste Erscheinung“ des 20. Jahrhunderts. Das Bekunden des Entsetzens und Staunens gilt dabei nicht in erster Linie dem Ausmaß des Staatsterrors wie auch des gleichzeitigen Denunziantentums in der Bevölkerung, sondern jenem einzigartigen Gemisch an Gefühlen, das diese Epoche charakterisiert. Insgesamt ruft der Rückblick auf den „sozialistischen Menschen“ auch in der Zeit nach Stalin eine gewisse Rat- und Hilflosigkeit hervor. Er bleibt ein anthropologisches Rätsel. Seine stolze und auch blinde Begeisterung für eine noch weit entfernte, aber menschlichere Weltordnung, die einer Verliebtheit ähnelte, und für jene „lichte Zukunft“, für die unermesslich viel Gewalt und Schmerz produziert wurde, sein Glaube an ein utopisches Versprechen, das ihn ergeben machte, eine anerzogene Kameradschaftlichkeit sowie die ergreifende Vision einer nicht näher erläuterten, aber abstrakt begehrenswerten Gleichheit zeichnen die Atmosphäre jener seltsamen Inspiration, in der er lebte und die es noch genauer zu verstehen gilt.

Der großen Mehrheit der historischen oder politikwissenschaftlichen Untersuchungen der sozialistischen Regime in Osteuropa ist es nicht gelungen, die individuelle Grunderfahrung, den alltäglichen Geschmack der sozialistischen Gesellschaft und die Innenwelt der in ihr lebenden Menschen spürbar, fühlbar, für Emotionen und die Sinne heute Lebender nachvollziehbar zu machen. Systematische Aufstellungen bekannter Fakten und (nicht selten nur geschätzter) Zahlen sowie trockene fachliche Definitionen von „Totalitarismus“, „Autoritarismus“ usw. in Nachschlagewerken greifen zu kurz und lassen viele wichtige Fragen offen. Vermutlich sind rein analytische Untersuchungsmethoden nicht wirklich geeignet. Das ausgezeichnet recherchierte, 2008 erschienene Buch „Terror und Traum. Moskau 1937“ des bekannten Osteuropahistorikers Karl Schlögel stellt eine der wenigen Ausnahmen dar. Hier ist es dem Autor gut gelungen, die komplexe und widersprüchliche Atmosphäre der damaligen Zeit in Worte zu fassen. „Terror und Traum“ oder Michail Ryklins geschichtsphilosophisches Buch „Räume des Jubels: Totalitarismus und Differenz“ (erschienen 2002 in Moskau) veranschaulichen bereits in ihren Titeln, dass das sozialistische Lebensgefühl Angst und Schrecken ebenso beinhaltete wie eine von vielen Menschen geteilte visionäre Hoffnung. Dieser beißende Widerspruch zwischen Angst vor dem potenziell allmächtigen Staatsapparat einerseits und der hellen Begeisterung für den so überzeugenden humanistischen Traum vom Sozialismus andererseits bestimmte das spannungsgeladene Leben von vielen Millionen Menschen über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Der Literatur stehen bessere Möglichkeiten zu Gebote als der Geschichtswissenschaft. Beim Stichwort „Stalinismus“ denkt man natürlich zunächst an das Schaffen von Warlam Schalamow und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn, die sich der völligen Entmenschlichung im Gulag widmeten. Michail Bulgakows berühmter Roman „Meister und Margarita“ zeichnete ein eindrucksvolles Bild vom Moskau der 1930er Jahre, vertiefte sich aber vor allem in die Grundfragen menschlichen Daseins, der Liebe und der Schöpfung. Der als grotesk dargestellte sozialistische Alltag diente lediglich als – wenngleich zweifellos wichtige – Kulisse. Unter den großen Werken der russischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts – selbst Zeitgenossen des Sozialismus, seiner Kinder – gibt es noch viele weitere wichtige Abbildungen der damaligen Lebenswelt. Aber danach? „Da lebten wir nun, jung, zornig und begeisterungsfähig, im Inneren des Imperiums der Lüge, und irgendwie mussten wir es überstehen“ – so die Erinnerung eines Zeitzeugen an das letzte Jahrzehnt der Sowjetunion. Das „Irgendwie“ ist hier das Interessanteste. Brežnás „Die beste aller Welten“ präsentiert eine originelle Methode der Annäherung an das Phänomen „sozialistisches Lebensgefühl“ : Der autobiographisch verfasste Roman besteht aus einem Monolog eines Zwölf Jahre alten Mädchens. Ihre Heimat und ihre Umwelt, mit der sie über ein Band der kindlichen Neugier stark verbunden ist und in einer intensiven geistigen Auseinandersetzung steht, ist die sozialistische Tschechoslowakei. Sie kennt ja auch nichts anderes. 
„Meine Familie will, dass ich schwach bleibe, Schwachsein ist nämlich ungefährlich. Ich zwinge mich aber, mit geschlossenen Augen von der Brücke in den Fluss zu springen, und wenn jemand zu Besuch kommt und mich fragt, welchen Beruf ich ergreifen möchte, antworte ich, dass ich Heldin werden will. In einer Jugendzeitschrift finde ich den Satz: Unser Land braucht starke Menschen. Ich schreibe ihn mit großen Lettern in mein Tagebuch. Und morgens gebe ich mir Plansoll und abends rapportiere ich mir selbst, wie ich mein Plansoll übers Ziel hinaus erfüllt habe.“ (S. 22). Anhand von Brežnás Roman kann man zuverlässig die „pädagogische Herangehensweise“ der sowjetischen Ideologie studieren, ihre Logik und Inhalte sowie das ganze Weltbild, das sie im Kopf der „neuen Menschen“ entstehen lassen wollte. Dieses sozialistische Weltbild erkunden wir mit Hilfe eines Kindes, dessen Umgang mit der Welt der Erwachsenen vor allem aus Neugier besteht und das – wie viele Kinder – eine besondere Begabung für das Nachdenken über Träume hat. Wer, wenn nicht ein Kind, kann sich am besten mit einem utopischen Entwurf auseinandersetzen? „Ich bin stets bereit, andere Menschen auf den Weg in ihre Vollkommenheit zu führen, aber sie wollen nur Kinder gebären und nicht sich selbst. Wozu haben uns Kameraden Partisanen mit dem Einsatz ihres jungen Lebens befreit? Bei meinem rückständigen Täubchenvolk gehört die Unvollkommenheit zum Ziel, ja, es gibt gar kein Ziel, die Unvollkommenheit ist das ganze Leben, das keiner Vervollkommnung bedarf. Mein Ziel ist, die Ziellosigkeit, wo immer ich sie finde, zu bekämpfen. Es ist anstrengend, und ich bin mit meinem Ziel allein. Nicht einmal Kameradin Lehrerin, die von fernen Zielen erzählt, hilft mir. Sie schickt mich während des Unterrichts zum Metzger. Es schmeichelt mir, dass sie glaubt, der Unterricht sei überflüssig für mich, und dass ich zu ihrem Abendessen beitragen darf. In der Metzgerei hängt kaum Fleisch, es gibt dort nur Tiergerüche, und ich bringe alle Tiernamen durcheinander und komme mit dem Aufschnitt eines falschen Tieres zurück. Dann schaut mich Kameradin Lehrerin mitleidig an, als wäre ich dumm, dabei hat sie mich mit einer falschen Aufgabe betraut. So warte ich ungeduldig darauf, groß zu werden und großartige Aufgaben zu lösen“ (S. 137).

Die Wahrheit des kindlichen Bewusstseins ist die Methode bzw. das Instrument dieser literarischen Studie darüber, wie sich der Sozialismus „anfühlte“. Wir folgen der aufrichtigen Stimme des Mädchens, seinen kindlichen Auffassungen und direkten, furchtlosen Fragen an die Welt der Erwachsenen. Es deckt den leidenschaftlich ideologiegetränkten Heroismus des sowjetischen Lebens auf und steckt seinen mythischen Rahmen ab. Dieser Mythos erzählt von der Tragödie und ihren Helden, denn er erzählt von Kampf, Revolution und Krieg – und selbstloser Aufopferung. Doch das Mädchen liebt diesen Mythos und vertraut ihm, sie fühlt sich darin geborgen – viel mehr als in der eigenen Familie. Ihre Gedankenwelt zeugt von einer eigenartigen Symbiose mit jenen utopischen Visionen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wird. Sie übernimmt den humanistischen Impetus der herrschenden Idee. Sie vertraut dem Versprechen, dass der Kampf und seine Opfer eine gerechtere und somit glücklichere Welt näher rücken lassen, und strebt solidarisch mit dem Mythos inbrünstig dieses bessere Leben an. Doch den verschiedensten Formen der Gewalt, die im Namen einer besseren Welt immer wieder neue Opfer sucht, stehen kindliche Neugier und Lebenslust gegenüber. Das Mädchen lernt, dass man mutig sein soll, und es zeigt seinen Mut, indem es immer wieder neue Fragen stellt. 
„Man soll täglich fortschrittlicher werden, wie unsere Heimat, die mehr und mehr Fabrikschlote bekommt. So können wir uns selbst versorgen und auch armen Ländern helfen, Fabrikschlote zu bauen. Wenn Kameradin Lehrerin Papier und Farbstifte verteilt, malen wir rote Fabrikschlote, aus denen ein stolzer, schwarzer Rauch steigt. Wird der Himmel über unserer Heimat schwarz und verdeckt er die Sonne, heißt es, dass es uns gut geht und die Industrialisierung vorwärts schreitet und wir keine Sonne brauchen. Wenn ich aus dem Hinterhof die Fabrikschlote sehe, weiß ich, dass ich gut versorgt bin. Kameraden Fabrikproletarier kümmern sich um mich, sie kennen meine Bedürfnisse. Wir haben genug Strom, wir haben viele Flüsse, wir haben Fluten besiegt und Wasserkraftwerke hinter jedem Dorf gebaut. Unsere Flüsse sind gestaut und schmutzig von all den Fabriken, aber nur rückständige Länder haben saubere Flüsse“ (S. 21).

Auch und gerade aus solchen burlesk klingenden Passagen spricht ein von Freiheitsliebe angetriebenes Infragestellen. Das ist ein Verdienst von Brežnás Stil. Man kann nur staunen, wie gut sie die Spur des kindlichen, stets mit Scharfsinn verbundenen Zweifels zwischen den Zeilen hörbar macht. „Was westlich unserer Grenzen liegt, nennen wir draußen. Draußen herrscht Ungerechtigkeit, Armut, Chaos, all das, was drinnen keinen Platz hat. Drinnen ist es gemütlich. Es könnte vorkommen, dass unsereins von dem wahnsinnigen Durchzug da draußen wahnsinnig wird und nicht mehr zurückkommt. Dem beugt unser Staat vor, er lässt nur liebende Mütter und Väter ausreisen und behält ihre Kinder zurück. Die Elternliebe ist von Natur aus wie ein Gummiband, das die Eltern von alleine nach Hause schleudert. Zum Reisen braucht man einen Pass, der im Büro hinter Gängen, Türen und Glasschaltern ausgestellt wird. Mutter nutzte die Schwäche unseres Volkes aus, um ihn schnell zu kriegen. Sie stellte am Schalter eine ausländische Kognakflasche hin und sagte fröhlich, was damit zu tun sei: Kameradinnen und Kameraden, trinken Sie auf meine Gesundheit! Mir gefallen Mamas eigennützige Verführungen unseres Volkes gar nicht. Ich will die Wurzeln der Trinksucht, die in die finsteren Zeiten der tausendjährigen Unterdrückung reichen, ausreißen, ich will durch die Dörfer gehen und in den Kneipen nüchterne Reden halten.“ (S. 143).

Der Sozialismus verkündete unablässig, dass man die Welt verbessern kann. Genau das will auch dieses Mädchen, auch wenn diese Welt ihren Talentiertesten und Fähigsten immer wieder das Leben nahm oder es zumindest erheblich erschwerte. Das sozialistische System schuf eine Art Mensch, der fest an das Vermögen glaubte, die Welt gemeinsam besser, friedlicher, gerechter und glücklicher zu machen. Allerdings gerieten dann oft gerade jene unter die Räder des Systems, die am tiefsten an seine Maximen geglaubt hatten und ihnen tatkräftig folgen wollten. Der Sozialismus erzog seine Bürger zur aktiven Teilnahme an den Weltangelegenheiten – und praktizierte doch gleichzeitig eine systematische Unterdrückung jeder freiheitsliebenden und nicht systemkonformen schöpferischen Regung. Darin besteht die „sozialistische Tragödie“. Man fühlt sich an die Standarddefinition der Tragödie erinnert, die durch das „Scheitern des Protagonisten“ gekennzeichnet ist, der „zwischen Extremen gefangen“ bzw. dessen „Gefangenschaft ohne Ausweg“ sei. Unabhängig davon, wie er sich „verhalten wird, er wird scheitern. Diese faktische Unterlegenheit unter das Schicksal wird in der Tragödie kombiniert mit dem Wissen um diese Unterlegenheit. Der Held weiß, daß er scheitern muß, sein Aufbegehren gegen das Schicksal – denn er versucht ja zumindest, das Unglück abzuwenden – wird so besonders tragisch“ . Die „Erziehung zur Begeisterung“ sollte dazu führen, dass sich die Menschen freiwillig für den Sozialismus entscheiden, nur für ihn fiebern und sich im Bedarfsfall für ihn auch aufopfern. Die ideologische Bearbeitung und politische Versklavung hatten, so kurios es auch klingen mag, Freiwilligkeit zum Ziel. Man beanspruchte, das Beste im Menschen zu wecken und zu pflegen und ihn mit einem humanistischen Traum zu locken, um sein freiwilliges Ja zum sozialistischen System zu erlangen. Begehrt wurde also die freie bewusste Wahl – allerdings de facto der Unfreiheit. Die Geschichte des Sozialismus entschied sich somit im Inneren des Menschen; der eigentliche Kampf fand eben dort statt. Im kompliziert verwobenen Spannungsfeld zwischen den beiden Maximen Freiheit und Unfreiheit gingen einige Generationen Sowjetmenschen ihren Lebensweg.

Dieser paradoxe Umstand ließe sich mit dem Satz „Es lebe der freie schöpferische Wille zur Unfreiheit!“ beschreiben. Die tragische Herausforderung war auch der Traum selbst. Er hatte die Macht der Wahrheit. Die Utopie von Glück und Gerechtigkeit galt vielen als eine reelle Möglichkeit und gestaltete ihr Leben ganz entscheidend mit. Traum und Utopie wurden zu einem berauschenden, gleichzeitig aber auch quälenden Bestandteil ihrer Seelen. Es war eine Gesellschaft, die aus einem lichten Traum und jubelndem Ausgerichtetsein auf die Zukunft eine Pflicht zur Aufopferung jedes Einzelnen ableitete und damit die Tragödie jedes einzelnen Menschen, der in einem „letzten Kampf“ zwischen Gut (Sozialismus, Fortschritt, Gerechtigkeit etc.) und Böse (Kapitalismus, Rückständigkeit, Unterdrückung etc.) steht, zu einem Normalfall erklärte. Es ist kaum verwunderlich, dass zu jenen Zeiten die Menschen ihre Lebenswege besonders leidenschaftlich und widersprüchlich erlebten und sich gerne in Fragen des Daseins vertieften. Man konnte in einem solchen Leben glücklich sein. „Mein sicheres Versteck sind meine Gedanken. Sie werden immer mehr, marschieren durch mich hindurch, singen und vereinen sich, und ich winke ihnen von der Tribüne aus zu. Ich habe unendlich viel Raum für sie, weite Plätze der Großen Siege. Hätte ich nur Mehl und Zucker im Kopf wäre ich arm dran. Liege ich krank im Bett, stehen mir meine Gedanken bei. Ich lasse sie weder durch Mehl noch Salz verdrängen, ich hüte sie, sitze auf ihnen wie unsere Hennen auf ihren Eiern. Ständig schlüpfen neue aus, ich schare sie um mich, füttere sie, sie werden größer und brüten eine neue Generation aus, und ich bin ihre Großmutter“ (S. 28). Dieses Mädchen sieht sich als geachtete und besorgte Großmutter, die auf einer Tribüne steht und den jubelnden Menschen zuwinkt, die, zu akkuraten Quadraten formiert, vorbeiziehen. In der Phantasie versöhnen sich verschiedene Lebenswelten, so einerseits archaische Gebräuche und andererseits das Bild des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei auf der Tribüne eines Mausoleums eines toten Staatsgründers. Die Totalität der Macht des utopischen Entwurfs wurde eben nie erreicht; für das neugierige heranwachsende Bewusstsein eines Kindes gab es immer viele ineinander verschränkte Welten.

Auch für das Humorgefühl ließ die sozialistische Realität reichlich Raum, was die zahlreichen überlieferten treffenden Witze der damaligen Zeit, aber eben auch Brežnás Roman dokumentieren. Ich habe darin zu meinem großen Erstaunen ein gelungenes Porträt der feinen Nuancen meiner eigenen „sozialistischen Kindheit“ wieder erkannt und nachgefühlt. Brežná zeichnet gekonnt die kindliche Lebenslust und die neugierige Leidenschaft für die Freiheit, mit denen sich das Mädchen in der sozialistischen Welt mit ihren tragischen Widersprüchen auseinandersetzt. Aber auf vielen Seiten des Buches spricht auch ein völlig politisch unberührter Mensch, ein gewöhnliches Kind mit allen seinen typischen Sorgen und Freuden. Das gab es in der sozialistischen Welt auch. Ich habe im Alter von 17 Jahren den Untergang der Sowjetunion erlebt – eines Staates, der noch wenige Jahre zuvor für die Ewigkeit gebaut schien. Das bedeutete auch das Ende einer ganzen Epoche, der dieser Staat ganz maßgeblich seinen Stempel aufgedrückt hatte. Es war überwältigend, im Epizentrum eines historischen Erdbebens zu stehen, und zu verfolgen, wie Geschichte „zum Greifen nah“ gemacht wird. Das sozialistische Experiment in Osteuropa ist zwar beendet, doch der rätselhafte Schatten des Sowjetkommunismus liegt bis heute auf vielen Menschen und Ereignissen. 2005 bezeichnete der russische Präsident Wladimir Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Diese Einschätzung ist fatal. Weder für Georgien noch für die Ukraine oder die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen, noch für Deutschland oder die Slowakei bedeutete das Verschwinden der UdSSR und ihrer Lebenswelt eine solche „Katastrophe“. So genannte Experten streiten seit Jahren um die Frage, ob es für Russland eine war. Sie verdrängen damit aber die viel wichtigeren Fragen, warum die UdSSR zerfiel und ob sie das 20. Jahrhundert überhaupt hätte überleben können. Die in den nostalgischen Worten Putins enthaltene Illusion zeugt davon, dass manche sowjetische Denkarten intakt sind, aber auch, wie wenig die sowjetische Gesellschaft als Phänomen bis jetzt verstanden wurde – und zwar nicht in „geopolitischer“ Hinsicht, sondern als Lebensgefühl oder sogar als „Tragödie“.

Bemerkenswert, wie heute die Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit geartet ist: Die sowjetische Erfahrung gleicht aus der Perspektive des Rückblicks der Erfahrung einer Naturgewalt. Die politische und menschliche Katastrophe des Staatsterrors kommt im kollektiven Gedächtnis wenn überhaupt, dann entindividualisiert vor, d.h. ohne konkret Handelnde. Das findet seinen Ausdruck etwa in der künstlerischen Gestaltung von Denkmälern, mit denen an manchen Orten Russlands den Opfern des Stalinismus gedacht wird. Die Epoche, die diesen Menschen das Leben nahm, gilt als dunkle und blinde Naturgewalt, an die man dann auch keine Fragen richten kann. Kaum jemand fragt „warum?“, „wozu?“, „wer?“ oder „mit welchem Recht?“. Gegen Ende der 1980er Jahre verflüchtigte sich der Traum vom Aufbau eines „neuen Menschen“ und der „besten aller Welten“. Das Pathos der schöpferischen Energie und ambitionierten Utopien hinterließ kaum eine sichtbare Spur in der kollektiven Erinnerung jener Gesellschaften, die einst davon angetan schienen. Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Knoten des von den sozialistischen Systemen hervorgebrachten Widerspruchs im Bewusstsein mancher postsozialistischer Menschen noch nicht gelöst worden ist; das „Ende der Illusion“ (François Furet) schmerzt nach wie vor. Die Frage „Was war das mit uns?“ bleibt offen. Und die scharfsinnigen, witzigen und von Liebe zum Leben zeugenden Überlegungen des Mädchens aus „Der besten aller Welten“ suchen eine heilsame Antwort auch auf diese Frage. 
Anna Schor-Tschudnowskaja, Europäische Rundschau, 2009/3, Wien

 

 Die beste aller Welten 

 

Wie ergeht es einem Kind, wenn ihm die Mutter weggenommen wird und doch alles angeblich zum Besten steht? Irena Brežná erzählt eine Geschichte, die zum Teil ihre eigene ist. Aufgewachsen im realen Sozialismus der Slowakei, wo ihre Mutter nicht mehr leben wollte und dafür büßen musste. 
1968 brach sie auf aus der Slowakei, ging in die Schweiz und machte seither in ihren Reportagen und Berichten immer wieder das zum Thema, was andere nicht wichtig fanden – die kleinen Schicksale, vor allem der Frauen des Ostens und der Länder, die von Gewalt beherrscht werden. Eine "Sammlerin der Seelen" wurde sie dafür genannt, und wenn sie erzählt, teilnehmend, warmherzig und irgendwie zart, dann übernehmen wir diese Bezeichnung. 
Nun hat sie mit "Die beste aller Welten" einen Roman geschrieben, um von einer solchen Seele aus der Innenperspektive zu erzählen: Ein Mädchen, das wörtlich nimmt, was ihm gesagt wird. Es ist fast wie im Schelmenroman, und für uns schlägt es um in beißenden Sarkasmus, wenn die neunjährige Jana noch immer glaubt, ihre Welt sei die beste. 
Nicht ohne Hintersinn hat Irena Brežná das bekannte Zitat als Titel für ihr Buch gewählt, mit dem Voltaire den Optimismus des Barock ironisierte. Irena Brežná benutzt die Sichtweise des Kleinen, des Schelms, der zusieht, wie die Welt regiert wird und wie wenig die Worte, wenn man sie wörtlich nimmt, dazu passen. Und wie es sich anfühlt, wenn die festen Grundsätze mit einem Mal nicht mehr gültig sind. "Freiheit kommt mit der Unvollkommenheit" und mit deren Eingeständnis, sagt uns die Autorin im Gespräch.Wir haben Irena Brežná in München getroffen, in einem der schönen Cafés, die in diesen kalten Tagen erst recht schön sind.

Von Rudolf von Bitter Bayerisches Fernsehen, LeseZeichen, Das Literaturmagazin 

Mut zum Leben 
 
Man erinnert sich an Fräulein Jennie, die junge Hundedame aus der Kindergeschichte von Maurice Sendak: Obwohl sie alles hatte, brach sie in die Welt auf, weil sie dachte, es müsse im Leben mehr als alles geben. Sie bewirbt sich als Hauptdarstellerin in Frau Hules Welttheater, und nach vielen Abenteuern, die Prüfungen der Ahnungslosen sind, erweist sie sich als geeignet für die Rolle ihres Lebens. Da gibt es Ähnlichkeiten mit Jana, der elfjährigen Hauptfigur des Romans «Die beste aller Welten» von Irena Brežná, der Schweizer Reporterin und Schriftstellerin slowakischer Herkunft. Auch Jana begnügt sich nicht mit dem Gewohnten. Während Mutter und Grossmutter den Staub von gestern aus ihren Orientteppichen klopfen, präsentiert sich die Ich- Erzählerin gleich auf der ersten Seite der tagebuchartigen Aufzeichnungen den Hinterhofkindern an der Teppichstange als Artistin. In der slowakischen Übersetzung, die bereits zu Jahresbeginn erschien, erfahren wir schon hier, was das Original erst später verrät: «Eines Tages werde ich Pirouetten auf einem selbstgeknüpften Wortseil drehen.» 
 Jana weiss, was sie will - und sie ist erfinderisch. Als nächste Nummer lässt sie Hennen aus dem ersten Stock in den Hof flattern, zum Missfallen ihrer Grossmutter, die um die Eier fürchtet. «Die Hennen aber haben Flügel, darunter ist ihr Drang zum Fliegen versteckt.» Das wiederum interessiert die flügge werdende Jana brennend. Sie will nämlich eine Heldin werden. Mit diesem Argument hält sie sich zugleich lästige Hausarbeiten vom Leibe, denn eine künftige Heldin erwarten andere Aufgaben als die Versorgung von Mann, Kindern und Haushalt. 
Klug ist die kleine Jana, gewitzt und, wenn es sein muss, resolut (gegenüber ihrem aggressiven Bruder). Auch ist sie privilegiert, denn in ihrer bürgerlichen Familie fehlt es ihr an nichts. Ihre Schulkameradinnen in der slowakischen Kleinstadt beneiden sie sogar um ihre attraktive Mutter. Doch da ist eine andere, tiefdunkle Seite, denn Janas Geschichte spielt Anfang der sechziger Jahre vor dem realen Hintergrund der persönlichen, teilweise tragischen Kindheitserlebnisse der Autorin. Gesellschaftlich sind es die hektischen Aufbaujahre der kommunistischen Tschechoslowakei mit den Auswüchsen des Personenkults und einer massiven Propaganda, privat die zweischneidige Existenz als «bürgerliches Element» in einem sozialistischen Land und die traumatische Erfahrung des plötzlichen Verschwindens der geliebten Mutter - im Gefängnis, wie das Kind im Streit von einem Mitschüler erfährt. «Die beste aller Welten» ist also ironisch zu verstehen, so wie in Voltaires «Candide», dem der Ausdruck entlehnt ist. Für Jana indes, die ihre geistigen und körperlichen Kräfte entdeckt, an inneren und äusseren Widerständen wächst und selbst den Verlust ihrer allernächsten Bezugsperson bravourös meistert, gilt er ein Stück weit ungebrochen. Die Abwesenheit der Mutter verursacht nicht nur Leid, sondern bietet dem Mädchen auch die Chance zur ungestörten Reflexion. Jana wird zur «Sammlerin der Gedanken», die sie immer bewusster und schöpferischer handhabt. Am sozialistischen Weltbild, das dem Kind vor allem von seiner Lehrerin als anerkannter Vertrauens- und Respektsperson vermittelt wird, gefällt Jana die Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten sowie das emanzipatorische Moment, besonders im Hinblick auf Frauen. Diese Ideale bestimmen ihre Beurteilungskriterien und moralischen Massstäbe, die sie konsequent an sich selbst und ihre Umwelt anlegt. «Ich will es nicht bequem haben», schreibt sie. Mit ihrer kindlichen Logik enthüllt die junge Heldin Schwächen, Widersprüche und Lügen ihrer Umwelt, wobei sie oft verblüffende eigene Schlüsse zieht. So deduziert sie aus Worten der Lehrerin, dass Kranke nicht in das herrschende fortschrittliche System passen. Dann wiederum versöhnt sie mühelos ideologische Gegensätze in dem Gedanken, dass die Menschen mutterseelenallein wären, wenn es nicht Gott und Proletarier gäbe. 
Als am Ende die Mutter überraschend wieder da ist («so schön und auch so fremd»), kann Jana plötzlich das Unglück als «die Vorstufe eines grossen Glücks» sehen. Die erlittene Erfahrung, die glücklich endet, hat ihr Urvertrauen in die positiven Kräfte des Lebens so gestärkt, dass sie kühn erklärt: «Ich begrüsse das Schreckliche, es ist dazu da, das Schöne noch schöner zu machen.» Die kleine Weltverbesserin und Überlebenskünstlerin macht anderen Mut, ihre Rolle des Lebens zu suchen, etwas dafür zu wagen und sich nicht mit dem ersten Besten zufriedenzugeben. 
 Irena Brežná hat in Gesprächen betont, sie hätte ihren Roman ohne die Erfahrung des Prager Frühlings 1968 mit dem darauffolgenden Exil und ohne die historische Genugtuung durch die sanfte Revolution von 1989 nicht mit so viel Leichtigkeit und Humor schreiben können. Geschickt setzt sie die kindliche Perspektive ein, doch benutzt sie keine Kindersprache. Jana verkörpert die authentische Stimme der Autorin. Sie ist wie ein Spiegel, den ihre Erfinderin schleift, poliert, dreht, wendet und der Gesellschaft vorhält - nicht zuletzt ihrem Herkunftsland. Eine Besonderheit im Roman ist die durchgängig verfremdende Umschreibung von Realien der historischen Zeit, die dadurch offengehalten wird für eine allgemeinere Deutung. Irena Brežnás Roman ist ein lesens- und liebenswertes Buch, in dem es viel Schönes, Kluges und Menschliches zu entdecken gibt. 
Angela Repka, NZZ

Jetzt müssen wir nur noch glücklich sein 

Wie hat man sich die „beste aller Welten“ vorzustellen? Wohl kaum so, wie es im Roman der slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin Irena Brežná vorkommt: nämlich als arbeits- und entbehrungsreiches Leben im (tschecho-slowakischen) Realsozialismus der 60er-Jahre. Dennoch glaubt die Protagonistin fest an diesen: an die treue Freundschaft des kleinen Landes zum großen, beschützenden Bruder, an den gemeinsamen Feind jenseits des Ozeans und an die Solidarität der Proletarier. Immerhin, so muss relativierend angemerkt werden, ist die Ich-Erzählerin Jana erst elf Jahre alt. Dementsprechend naiv und einfach sind ihre Perspektive und Sprache: „Schade, der Krieg ist vorbei, auch die Große Revolution ist vorbei, und unsere Proletarier sind schon frei. Alles Wichtige ist getan, wir müssen nur noch glücklich sein, und das ist furchtbar schwierig.“ Die gesellschaftspolitischen Bezüge bleiben in den propagandistischen Metaphern stecken, wie sie das Mädchen von der „Koameradin Lehrerin“ tagtäglich vorgesetzt bekommt. Jana hält sich daran fest wie am letzten Strohhalm, wird sie doch ständig von der subversiv agierenden Mutter und dem bürgerlichen Vater sowie der an der alten Gesellschaftsordnung festhaltenden Großmutter in ihrer vorbildlich proletarischen Haltung erschüttert. Als die Mutter aufgrund ihrer Fluchtpläne inhaftiert wird, setzt in Jana ein Bewusstwerdungsprozess ein, der sie zwischen die Weltbilder geraten lässt. Dies findet seinen Ausdruck in sprachlichen Kippbildern, die mit der Mehrdeutigkeit der Worte spielen, wörtlich nehmen, wo allegorisch gesprochen wird, und allegorisch sprechen, wo die Wahrheit tabu ist. 
Der Till-Eulenspiegel-Effekt ist dadurch vorprogrammiert. Die Kluft zwischen verkündeten Worten und unterlassenen Taten wächst in Janas Wahrnehmung wie ihre Kritik am eigenen Volk, das sie liebevoll „Täubchenvolk“ nennt. Wo sie seinen Fatalismus, die mangelnde Willenskraft, die Ziellosigkeit und Resignation anprangert, büßt die ansonsten erstaunlich konsequent durchgehaltene Perspektive einer Elfjährigen an Glaubwürdigkeit ein. Jana muss an das totalitäre System glauben, denn sie weiß es nicht besser. Durch die Versuche, es mit der Logik eines Kindes zu begreifen, bekommt ihr proletarisches Bewusstsein Risse: „Wir sind ein kleines Land mit einem großen Freund. Ich kann es allerdings kaum glauben, dass ein Großer einen kleinen Freund nötig hat. (…) Wir lernen in der Schule die große Sprache, denn Freunde soll man verstehen, umso mehr, wenn man ihnen nicht traut.“ Mit Logik ist gleichgeschalteten Systemen nicht beizukommen, mit einem gesunden Misstrauen gegenüber den Mitmenschen, hinter denen Denunzianten stecken könnten, schon eher. Ein Jahr sitzt Janas Mutter in Haft. Es ist rührend, wie die Tochter mit der Abwesenheit umgeht, wie sie die widerspenstige Mutter aus ideologischen Gründen erst skeptisch betrachtet, im Laufe dieses Jahres aber immer besser zu verstehen lernt – auch deshalb, weil Jana beginnt, zu einer Frau heranzureifen. War ihr das kokette Verhalten ihrer schönen Mutter zuvor peinlich, erkennt sie nun, dass die „Waffen der Frau“ durchaus politischen Zwecken dienen und selbst fest verschlossene Gefängnistüren öffnen können. In einschlägig ideologisierter Wortwahl beginnt sie über das Verhältnis der Geschlechter nachzudenken: „Bei uns denken die Männer weiterhin wie ehemalige Grundbesitzer, als gehörten ihnen die wichtigsten weiblichen Körperländereien. Wenn ich groß bin, werde ich die Gutsbesitzer enteignen.“ Mit der Mär der Gleichstellung der Geschlechter im Realsozialismus wird hier gehörig aufgeräumt. 
Irena Brežná, die selbst 1968 aus der Slowakei in die Schweiz emigrierte und schriftstellerisch in der deutschen Sprache verankert ist, ist bisher vor allem durch Reportagen über Mittel- und Osteuropa hervorgetreten. In ihrem ersten Roman „Die beste aller Welten“ versteht sie es, eine naive Sichtweise ideologiekritisch zu nutzen, ohne dabei direkt anzugreifen. Das stellt sie in eine Reihe mit Imre Kertész und Herta Müller. Den Roman als „leichte Lektüre“ zu bezeichnen, wie dies der Verlag tut, wird dem Buch nicht gerecht. Mag die einfach gehaltene Sprache auf den ersten Blick auch leicht wirken, so sind darin doch überaus komplexe Gedankengänge verpackt, die ein Lesen auf mehreren Ebenen erfordert. Salopper formuliert: selten einen gedanklich so dichten Prosatext gelesen, der mit einer so einfachen und zugleich schönen Sprache daherkommt. 
Alexandra Millner im Falter : Buchbeilage 42/2008

 
Lehrjahre einer Revolutionärin 
 
In Irena Brežnás Roman «Die beste aller Welten» wünscht sich ein Kind für die Welt nur das Beste. Damit wiederholt es ungewollt die Parolen der Regierung. Doch meinen beide dasselbe? «Wie könnte ich von meinem Hinterhof aus die Wende in der Welt einleiten?» Dieser Wunsch zeugt von hohen Ambitionen. Jana, die kindliche Erzählerin, glaubt an Ideale. Sie möchte Partisanin sein, und Revolutionärin. Was die Kameradin Lehrerin spricht, fällt bei ihr auf fruchtbaren Boden. Regierungsparolen klingen wie kindliche Zaubersprüche.  Aber Jana hat es nicht leicht. Der Klassenfeind ist Teil der Familie. Die Mutter besitzt einen Hang zu bourgeoisem Flitterkram und kommt ins Gefängnis. Der Vater, ein Anwalt, gibt sich kritisch und wird auf den Bau geschickt. Hier lernt er das richtige Leben kennen, denkt Jana, und die Proletarier, die in diesem Land frei sind. Mutter spricht immer wieder davon, dass sie gemeinsam weggehen würden in jenes Land hinter dem Meer, von dem die Kameradin Lehrerin sagt, dass es dort keine Freiheit und keine Arbeit gebe, dafür Ausbeuter. Jana träumt lieber von den Helden der Revolution. Ihnen will sie beim «Aufbau der Heimat» nacheifern. Trotz allem aber liebt Jana ihre Eltern. 
«Ich bin eine Sammlerin der Gedanken», sagt sie. Mit der träumerischen Wachheit eines naseweisen, manchmal auch altklugen Mädchens registriert Jana, was vor sich geht - vor allem das Ungereimte. Sie beginnt die Lücke zwischen den schönen Parolen und dem wirklichen Alltag zu entdecken, und gerät dadurch selbst in Widersprüche. Unbedingte Heimatliebe verträgt sich nicht mit dem Gefallen daran, «täglich den eigenen Willen zu produzieren». Die in Basel lebende Autorin Irena Brežná fokussiert ihren Roman ganz auf Jana, die mit ihrem direkten Erzählton ein buntes Tohuwahobu von Anekdoten, Fantasmen und Parolen entwirft. Indem Jana mit natürlicher Naivität diese Parolen ernst nimmt und für sich wiederholt, erzeugt sie ungewollt eine ironische Distanz. Oder erfüllen sich die hehren Ziele von Freiheit und Gleichheit tatsächlich beim Schlangenstehen für Toilettenpapier? 
Diskret signalisiert der Roman, dass er in den 1950er Jahren in einem Land gleich östlich des Eisernen Vorhangs spielt. Irena Brežná selbst hat Jahrgang 1950 und wurde in der Slowakei geboren. «Die beste aller Welten» schlägt einen gewitzten, leichten Ton an, der aus der Perspektive des Mädchens jegliche Tragik in sich aufsaugt. Hin und wieder mutet die Autorin ihrer Heldin etwas zuviel zu, wenn diese aus der kindlichen Perspektive heraus fällt, doch sie fängt sich meist gleich wieder. Übers Ganze bleibt sie ein liebenswerter Seismograph für ein politisches System, dessen reale Widersprüche Jana zielsicher erahnt und ausplaudert.

Von Beat Mazenauer, SFD 

 Ankunft im Paradies 

Irena Brežná, 1950 in Bratislava geboren, schildert auf tragikomische Weise ihre Jugendjahre im Zeichen der kommunistischen Diktatur. 

Jana ist elf Jahre alt, lebt in der Obhut ihrer Grossmutter, mag ihren verwöhnten Bruder nicht ausstehen und spielt lieber mit den Kindern im Hof. Ihr Vater, ehemals Anwalt, gilt in den Augen der staatstragenden Macht als «bürgerliches Element» und muss umerzogen werden; zusammen mit den Proletariern baut er Brücken und trägt graue Arbeitskleidung. Eines Tages verschwindet die Mutter, die sich immer geschminkt und herausgeputzt hat und sich in entscheidenden Momenten auf eine lebensrettende Kunst des Flirtens verstand. Seit diesem Tag darf man nicht mehr von ihr sprechen. Erst durch Zufall vernimmt das Mädchen, dass sie wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs ins feindliche Ausland im Knast sitzt. «Nichts, was hier gesprochen wird, darfst du in der Schule weitererzählen», hat man Jana zu Hause gewarnt. Dabei stiftet «Kameradin Lehrerin» ihre Schülerschar zum Denunziantentum an. 
So lebt Jana in zwei Welten: «Im Kopf habe ich eine Trennwand errichtet, rechts leben Familienworte und links Schulworte (...). Werde ich übermütig oder müde, fällt ein Wort in die falsche Welt hinaus, und diese Spur könnte Mama ins Gefängnis geführt haben.» Natürlich überfordert diese Situation das Mädchen; seine Schuldgefühle liegen im Streit mit dem Wunsch, eine sozialistische Heldin und Patriotin zu sein, wie es «Kamerad Präsident» propagiert. Denn die politischen Parolen, die im roten Paradies verkündet werden, sickern in ein junges Wesen ein, das nach Idealen verlangt. Doch «es ist nicht leicht, in einem glücklichen Land zu leben . . .». Früh erkennt das gewitzte Mädchen: «Mein sicheres Versteck sind meine Gedanken.» Es gönnt ihnen viel Raum, «weite Plätze der Grossen Siege», und es winkt ihnen von der Tribüne aus zu, während sie ihre Paraden abhalten. 
Eigentlich drängt hier ein grundtrauriger Stoff zur Gestaltung, aber wie Irena Brežná ihn anpackt, verschlägt einem bisweilen den Atem. Unter Tränen lachend, mit umwerfender Komik und bedrückender Leichtigkeit lässt sie die Welt einer hellwachen Elfjährigen erstehen. Fast immer vermag sie die kindliche Perspektive einzuhalten; nur ab und zu schleicht sich ein Begriff ein, der über den Horizont des Mädchens hinausragt. 
Aber in welcher Fülle spinnt diese Elfjährige Assoziationen, die sich nun durch den Text wie ein breiter Strom ziehen. Hätte die Autorin Kapitelüberschriften setzen sollen, um dem Text eine offensichtliche Struktur mitzugeben? Nein, sie will die Lesenden frei und ungebändigt hierhin und dahin ziehen, vom vermeintlichen Paradies ins alltägliche Fegefeuer. Alle Erinnerungen kleidet sie in treffsichere Bilder, sodass ein hinreissendes Panoptikum ihrer kommunistisch-bürgerlichen Doppelkindheit ersteht.

Beatrice  Eichmann-Leutenegger, Der Bund


Die Sammlerin der Gedanken 

 

Irena Brežná ist als Autorin von Reportagen aus Osteuropa bekannt geworden. In ihrem ­ersten Roman, der autobiografische Züge trägt, erzählt sie von einer Jugend in der sozialistischen Slowakei. 
Der Vater war Anwalt und wird als bürgerliches Element zum Brückenbau abkommandiert. Die schöne Mutter interessiert sich nur für ihre Wirkung auf Männer. Sie ist zwar proletarischer Herkunft, gilt aber als Überläuferin. Denn: «Proletariertum ist eine komplizierte Sache, man kann es durch einen nicht proletarischen Beruf verlieren und eine Frau durch Heirat.» Die Grossmutter ist noch in der ­alten Zeit verhaftet, sie zieht Hühner auf, pflegt den Garten und geht zur Kirche. Zwischen ihnen und einem brutalen, unsympathischen Bruder wächst Jana auf. In der Schule lernt sie, dass Kamerad Präsident sich für alle aufopfert und dass sie zur ersten Generation der neuen humanen Zeitrechnung gehört. 
Mit augenzwinkernder Naivität erzählt Irena Brežná von ihrer Kindheit in der sozialistischen Slowakei und vermittelt damit anschaulich die gespaltene Situation eines Mädchens, das sich zwischen verschiedenen Ideologien zu einer eigenen Haltung durchkämpfen muss. Die Autorin ist 1950 in Bratislava geboren und lebt seit 1968 in Basel. Als sie mit achtzehn Jahren «emigriert wurde», wie sie einmal sagte, verlor sie ihre Muttersprache und das Ziel ihres Kampfes, denn sie war damals bereit, sich den sowjetischen Panzern entgegenzustellen. Sie verlor aber nicht ihren Kampfgeist und schärfte mit der deutschen Sprache ihre Fähigkeit zur ­Analyse. So wurde sie zu einer wichtigen Reporterin für osteuropäische Themen, reiste etwa mehrfach nach Tschetschenien und veröffent­lichte 2003 ihren Reportageband «Die Sammlerin der Seelen». 
«Die beste aller Welten» ist Brežnás erster Roman und stark autobiografisch geprägt. Ihre Heldin Jana wird zur «Sammlerin der Gedanken», denn sie muss lernen, diese für sich zu behalten. «Kameradin Lehrerin» fordert die SchülerInnen auf, zu melden, wenn jemand in der Familie kein proletarisches Bewusstsein hat. Das muss Jana ebenso verschweigen wie der Familie gegenüber ihren glühenden Wunsch, eine proletarische Heldin zu werden. Mit Begeisterung trägt sie das rote Halstuch der jungen PionierInnen und will nichts wissen von den Waffen einer Frau, mit der sie - geht es nach ihrer Mutter - kämpfen lernen soll. 
Ziemlich allein sitzt Jana zwischen allen Stühlen. Das wird noch schlimmer, als die Mutter ins Gefängnis kommt, weil ihre Fluchtpläne durchgesickert sind, woran Jana sogar schuld sein könnte: «Im Kopf habe ich eine Trennwand errichtet, rechts leben die Familienworte und links Schulworte. Es gibt zwei Welten und zwei Sprachen, und ich gehe täglich wie eine Doppelagentin hin und her. Werde ich übermütig oder müde, fällt ein Wort in die falsche Welt hinaus, und diese Spur könnte Mama ins Gefängnis geführt haben.» Von da an wird das Schweigen noch mehr zum Diktat. 
Es war zu jenem Zeitpunkt, berichtete Irena Brežná, als sie anfing zu schreiben, sie floh in eine Welt der Märchen. Aber ihre Romanheldin lernt auch, auf Distanz zu den diversen Weltanschauungen zu gehen, während sie sich durch die schwierige Pubertät kämpft. Jana fühlt sich zwar solidarisch mit ihren Schul- und SpielkameradInnen, aber zugleich spürt sie eine tiefe Verwandtschaft mit der Grossmutter, die unbeirrt in ihrem eigenen altmodischen Zeitrhythmus lebt und die Hektik der Jungen ablehnt. Vor allem Janas Mutter rennt der Zeit hinterher, aus Angst, alt zu werden und etwas zu versäumen. Sie besitzt eine Strickmaschine, an der sie emsig Pullover, Schals und Mützen produziert. Das sind ihre Tauschmittel, mit denen sie alles bekommt, was sie will. So muss Jana zum Hinterausgang des Ladens schleichen, um dort das Fleisch abzuholen, während die «Kameraden Proletarier» Schlange stehen. Das ist ihr ebenso peinlich, wie wenn die Mutter am Elternabend mit dem Rektor flirtet oder sie in den Kleidern aus Westpaketen zur Schule muss. Als Janas Mutter von ihrer Tochter fordert, loyal zu ihr zu stehen, wenn sie mit dem Vater streitet, wird Jana bewusst, dass sie nur ihren eigenen Gedanken vertrauen kann und nur sich selbst gegenüber loyal sein will. 
Die Worte, die Brežná damals sorgsam in der einen Hälfte ihres Kopfes verstecken musste, hat sie für sich bewahrt, und so kann sie heute die sozialistische Diktatur anhand ihrer Sprache vorführen. Sie tut das mit Lust an den Absurditäten, die sich daraus ergeben: «Es ist eine bürgerliche Unsitte, Trinkgelder zu geben, unsere Kameraden Kellner haben angemessene Proletarierlöhne und trotzdem sind sie zufrieden, wenn Vater sie mit Almosen beleidigt.» Brežnás Roman ist keine Abrechnung mit dem real existierenden Sozialismus; sie erinnert sich durchaus an die Aufbruchstimmung und an glückliche Momente - nicht nur an das vorgeschriebene Glück.

Eva Pfister, Die Wochenzeitung

Irena Brežná: Die beste aller Welten 

Jana, die 11-jährige Ich-Erzählerin lebt in einer (wahrscheinlich) slowakischen Stadt der 1960er Jahre. Ihre Welt ist voller Widersprüche: In der Schule erfährt sie vom Elend der versklavten Arbeiter im Kapitalismus, im Familienkreis trauert man den verlorenen grossbürgerlichen Privilegien nach. Die „Kameradin Lehrerin“ bedauert die armen Geschlechtsgenossinnen in den Feindesländern, weil sie ein unterdrücktes Dasein als Hausfrauen oder Prostituierte fristen müssen, während die Mama erklärt, eine Frau ohne Sexappeal sei übel dran. Die Oma wiederum ist in religiösen Fragen ganz anderer Ansicht als der Staatsapparat. Der fortschrittlich-sozialistisch gestimmten Jana ist die reaktionäre Verwandtschaft peinlich, aber als ihre Mutter verhaftet wird, geraten die eingeimpften Ideale unversehens ins Wanken. Der fantasievoll-naive Blick des aufgeweckten Kindes auf eine dumpfe Zeit, gefiltert durch die subtile Ironie der erfahrenen Autorin, bietet ein hinreissendes Leseerlebnis. 
 Barbara Talmon SBD - Schweizer Bibliotheksdienst

“Die beste aller Welten” ist ein Buch, in dem die persönliche Lebensgeschichte die grosse Geschichte zu illustrieren vermag – das entzückende Betrachten der Heldin wechselt ab mit einem genauen, humorvollen aber auch schmerzhaften Kommentar der Epoche in der Slowakei Anfang der 60-er Jahre. Jana ist 11 Jahre alt, und es ist für sie nicht einfach zu begreifen, warum ihr Vater-Anwalt auf einmal Brücken bauen muss und ihre elegante und liebevolle Mutter verschwindet, und zwar im Gefängnis….Jana versucht die verwirrende Welt um sich selbst zu begreifen: den Kameraden Präsidenten, den sie als Bild, das im Klassenzimmer an der Wand hängt, öfters sieht als ihren Vater, und die Grossmutter erzählt ihr von Engeln und mit dem Grossvater schaut sie sich die Wochenschau über Proletarier an.” Dass ihr Roman mit autobiographischen Elementen auf der SWR-Bestenliste teilnimmt, ist für die Autorin eine Überraschung. Die erfolgreiche Autorin befindet sich zwischen Wladimir Nabokow, Ingo Schulz und Ingeborg Bachmann. Sie sagt: „Der Buchhandel ist unberechenbar. Ich nehme es als ein amüsantes Spiel zur Kenntnis, aber es freut mich natürlich sehr, dass die Kindheit einer slowakischen Kleinstadt Anfang der 60-er Jahre das Interesse der prestigereichen deutschsprachigen Literaturkritik geweckt hat.“ 
Jana Kadlecova, slowakische Tageszeitung “Sme”.

Hennen, Helden, Kindertage 

Die Slowakin Irena Brežná lebt seit 1968 in Basel. In ihrem neuen Roman schildert sie eine Kindheit im Kommunismus – komisch und ernüchternd zugleich. 
Manchmal ist die kleine Jana eine Artistin. Dann dressiert sie die Hennen im Hinterhof. Sie trägt sie in den ersten Stock hinauf und lässt sie aus dem Fenster fallen. «Sie gackern erschrocken und fliegen.» Aber die Grossmutter «verbietet mir die Dressurnummer. Seit unsere Hennen fliegen, haben sie verlernt, uns Eier zu schenken, sagt sie. Sie will lieber Eier als freie Flüge.» Die Grossmutter ist streng, sie muss die Familie zusammenhalten. Der Vater ist nur sonntags da, er muss jetzt Brücken bauen helfen, bis er ein politisch «bewusster Mensch» geworden ist, denn als Anwalt «half er den Reichen noch reicher zu werden und beutete Proletarier aus». Und die schöne Mutter, die mit Hüftschwung, Charme und kühnen Tauschgeschäften bisher viel zurechtbiegen konnte, ist eines Tages verschwunden. 
«Deine Mutter sitzt im Knast!», ruft ein Junge in der Pause durch den Schulhof, und Jana spürt auf einmal, «was Glück ist» – denn sie weiss: «Mama lebt». Und zwar an einem Ort, wo sie «gut aufgehoben» ist und «nichts Böses tun» kann. Denn zu Hause sagt Mama oft verbotene Dinge, spricht zum Beispiel von Emigration und hat ihre Brillanten in Cremetöpfchen versteckt. Jana, die alles, was «Kamerad Rektor» und «Kameradin Lehrerin» verkünden, glaubt und glauben will, leidet an ihrer Familie, vor allem, seit sie weiss, dass es nichts bringt, «in meiner rückständigen Familie revolutionäre Gedanken zu verbreiten». Und doch möchte sie nichts lieber als das, die elfjährige Protagonistin in Irena Brežnás Roman. Möchte eine Heldin sein, furchtlos und fortschrittlich, obwohl nach Krieg und Revolution leider schon «alles Wichtige getan» ist und die Menschen eigentlich «nur noch glücklich sein» müssten. Da sie es noch nicht sind, gründet Jana eine Bande, «um die Menschheit zu retten», sie will «Entbehrungen und Leiden ertragen» wie die Proletarierkinder, die kein Schleckgeld bekommen, und sie hat sogar `Lust auf Säuberungen`. Und sieht doch überall Widersprüche und wird von Fantasien und Zweifeln nicht in Ruhe gelassen... 
Der Roman beschreibt die Suche des wachen, unbestechlichen Mädchens nach Identität, und die ist nicht zuletzt auch die Suche nach einer verlässlichen Sprache. In ihrem Kopf hat Jana längst «eine Trennwand errichtet» zwischen den «Familienworten» und den «Schulworten», aber um sie herum sind noch so viele andere Sprachen: die «leichtfüssige» heimische (slowakische) Sprache, die sich von der eleganteren «Brudersprache» (tschechisch) und der des «grossen Bruders» (russisch) abhebt, dazu kommt die «Weltsprache» der einen Grossmutter (deutsch) und die «faule» Sprache der anderen Grossmutter (ungarisch), deren Mann einen verbotenen Sender hört (Voice of America); und Janas Mutter lernt bei einer alten Gräfin die Sprache, «die hinter dem Meer gesprochen wird» (englisch wohl), auf jener Insel etwa, wohin der Schwager mit seiner (jüdischen) Frau emigriert ist... 
Jana sehnt sich danach, dass «das luftige Wort seinen Partner findet und verbindlich wird» – und damit ist sie Irena Brežná, ihrer Schöpferin, sehr ähnlich. Brežnás Werke, ihre Erzählungen, Essays und die politischen Reportagen, mehrfach ausgezeichnet, bekommen ihre Kraft auch aus der entschiedenen Behaftbarkeit der Sprache, in der sie verfasst sind. Und aus einer sehr genauen Kenntnis Mittel-Ost-Europas, jener vernarbten Welt, in der sich nationale, ethnische und sprachliche Identitäten unentwegt reiben, verschieben, überlagern. 
Irena Brežná, die in Basel lebende Autorin, ist 1950 in Bratislava geboren – doch ihr neuer Roman, der in den frühen Sechzigerjahren spielt, ist keine Autobiografie. Er ist mehr: eine lebensvolle Parabel (wie die Hühnerdressur-Szene); ein bunter Bilderbogen, kräftig und sensibel gezeichnet, komisch und ernüchternd zugleich. Lauter Episoden, kurze Geschichten, einzelne Beobachtungen, nichts straff Durchstrukturiertes mit chronologischem Verlauf – es ist, als kreise das Erzählen genau so lustvoll und zäh um sich selbst wie die Gesellschaft, von der es berichtet; denn dieser real existierende Sozialismus wähnte sich ebenfalls längst in der «besten aller Welten». 
Aber Jana wird langsam älter, und immer unausweichlicher wird ihr Körper zum Körper einer Frau – überall spriessen «Zotteln» und die Zeit, wo sie mit dem dicken Bruder zusammen in der Badewanne sass, ist für immer vorbei. Und eines Tages ist die Mutter wieder da. Sie steht zu Hause vor dem Spiegel und schminkt sich, «noch nie war sie so schön und auch so fremd», und sie erzählt nicht, wo sie war, «ist einfach wieder da». Und Jana glaubt plötzlich «an Wunder». 

Verena Stössinger, Basler Zeitung


 

Jana oder der Sozialismus 

Anfang der Sechzigerjahre in einer osteuropäischen Kleinstadt. Da ist ein Mädchen, es beschreibt seine Welt. Sein Vater war ein böser Ausbeuter und muss deshalb mit guten Proletariern Brücken bauen. Seine Mutter ist proletarischer Herkunft, zeigt aber wenig Lust, sich danach zu verhalten. Lieber trägt sie Hüte und Pelzmäntel, malt sich die Lippen rot an und träumt vom Westen. Das Mädchen liebt seine schöne Mama und ist sehr traurig, als sie eines Tages fort ist. Die Grossmutter weiss vielleicht etwas, sagt aber nichts. Trotzdem liebt das Mädchen auch seine Grossmutter. Seinen es schlagenden Bruder aber liebt das Mädchen gar nicht. 

Die mit zahlreichen Preisen geehrte Journalistin und Schriftstellerin Irena Brežná wurde 1950 in der Slowakei geboren und lebt seit 1968 in der Schweiz. Sie erzählt uns die Geschichte dieses Mädchens mit Namen Jana. Und man darf vermuten, dass sie autobiografische Züge trägt. So weit, so gut und flugs zur Frage, ob man dieses Buch lesen soll. Ich meine, ja, unbedingt. Erstens, weil die Autorin hier ein Kind erzählen und doch nicht das Gefühl aufkommen lässt, ein Kind könne so nicht fühlen, denken oder sprechen. Zweitens und damit einhergehend, weil diese Jana ein zwar höchst fantasievolles und empfindsames Mädchen ist, aber doch nicht zur ‹erwachsenen› Analyse fähig. Sie kann nur wahrnehmen, das Wahrgenommene mit ihren Mitteln zu erklären suchen und im Übrigen nachbeten, was Kameradin Lehrerin, Kamerad Rektor oder die Parteizeitung ‹Wahrheit› vorbeten. Das ist aufschlussreich. Drittens, weil hier eine sozialistische Diktatur durchaus modellhaft in all ihren Widersprüchen beschrieben wird. Versorgungsknappheit und Mangelwirtschaft versus Arbeit für alle. Der Zwang zu Lüge, Verschweigen, Zweiteilung des Denkens wie Handelns und der Traum von einem anderen, besseren Leben ohne Ausbeutung und Ungerechtigkeit; die Romantik des Aufbruchs und der Revolution (Jana möchte Piratin, Partisanin oder mindestens Heldin werden). Vielleicht sind dergleichen Widersprüche und nicht zuletzt das Scheitern der Theorie an der Praxis am wirkungsvollsten darzustellen, indem man sie einfach naiv nebeneinander stellt: «Es ist eine bürgerliche Unsitte, Trinkgelder zu geben, unsere Kameraden Kellner haben angemessene Proletarierlöhne und trotzdem sind sie zufrieden, wenn Vater sie mit Almosen beleidigt.» Schliesslich ist in ‹Die beste aller Welten› die Art und Weise bemerkenswert, wie die Autorin ihren Stoff vor uns ausbreitet. Nicht linear von A nach B erzählend, sondern in einem assoziativ gewirkten Textstoff, der wächst und sich ausbreitet, verbindet, was einer Kinderlogik gemäss zueinander gehört. Einer Logik, die sich nur in So-ist-es-Sätzen ausdrückt, weil sie fürs Wäre und Als-ob noch nicht reif genug ist. Aber gerade deshalb ungleich wirkungsvoller, voller Fantasie und – ja, das auch – Witz. 
Oliver Lüdi, Programmzeitung, Basel

 Ein schönes, imaginäres Leben 

Mit Reportagen aus Osteuropa hat sie sich einen Namen gemacht, nun legt Irena Brežná einen Roman über eine Kindheit in der Slowakei vor – «Die beste aller Welten». Darin wird die Gesellschaft aus dem Blickwinkel einer Elfjährigen geschildert. Der Vater ist ein «bürgerliches Element» und deshalb zum Brückenbau abkommandiert; die Mutter kommt nicht mehr nach Hause. Eigentlich dürfte die elfjährige Jana gar nicht nach ihr fragen. Jana selbst lebt inzwischen bei der Grossmutter, die gerade den Hahn schlachtet, weil er «ein Umsonstfresser» sei. 
Willkommen in einer Kleinstadt der sozialistischen Tschechoslowakei – «Die beste aller Welten», wie Autorin Irena Brežná ihren Roman nennt. Sie selbst wurde 1950 in Bratislava geboren und emigrierte 1968 in die Schweiz. Brežná erzählt konsequent aus der Perspektive des fantasierenden Mädchens. Es lebt nämlich in zwei Welten: Einer nicht mehr heilen realen Welt, in der Jana an eine durch Indoktrination der Kinder geführte Schule muss und in der einiges in Schieflage gerät. Und in einer Fantasiewelt, in der das Mädchen das Beste aus der jeweiligen Situation macht: «Mama ist nicht tot, sondern sie lebt in unserer geliebten Heimat auf der Pritsche. In einer Gefängniszelle ist sie gut aufgehoben, dort kann sie nichts Böses tun.» Das Böse wäre Republikflucht oder der Verrat von Geheimnissen. Dann müsste Jana sich vor der Schulklasse von ihrer Mutter lossagen und würde keine höhere Bildung bekommen. 
Die verträumte und doch realistisch handelnde Elfjährige steht zwischen den Dingen, die man sagen darf (beispielsweise in der Schule), und jenen, die man nicht sagen darf, auch wenn zu Hause darüber gesprochen wird. Man liest fasziniert, staunt über den Reichtum an Bildern im Kopf dieses Mädchens – und der Autorin. In ihrer Darstellung nimmt die sozialistische Welt absurde Züge an, und man fragt sich: Kann das die beste aller Welten sein? Ja, wenn man wie die Kommunisten die sozialistische Welt als die bestmögliche betrachtet, weil sie damals noch ungebrochen an ihr Entwicklungspotenzial glaubten. Ein kluger Kinderblick jedoch entlarvt die Schwächen und Absurditäten dieses Systems. 
Die freischaffende Journalistin (unter anderem für diese Zeitung) hat sich mit Reportagen aus Mittel- und Osteuropa sowie aus Tschetschenien einen Namen gemacht, in denen sie seismografisch Ängste und Veränderungen registriert. Auch den Charakter von Jana hat sie mit feinsten Antennen ausgestattet – und schickt sie aus dem Unglück hinaus in die schönste aller möglichen Welten; aus heutiger Sicht jedoch nicht in jene des Sozialismus. 
Erika Achermann, Berner Zeitung

Interview mit der Autorin zu ihrem Buch: 

- Ihr eigentliches schriftstellerisches Genre ist die literarische Reportage. Hier haben Sie auch schon viele Preise erhalten. Ihre neueste Publikation "Die beste aller Welten" ist ein Roman, in dem Sie Ihre Kindheit in der damaligen Tschechoslowakei beschreiben. Was hat Sie zu dem Thema bewogen und warum in Romanform? 

- In der Tat habe ich mich als Reporterin mit Kriegen, fremder Not und fremden Sitten Jahrzehnte lang leidenschaftlich befasst, schrieb engagierte Texte gegen das Unrecht ob in Afrika, Russland, Tschetschenien, Kosovo oder anderswo. Doch dabei geriet zunehmend meine eigene Identität ins Wanken. Sind für mich nur fremde Tragödien interessant und wert, nacherzählt zu werden, fragte ich mich. So zog ich mich von der aktuellen Aussenwelt zurück, beschloss meine eigene Kindheit für eine literarische Fiktion zu wählen, und es stellte sich heraus, dass sie tragisch und verblüffend genug war, um sie als Grundlage für einen Roman zu nutzen. Ich richtete mein inneres Fernrohr auf die mir zutiefst vertraute und untergegangene Welt eines slowakischen Städtchens in den 50-er und 60-er Jahren, als wäre es ein fremder Planet, und der Text bekam dank der ethnologischen Distanz Züge einer science fiction. Die Erzählerin, die 11-jährige Jana, lebt in einer Zwischenwelt, sie oszilliert zwischen dem bürgerlichen Elternhaus und der sozialistischen Schule. Ihr innerer Monolog strotzt zuweilen vor jugendlicher Begeisterung. Das Glück soll spürbar werden, allerdings ist es ein “Glück” in einer Diktatur mit vielen Verboten, es hat einen melancholischen Unterton. Jana benutzt für die eigene Befreiung von ihrem Elternhaus paradoxerweise die kommunistische Propaganda, daraus strickt sie sich einen eigenen Humanismus. Durch die unvereinbaren Gegensätze zwischen Elternhaus und Schule wird ihre Selbstwerdung vorangetrieben. Insofern ist es ein Entwicklungsroman geworden. Und da es sich um eine Art fiktives Tagebuch handelt, dominieren kleine Geschichten, die durch die grosse Romangeschichte miteinander verknüpft sind. Ich wollte keinen klassischen Roman schreiben, das Splitterhafte, das für Erinnerungen typisch ist, sollte auch die Form prägen. 

- Warum haben Sie die Kinderperspektive gewählt? 

- Viele Bücher und Filme handeln von einem Fremden, der an einen Ort kommt, und seine blosse Anwesenheit, sein fremder Blick bringen die Dinge ins Rollen. Jana ist eine Fremde in ihrer eigenen Geburtsstadt, sie sagt von sich, dass sie aus dem Bauch ihrer Mutter mit einer Sturzgeburt hinausglitt, ohne darauf zu achten, wo sie landet. Die Kinderperspektive erlaubte mir vieles in ein neues Licht zu rücken, was den Erwachsenen als normal erscheint, und das ist genau das, woraus Literatur gemacht wird. Als die Mutter im Gefängnis verschwindet, setzt bei Jana ein intensiver gedanklicher Prozess ein. Das Gefängnis gilt als Schande, es wird mit Schweigen belegt. Dadurch wird Jana noch stärker zu einer Fremden. Sie wird faktisch zum Waisenkind, sie darf aber nicht am Grab weinen, es gibt ja kein Grab, die Mutter ist “toter als die Toten”. In diesem Vakuum bleibt sie mit ihren Fragen alleine auf sich gestellt und nimmt die Welt um sich als widersprüchlich, verlogen und absurd wahr. Die Abwesenheit der Mutter gestattet es ihr, bei aller Tragik natürlich, auch die mütterlichen Ansichten (zum Beispiel ihren Schönheitskult) zu hinterfragen und eigene Gedanken zu spinnen. Sowohl die Kinderperspektive wie auch die Tabuisierung des Gefängnisses haben einen tragikomischen Effekt. Das Gefängnis ist der rote Faden des Buches, allerdings nicht vordergründig sondern als eine diffuse Kulisse. Das Gefängnis es ist auch eine Metapher für das ganze Land mit hermetischen Grenzen, wo abenteuerliche Gerüchte und Feindprojektionen über die Welt “draussen” entstehen. Je grauer die Aussenwelt, umso farbiger die Innenwelt. Ich habe mich als Reporterin viel mit dem Gefängnis befasst, vor allem mit dem Gulag. Die ehemaligen politischen Gefangenen erzählten mir, dass sie in der Haft besonders bunte Träume hatten. Jana kommentiert phantasievoll die Welt um sich, aber sie benutzt nicht die Kindersprache. Der Monolog ist keine reale Kinderstimme. Jana ist eine Kunstfigur mit eigener Sprache, eine “Sammlerin der Gedanken”, wie sie sich selbst nennt. Das Infragestellen des Gewohnten ist einem Kind eigen. An den Lesungen in Deutschland, Polen, in der Schweiz und in der Slowakei sagten mir Menschen, ob jung oder alt, dass sie sich in Janas Denkart wiederkennen würden, dass solch ein Mädchen in jedem lebe, trotz der für Westeuropa ungewöhnlichen Lebensumstände. Gerade die Kinderperspektive verstärkt die Identifikation mit der Hauptheldin. Janas komprimierter Monolog wirkt schon durch die Technik des Auslassens geheimnisvoll, doppelbödig, als ginge man beim Lesen durch ein Minenfeld. Wir wissen um die Gefahr, aber die Erzählerin weiss es nicht, das ist das Reizvolle an der Kinderperspektive. Und die Unbekümmertheit der Heranwachsenden befreit, das Trauma solch einer Kindheit löst sich spielerisch auf, es bleibt kein bitterer Nachgeschmack. Kinder sind nicht sentimental, sie sind grossartige Überlebenskünstler und dankbare Buchhelden. Es ist ein Buch über die menschliche Stärke und darüber, wie lebendig und gewitzt man Dogmen unterwandern kann. 

- Können Sie etwas zum Titel sagen? 

- Der Titel ist an Voltaire angelehnt; Voltaire hat 1776 einen Roman mit dem Titel „Candide oder die beste aller Welten“ – in manchen Übersetzungen heißt der Titel „Candide oder der Optimismus“ – geschrieben. In diesem Roman geht es um den Helden Candide, der von einem Unglück ins nächste gerät, aber immer wieder gerettet wird. Mit Witz und Ironie prangert Voltaire den überheblichen Adel, die Kirche, Krieg und Sklaverei an. Mein Buch ist ebenfalls eine tiefe Gesellschaftskritik. Der Kommunismus beanspruchte für sich, die beste aller Welten zu erschaffen. Insofern ist der Titel ironisch wie bei Voltaire. Auch meine Heldin befindet sich ständig im Unglück, obwohl sie es nicht einmal weiss, sie hat eine eigene, wundersame Sicht der Dinge, durch die sie immer wieder gerettet wird. Die Komik, das heldenhafte sozialistische Pathos und der Ernst der politischen Bedrohung überlappen sich ständig. In der Diktatur darf nicht direkt gesprochen werden, Jana sagt: “Bei uns sind Worte gefährlich”. Die Mutter hat sie stets ermahnt, zu schweigen, doch Jana redet, redet über ihre Epoche, ihr Städtchen, das der Nabel der Welt ist. Im Grunde ist die Hauptfigur des Buches nicht Jana, sondern die sogenannte beste aller Welten. Ich sehe das Buch wie eine humorvolle kleine literarisch-soziologische Abhandlung über das erfinderische Funktionieren des Menschen in einem gechlossenen System. 

- Sie verwenden in Ihrem Roman den Begriff "Kamerad" und nicht "Genosse". Warum? 

- Der Sozialismus, den ich beschreibe, ist anders als er in der ehemaligen DDR war. Es ist eine slawische Welt, sie ist eher emotional und chaotisch und hat trotz der Rigidität des Systems einen Sinn für Ausnahmen. Der Begriff Genosse, Genossin evoziert eine verstaubte DDR, er ist negativ besetzt. Und nur, weil er in breiten Bevölkerungsschichten in den neuen Bundesländern die Identifikation erleichtern könnte, wollte ich ihn nicht nehmen. Im Westen wirkt er lachhaft. Da meint man gleich, man wüsste wie die Welt, die von Genossen und Genossinnen bevölkert war, aussah. Genossen waren zum Beispiel prüde, gehorsam und repressiv. Ich musste ein möglichst neutrales Wort suchen, um solche Assoziationen zu vermeiden. Das Wort Kamerad, Kameradin beinhaltet das Solidarische, das Jana an der sozialistischen Lehre am meisten schätzt. Kamerad, Kameradin ist politisch unverbrauchter, im deutschsprachigen Raum gehörte das Wort früher zur Militärsprache, doch in lateinischen Ländern ist es unter den Kommunisten üblich. Ich beschreibe zwar eine sozialistische Welt, aber erwähne nirgendwo weder das Wort Sozialismus noch Kommunismus, um den unverbrauchten Blick zu wahren. In Janas Land herrschen Proletarier, aber wer sind Proletarier? An den Lesungen in der Schweiz stellten mir junge Menschen diese Frage. Das ist gut so, man braucht nicht unbedingt zu wissen, wer Proletarier und Kameraden sind. Mir geht es um eine literarische Fiktion und nicht unbedingt nur um die Beschreibung einer realen Epoche. Beim Schreiben entdeckte ich, wie unglaublich literarisch die sozialistische Utopie sein kann, als hätte ich mir diese Gesellschaftsordnung ausgedacht wie Huxley seine “Brave New World” entworfen hat. Natürlich hat weder Huxley noch ich bloss fabuliert, sondern den Realsozialismus überspitzt formuliert, ihn auf die eine oder andere Art konsequent gedacht. In der Slowakei, in Polen und in den neuen Bundesländern wurde meine Beschreibung der Lebensumstände direkt verstanden, als gehörig zur Vergangenheit des jeweiligen Landes. Das finde ich in Ordnung, hier wirkt der Wiedererkennungs- und nicht der Sciencefictioneffekt. Das Buch gehört in den Ländern des ehemaligen Realsozialismus zur Vergangenheitsbewältigung. Oft hörte ich, es sollte ins Schulprogramm aufgenommen werden, als lebendiger Geschichtsunterricht. Im Westen ist es eine exotisch anmutende und doch allgemein menschliche Geschichte an einem absurd-phantastischen Ort, aber es kann genauso gut das Verständnis für die kommunistische Epoche schärfen. 

- Warum schreiben Sie jetzt darüber, 40 Jahre nach dem Prager Frühling, dem Einmarsch der Sowjetunion in die CSSR und Ihrer Emigration in die Schweiz? 

- Der 40. Jahrestag der Okkupation der Tschechoslowakei ist ein Anlass, um an die Tragödie zu erinnern, dass das slowakische und tschechische Volk schon 1968 und nicht erst 1989 eine demokratische Staatsordnung wünschte, auch wenn 1968 noch die Rede vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz war. Damit war auch das weiche Gesicht von Alexander Dubček gemeint, der die Reformen einleitete. Dass er sich später als schwacher Mann erwies, der auf Kompromisse mit den Sowjets einging, ist zwar menschlich, aber nicht heldenhaft. In meinem Buch gibt es viele solche wenig heldenhafte menschliche Wesen, und doch widersetzen sie sich auf eigene Art dem Diktat der Gleichmachung. Die Mutter verkauft heimlich selbstgestrickte Pullover, der Vater fährt zum Brückenbau, wohin er abkommandiert wurde, im 1.-Klass-Zugwaggon, die Grossmutter ist verliebt in einen jungen Pfarrer und Jana hadert mit ihrem Täubchenvolk - so wie sich die Slowaken selbst bezeichnen. Sie will Heldin werden, „über die warme Mitte“ hinauswachsen, im Wald kämpfen. Sie stellt überall einen revolutionären Anspruch, sie identifiziert sich mit Maxim Gorkijs Sturmvogel, der das Gewitter begrüsst. Man kann sich vorstellen, dass sie den Aufbruch 1968 und die Wende 1989 begeistert mitmachen würde. Aber soweit geht das Buch nicht. Die Revolution kommt nicht als Gewitter, sondern leise, als Zulassen von Fehlern. Als die Lehrerin Fehler des Systems zugibt, und sagt, dass nicht nur Sturmvögel, sondern auch ängstliche kleine Vögel ein Recht auf Leben hätten, kommt Janas Mutter zurück. Dass sie inhaftiert worden ist, war einer der Fehler. Die Freiheit ist in meinem Buch nicht ein Heldenmythos. Solange Heldengeschichten gelten, sitzt die Mutter im Gefängnis. Werden Fehler zugegeben, kommt die Freiheit ins Land. Zwar umfasst das Buch nur das eine Jahr, während dessen die Mutter im Gefängnis ist, aber in Wirklichkeit ist hier eine ganze Nachkriegsepoche bis 1968 beschrieben. Im Buch sind die Arbeitslager erwähnt, die in der Tschechoslowakei schon 1953 aufgelöst worden sind, und die Freilassung der politischen Gefangenen fing 1961 statt, in diesem Jahr kam auch meine Mutter aus dem Gefängnis zurück. Doch die Umwertung Maxim Gorkijs fing erst im Frühling 1968 an. Ich bereitete mich damals auf mein Abitur in einem Gymnasium in Bratislava vor und musste schnell umlernen. Der tragischste Kapitel, die Okkupation der Tschechoslowakei im August 1968 sowie der zwei Jahrzehnte lang erzwungene Rückfall in die Diktatur und die Emigration meiner Familie in die Schweiz, fehlen im Buch. „Die beste aller Welten“ endet, als vereinzelte Fehler gemächlich durch Janas Städtchen zu spazieren beginnen. Ohne die Wende von 1989 hätte ich das Buch nicht mit dieser Leichtigkeit und Humor schreiben können. Zudem schenkte mir das Exil die geographische und psychische Distanz, so dass der Schmerz sich allmählich gelegt hat. Die beste aller Welten kann kommen, wenn „die beste aller Welten“ untergegangen ist.

 

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