Die undankbare Fremde
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Die undankbare Fremde

Roman

Verlag Galiani Berlin
Jahr 2012
Umfang 148 Seiten · Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86971-052-5
Preis € 16,99 (D) · sFr 24,90 · € 17,50 (A)
Taschenbuch Kiepenheuer & Witsch · € 8,99 (D) · CHF 12
★ Schweizer Literaturpreis 2012  ★ Dominik-Tatarka-Preis 2015

Verfilmung

Die Schweizer Firma Milan Film Productions dreht einen Spielfilm, inspiriert vom Roman, das Drehbuch schreibt Joël László.

Übersetzungen

Videos

Reaktionen und Medienstimmen

«Die beste Einwanderin der Schweiz» – Gespräch mit Peer Teuwsen über das Buch und die Emigration · Die Zeit →

Mein Text über die Reaktionen auf das Buch · Die Zeit 2012 →

Zum Artikel in der Zeit 2012

Titelseite der ZEIT Ausgabe

Pressestimmen

Katzen füttern verboten  ·  Frankfurter Allgemeine

Irena Brežná erzählt von ihrer Ankunft in der Schweiz. Sie gehörte zur letzten Generation von Einwanderern, die in der Schweiz willkommen war. Die Fremdenfeindlichkeit traf damals die seither bestens integrierten Italiener, die als «Saisonniers» auf den Baustellen arbeiteten und abends den Frauen nachpfiffen. Aus der Angst vor «Überfremdung» durch die Südländer entstand eine «Nationale Aktion», aber vom Hass der Schweizerischen Volkspartei wie der Heftigkeit ihrer fremdenfeindlichen Kampagnen vermittelte sie allenfalls eine leise Vorahnung. Noch war die Identität der selbstbewussten Nation intakt, der Kalte Krieg hatte das Land in seinem Griff und bestimmte das Klima, in dem die Schweizer nach den Ungarn im Jahre 1956 auch noch die Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei erfreulich zahlreich aufnahmen. Sie waren die Opfer ihrer ideologischen Feinde und vor den realen sowjetischen Panzern geflohen. In ihrer neuen Heimat pochten sie auch nie auf den demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, den sie zu Hause zu verwirklichen versucht hatten. Sie waren willkommen, schwiegen und passten sich an. Viel hat man auch seither nicht von ihnen gehört. Fast ein halbes Jahrhundert später bricht eine Vertreterin dieser Achtundsechziger-Flüchtlingsgeneration ihr Schweigen. Irena Brežná hat sich als große Journalistin — nicht nur mit ihren preisgekrönten Kriegsreportagen aus Tschetschenien — und Schriftstellerin einen Namen gemacht, als Slawistin wie Psychologin gearbeitet und kürzlich mit «Die undankbare Fremde» einen sehr autobiographischen Roman geschrieben. Dieser Titel steht auch für das Paradies, in das sie im Alter von achtzehn Jahren mit ihren Eltern gekommen war. Denn als solches wurde ihr die Schweiz von den Schweizern, die noch immer nicht aus ihrem Nachkriegsschlaf der Selbstgerechten geweckt worden waren, nachhaltig vermittelt: Wie schön muss es sein, zu uns kommen zu dürfen. Doch ganz so reibungslos erfolgte die Assimilierung nicht. Sie war auch eine Entfremdung. Noch immer gelingt es Irena Brežná nicht, die eine mit vielen Realitäten und Theorien vertraute Autorin geworden ist, die Ankunft in der Schweiz und die Erfahrungen der ersten Jahre in einen Guss zu schildern. Es geht nur in gebrochenen Stücken, Szenen und Skizzen.

Zum Programm des Sprachkurses gehört die Warnung vor Urlaubsreisen in «schlampige Länder», weil man dort schnell einmal die Tugenden der Schweiz verliert, laut wird, zu viel Geld ausgibt und schließlich «erschrocken über sich selbst» zurückkehrt. Im Hinterhof füttert die Jugendliche ein Kätzchen, das genauso heimatlos ist wie sie. «Katzen füttern verboten» steht nach wenigen Tagen auf einem Schild, diese «gehören jemandem oder ins Tierheim». Es geht um eine Abtreibung der Freundin Mara — im Ausland. Neben den Reminiszenzen aus der eigenen Existenz schildert Irena Brežná Beobachtungen aus ihrem Alltag als Dolmetscherin. Es sind Geschichten beim Psychiater, vor Gericht, auf Ämtern, von Schweizern und Ausländern. Nur im Krankenhaus wird die Angst vor Körperkontakt überwunden. Es ist ein «Land im Land», in dem «lockere Sitten» herrschten, ein «Schlaraffenland» mit hoch entwickelter «Behindertenpädagogik». «Den Todgeweihten ging es am besten, sie wurden auch am Kopf gestreichelt.» Nach drei Tagen wurde die Slowakin im helvetischen Exil aus diesem Paradies vertrieben und hatte Entzugserscheinungen. Mit scharfen Strichen skizziert die Schriftstellerin das Klima in der Schweiz. Sie ist eine Augenzeugin, deren genauer Blick von den Unterschiedenen zusätzlich geschärft wird, und die es versteht, diese Szenen mit packenden Sätzen aus der Tiefe der Erinnerung herauszuholen.

Jeglichen theoretischen Systemvergleich versagt sie sich. Aber die Erfahrung der Demokratie auf der Flucht vor den Besatzern aus den Bruderländern stellt den Leser unweigerlich vor die Frage, welche der beiden Gesellschaften im Kalten Krieg letztlich die totalitärere war. Die Schweizer hatten den Staat im Kopf und gegen die Ideologisierung waren sie weniger immunisiert als die Bürger eines kommunistischen Staats, die ihr Land zumindest als Feind behandeln durften. Die Kraft ihrer jugendlichen Revolte, die sie vor jeder Überanpassung bewahrte, mündete in eine permanente Auseinandersetzung mit dem neuen Land. Die Kritik an ihm beschränkt «Die undankbare Fremde» auf die ironische Brechung der Ansprüche des Paradieses an seine politischen Flüchtlinge — aber ohne sich auszunehmen: «Ihrer Zwangsneurose stellte ich meine Hysterie entgegen. Zu jung war ich für dieses erwachsene, vernünftige Land. Meine Versuche, es zur wilden Liebe herauszufordern, schlugen fehl.» Vierzig Jahre Erfahrung als weltoffene Reporterin und Schriftstellerin vermitteln der literarischen Aufarbeitung ein starkes Profil. Das Buch lebt von der sprachlichen Genauigkeit und dem klaren Blick. Die Frauen der Migration haben die Schweizer Literatur bereichert, vielleicht sogar erneuert. Neben Ilma Rakusa und Melinda Nadj Abonji schreibt auch Irena Brežná in der höchsten Liga. In seiner Dramaturgie ist ihr Essay eher langweilig angelegt, doch aus seinen zusammenhanglosen Szenen, die sich ungemein spannend lesen, ergibt sich ein differenziertes Porträt der Schweiz. Das Puzzle entpuppt sich als großes Fresko.

Jürg Altwegg, Frankfurter Allgemeine

Im Guckkasten der Einwanderung  ·  Süddeutsche Zeitung

Mit dem Eidgenössischen Literaturpreis ausgezeichnet: Irena Brežnás Roman «Die undankbare Fremde». Es gibt eine kleine Geschichte des 2007 verstorbenen Schweizer Schriftstellers Jörg Federspiel, in der ein Schweizer in Zürich mit einem eleganten Ausländer an einer Ampel steht. Es regnet, der mutmaßliche Brasilianer hat einen Schirm, aber er spannt ihn nicht auf. Der Schweizer versucht, sich mit ihm zu verständigen, er solle doch bitte seinen Schirm benutzen, es regne! Der Ausländer vermeidet es, und lässt den Schweizer aufgeregt und verwirrt zurück. Den pädagogischen Hang einiger Schweizer, ihr intensives Bemühen, vernünftig zu wirken und nirgendwo anzuecken, es sei denn, es gehe darum, Ordnung zu schaffen, erklärt man sich inzwischen gern historisch: als Ausdruck eines erst vor nicht einmal hundert Jahren erreichten Wohlstands, der durch Vorsicht und Berechnung befördert wurde, nicht durch risikoreiche Leidenschaften. Irritiert betrachten die Erzählerin von Irena Brežnás neuem Buch «Die undankbare Fremde» und ihre Freundin Mara, beide vor einiger Zeit aus einem osteuropäischen Land emigriert, ihrerseits anfangs wie sich Schweizerinnen in unförmige Hosen bringen und hübsche, enge, bunte Kleidchen links hängen lassen. Wer prahlt und sich aufbrezelt, für die beiden völlig natürliche Versuche, Aufmerksamkeit zu organisieren, wird in der neuen Heimat verachtet. Nur wer schwach ist und krank, kann sicher sein, dass er Zuwendung erhält. Ein erbärmliches Land.

Nun erzielt gerade in diesem Land die Migrationsprosa derzeit erstaunliche Erfolge. Die letzten Schweizer Buchpreise gingen ausnahmslos an sogenannte Nicht-Muttersprachler, von Ilma Rakusa über Melinda Nadj Abonji bis Catalin Dorian Florescu. Ilma Rakusa, vom Hintergrund ihrer Geschichte her verwandt, passt stilistisch nicht in die Reihe, aber vor allem Nadj Abonji und Florescu sind prächtige Anlässe für die Gegenüberstellung eines «wilden», nur partiell besserungsbereiten Osteuropa und einer magermilchartigen Schweiz, die auch Brežná intensiv beschwört. Sprachlich gelenkiger und essayistischer als Abonji, schlackenloser und weniger blumig als Florescu, gnadenloser als beide, zumindest anfangs. Gerade eben wurde ihr für ihren Roman einer der «Eidgenössischen Literaturpreise» zugesprochen, die das Schweizerische Bundesamt für Kultur vergibt. Ja, die lesenden Schweizer hören, nicht ohne protestantische Selbstgeißelungslust, gerne Geschichten von der sterilen Schweiz und ihren aufregenden Fremden. Wobei fraglich ist, wie lange die planen Gegenüberstellungen noch einleuchten. Brežnás Buch wurde schon kurz nach seinem Erscheinen breit gelobt, «so ungeschützt und schonungslos gegen sich und andere» habe «noch keiner über die Emigration geschrieben», doch die Schärfe des Texts erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass viele der Beschreibungen genauer betrachtet Botschaften aus der Vergangenheit sind.

Brežnás Buch ist klar in zwei alternierende Teile aufgeteilt. Der erste ist die eigene, mäßig schlimme, aber dicht erzählte Immigrationsgeschichte. Der zweite Teil sind regelmäßig dazwischen geschobene Geschichten aus dem Alltag einer Dolmetscherin, die physisch und psychisch anstrengendere Gründe und Folgeerscheinungen der Emigration zum Vorschein bringen: Krankheit, Tod, Drogen, Verbrechen, Krieg spielen eine große Rolle. Der Ton eines wütenden, aber kühlen Erlebnisberichts wird zugunsten eines protokollartig skandalisierenden, der die undurchsichtige Situation der Dolmetscherin auch literarisch zum Thema macht, abrupt gebrochen. Die Dolmetscherin soll sich nicht einmischen, bei Verständnisschwierigkeiten keine Brücke zu bilden versuchen — wogegen die Erzählerin aber immer wieder verstößt. Allmählich ergibt sich über sie eine umfangreiche Sammlung des Jammers der Welt. Eine gute Zeit lang fährt sich Brežná in dieser etwas schematisch wirkenden Erzählstruktur fest, bis sich allmählich eine Öffnung ergibt. Sie verliert die selbststilisierende Dauerentrüstung der enttäuschten, aber stolzen, auf ihrem Recht auf Fremdheit beharrenden Emigrantin und spricht ihren selbstgerechten Schweizer Einwanderungsparadies-Bewohnern sogar Veränderungspotenzial zu.

Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung

Aargauer Zeitung

«Ich seilte mich tiefer ins Wesen des Landes ab …» sagt die Erzählerin an einer Stelle, und findet, langsam, für sich heraus, dass sie in der verstörenden Pflicht zur Distanz, wie sie in der Schweiz üblich ist, auch eine «Rettung» entdecken kann: ein Recht auf Abstand – statt auf Verschmelzung –, auf scharfes Denken, auf Genauigkeit. Freude an sprachlicher Genauigkeit durchzieht auch ihr Buch, in dem ein hohes elegisches Erzählen wechselt mit knappen dokumentarischen Einschüben: Szenen aus der «anderen» Schweiz, wenn sie den in Schweizer Spitälern, Gefängnissen landenden Fremden als Dolmetscherin kurz ihre Stimme leiht. «Aber ich bleibe eine Nomadin», lächelt Irena Brežná, die ihrer «Fremd-Heimat» Schweiz mit ihrem Buch nun das Dokument einer Auseinandersetzung geschenkt hat, wie sie sich leidenschaftlicher nicht denken lässt.

Bernadette Conrad, Aargauer Zeitung

Deutschlandradio Kultur

In vielen zwei- bis vierseitigen, so poetischen wie kraftvoll bildhaften Kurzessays versucht die Erzählerin, den «Erhalt meiner Instinkte» zu sichern. Sie kritisiert das neue Land scharfsinnig in Grund und Boden. Dazwischen stehen, von fern an Michael Schischkins Roman «Venushaar» erinnernd, ebenso kurze, kursiv gesetzte Szenen, in denen eine Dolmetscherin, offenbar das einstige Flüchtlingskind, zwischen Emigranten und Behörden vermittelt. Den ausländischen Dieben, Betrügern, Selbstmördern, Depressiven, Invaliden und Krebskranken ist aus unterschiedlichsten Gründen nicht geglückt, was der Heranwachsenden am Ende gelingt: eine neue Identität auszubilden und in der Schweiz anzukommen. «Die undankbare Fremde» ist wie Melinda Nadj Abonjis Roman «Tauben fliegen auf» eine glückende Integrationsgeschichte. Der Wechsel von essayistischen und erzählenden Passagen, von damals und heute, von unnachgiebigem Beharren auf der Wahrheit kindlicher Erfahrung im Sozialismus sowie zwischen grausamen Lebensgeschichten und dem kalkulierten Behördenzugriff kontrastiert schroff verschiedene Fremdheiten. Dieses Hin- und Herspringen löst die anfängliche absolute Distanz des Flüchtlingskindes auf, und am Ende steht die neue Patchwork-Identität als «Emigrazia».

Jörg Plath, Deutschlandradio Kultur

Berner Zeitung

Brežná, eine talentierte Metaphorikerin, lässt ihre Heldin phantasieren: «Wären die Obdachlosen aus buntem, glatten Plastik, würde man sie abstauben, anpreisen und hätscheln bis zum Ausverkauf. Ihr Missgeschick war, dass sie noch lebten und nicht glänzten.» Die Abrechnung der «Undankbaren Fremden» liest sich leicht und unterhält.

Tina Uhlmann, Berner Zeitung

Aviva-Berlin

Die Protagonistin erkennt, dass die Assimilation an das Land, in dem sie gelandet ist – die Schweiz – schlichtweg nicht wünschenswert ist: «Mit Nachdruck appellierten sie an den Verstand, bereiteten den Nachwuchs auf die vordergründige Welt vor, in der sie sich auskannten. Dass es dahinter noch tausend Welten gab und darunter tausend Böden, tausend Wonnen, haben sie verschwiegen. Das war Betrug (…).» Von hier aus nehmen zutiefst ironische und doch traurige, leichtfüßige und doch schwerwiegende Betrachtungen der westlichen, wohlhabenden Gesellschaft und ihren kulturellen und territorialen Grenzziehungen ihren Lauf. Dient hier zwar die Schweiz als Beispiel, lassen sich die Aussagen doch mindestens auf Deutschland und Österreich ausweiten: «Die hiesigen Weiher gehörten nicht uns allen, auch Fische waren private Dinge. Wo könnte ich losrennen bis zur Sonne und bis zum Umfallen privatlos schreien? Grenzen überschreitende Gefühle standen im Verdacht, den Privatbesitz enteignen zu wollen.» Die Protagonistin findet ihre Identität und Heimat in dem in der Reibung der Kulturen entstehenden Zwischenraum selbst und stellt fest: «Ich schärfe den Blick für die Weite, drehe das Leiden am Fremdsein um und fordere mein Recht auf Fremdheit, stilisiere die Fremdheit zur Seinsform, denke mich stets neu, werde heimisch darin.» Dieses Buch ist eine ernsthafte und zauberhafte Auseinandersetzung mit der Frage nach Anpassung und Widerstand, Herkunft und Zukunft. Zugleich kann es als Liebeserklärung an die deutsche Sprache verstanden werden, hinter der tausend unentdeckte Welten schlummern. Die undankbare Fremde macht diese spürbar. Brežná schreibt meisterhaft.

Aviva-Berlin. Online Magazin für Frauen

Basler Zeitung

In beiden Lebensphasen ist die Ich-Erzählerin eine anstrengende Frau. Eine, die nicht bescheiden auftritt, wie man es von Fremden ebenso erwartet wie von den Einheimischen. Aber so langsam, wie sie selbst sich der Schweiz öffnet, wächst sie einem ans Herz. Man entdeckt den Schalk in ihrer leidenschaftlichen Unsachlichkeit und bewundert plötzlich den Mut, mit dem sie ihre Identität behauptet. Da, wo beide Stimmen zusammenkommen, zeigt sich dann schließlich Irena Brežnás literarische Meisterschaft: In wenigen Sätzen durchdringt sie die Kommunikationsprobleme zwischen den Welten. Das Gegenteil des regulierten, spröden Miteinanders der Eidgenossen. Auf einmal versteht man, was Mentalität überhaupt bedeutet: ein dichtes Gewebe aus Verhalten und Überzeugungen, das einem an dem Ort, wo man in es hineinwuchs, das soziale Überleben ermöglichte. Ein Gewebe, das man nicht ohne Mühe abstreifen kann. So versteht man plötzlich die jähe junge Frau von den ersten Seiten des Buches. In einer Diktatur, deren Rahmen eisern ist, muss man sich den inneren Aufruhr leisten, um nicht in Depression unterzugehen. In einem Land wie der Schweiz, wo jeder Einzelne die Umstände mitbestimmen kann, wäre dieses ständige Aufwallen eine fürchterliche Kraftverschwendung. In den Jahren, als Irena Brežná in die Schweiz kam, galt der Slogan «Das Private ist politisch». Man könnte ihn noch weiterführen: Das Politische ist persönlich. Dieses Buch ist beides. Und dafür muss man der Autorin, die ihre Fremdheit souverän bis heute hochhält, dankbar sein.

Von Susann Sitzler, Basler Zeitung

TagesWoche Online

Eine junge Frau kommt aus einer Diktatur «in ein reiches Land». Ein Land, in dem Wörter wie «konsequent» hohes Ansehen geniessen. In dem man die Worte, mit denen man das höchste aller Gefühle ausdrückt – «i ha di gärn» – auch fürs Müesli benutzt. Das Ursprungsland der Protagonistin bleibt unbekannt. Die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern aber sind groß, lassen die junge Frau mit bitteren Gedanken umherstreifen. Grundsätzlich ist die Zugezogene in den Augen der Einheimischen unberechenbar. Die Einheimischen wiederum sind aus ihrer Sicht verklemmt und überkontrolliert – Ausnahmen bestätigen die Regel. Brežná, die in Basel wohnt, hält uns Schweizern den Spiegel vor, lässt uns unser Land sehen durch die Augen einer Auswärtigen, die nicht hier sein will. Die Hauptfigur erfährt die Schweiz als Land von lauter formellen Individualisten, die nicht mal ihren Kindern eine Streicheleinheit gönnen, um niemandem nahezutreten. Oft ist ihr Blick entlarvend, oft aber fühlt sich die Leserin ertappt und denkt, jetzt übertreibst Du das aber. Nach typischer Schweizer Art bleibt man deshalb auf Distanz, würde die junge Frau wohl sagen. Doch man ist nicht eingeschnappt und liest trotzdem weiter – denn dieser Roman ist einfach grandios geschrieben.

Karen N. Gerig, TagesWoche Online

Es ist unmöglich, auf Dauer dankbar zu sein  ·  buecherwurmloch.wordpress.com

Als Mädchen kommt sie in die Schweiz, das gelobte Land für Flüchtlinge, sauber, schön und meinungsfrei, «bei uns hast du es gut», bekommt sie oft zu hören. Aber so gut findet sie es nicht unter den Menschen, die fremd sind und in ihr nur die Fremde sehen. Bei der Gegenüberstellung der alten Heimat, der sie entflohen ist, und der neuen Bleibe, in der sie stets um Akzeptanz flehen muss, offenbaren sich unüberbrückbare Differenzen: «Ich blieb störrisch und weigerte mich, in der Zwangsehe mit meinem Gastland glücklich zu werden.» Zu steif sind die Schweizer, zu distanziert, zu pünktlich und zu organisiert. Sie halten sich für Gutmenschen, obwohl sie nicht tolerant sind, erwarten Assimilation, obwohl sie Ausländer stets als solche stigmatisieren. Und so bleibt sie ganz bewusst eine undankbare Fremde, umgibt sich mit ihrer Andersartigkeit wie mit Chitin, behält ihren anstößigen Humor und ihre Bissigkeit – und findet in den Sprachen ein Wasser, in dem sie schwimmen kann. Sie wird Dolmetscherin und hilft in Krisenfällen, wenn Flüchtlinge und Einheimische vor Sprachbarrieren stehen, übersetzt in Krankenhäusern oder der Psychiatrie und wird mit tragisch-traurigen, alltäglich-schrecklichen Immigrantenschicksalen konfrontiert: «Als sprachlicher Notdienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.» Sie passen zu ihrem aufmüpfigen Naturell und bieten ihr eine neue Art von Heimat: in einem sicheren Land zu leben und jederzeit Zuflucht zu finden im Hafen der Sprachen.

In jeder Zeile spürt man, dass die Autorin weiß, wie es sich anfühlt, zu stranden in einem Land, in dem man eigentlich nicht sein will und in dem man keinen Anker findet. Ihre Ich-Erzählerin ist jung und abenteuerlustig, es dürstet sie nach Liebe und Geheimnissen, doch sie knallt gegen die Pedanterie und Ordnungsliebe der Schweizer – die in diesem Fall austauschbar sind mit Österreichern und Deutschen – wie gegen eine Granitplatte. Sie soll nicht so bleiben dürfen, wie sie ist, aber so zu werden wie die Einheimischen, ist nicht möglich – und ebenfalls unerwünscht. Welche Art von Integration kann es geben? Wie lässt sich das Zusammenleben von so unterschiedlichen Kulturen gestalten? Das sind die Fragen, denen die Autorin nachgeht. «Die undankbare Fremde» ist eine intensive, gehaltvolle Auseinandersetzung mit dem Gefühl des Fremdseins, eine Aneinanderreihung von Gedanken und Begebenheiten. Eine Romanhandlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht, vielmehr wird ein schillernder Reigen an eingefangenen Situationen präsentiert, es entsteht ein Mosaik, das begreifbar machen soll, wie zersplittert ein solches Leben fern der Heimat ist, dass es aus 7000 Scherben besteht, die in der Sonne funkeln. Herausragend ist die Sprache, die Irena Brežná als Werkzeug benutzt, um die Welt so zu beschreiben, wie ihre Ich-Erzählerin sie sieht, voll lebendiger Metaphern, sehr fordernd, eingängig und sperrig zugleich. Mit Worten erschafft die Schriftstellerin einen Menschen und zeigt ihn mir so klar, dass es mir vorkommt, als könnte ich ihn tatsächlich kennenlernen. Nie passt er ins Schema, dieser Mensch, und trotzdem findet er einen Weg, eine Nische. «Die undankbare Fremde» ist ein kleines Büchlein mit großer sprachlicher und inhaltlicher Wucht – ausgezeichnet.

buecherwurmloch.wordpress.com

feierabend.de

Die Autorin Irena Brežná ist ein wahres Wunderkind. Mit einer schonungslosen Sprache geht sie das doch eigentlich mit Samthandschuhen anzufassende Thema «Einwanderer» an. Kritisch und doch wertfrei schreibt sie über das Ankommen in der Fremde, das Anpassen, die Erwartungen. Dabei reflektiert sie die Situation von denen die Schutz suchen und von denen, die Schutz bieten. «Die undankbare Fremde» beschreibt eine Identitätssuche, die nicht enden wird. Klug und gestochen scharf. Für mich ist Irena Brežná eine Wortakrobatin.

www.feierabend.de

Das Recht auf Fremdheit  ·  sfd (sda)

Migrantinnen und Migranten sind der neuen Heimat zu Dank verpflichtet. Das gehört sich so. Damit einher geht die Einhaltung der einheimischen Gebräuche, wofür Begriffe wie Assimilation und Integration stehen. Wenn Fremde gegen diese Gepflogenheiten verstoßen, reagieren die Schweizer mit Unverständnis. Der neue Roman von Irena Brežná könnte auf solche Resonanz stoßen. «Die undankbare Fremde» erzählt von einer 18-Jährigen, die sich nicht geräuschlos einfügen will. Sie versteht unter einer besseren auch eine freiere Welt, in der sie ihren Eigensinn austoben kann. «Haben wir unser Land verlassen, um die Freiheit zu bekommen, zwischen giftigen Putzmitteln zu wählen?», fragt ihre Freundin Mara einmal. Zwischen den zurückhaltenden Einheimischen und den zwei Gören bildet sich eine Trennlinie der gegenseitigen Befremdlichkeit. Der Roman spielt 1968 in einem Land, das klimatisch eher dem Film «Die Schweizermacher» gleicht als der gegenwärtigen Schweiz. Die steife Rechtschaffenheit von damals hat sich seither etwas gelockert. Dennoch mag Brežnás Buch zu irritieren und zu provozieren. Die vorwurfsvolle Zuspitzung, mit der sich die mokante Erzählerin hervortut, hält der helvetischen Eigenart einen undankbaren Spiegel vor. Brežnás Buch arbeitet pointiert eine kritische Sicht heraus. Die Erzählerin neigt am Ende zur Versöhnlichkeit mit der neuen Heimat. Nur eines will sie sich auch dann nicht nehmen lassen: das Recht auf Fremdheit. Dieses Recht ist unabdingbarer Teil einer besseren Welt.

Von Beat Mazenauer, sfd (sda)

Der bösen Heimat gute Sprache  ·  Die Welt

Diese Lesung war ein Genuss. Das Hamburger Literaturzentrum hatte die Schriftstellerin Irena Brežná eingeladen, ihren neuen Roman «Die undankbare Fremde» vorzustellen. Die Autorin las sehr druckvoll und sehr entschieden. Kein Wunder, hat der Text doch einerseits eine biografische Grundierung, so wie er das grundsätzliche Thema aufgreift: Was passiert, wenn ein Mensch sein Herkunftsland verlassen muss – und ihm im neuen Land die Zugehörigkeit noch nach Jahren verwehrt wird? «Ich wurde verheiratet an ein Land wie an einen strengen, alten Mann», so lässt sie ihre Heldin über jenen Moment der Immigration sprechen. Spannend war das anschließende Publikumsgespräch, das äußerst lebhaft verlief. Dabei erfuhren die Besucher manch Wissenswertes aus der Schweiz: Wem ist denn hierzulande bekannt, dass es in der deutschsprachigen Schweiz derzeit geradezu verpönt ist, Hochdeutsch zu sprechen; dass der wachsende Gebrauch des Schwyzerdütsch nicht einer folkloristischen Heimatliebe verpflichtet ist, sondern dazu dient, sich den Zugewanderten gegenüber abzuschotten? «Ich gehe gerne über die Grenze nach Deutschland zum Einkaufen – weil ich dann unbefangen Hochdeutsch sprechen kann», wie die Autorin gestand, die daher bewusst in Basel wohnt. «Ich bin jetzt eine Autorin der deutschen Sprache; die deutsche Sprache ist mein Werkzeug, ich kann nicht zurück in meine Muttersprache.»

Die Welt

Die Schweiz von außen gesehen  ·  20 Minuten

Als 1968 die Sowjets in die Tschechoslowakei einmarschieren, flüchtet die jugendliche Protagonistin dieses Romans mit ihrer Familie in die Schweiz. Doch die neue Heimat stellt sich der jungen Frau als sperriges Land voll merkwürdiger Verhaltensmuster ihrer Bewohner dar. Erstaunt registriert der Teenager die überhöfliche Distanz, das Sicherheitsbedürfnis und die Anpassung – oder wie es die Autorin beschreibt: «Dabei war gerade die Sorge ein hoher Wert. Kaum der Kindheit erwachsen, zermarterten sie sich verantwortungsvoll den Kopf über die Rente. Vor der Sorge gab es die Vorsorge. Und kümmerte man sich zu wenig um die Sorge, landete man bei der Fürsorge, und sollte diese zu Ende sein, gab es genug Nachsorge.» Den glänzend geschriebenen, oft sehr komischen autobiografischen Text unterbricht die Autorin Irena Brežná gelegentlich: mit Erlebnissen, die sie als Übersetzerin von Asylsuchenden in der Schweiz und den zuständigen Behörden hat. Diese beiden Textstränge ergänzen sich zu einem eindrucksvollen Bild der Schweiz und der Immigration in dieses reiche Land.

Wolfgang Bortlik, 20 Minuten

Freiheit finden in der Fremde  ·  Flensburger Tageblatt

Sich fremd fühlen ist ein Zustand, der Menschen aus vielerlei Gründen befallen kann. Nur wenige nutzen diese Leidens-Distanz, um sich eine neue Freiheit zu verschaffen. So die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin Irena Brežná. Die Heldin ihres Romans wandert 1968 nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei mit den Eltern aus. In der Schweiz trifft sie auf eine analytisch-strukturierte Kultur, fernab ihrer chaotisch-herzlichen osteuropäischen Wurzeln. Man pflegt den Abstand zum Anderen. Wo es scheinbar nur die Wahl zwischen Anpassung oder Widerstand gibt, geht das Mädchen den schwierigeren und individuellen Weg weiblicher Selbstfindung. Sie beobachtet genau und lernt leidenschaftlich Hochdeutsch, was ihr wenig Sympathie verschafft, denn die Schweizer kommunizieren lieber in diversen Dialekten. «Eine Sprache mit tausend Akzenten wurde unsere Vatersprache», schreibt Brežná, die nicht nur mit der Präzision ihres lebendigen und humorvollen Ausdrucks das Publikum beeindruckte. Auch die radikale Einforderung des Rechts auf Fremdheit stiess auf Sympathie. Einige in Flensburg lebende Zuhörer fühlten sich angesprochen und beteiligten sich lebhaft am ausführlichen Gespräch. Als interkulturelle Vermittlerin trägt sie mit ihrem Roman außergewöhnliche und bedenkenswerte Aspekte zur Diskussion ums Thema Migration bei, weshalb ihrem Buch eine große Verbreitung zu wünschen ist.

Stefanie Oeding, Flensburger Tageblatt

Auszeichnung einer Mutigen  ·  Basler Zeitung

Viel zu viele Autorinnen und Autoren sichern sich stets nach allen Seiten ab. Irena Brežná gehört definitiv nicht zu diesen Lavierungskünstlern. Was und worüber sie auch schreibt, immer setzt sie sich aus, schont weder sich noch andere. Ihr Name hat sich mir eingeprägt, als sie sich Mitte der Neunzigerjahre nach Tschetschenien schmuggelte und mit starken Bildern vom russischen Kolonialkrieg berichtete. Unvergesslich, wie sie das wolfsähnliche Aufheulen von Tschetscheninnen schildert, als sie die Leiche eines Dorfbewohners entdeckten. Anstelle seines Gesichts sahen die Frauen ein schwarzes Loch. Die Ratten hatten nur die halbe Stirn übrig gelassen. 1997 ist von Irena Brežná dann das Reportagenbuch «Die Wölfinnen von Sernowodsk» über ihre Tschetschenienerfahrungen erschienen. Die 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geborene Autorin kam 1968 in die Schweiz und lebt seither, wenn sie nicht auf Reisen ist, in Basel. Sie erkundete die Vielschichtigkeit und die blühenden Ränder der ehemaligen Ostblockländer, schrieb über Dissidenten, russische Mafiosi, Krimtataren, aber auch allgemeiner über den Nationalismus in Osteuropa, über Heimatverlust und Fremde. 2008 kam ihr viel beachteter Roman «Die beste aller Welten» heraus, in dem sie aus Kinderoptik das Leben in Bratislava unter totalitären Verhältnissen vergegenwärtigt. Und wie schon in ihren Reportagen verliebt man sich auch in diesem Roman sogleich in die zupackende, unerbittliche, im besten Sinn des Wortes subversive und doch immer auch poetische Sprache Irena Brežnás. In diesem Jahr erschien schließlich der Roman «Die undankbare Fremde», mit dem Irena Brežná endgültig den Durchbruch geschafft hat. Sie erzählt darin von ihrer Emigration in die Schweiz des Kalten Krieges, der, was die Migration angeht, in diesem Land bis heute andauert. Ihre Protagonistin weigert sich, kritiklos dankbar zu sein. Sie macht den Mund auf, nimmt sich das Recht heraus, anders und fremd zu bleiben, lässt sich über Schweizer Eigenarten wie über Befindlichkeiten und die Anpassung der Einwanderer herrlich kompromisslos und unversöhnlich aus. So muss gute Literatur sein. Neben Erinnerungen fließen in «Die undankbare Fremde» auch eindrucksvolle Szenen aus ihrem Nebenberuf als Dolmetscherin für Psychiater, Ämter, Gerichte ein. Das Klima zwischen Schweizern und Ausländern kommt dabei scharf und differenziert zum Ausdruck. Man kann füglich über Sinn und Unsinn des neuen Eidgenössischen Literaturpreises streiten. Aber unbestritten ist, dass Irena Brežná ihn verdient hat.

Von Julian Schütt, Basler Zeitung

Solothurner Literaturtage 2012

«Gefällt Ihnen Ihr Spiegelbild?», fragt rhetorisch eine schweizweit aktive Fitness-Studiokette gegenwärtig auf Weltformat-Plakaten. Sie könnte Irena Brežnás Roman meinen. «Die undankbare Fremde» ist der brisanteste Roman über die Schweiz dieses Frühjahrs. Eine namenlose Protagonistin bewahrt den «Fremden Blick» und beschreibt in kurzen Essays ihre Emigrationserfahrung. Geschickt wird diese Ebene mit knappen Szenen kontrastiert: Schilderungen von Begegnungen mit in der Schweiz gescheiterten Fremden aus der Arbeit der Protagonistin als Dolmetscherin. Noch nie wurden mit solcher Schärfe schweizerische Eigenheiten und Umgangsformen auf den Punkt gebracht.

Solothurner Literaturtage 2012

Am Ende steht die Patchwork-Identität  ·  Der Tagesanzeiger

Irena Brežná wurde zu einer erfolgreichen und mehrfach preisgekrönten Reporterin und hat auch als Schriftstellerin Anerkennung gefunden. Die Anfänge aber waren schwer – so schwer, dass sie das Verhältnis zum Aufnahmeland bis heute prägen, denn sie haben sich jetzt, nach Jahrzehnten, in einem bitterbösen Buch Luft gemacht. «Die undankbare Fremde» heißt es provokant. In ihrer Heimat habe sie sich wie ein Fisch im Wasser bewegt, im Exil liegt sie auf dem Trockenen: «Ich hatte Kiemen gehabt, und auf einmal wurde ich ans Ufer geworfen, hörte das Wachsen der Lungen, und jeder Atemzug schmerzte.» Der Neuankömmling eckt unentwegt an, weil die gewohnten Verhaltensweisen hier eine neue Deutung erfahren. Sich Freunde zu schaffen und denen kleine Vorteile zuzuschanzen, war in der Mangelgesellschaft überlebenswichtig; hier gilt es als Klüngelei, also verwerflich. Die Schärfe der erinnerten Beobachtung führt immer wieder zu trefflichen Formulierungen. Die individualistische Perspektive wird kontrastiert und ins Allgemeine ausgeweitet durch kursive Passagen, in denen die (ältere und angekommene) Erzählerin als Dolmetscherin auftritt, die mit schrecklichen Schicksalen der neuen Fremden konfrontiert wird. Das relativiert das eigene Leid, zeigt aber auch eine Kontinuität des behördlichen Unverständnisses. Gegen Ende wird doch eine gewisse Entwicklung erkennbar: Die «undankbare Fremde» stellt eine Auflockerung des Aufnahmelandes fest, das nicht mehr ganz so schweizermacherhaft wirkt wie im größten Teil des Buchs («Ich werde älter und das Land immer jünger und bunter»). Sie freundet sich auch mit den «liebenswerten Seiten» der Schweiz an: «Rechtsstaat, Klarheit, Ausdauer, Wort und Tat als symbiotisches Paar». Zum andern begreift sie die Vorteile der bewahrten inneren Fremdheit: Abstand ist gut fürs Denken. Mit ihren pointierten Sätzen und ihrer auftrumpfenden Haltung hat Irena Brežná einen eigenen Platz in der mittlerweile dicht besetzten «Ankunft in der Schweiz»-Literatur gefunden.

Martin Ebel, Der Tagesanzeiger

Hannoversche Allgemeine

Wie anpassungsfähig muss, wie eigensinnig darf ein Mensch sein, der zu uns, ins Zentrum Europas, vorgelassen wird? Vor dem Hintergrund der «Deutschland schafft sich ab»-Ängste und hitzig geführten «Culture Clash»-Diskussionen schreiben «Autoren mit Migrationshintergrund» über das Wechseln zwischen den Staaten und Kulturen, über das Fremdsein und den notwendigen Eigensinn. Hilal Sezgin und Irena Brežná – beide schriftstellerisch und journalistisch tätig, die eine als Tochter zweier Islamwissenschaftler in Frankfurt a.M. geboren, die andere 1968 aus der Tschechoslowakei in die Schweiz immigriert – werfen einen kritischen Blick auf den Begriff der «Integration» und fragen, welche Rolle in diesem Zusammenhang Pluralismus, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit spielen und ob zur Integration nicht eigentlich auch zwei Seiten gehören?

Hannoversche Allgemeine

poetenladen.de

Der Neubeginn in der Schweiz wird zu einem Balanceakt zwischen Tradition und Gegenwart, Anpassung und Widerstehen, Bewahren und Vergessen. Der kleine Roman erzählt diesen Prozess in kurzen, streiflichtartigen Szenen, überhöht durch seine poetische Sprache den Einzelfall ins Allgemeine und kontrastiert die Geschichte einer letztlich gelingenden Migration durch Begegnungen der später als Dolmetscherin arbeitenden Erzählerin mit Figuren, denen das Hineinfinden in eine neue Identität aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so leicht gelingt. Wie soll man eine Fremde annehmen, die sich als «gepflegte Leere» erweist? In der man ständig gemaßregelt und ermahnt wird, passt man sich den Gepflogenheiten, die hier herrschen, nicht an? Wo überall Verbotsschilder stehen und die Einheimischen sich hinter ihrem Dialekt verstecken? Und verklärt sich nicht die alte Heimat, in der man bitteres Leid zu erdulden hatte, angesichts der Tatsache, dass es dort zwischen Mensch und Mensch keine unüberwindbaren Grenzen gab, man trotz aller Unfreiheit in einer Gemeinschaft lebte und darin wärmende Nähe empfand? Irena Brežnás Erzählerin lehnt sich gegen die Sterilität eines Daseins auf, in dem ihr die Luft zum Atmen fehlt. Sie benennt genau, was sie stört am Leben in einem Land, das aus der Ferne so verheißungsvoll leuchtete. Und sie macht nicht mit bei Dingen, die sie in ihrer Persönlichkeit einschränken. Und in ganz verzweifelten Situationen greift sie auf das zurück, was sie als ihr bestes Erbe aus sozialistischen Tagen begreift – den ausgeprägten Hang zu Witz, Spott und Ironie, um an den Verhältnissen nicht zu zerbrechen. Doch trotz all der Schwierigkeiten der Hauptfigur, in eine neue Identität hineinzufinden, trotz aller Kritik an ihrem Aufnahmeland, mit der das Buch wahrlich nicht geizt – unterm Strich erzählt «Die undankbare Fremde» eine Geschichte, die auf eine funktionierende Assimilation hinausläuft. Und zwar deshalb funktionierend, weil Irena Brežnás Protagonistin sich nie den gewandelten Gegebenheiten unterwirft, sondern hartnäckig auf Partizipation besteht. Erst wenn das Eigene sich dem Fremden genauso öffnet wie das Fremde dem Eigenen, so darf man wohl verstehen, kann gelingen, was auch heute, fast ein halbes Jahrhundert nach den im Buch geschilderten Ereignissen, noch viel zu selten passiert: dass Menschen, die ihre Heimat aus welchen Gründen auch immer verlieren, nicht auf ewig heimatlos bleiben müssen.

Dietmar Jacobsen, www.poetenladen.de

Wenn Reibung keine Wärme erzeugt  ·  Neue Zürcher Zeitung

Irena Brežná, 1950 in der Tschechoslowakei geboren und heute in Basel lebend, weiß genau, wovon sie in ihrem neusten Buch, «Die undankbare Fremde», spricht. Wie ihre Ich-Erzählerin erlebte sie als 18-Jährige die familiäre Emigration in die Schweiz, hinein in ein Land zwischen Verharren im Kalten Krieg und zögerlicher Hinwendung zum 1968er Aufbruch. Darüber hinaus aber hat sich Irena Brežná in den vergangenen Jahren einen gewichtigen Namen als Journalistin und Kriegsreporterin erschrieben. «Die undankbare Fremde» ist ihr dritter Roman. Die «undankbare Fremde» ist nämlich eine, die sich durch die Aufnahme ins Schweizer Exil alles andere als gerettet fühlt. Vielmehr hadert sie mit dem Fremden und anderen, kämpft um den Erhalt ihrer kulturellen Wurzeln, reibt sich an der Differenz. Ja, im Grunde ist die Geschichte der jungen Ich-Erzählerin die sprachlich pointierte Ausformulierung einer unablässigen Reibung – und zwar genau an der Stelle, wo seit Jahrzehnten Integration, primär durch Assimilation, gepredigt wird. Zuweilen gelingen Irena Brežná dabei hinreißende Sätze über die Schweizer Eigenart und deren Eigenartigkeiten. So sind wir, wir Schweizerinnen und Schweizer, kommt man beim Lesen nicht umhin zu denken, immer wieder beeindruckt – vordergründig erheitert, unterschwellig irritiert. Es ist letztlich das Recht aufs Fremd- und Anderssein, das Irena Brežnás Protagonistin vom makellosen Rechtsstaat ihrer neuen Heimat einfordert. Damit trifft die Autorin zweifellos einen menschlich-selbstverständlichen, politisch aber umso brisanteren Punkt in der aktuellen Integrationsdebatte.

Sibylle Birrer, Neue Zürcher Zeitung

Appenzeller Zeitung

Die Schweizer führen sich auf wie «passionierte Heimleiter für Schwererziehbare». Als wären die Einwanderer eine rohe Masse, die es zu zivilisieren gilt. Harte Worte. Und Irena Brežná hat noch mehr davon auf Lager: «Haben wir unsere Heimat verlassen, um die Freiheit zu bekommen, zwischen giftigen Putzmitteln zu wählen?» Die Freiheit in der neuen Heimat Schweiz ist eingezäunt mit vielen Regeln wie Pünktlichkeit, Wahrung der Privatsphäre, Absicherung gegen jeden Zufall, Ernsthaftigkeit (sprich: Witzlosigkeit). «Zuhause ist dort, wo ich motzen darf», sagt Brežná. Sie ist 1968 aus der Slowakei in die Schweiz gekommen. Sie hat lange gebraucht, um anzukommen im neuen Zuhause. Und noch viel länger hat sie sich Zeit gelassen für dieses Buch, in dem sie nun motzt über dieses Zuhause. Ihre Kritik gründet auf der eigenen Erfahrung, sie sei «die beste Einwanderin der Schweiz» befand denn auch die «Zeit». Denn Brežná hat keine Abrechnung im Sinn, sondern den Traum von einem Zusammenleben mit einem Recht auf Fremdheit. Der Roman «Die undankbare Fremde» erzählt von einem Mädchen, das mit seinen Eltern aus einer osteuropäischen Diktatur in die Schweiz flieht. «Hier herrschte das System, und ich war der pure Zufall», stellt das Mädchen fest. In genau beobachteten Szenen wird das Verhalten der Schweizer der unangepassten Fremden gegenüber beschrieben. Brežnás Analyse ist messerscharf und unerbittlich, aber ihr Buch bleibt leichtfüssig. Es setzt auf eine poetische Sprache, und es hat Humor. So schmunzeln wir Schweizer letztlich über unsere eigenen Macken.

Appenzeller Zeitung

Thalia, Wien

Irena Brežnás neuer Roman ist nicht nur ein packendes Leseerlebnis, sondern das subtile Porträt einer Frau, die ihre Heimat verlassen musste. Wie wenige Autorinnen ihrer Generation versteht sie es, den Schrecken und das Schöne in leichte Bilder zu fassen. Mit wunderbar sanfter Hand erschafft sie eine Atmosphäre, die süchtig macht. Ein bestechendes und einzigartiges Prosakunstwerk. Ein Roman voller Poesie und Eleganz, der lange nachklingt.

Stanislav Struhar, Thalia, Wien

Staub besichtigen  ·  Die Wochenzeitung, Zürich

«Seit ich meine weite Haut der Gemeinschaft verloren hatte, hüllte ich mich in enges Selbstmitleid, verkroch mich im Groll gegen das Unvertraute. Ich fühlte mich wie ein Ding, das Mutter in ein fremdes Haus gestellt hatte, wie eine unmündige Braut, hundert Jahre zurückgeworfen, verheiratet an ein Land wie an einen strengen, alten Mann.» So spricht die Protagonistin in Irena Brežnás neustem Roman, wie zwangsverheiratet mit einem Mann, der sich nicht für ihre Identität und ihren Kummer interessierte, sondern erwartete, dass sie funktionierte und außerdem Dankbarkeit zeigte. Aber die junge Frau reagierte mit Widerstand, und aus der Reibung wurde sie zur Staatsbürgerin eines Landes, das nun, nach über vierzig Jahren, endlich auch ihre Kritik akzeptiert und ihre Meinung hören will. Brežná fand den Zugang zur neuen Heimat über einen Umweg: Sie solidarisierte sich mit anderen Fremden. In ihrem Buch schildert sie, wie sie als Dolmetscherin Asylsuchende im Gericht oder im Krankenhaus begleitet: Flüchtlinge mit noch schmerzvolleren Erfahrungen als die ihrigen, Menschen mit noch mehr Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden: «Es fiel ein Wort, ein Blick des Erkennens, und schon erreichte mich die Wärme, die aus dem Fremdsein des anderen strömte. (…) Eine Sprache mit tausend Akzenten wurde unsere Vatersprache. Entbunden vom Gebot der Höflichkeit gegenüber dem Gastland zogen wir höhnend darüber her.» Durch diese neue «Heimat des Motzens» erkennt die Grenzgängerin ihre Stärken und fügt ihrem slawisch geprägten Temperament, auf dem sie trotzig besteht, einen messerscharfen Verstand hinzu. Für das Denken war die deutsche Sprache ideal, stellte sie fest und setzte der Dialektverliebtheit der SchweizerInnen die analytische Hochsprache entgegen. «Die undankbare Fremde» hat eher essayistischen Charakter. Ironisch hält sie darin den freundlichen, ordentlichen, bescheidenen und demokratischen EidgenossInnen den Spiegel vor, der nicht immer ein schmeichelhaftes Bild zurückwirft: «Sie waren Kämpfer, Idealisten des Materiellen, vertrauten auf ihre Zähigkeit und strebten nach dem Unmöglichen: die Oberfläche ihrer kleinen Welt hochpoliert zu halten, und zwar dauerhaft, was auch geschehen möge. Kaum war der Bankschalter keimfrei, schlichen sich schon die nächsten Bakterien heran, unsere ältesten Vorfahren. Immer wieder zog das Land mit dem Lumpen in der Rechten gegen die Vorfahren los. Ich entdeckte erst hier, dass ich eine angeborene Sehschwäche für Schmutz hatte. Nachdem ich das Treppenhaus gewischt hatte, riefen mich die Nachbarn zur Besichtigung der Staubkörner. Wenigstens kamen wir endlich ins Gespräch.» Auch in den Forderungen nach Anpassung waren die SchweizerInnen hart. Damals in den siebziger Jahren, als die junge Irena sie mit ihrem unberechenbaren Temperament provozierte. Damals, als man noch nicht zu denken wagte, «dass Zugewanderte an der Gesellschaft teilnehmen und dabei bleiben dürfen, wie sie sind».

Eva Pfister, Die Wochenzeitung, Zürich

Geräuschlos wie Partisanen  ·  Die Presse

«Die Fremden müssen sich anpassen», heißt es oft, doch die namenlose Ich-Erzählerin denkt nicht daran, sich anzupassen. Sie ist eine Rebellin, die keine Zwangsehe mit dem Gastland eingehen möchte. «Nichts als abhauen wollte ich aus der gefegten Leere, wo man mich maßregelte, und zurückkehren zu den Gehsteigen meiner Stadt, auf denen Müll herumlag. Zuhause war dort, wo es bekannte Lebensspuren gab.» Brežnás Buch ist ein Balanceakt. Die Autorin, die seit mehr als 40 Jahren in der Schweiz lebt, wundert sich über ihre Bewohner, die das Küssen im Voraus planen, die Beziehungen auf Distanz halten, nicht einmal ihre Kinder streicheln, noch bevor sie etwas sagen, um eine Entschuldigung bitten. Sie versteht nicht ihre Sparsamkeit und den Drang, nicht aufzufallen. «Fiel jemand in der Menge durch Protz und Farbe auf, war es ein geschmackloser Flüchtling.» Sie lernt auch Menschen kennen, deren Mitgefühl mit dem ihrer Mitmenschen aus der alten Heimat mithalten kann. «So lernte ich, dass gute Gefühle hier getarnt und geräuschlos wie Partisanen unterwegs waren.» Die Ich-Erzählerin sucht die Geborgenheit in der Emigration. Sie, die trotz allem eine gute Bürgerin sein möchte, äußert sich kritisch über das Land, dem sie die Bezeichnung Heimat verweigert. Die Schweiz, Traumland aller Heimatlosen, rächt sich dafür mit einem abgewiesenen Einbürgerungsantrag. «Die Einheimischen liebten es, die Fremden mit ihren Dialekten zu bewirten, eine Mundartspeise nach der anderen.» Brežná aber wollte die Schriftsprache, die nach nichts roch. Die Seiltänzerin balanciert zwischen Missbilligung und Patriotismus. Lästert jemand über die Verhältnisse im Land, verteidigt sie es mit seinen liebenswerten Seiten: «Rechtsstaat, Klarheit, Ausdauer, Wort und Tat als symbiotisches Paar. Ich brauchte eine Jahrzehnte dauernde Weltumsegelung, um sie zu erkennen.» «Die undankbare Fremde» ist ein bewegendes Buch, das überzeugt.

Zdenka Becker, Die Presse

Neue Presse, Hannover

Als «leuchtende Fremde» taucht die Schweiz auf, doch schon bei Einreise verschlägt es der Heranwachsenden aus der Tschechoslowakei den Atem. Statt heimatlicher Wärme gibt's Waren im Überfluss: «Um hier einzukaufen, musste man blind und taub sein.» Irena Brežná erzählt die Geschichte einer gelungenen Integration, blickt dabei aber mit großen, kritischen Augen, mit Wut, Spott, schwarzem Humor, aber auch Zärtlichkeit auf die seltsam gestriegelte Schweiz. Es geht um Identität und Anpassung, eher eine essayistische Erzählung als ein Roman, durchsetzt mit Episoden aus einer späteren Zeit, als die erwachsene Erzählerin zwischen Emigranten und Behörden dolmetscht. Ein brisantes Buch.

Neue Presse, Hannover

Freiburger Nachrichten

«Die undankbare Fremde» handelt von Ausgrenzung, von erzwungener Dankbarkeit und von Minderwertigkeitsgefühlen. Offen – für manche vielleicht zu offen – rechnet die seit 1968 in der Schweiz lebende Irena Brežná mit der Schweizer Angst vor dem Fremden ab. Damit nimmt sich die 62-Jährige auch die Freiheit, ihre Meinung zu äußern. Doch sie spricht auch für alle Fremden im Land.

Freiburger Nachrichten

Und das grelle Licht der Fremde fraß die Sterne auf  ·  synaesthetisch.wordpress.com

«Wären die Obdachlosen aus buntem, glatten Plastik, würde man sie abstauben, anpreisen und hätscheln bis zum Ausverkauf.» Die Heldin flieht gegen Ende der 60er-Jahre aus der tschechoslowakischen Diktatur in die vermeintlich offenen Arme der Schweizer Demokratie und fühlt sich dort nicht nur sprachlich missverstanden. Doch sie ist fleißig, lernt schnell, wird Dolmetscherin, findet in der starren, neuen Sprache einen intellektuellen Rahmen für ihre übersprudelnd emotionale Natur und vertritt gewissenhaft das Interesse von anderen Migranten vor Ärzten und Richtern. Brežnás Erzählerin weist schließlich beide Plätze, beide Identitäten zurück: Nicht länger ist sie «nur» das slowakische Mädchen und längst nicht eine angepasste Schweizer Frau – sie erschafft sich über die Jahre eine neue Identität im Zwischen, eine ureigene Nische, in der sie sie selbst sein kann. Sprache, das macht die Berufswahl als Dolmetscherin deutlich, spielt für Brežná eine große Rolle – ihre Erzählerin beschreibt ihr Leben sprunghaft, situativ und wie ein tausendfach zerbrochenes Mosaik, dessen Splitter erst mühsam aus dem Fleisch gezogen werden müssen, um schließlich zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden zu können. Obwohl nur 140 Seiten lang, ist «Die undankbare Fremde» ein kraftvolles Büchlein, das vom Unwillen jener berichtet, die keine Fremden bei sich aufnehmen wollen und ihre Identität schamlos kappen – und gleichzeitig ist es der Bericht einer gelungenen Integration, die trotz aller Widrigkeiten Halt in dem Zwischenraum von Distanz und Identifikation findet. «Die Fremdheit ist wie der Wunderbrei, der über das Land, über ganze Kontinente schwappt. Aber schaue ich genau hin, ist jede Fremdheit anders. Wir werden dafür neue Begriffe und Bilder finden müssen. Die nächste, die übernächste Generation wird es tun.»

synaesthetisch.wordpress.com

Mehr Herz als Geld  ·  Die Zeit

Neben dem Nord-Süd-Gefälle, von dem die Völkerpsychologen in diesen Zeiten viel reden, hat man das Ost-West-Gefälle der Lebensauffassungen ein wenig aus den Augen verloren. Dabei findet man in der osteuropäischen Literatur seit je jene Temperamentenlehre, die im Augenblick zur Erläuterung der Unterschiede zwischen Nord- und Südeuropa herangezogen wird: hier Hartherzigkeit und Arbeitsethos, dort Leidenschaft und Lotterleben. Irena Brežná, geboren in der Tschechoslowakei, seit 1968 in der Schweiz beheimatet, rückt den klassischen geoliterarischen Konflikt zwischen Herz und Geld in ihrem neuen Roman wieder in die seit dem Erscheinen des Oblomow altvertraute Ost-West-Achse. In lustvoll polemischer Übertreibung beschreibt sie den Schweizer als einen Tölpel, der seine Liebste nicht herzlicher zu preisen versteht als sein Frühstücksmüsli, und die Schweizerin als eine Dame, die vor einem Stelldichein nicht sich, sondern den Spültrog besonders gründlich bürstet. Der reiche Westen lebt bei Brežná sauber und still in Cellophan verpackt, wohingegen im armen Osten die Gefühle munter und unverpackt spazieren gehen. Das liest sich amüsant, temperamentvoll und wunderbar ungerecht.

Iris Radisch, Die Zeit

Ein Plädoyer für das Recht auf Fremdheit  ·  literaturkritik.de

Der Roman «Die undankbare Fremde» der deutsch-schweizerischen Autorin tschechoslowakischer Herkunft Irena Brežná weist höchste gesellschaftliche Aktualität, thematische Dichte und ästhetische Qualität auf. Neben dem Tabubruch – sich als Migrantin über die Aufnahmegesellschaft kritisch zu äußern –, neben den fokussierten Themen Meinungsfreiheit, Kapitalismus versus Sozialismus, latente Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung, darf nicht vergessen werden, dass es sich hier um einen Roman handelt. Seine Erzählstruktur, Figurenkonstellation und vor allem die Sprache sind ebenfalls nicht nur wichtig, sondern entscheidend für das Verständnis der inhaltlichen Ebene.

Der Körper wird zum zentralen Aspekt dieses Romans, zur Folie, auf die die Erlebnisse und Erfahrungen in der Fremde projiziert werden. Die Fremden sind in diesem Roman kranke, verfallende, misshandelte Körper. Die Krankheit verleiht dem Körper die Stimme, die zur neuen Sprache wird, zur Sprache des Schmerzes: «Wenn die Patientin etwas von ihrem Körper wahrnimmt, dann nur Schmerz.» «Körper und Sprache. Ein Liebespaar, das täglich ermordet wird.»

Im Unterschied zu ihrer Freundin Mara entscheidet sich die Ich-Erzählerin gegen den Dialekt und wählt bewusst ihre Fremdheit, ihre Nicht-Zugehörigkeit. «Ich wollte die Schriftsprache, sie roch nach nichts, ein leeres, weiß getünchtes, mehrstöckiges Haus, mit geräumigen Zimmern und hohen Decken.» Die Schriftsprache gibt der Ich-Erzählerin nicht nur den Freiraum, sondern in erster Linie den Schutz, der für sie als Dolmetscherin unverzichtbar ist. Als Schriftstellerin hat Brežná eine dialogische Sprache geschaffen, die sich durch eine anspruchsvolle Ästhetik kennzeichnet. Als Psychologin erkennt sie, dass die geforderte Anpassung zu einem Korsett wird, das krank macht. Als Migrantin fordert sie einen respektvollen Umgang mit der Fremdheit. «Ich heiße Emigrazia. Meine Heimat ist Ausländerin. Von hier lasse ich mich nicht mehr emigrieren.»

Natalia Shchyhlevska, literaturkritik.de

Wenn im Paradies die eigene Seele lahmt  ·  Muttenzer Anzeiger

Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen als politischer Flüchtling beschreibt Irena Brežná den Prozess einer neuen Identitätsfindung in der Schweiz. Es ist der Weg einer starken jungen Frau, die in ein Paradies verpflanzt wird und merkt, wie «ihre Seele lahmt», weil ihr der Boden ihrer kulturellen Identität entzogen wird. Mit einem scharfen Blick von außen unterscheidet sie die Kultur der «Einheimischen» von ihrer eigenen ethnischen Herkunft. «Zuhause ist dort, wo man motzen darf», aber wo ist der Raum dafür, wenn wir eigentlich nur dankbar sein sollten? Stück für Stück gelingt es der Protagonistin, aus den Elementen beider Kulturen eine gereifte und damit bereicherte eigene Identität zu schaffen. Diese dient als Basis zu einem Plädoyer, die neue Vielfalt der Kulturen auch in der Schweiz stärker als Chance wahrzunehmen und damit zu einer «dankbaren Fremde» zu werden. In der offenen und persönlichen Diskussion im Anschluss an die Muttenzer Lesung wurde deutlich, wie sehr dieses Buch aus dem Herzen von vielen Menschen mit Migrationserfahrung spricht.

Heike Wach, Muttenzer Anzeiger

Gewählte Fremdheit  ·  an.schläge, Wien

Mit 18 wird sie aus der Tschechoslowakei in die Schweiz transplantiert. «Grüezi» – Sie wird Jahre brauchen, um diese Grüssformel zu entschlüsseln, eine von vielen Botschaften, die sich der Migrantin erst allmählich erschließen. Geld und Recht und Ordnung und Sauberkeit und Manieren. Kein Trödeln, Tänzeln, Träumeln, keine Spässe, für die man sich nichts kaufen kann. In ihrem ersten Buch «Die beste aller Welten» beschrieb Irena Brežná die Kindheitswelt. Jetzt widmet sie sich den Schmerzen der Verwandlung, die die erzwungene Migration bedeutet. Eine Verwandlung, die auch Bereicherung, nicht nur materielle, bedeutet. Die deutsche Schriftsprache vermittelt Klarheit und Abstraktion. Als Dolmetscherin setzt sie über Sprachufer, vermittelt zwischen Begriffswelten. Die Autorin bricht in neue Dimensionen auf. Will nicht Kindheitsmief gegen Wohlstandsmickigkeit eintauschen. Sie ist kein ganzer Mensch mehr. Das ist ihre Chance. Zusammenbruch und Fundstücke: Sie ist eine Collage, die sie selber gestaltet. Das utopische Projekt unserer Zeit. Keine trügerischen Zugehörigkeiten, auch kein Fremdheitsgedusel. Eine unsentimentale Fremdheit als Wahl. Und immer wieder zurückkehren in die wohltuend nüchterne, pragmatische Schweiz. Die jünger, bunter, fremder wird.

Michèle Thoma, an.schläge, Wien

Flügel und Dächlein  ·  Berliner Zeitung

Katzenfüttern ist selbst in Diktaturen erlaubt. In Demokratien kommt es vor, dass man gegen solche Vergehen Verbotsschilder aufstellt – und wenn sie nicht beachtet werden, eingeschriebene Briefe mit der Androhung einer gerichtlichen Klage folgen. Herrenlose Katzen werden am besten ins Tierheim gebracht und nicht der unkontrollierten Vermehrung ausgesetzt. Überhaupt scheinen Briefkästen in der Schweiz hauptsächlich die Funktion von Meckerboxen zu erfüllen. Kämmt sich beispielsweise eine heranwachsende Immigrantin am offenen Hoffenster ihre langen, prächtigen Haare, findet sie einen Knäuel davon am nächsten Tag in ihrem Briefkasten wieder. Irena Brežnás erster Roman «Die beste aller Welten» handelte von der Diktaturzeit in der Tschechoslowakei, ihrem Herkunftsland. Nun schreibt die Autorin, Menschenrechtlerin und Kriegsreporterin in «Die undankbare Fremde» lustvoll überzogen über ihr Ankunftsland, die Schweiz. Brežná macht kein Geheimnis daraus, dass die Erfahrungen ihrer namenlosen Protagonistin von ihren eigenen gespeist sind. Die zweite Ebene des schmalen Buchs spielt in der Gegenwart. Die inzwischen als Dolmetscherin arbeitende Protagonistin gibt protokollartig heutige Flüchtlingsproblematiken wieder, die sie bei Behördengängen, in Krankenhäusern, Gerichten oder Psychiatrien aufzeichnet. So entsteht ein Kaleidoskop aus Dieben, Kranken, Prostituierten, Lebensmüden, die unrettbar in den groben Maschen bürokratisch umbesetzter Menschenrechtsbestimmungen hängen. Nach Nadj Abonjis «Tauben fliegen auf» und Martin R. Deans «Ein Koffer voller Wünsche» ist «Die undankbare Fremde» die bissigste der widerspenstigen Schweizer Integrationsgeschichten.

Astrid Kaminski, Berliner Zeitung

Störrische Annäherung  ·  Programmzeitung, Basel

Es ist ihr zu hell, zu sauber, zu eng und viel zu vernünftig, dieses Land, das die Freiheit sein soll. Wie könnte sie sich da je heimisch fühlen? Sie wollte ja auch gar nicht weg. Ein paar Jahre später hat sie sich einigermassen mit der Schweiz versöhnt oder zumindest daran gewöhnt; «ich werde älter und das Land immer jünger und bunter», heißt es gegen Ende des Buches. Dazwischen sind viele kleine Schritte sowie Begegnungen mit anderen Eingewanderten (die Icherzählerin arbeitet am Gericht und bei Ärzten als Dolmetscherin); und in diesen Passagen wird der autobiografisch grundierte Text zum beklemmenden Bericht. Er ist viel weniger skurril als Irena Brežnás erster Erinnerungs-Roman «Die beste aller Welten», der die Kindheit im real existierenden Kommunismus beschwor, und weniger glänzend analytisch als ihre politischen Essays; was ihn jedoch trägt und hält, ist seine störrische Glaubwürdigkeit.

Verena Stössinger, Programmzeitung, Basel

Schweizer Revue

«Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Ferne», mit diesem Satz beginnt Irena Brežná ihr Buch «Die undankbare Fremde». Brežná, 1950 in der Tschechoslowakei geboren, floh 1968 mit ihren Eltern in die Schweiz. Heute lebt sie in Basel, ist eine renommierte Übersetzerin und Journalistin. Ihr autobiografischer Roman ist ein traurig berührendes und gleichzeitig ein amüsantes Buch. Die junge Icherzählerin erlebt als 18-Jährige die Aufnahme in der Schweiz als alles andere denn als Rettung. Dieses Land, paralysiert vom Kalten Krieg, ist ihr unheimlich und sehr fremd. Sie beobachtet sich selber bei ihren Integrationsversuchen und spiegelt dabei sehr erhellend die Eigenart der Schweiz und die Eigenartigkeiten der Schweizer. Zwischen die Erzählungen aus ihrem Alltag stellt Brežná «Protokolle» aus ihrer Arbeit als Übersetzerin. Dieses Nebeneinander ist die Stärke dieses Buchs. Brežnás Buch ist nicht nur ein Lesevergnügen, es ist auch ein sehr interessanter Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte in der Schweiz.

Schweizer Revue – Die Zeitschrift für Auslandschweizer

Gastland im Zerrspiegel  ·  Wiener Zeitung

Eine zarte Person mit Regenschirm balanciert auf einer Lichterkette, zwischen Stromkabeln, Kirchtürmen und Wolken: Das Umschlagbild vermittelt Poesie wie auch Gefährdung, und der Titel, «Die undankbare Fremde», ist doppeldeutig: Ist nur die Aufgenommene undankbar? Oder auch das Zufluchtsland? Eine namenlose Ich-Erzählerin flieht als Pubertierende vor dem Prager Herbst in die kalte, saturierte Schweiz. Schon bei der Ankunft fühlt sie ihren slawischen Namen von Grenzwächtern verstümmelt, empfindet das saubere Exil nicht als Befreiung und sich als Mädchen, das mit einem alten Mann zwangsverheiratet wird. Doch die Heranwachsende fügt sich nicht, rafft sich als störrische Rotznase auf zum sprachgewaltigen Furor des Widerstands. Migranten sind zu preisgekrönten Leitfiguren aktueller Literatur geworden. Selten hat dies jemand so ungeniert, so politisch unkorrekt getan wie die in der Slowakei geborene Schweizerin Irena Brežná. Ein Kaleidoskop von Begebenheiten und Beobachtungen einer Halbwüchsigen wird zum grandiosen Monolog, der sich in schäumenden Kaskaden über die Wahlheimat ergießt, die weder gewählt ist noch Heimat wird. In messerscharfer Beobachtung, provokanter Offenheit und lustvoller Übertreibung hält die freche Göre dem sogenannten Gastland – es könnte ebenso gut Österreich oder Deutschland sein – als schein-idyllischer Insel den Spiegel vor, der in sprachvirtuosen Rundumschlägen zum Zerrspiegel wird. Und das tut manchmal weh. Irena Brežná hat als Kriegsreporterin für NGOs und als Psychologin gearbeitet. All das fließt in die zweite Ebene des schmalen Bandes ein: In verdichteten Passagen vermittelt die Ich-Erzählerin, nunmehr als Erwachsene, überaus berührend das Schicksal anderer Immigranten. Sie ist Dolmetscherin für Kriegsflüchtlinge mit all ihren Schicksalen, Hoffnungen und Illusionen; für Traumatisierte in Transiträumen, Kliniken oder vor Gericht; für «die feinen Akzente, auch das seelische Hinken der Entwurzelten». Sie wird zur Mittlerin zwischen Kulturen und den oft auf beiden Seiten Sprachlosen. Gegen Schluss begegnen sich die zwei Ebenen. Die jugendlich-scharfe Beobachterin ist in ihrer Akribie längst mehr Teil der Kultur des Gastlandes, als ihr bewusst war. Brežná hat sich mit ihrem pointierten Buch über Ankommen, Anpassung und Widerrede einen Platz in der interkulturellen Literatur erschrieben.

Gunther Neumann, Wiener Zeitung

deutscher-buchmarkt.de

Der Blick von außen verstört fast immer. Und wenn man ihn dann noch so treffend in Worte zu fassen weiß, wie Irena Brežná, ist man gelegentlich versucht, sich reflexartig der recht penetranten Überheblichkeit zu erwehren. Und lässt es dann doch. Weil man weiß, dass der Blick von außen Seiten freilegt, mit denen man sich auseinandersetzen sollte. «Im Herzen blieben sie passionierte Heimleiter für Schwererziehbare.» «Man war überzeugt davon, dass die armen Geknechteten in den Diktaturen die Güte der Langeweile nicht kannten.» Irena Brežná beobachtet genau und zieht Schlüsse von eindringlicher Klarheit: «Sich von der Gemeinschaft abzukapseln, um mit schönen Dingen fremdzugehen, diesen Luxus konnte sich eine Gesellschaft leisten, in der das elementare Überleben nicht von den anderen abhing.» Undankbar (wie der Titel – vermutlich ironisch – suggeriert) ist diese Fremde jedoch nicht, vielmehr beschreibt sie differenziert einen Prozess des Sich-Zurechtfindens in einer fremden Kultur. Spannend ist dabei vor allem, wie vermeintlich geschlossene Fronten sich allmählich aufweichen, das Wir-und-Die von der Realität eingeholt wird.

Hans Durrer, deutscher-buchmarkt.de

SWR2 – Die Buchkritik

Ihr «Recht auf Fremdheit» betont Irena Brežná gern in Gesprächen und reklamiert für das Fremdsein den Status einer eigenen Identität. Heute ist sie stolz, als Ausländerin in der Schweiz zu leben. Das war nicht immer so. 1968, im Alter von 18 Jahren, kam sie mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Sie hat sich nicht nur als Schriftstellerin und Slawistin einen Namen gemacht, sondern auch als Journalistin und Menschenrechtlerin. Für ihre Kriegsreportagen aus Tschetschenien erhielt sie 2002 den Theodor-Wolff-Preis.

Auch die Erzählerin des Romans verschlägt es als junges Mädchen in die Schweiz. Das neue Land mit seiner Sauberkeit und Ordnung und bizarren Saturiertheit erscheint dem heranwachsenden Mädchen wie ein allzu rein gekehrtes, von Kehrmaschinen und Ordnungshütern beherrschtes Paradies. Von Anfang an rebelliert sie gegen das Gastland, das sie unter allzu viele Gesetze, Regeln und Verhaltensweisen zwingt. Es folgt der beschwerliche, zum Teil demütigende Weg der allmählichen Einbürgerung der Protagonistin. Unbeirrbar lotet Irena Brežná das durch unausgesprochene Erwartungen und unterschwellige Vorurteile belastete Verhältnis zwischen Emigranten und Einheimischen aus. Schwäche und Unsicherheit, um an das Mitgefühl der Einheimischen zu appellieren, Anpassungsfähigkeit und Dankbarkeit werden von den Migranten selbstverständlich erwartet. Aber in dem durchorganisierten bürokratischen Apparat fehlt es oft an Verständnis, Mitgefühl und Menschlichkeit. Mit klaren, aber auch harten Worten in einer suggestiven Sprache von körperlicher Anschaulichkeit und bildhafter Prägnanz schildert Irena Brežná diesen allmählichen Annäherungsprozess der Exilantin an das Land, das sie aufgenommen hat. Das Buch ist durchdrungen vom Furor eigenen Erlebens. Sie schreibt abwechselnd aus der persönlichen Perspektive ihrer eigenen Erlebnisse und aus der Perspektive ihrer Funktion als Dolmetscherin. Es sind bewegende Schicksale anderer Asylsuchender, die knapp und konzise wiedergegeben werden und einen ernüchternden Einblick in die herrschende Einwanderungspraxis der Schweiz vermitteln, auf die sie mit Hohn und Spott reagiert. Die Lösung des Problems liegt im persönlichen Triumph der Erzählerin über die soziale Hierarchie. Erst als sie ihre Meinung offen ausspricht, sich keine Verhaltensregeln mehr aufzwingen lässt und auf ihre innere Stimme hört, kann sie das Fremdsein als ihre eigene Identität annehmen und gestalten. Dieses weniger als Roman denn als prägnanter, nuancierter Essay zum Thema Migration zu verstehende Buch ist eine kongeniale Lektion nicht nur für Migranten – für sie ganz besonders -, aber auch für jeden anderen im dauernden Spannungsfeld zwischen Individualität und gesellschaftlicher Zugehörigkeit lebenden Staatsbürger.

SWR2, Die Buchkritik von Cornelia Staudacher

züritipp / Tages-Anzeiger

Irena Brežná erzählt in ihrem schmalen Buch von einem Mädchen, das in den 60er-Jahren aus Osteuropa in die Schweiz immigriert. Der Blick, den die Autorin mit der poetischen, kraftvollen Sprache auf unser Land wirft, ist entlarvend, auch heute noch. 144 Seiten, die sich lohnen!

züritipp vom Tages-Anzeiger, Corina Freudiger

Club Ticket Buchversand

Als 1968 die Sowjets in die Tschechoslowakei einmarschieren, flüchtet die jugendliche Protagonistin dieses Romans mit ihrer Familie in die Schweiz. Doch die neue Heimat stellt sich der jungen Frau als sperriges Land voll merkwürdiger Verhaltensmuster der Bewohner dar. Den glänzend geschriebenen, oft sehr komischen autobiographischen Text unterbricht die Autorin mit Erlebnissen, die sie als Übersetzerin für Asylsuchende in der Schweiz hat.

Rezension Club Ticket Buchversand

Leserstimme

Die Autorin beschreibt ihre Gedanken und Gefühle nach ihrer Migration aus der CSSR in die Schweiz 1968. Für Schweizer ohne Migrationserfahrung könnte dieses Buch verstörend sein. Jedoch ist es sehr interessant, die Gedanken und Gefühle einer Migrantin so präzise und sprachlich versiert übermittelt zu bekommen. Am Ende wird das Buch sehr versöhnlich und die Autorin schafft es, ihre Wahrnehmung über die Welt und vor allem über die Einwohner ihres neuen Heimatlandes für sich in ein sinnvolles Konzept zu bringen. Extrem lesenswert.

Alexander Drews

kulturnews.de

Die Heldin flieht gegen Ende der 60er-Jahre aus der tschechoslowakischen Diktatur in die vermeintlich offenen Arme der Schweizer Demokratie und fühlt sich dort nicht nur sprachlich missverstanden. Doch sie ist fleißig, lernt schnell, wird Dolmetscherin, findet in der starren, neuen Sprache einen intellektuellen Rahmen für ihre übersprudelnd emotionale Natur und vertritt gewissenhaft das Interesse von anderen Migranten vor Ärzten und Richtern. Irena Brežná hat ihre eigene Geschichte niedergeschrieben und macht darin den Leser gleichermaßen zu Angeklagtem und Verbündeten. Gekonnt beschreibt sie den Kampf ihrer Heldin mithilfe einer deutschen Sprache, die beißende Kritik am stoisch ordnungsliebenden Schweizer Volk übt und gleichzeitig begeistert ist von den Horizonten, die sich einer derartig auf Effizienz fokussierten Gesellschaft auftun. Der Versuch der Heldin, von der einen Kultur zur anderen überzulaufen, mündet in der erleichterten Erkenntnis, dass nichts gegen ihre vermittelnde Zwischenexistenz spricht, und ist damit eine mutige und wichtige Aussprache für Toleranz.

(nmh) www.kulturnews.de

lesewelle.wordpress.com

«Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde.» Mit diesem Satz beginnt der Roman «Die undankbare Fremde» von Irena Brežná, die ihre Ich-Erzählerin von ihrer Erfahrung als Emigrantin in der Schweiz berichten lässt. Als sie mit ihrer Familie in der Schweiz ankommt, werden in der Kaserne erst einmal Verhöre durchgeführt und wie bei der Einwanderung in die USA wird der fremd klingende Familienname vereinfacht, es werden ihrem Namen «Flügel und Dächlein» gestrichen. «Diesen Firlefanz brauchen Sie hier nicht.» Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese sassen stumm da und ließen meine Verstümmelung geschehen. Was sollte ich mit dem kahlen, männlichen Namen anfangen? Ich fror.» Die Ich-Erzählerin besucht einen Sprachkurs, findet bald eine Freundin, Mara, die sie einige Jahre begleiten wird. Sie will sich nicht in einen Dialekt zwängen lassen, sondern eignet sich die hochdeutsche Sprache an, die ihr Zuhause sein wird und in der sie sich wohl fühlt. Sie bleibt rebellisch, ist vielen Gewohn- und Eigenheiten in unserem Land kritisch eingestellt: «Beliebt war demonstrative Unsicherheit. Man hängte gerne "gell" und "oder" an, damit nicht der Eindruck entstand, man gäbe mit eigenem Wissen ungebührlich an und wollte eine demokratische Diskussion unterbinden.»

Als sie erwachsen ist, arbeitet sie als Dolmetscherin. Sie begleitet Flüchtlinge und Einwanderer zu Behördengängen, übersetzt am Krankenbett im Spital, im Gerichtssaal oder beim Psychiater. Sie kommt dadurch mit Ausschaffungshäftlingen, mit Drogensüchtigen, psychisch Kranken, Sterbenden zusammen. Eines der ersten Gebote ist es, das Gesagte gewissenhaft zu übersetzen, nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen. Trotzdem gibt es Situationen, in denen die Ich-Erzählerin das Gesagte auch einmal ausschmückt. «Als sprachlicher Notfalldienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.» Als die Ich-Erzählerin in andere Länder aufbricht, trifft sie häufig auch dort auf Einwanderer, die über ihr Gastland lamentieren. Wenn diese Menschen anfangen, über die Schweiz zu lästern, stellt sie fest, dass sie anfängt, dieses Land in Schutz zu nehmen, die positiven Seiten aufzuzeigen. Und kommt sie zurück, erscheint es ihr jedes Mal erträglicher. Die Autorin Irena Brežná steht mit beiden Beinen im Leben und weiß, wovon sie spricht. Schonungslos geht die Ich-Erzählerin mit der Schweiz und ihren Bewohnern ins Gericht. Sie schont aber keineswegs die Einwanderer und Flüchtlinge. Mit schöneren Worten könnte der Roman nicht enden, der mir in seiner Sprache ausgezeichnet gefallen hat. Die Autorin ist eine Sprachakrobatin.

lesewelle.wordpress.com

inter-pret.ch

Die Schriftstellerin und interkulturell Übersetzende Irena Brežná hat einen eindrücklichen Roman über die Emigration geschrieben, deren Geschichte parallel aus zwei Perspektiven erzählt wird. Erstens ist es jene der jungen Frau, die aus einer kommunistischen Diktatur Ende der sechziger Jahre in die Schweiz flieht und als Heranwachsende gegen das Gastland und seine starren Regeln rebelliert. Die Frau stösst auf Ablehnung, Gefühlskälte und Unverständnis. Die Heimat, aus der sie fliehen musste, wird im einsamen und verunsichernden Exil zu einem sicheren Hafen: «Nichts als abhauen wollte ich aus der gefegten Leere, wo man mich massregelte, und zurückkehren zu den Gehsteigen meiner Stadt, auf denen Müll herumlag. Zuhause war dort, wo es bekannte Lebensspuren gab. Ihr Gestank wurde in der Fremde zum Duft der Heimat und der Freiheit.» Die junge Frau kämpft um den Erhalt ihrer kulturellen Wurzeln, reibt sich an der Differenz, denn «Assimilation klingt nach Auflösung. Lieber wäre mir, sie hätten mir meine Partizipation bestätigt, aber dass Zugewanderte an der Gesellschaft teilnehmen und dabei bleiben dürfen, wie sie sind, hätte man damals nicht zu denken gewagt.» In der zweiten Perspektive erscheint die junge «undankbare Fremde» als ältere und unterdessen in der Schweiz angekommene Frau, die als interkulturell Übersetzende Einblick in andere Migrantenschicksale erhält. Irena Brežná gelingt dabei eine außerordentlich packende und persönliche Darstellung der Rolle der interkulturell Übersetzenden: «Als sprachlicher Notfalldienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.» Brežnás ehrliche und eigenwillige Schilderung der Rolle und Aufgabe als interkulturell Übersetzende zeigt, wie viel Engagement und Anteilnahme von Seiten der interkulturell Übersetzenden möglich ist. Ihr offene und ehrliche Darstellung stellt damit einen überaus wertvollen Beitrag zur fortwährenden Auseinandersetzung um die Möglichkeiten und Grenzen des interkulturellen Übersetzens sowie um die Rollen im Trialog dar.

Lena Emch-Fassnacht, www.inter-pret.ch

Pogrom – Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker

Was bedeutet es, fremd zu sein? Wie kann man eigene Identität ausbilden, jenseits des Herkunftslandes? Mit diesen Fragen ist eine junge Frau konfrontiert, die aus der Tschechoslowakei in die Schweiz geflüchtet ist. Die Heldin erkämpft sich schließlich das Recht darauf, fremd zu sein und fremd zu bleiben. Sie arbeitet als Übersetzerin und wirft so ein Licht auf heutige Flüchtlingsschicksale. Das viel gelobte Buch liest sich hervorragend und löste in der Schweiz eine lange überfällige Diskussion um Zuwanderung und Integration aus.

Von Sarah Reinke, Pogrom – Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker

Ich heisse Emigrazia  ·  Saarbrücker Zeitung

Irena Brežná wurde 1950 in Bratislava geboren. 1968 emigrierte die Familie in die Schweiz. Ihre Muttersprache ist Slowakisch, sie publiziert auf Deutsch, ihr Lebensthema ist in der ersten Zeile der tschechischen Nationalhymne formuliert: «Kde domov muj? / Wo ist meine Heimat?» Auch in ihrem neuesten Buch setzt sich die Schriftstellerin und Journalistin, die sich mit Prosa, Essays und Reportagen einen Namen gemacht hat, mit dieser Frage auseinander. In ebenso subtil wie provokant gestalteten Episoden schildert «Die undankbare Fremde», wie aus der trotzigen jungen Emigrantin, die dem neuen Land nichts weiter abgewinnen kann als verzweifelte Sehnsucht nach der verlorenen Geborgenheit, eine selbstbewusste «Emigrazia» wird, die sich die Fremdsprache zu eigen macht, um heimisch zu werden in Zwischenräumen. «Nichts als abhauen wollte ich aus der gefegten Leere, wo man mich massregelte, und zurückkehren zu den Gehsteigen meiner Stadt, auf denen Müll herumlag», heißt es auf den ersten Seiten des Buches. Am Ende entfalten sich aus den Zwängen neue Möglichkeiten: «Ich bin nicht mehr ständig wütend und traurig, sondern praktisch, eine Sammlerin, durchmische das Alte mit allerlei Neuem (…) und werde nie aufhören, an meiner waghalsigen Konstruktion zu basteln, die mal einstürzt, mal sich bewährt.» Die wichtigste Lektion, die «Die undankbare Fremde» vermittelt, betrifft die komplexe psychologische Struktur dessen, was das Wort Anpassung bezeichnet. Die «Fremde» ist kein leeres Blatt, sie bringt ein Leben mit, und gleich, wie schwer es in der alten Heimat auch gewesen ist, Wohlstand allein wird ihr das Verlorene nicht ersetzen. Die Post, die Irena Brežná als Reaktion auf «Die undankbare Fremde» erhielt, bestand keineswegs nur aus Lob für die stilistischen Feinheiten ihrer Prosa. Vielleicht von dem Gefühl, Irena Brežná habe – mehr als einmal – den Nagel auf den Kopf getroffen?

Von Lothar Quinkenstein, Saarbrücker Zeitung

Bayerisches Fernsehen, LeseZeichen

Für dieses Buch besteht eine absolute Leseempfehlung! Nicht weil die Schweiz ein Land wäre, das man mehr als andere kritisieren müsste, auch wenn das Buch dort einigen Staub aufgewirbelt hat und die Autorin tatsächlich, wie im Buchtitel vorhergesehen, als «undankbare Fremde» empfunden wurde. – Es geht vielmehr darum, dass wir alle aus diesem Buch Gewinn ziehen können.

Bayerisches Fernsehen, LeseZeichen, von Daniela Weiland

Der Sonntag / MLZ

Die zwölf Highlights 2012 – Nicht Alice in Wonderland, sondern Irena in Switzerland ist das Thema dieses Buches. Aber fast so erstaunlich wie Wonderland mutet es an, wenn die Autorin aus der Perspektive eines Einwanderermädchens von der neuen Heimat berichtet; von Geld-Überfluss und Gefühls-Unterkühlung, von Wundervollem bis hin zu Wunderlichem. Und wenn wir schon bei den Wundern sind: Wunderschön ist auch dieser Roman geschrieben, der einem den Blick weitet.

Anna Kardos, Der Sonntag/MLZ

bibliophilin.de

Schon in den ersten Zeilen dieses schmalen Romans von Irena Brežná ist das Misstrauen der namenlosen Ich-Erzählerin spürbar, das Gefühl der Beklemmung, das augenblicklich von ihr (und vom Leser) Besitz ergreift, kaum dass sie ihre neue Heimat betritt. «Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. "Wie viel Licht!", rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.»

Sie nimmt den Leser mit in das tägliche «Sprachkarussell», begibt sich mit ihm auf «aufwühlende Fahrten» und wird dabei mit immer neuen Schicksalen konfrontiert. Mikrogeschichten, die sich in Form von kursiv gesetzten Passagen in ihre eigene Geschichte schieben und sie somit – auch visuell – aufbrechen. Beachtlich ist dabei Irena Brežnás kraftvoll-lyrische Sprache, die ungewöhnlichen und bisweilen rauen Bilder, aus denen der ganze Zorn der Ich-Erzählerin spricht. «Die undankbare Fremde» ist ein Roman, der mit seiner Poetik der Wut unter die Haut geht und noch lange nachklingt.

www.bibliophilin.de

Ich heisse Emigrazia  ·  Ostragehege, Dresden

In einer klaren, meist pointiert vorgetragenen Weise schildert die junge Frau, wie sie vom Überangebot von Waren aller Art schier erdrückt wird oder wie sie langsam erlernt, die Vokabel «Freiheit» als solche Freiheit zu begreifen, sich zwischen verschiedensten Putzmitteln für eines entscheiden zu können. Zuerst versucht sie, sich mit unterschiedlichsten Tätigkeiten über Wasser zu halten, um Zutritt zur Welt der Einheimischen zu erheischen. Als sie aneckt, merkt sie schnell, dass viele dieser Spezies eine «eckige Seele» zu haben scheinen. Stets wird Dankbarkeit dafür erwartet, was sie eigentlich als Normalität empfindet. Was Wunder, dass ihr «Weinen beim Stolpern herausfällt» und der «Gestank von daheim» sich als «Duft in der Fremde» erweist. Mühsam erwirbt sich die Erzählerin die Erkenntnis, dass in der Schweiz alles, auch die Kommunikation, stringent bis ins letzte Detail geplant sei, dass Erzählen jedoch keine einheimische Stärke sei, dass das Wort «Individualist» ein Schimpfwort in einer Diktatur, aber eine Errungenschaft in der Demokratie sei. Das Aussprechen ehrlicher und individueller Meinungen werde stattdessen als «Motzen» begriffen und geahndet. Der Rahmen des Romans wird gebildet durch eine Begebenheit, die derjenigen gleicht, wie sie die Erzählerin selbst bei ihrem Eintritt in die «bessere Welt» erlebte: man sollte an diese bessere Welt glauben! Mit unzähligen guten Taten hatte sie erfolgreich den Fluch des Exils überwunden. Das Buch vermag es, witzig und lakonisch, abwechslungsreich und weise in die aktuelle Migrationsdebatte einzugreifen.

Reiner Neubert, Ostragehege – Die literarische Arena, Dresden, Heft IV/2013, Nr. 72

Der «Westen», betrachtet aus dem europäischen «Osten»  ·  Wespennest, Wien

Die Themen «Fremde» und «Heimat» tauchen in Brežnás Werken in zahlreichen verschiedenen Abwandlungen immer wieder auf. Ihr bisher letztes grosses Werk macht diesen Umstand bereits im Titel expliziert: «Die undankbare Fremde» beginnt im Jahr 1968 als es die Erzählerin angesichts des Endes des Prager Frühlings in die saturierte Schweiz verschlägt. Bei der Einreise verändert der Grenzbeamte den Familiennahmen der Erzählerin und gibt ihr einfach den Namen von Vater und Bruder. Unter den Flüchtlingen kursieren sogar noch über die Okkupation ihres Heimatlandes Witze. «Ich weinte über den letzten Witz aus unserer Diktatur. Nun sollten wir demokratisch und witzlos leben.»

Eines der Ziele der Beachtung und des Spottes der Erzählerin ist die Gefühlswelt ihrer neuen Heimat, wo «Gefühle getarnt und geräuschlos wie Partisanen unterwegs waren». Die Erzählerin meint, dass die Schweizer ihrer unsicher seien: zu rational, zu gefühlskalt, zu berechnend, zu egoistisch, zu individualistisch, zu vorhersehbar, zu zurückhaltend und unsensibel. «Zu jung war ich für dieses erwachsene, vernünftige Land. Meine Versuche, es zur wilden Liebe herauszufordern schlugen fehl.» Und: «Zuhause ist dort, wo man motzen darf. Und ich hatte kein Zuhause.» Mit der Justiz der Schweiz macht die Erzählerin insgesamt gute Erfahrungen. «Im Gerichtssaal, im Ritual um Recht und Unrecht, bekam ich ein Vaterland. Mein Mutterland hatte ich verlassen müssen, aber es lebte in mir weiter, ich habe es nie verloren.» Überhaupt lehnt es die Erzählerin ab, sich «ethnisch einfangen zu lassen»: «Meine Heimat ist Ausländerin. Von hier lasse ich mich nicht mehr emigrieren.»

Hervorzuheben ist die Sprachbeherrschung der Autorin, die ja nicht in ihrer Muttersprache schreibt. Brežná meinte in einem im März 2012 erschienenen Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit», dass sie dankbar dafür sei, «in eine große Sprache eingewandert» zu sein – und meint damit explizit literarisches Deutsch, nicht etwa lokale Dialekte. Und konkret zur «undankbaren Fremden»: «Wo ich motzen darf, dort bin ich zu Hause. Insofern habe ich mich mit diesem Buch eingebürgert.» Dieses Buch sollte man nicht «überfliegen», sondern Satz für Satz aufnehmen und durchdenken. Vermutlich muss man «von außen» kommen, um an einem satten «westlichen» Land und seiner Bevölkerung so viele Details zu bemerken und süffisant zu kommentieren wie Brežná das gelingt. Bereits der Titel des Buches ist – natürlich – ironisch gemeint. «Undankbar» ist die Titelheldin, weil sie lange nicht alles an dem Land, das sie aufgenommen hat, gut und richtig findet. Und warum sollte sie auch? «Es ist unmöglich, auf die Dauer dankbar zu sein.»

Martin Malek, Wespennest, Wien

Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas

«Die undankbare Fremde» ist kein Roman im eigentlichen Sinn – es sind Fragmente aus der Welt einer Emigrantin, die als Dolmetscherin versucht, zwischen zwei Kulturen zu vermitteln, ohne sich selbst zu verlieren. Brežná zeichnet das Bild einer Schweiz, die sich nach außen aufgeschlossen gibt, in der es aber im alltäglichen Umgang miteinander eher intolerant zugeht. Sie wehrt sich gegen den Zwang einer permanenten Dankbarkeit, die jegliche Kritik verstummen lässt. «Zuhause ist dort», heißt es an einer Stelle des Romans, «wo man motzen kann», und Irena Brežná macht von ihrem Recht auf freie Meinungsäusserung als pflichtbewusste Bürgerin Gebrauch. So wird die anfangs verhöhnte schweizerische Wesensart, in jeder Lage Abstand zu wahren, nicht nur zur persönlichen Rettung, denn die Abgrenzung hilft, einer Verschmelzung mit den anderen vorzubeugen und einen inneren Persönlichkeitskern zu wahren, sondern auch zum entscheidenden Grundsatz einer kritischen Wahrnehmung, ohne die eine gesellschaftliche Transformation, die die Schweiz laut Brežná bitter nötig hat, undenkbar wäre. Zum Wohle der Gemeinschaft und damit der eingangs zitierte Satz kein uneingelöstes Versprechen bleibt.

Monika Riedel, Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 1, Jahrgang 2013

Interview auf Deutsch  ·  Radio Slovakia International