Auszüge:
Aus der Titelreportage „Die Wölfinnen von Sernowodsk“:
„Einige Frauen im Bus sprangen auf, umringten mich, eine junge Bäuerin band mir ein Kopftuch um. Gross und beige war
es, mit abstehenden wollenen Zotteln.
„Es gehört meiner Grossmutter, die in Sernowodsk geblieben ist“, sagte sie.
„Nimm die Ringe ab“, riet mir eine andere, „sonst könnten sie sie dir abziehen.“
Die Frauen sprachen nie von „Soldaten“ oder „Russen“, sie sagten schlicht „sie“. Es klang, als sprächen sie von einer
anderen Gattung Mensch.
Ich zog zwei Ringe ab, legte sie in die Jackentasche, den dritten behielt ich an. Meinen Schweizer Pass und den
Ausweis der „Sonderkorrespondentin“, den mir das Aussenministerium in Moskau ausgestellt hatte, schob ich in die
Strumpfhose auf den Bauch.
„Du bist eine Lehrerin aus Sernowodsk, du heisst Irina Michajlowna Kusnetsowa.“
„Aber ich habe einen Akzent im Russischen.“
„Wenn du weinst, merken sie es nicht.“
Zur Freude der Frauen wiederholte ich: „Irina Michajlowna Kusnetsowa.“
Wir näherten uns dem Kontrollposten, und die Frauen redeten hastig auf mich ein: „Du darfst keine Tür aufmachen, kein
Haus alleine betreten. An der Haustür könnten Granaten befestigt sein, und beim Oeffnen explodieren sie. Du musst
immer mit uns zusammenbleiben, darfst keinen Schritt alleine tun. Sie haben womöglich Scharfschützen aufgestellt und
werden uns mit Fernrohren beobachten.“
Wie stiegen aus. Ich starrte auf zwei kleinwüchsige Soldaten, die mit riesigen Kalaschnikows unsicher auf und ab
gingen. Ueber dem Gesicht trugen sie schwarze wollene Masken.
„Schau zu Boden, sonst erkennen sie dich am Blick.“
„Ich habe Angst“, sagte ich leise.
Eine Frau hackte sich bei mir ein.
„Wir haben alle Angst. Komm mit, jemand muss es doch aufschreiben.“ Vor der Absprerrung warteten schon etwa 200
Frauen. Ein Panzerwagen fuhr langsam durch die auseinandertretende Menge.
Ich wurde an den Strassenrand gedrängt, doch die Frauen hielten mich zurück: „Geh nicht von der Strasse ab, letzte
Woche sind hier drei Frauen einer Kuh nachgerannt und von einer Mine zerrissen worden.“
Vier Soldaten ohne Masken kontrollierten die Ausweise. Ich wurde in die Nähe eines älteren Soldaten mit einem
verhärmten Gesicht gestossen, doch ich beschloss, mich zu einem jungeren mit blauen Augen durchzudrängen. Als ich an
die Reihe kam, rannen mir ohne mein Zutun Tränen über die Wangen, kalte Finger griffen nervös ineinander: „Mein Haus
ist abgebrannt, ich habe alles verloren.“
Der Soldat versuchte mit Strenge so etwa wie Mitleid zu überspielen: „Haben Sie eine Niederlassungsbewilligung in
Sernowodsk?“
Ich schluchzte, und einige Frauen riefen empört: „Sie ist doch unsere Lehrerin! Haben Sie den kein Gewissen?“
Er schaute mich prüfend an und liess mich durch.
Die Frauen nahmen mich in ihre Mitte und flüsterten: „Gut gemacht.“
Wir gingen etwa zwanzig Minuten geradeaus auf der Hauptstrasse. Ringsherum lag im leichten Frost lockeres Ackerland.
Ich dachte daran, dass die Besatzungsarmee das Dorf umzingelt und die Felder vermint hatte, dachte daran, dass der
sichere Asphat unter unseren Füssen schmal war. „Der Krieg ist schmal“, dachte ich, „er ist einengend.“ Einige junge
Bäume am Strassenrand waren zerschossen, Aeste hingen zu Boden.
„Warum haben sie auf Bäume geschossen?“
„Einfach so“, erwiderte eine Frau...
Bei der Dorfeinfahrt sah ich das erste in sich gesunkene, ausgebrannte Auto, die ersten Bombenlöcher in
Wellblechdächern einiger niedriger, länglicher Häuser.
„Hier lebten viele Flüchtlinge aus Grosny und ganz Tschetschenien“, erklärte mir eine rundliche Frau mit sehr weissem
Gesicht und dunklen Augen....Wir gingen schnell, schweigsam, federnd wie Katzen. Ich schaute mich um, zu den Dächern,
in die Höfe.
Die Frau neben mir schaute unter die Füsse: „Vorsicht, Drähte.“ Elektrische Leitungen hingen herab, über dem Lehmboden
lagen verstreut zerbrochene Ziegelsteine, Glasscherben, Bretterteile....
Ueber dem Verwesungsgeruch ertönte der Chor vieler Tierlaute. Ein weisses, neugeborenes Kätzchen leckte Blut aus einer
Wunde am Oberschenkel eines Kuhkadavers, schaute mich mit halbblinden blauen Augen an und miaute. Hunde lungerten in
kleinen Rudeln, rannten auf uns zu, blieben in einem höflichen Abstand stehen...Als sich uns ein hellbraunes Kälbchen
näherte, lachte die Frau: „Du bist am Leben?“
Aus dem Hintern einer toten Kuh quoll eine Art rosaroter Ballon heraus. Ich blieb stehen: „Ist das der Magen?“
„Nein, ein ungeborenes Kalb.“
Die Frauen duzten mich von Anfang an. Nachdem ich ihr Dorf betreten hatte, duzte ich sie auch. Wir sprachen
miteinander in kurzen Sätzen...Eine andere Frau kam in den Hof, und Sula sagte: „Schnell, die Tiere.“ Auf dem Weg zum
Stall lag ein umgekippter Schrank. Wir stellten ihn gemeinsam wieder auf. Da erblickten wir ein paar Schafe, ein Lamm,
ein Kalb, ein nobles braun-weisses Pferd und drei Kühe. Sula musste von einem grossen Glück überwältigt worden sein.
Ihre flinken Bewegungen wurden noch geschmeidiger. Sie sprach zu den Tieren, und das konsonantenreiche Tschetschenisch
klang zärtlich. Zuerst band sie die auf dem Stroh liegenden Kühe los. Eine Kuh war hinter einem Bretterzaun im Stall
steckengeblieben. Sula nahm eine Axt, die andere Frau packte eine Metallstange, die Kuh zuckte zusammen, und Sula
sagte auf russisch: „Gedulde dich, du hast doch schon alles gesehen.“
Zuerst nahm ich das Aufschreien aus mehreren Kehlen wahr, dann erst erblickte ich die Leiche eines Mannes, das Gesicht
nach unten gekehrt. An seinem Nacken klebte viel getrocknetes Blut. Er war nur mit einem grauen Pullover und einer
schwarzen Hose bekleidet. Immer mehr Frauen strömten in den Hof, umkreisten die Leiche, wichen wieder zurück, traten
auf der Stelle, drehten sich um die eigene Achse, schlugen die Hände vors Gesicht. Das Geheul war hoch und bestand aus
dem Vokal A.
„Wie Wölfinnen“, fiel mir ein. Es war instinktiv und erfasste uns alle. Der Panzerwagenlärmt, der uns hierher
getrieben hatte, war vergessen. Jemand holte aus dem Haus eine rosa Wolldecke mit orientalischen Mustern, und die
Frauen rollten den Toten darauf. Beim Umdrehen sahen wir anstelle des Gesichtes ein schwarzes Loch. Die Ratten hatten
nur die halbe Stirn übriggelassen.
Eine Frau bückte sich, als wollte sie sich übergeben, spuckte aber bloss aus. Sechs Frauen, drei an jeder Seite,
packten die Decke mit dem Toten und trugen ihn fast rennend hinaus auf die Strasse. Als sie an mir vorbeikamen,
starrte ich auf die schmutzigen Schuhe, die aus der Decke heraushingen...Wenn ich an die Tschetscheninnen zurückdenke,
sehe ich vor mir die Silhoutten der starken Frauen, wie sie in der Mittagssonne den Tod aus dem Hof tragen. Hinter
ihnen weht sein Modergeruch. Und ich höre den tschetschenischen Frauenchor, den Klagegesang.“
Aus „Jagd nach der Einheitsträne“ (Schein und Wirklichkeit des Kriegsjournalismus):
„Wir sind ein Begvolk. Wir weinen nicht. Sollen statt uns die Berge weinen.“ So sagt man hier, und so kämpft man hier.
Wahrscheinlich ist solche Differenziertheit einer TV-Karriere abträglich. Ein engagierter Filmer vertraut auf das
feste Fundament der Einheitsträne aller Völker. Die Kamera zielt auf einige alte Frauen auf einer Bank neben den
Hausruinen von Samaschki. Sie weinen nicht, aber eine kundige Frau, die wir schon gedreht haben, gibt ihnen den
Hinweis, und sie weinen los. Diese Szene wird selbstverständlich in den Film aufgenommen. Dabei gehört gerade
stoisches Verhalten zur kulturellen Eigenart dieses zähen Volkes. Ob ältere Menschen, die erzählen, wie sie 1944 auf
Befehl Stalins in Viehwaggons gesperrt und nach Kasachstan deportiert wurden, ob Mütter, die berichten, wie ihnen die
russischen Soldaten heute ihre Söhne aus den Armen reissen, um sie in sogenannte Filtrationslager zu verschleppen, wir
wirken dabei gefasst.
Gestrichen wird allerdings die Szene mit einem alten Mann, dessen Sohn, Tochter und Schwiegersohn getötet und von
dessen Haus nur eine Mauer übriggelassen wurde, der würdevoll in die Kamera sagt: „Alles, was Gott uns gibt, erfreut
uns.“
Solche Spiritualität kann man weder den Vorgesetzten in Zürich noch den Zuschauern zumuten. Denn wer etwas verloren
hat, der klagt. Die Kunst, solche siebenminütigen Filmberichte in ein paar Tagen in einem völlig unbekannten Land zu
drehen, liegt in der Vereinfachung der Vereinfachung der Vereinfachung.
Aber die steigende Nachfrage nach Nekrophilie gehört zum Mediengrundgesetz. Bevor man eine solche interessante und
finanziell einträgliche Reportage fest zugesprochen bekommt, muss man noch die Chefs aufmunter: „Seien Sie unbesorgt,
der Krieg wird weitergehen.“
Dass aus den ausgebrannten Kulissen von Grosny schon mittags anmutige, frischgewaschene Frauengestalten, kunstvoll
frisiert, ein zusammengerolltes dünnes Kopfband anstelle des Kopftuches, in enganliegenden langen Kleidern, drapiert
mit Spitzen, in lackierten Stöckelschuhen aufsteigen, als wären sie unterwegs in die Pariser Oper, führt unsere
Vorstellung von Kriegsleiden ad absurdum. Das kann man nicht zeigen. Der protzige Ueberlebenswille dieser
Tschetscheninnen könnte Neid, Empörung hervorrufen.
Sainab freut sich über die ungebrochene Aesthetik ihres Volkes: „Schau, wie schön wir sind. Dieser Krieg hat uns
gelehrt, dass es sich nicht lohnt, Besitz anzuhäufen. Je mehr man uns bombardiert, umso besser kleiden wir uns, auch
wenn wir vielleicht nicht immer satt sind. Wir wissen, dass wir schon morgen tot sein können. Wir gehen aufrecht an
den Besatzern vorbei, um ihnen und uns zu sagen: „Ihr könnt uns nicht besiegen.“
Aus „Der verschluckte Tod“ (Die Kinder Tschetscheniens):
„Im Hof eines ausgebombten Hauses in Samaschki stand eine hagere Grossmutter, um sie herum drängten sich kükenhaft
ihre acht Enkelkinder. Die Grossmutter erzählte, wie die russischen Soldaten in den Hof gekommen waren, wie sie ihren
Schwiegersohn, den Vater der Kinder, an die Wand gestellt und in seinen Oberkörper geschossen hatten. Als er nicht
hinfiel, hatten sie eine Ladung auf seine Beine geleert. Da fiel er vor den Augen der Kinder hin. Die Grossmutter
machte mit beiden Händen eine Geste des Fallens. Dann führte sie uns zum Tor und erzählte, wie dort ihre Tochter, die
Mutter der Kinder, von einem Geschoss getötet worden war. Sie hatte gerade den Kindern das Essen gebracht.
Ich schaute die Kinder an. Keines wandte sich von den unfassbaren Worten der Grossmutter ab, keines hielt sich die
Ohren zu, keinem quoll Schaum aus dem Mund, keines warf sich zu Boden, um sich in Krämpfen auf dem Schutt zu wälzen.
Es schien, als lauschten die Kinder einem vertrauten Schauermärchen aus vergangenen Zeiten, aus einem fernen
Königreich. Sie standen artig, reglos da, sie hörten und sahen alles. Nur ein Mädchen leckte sich kurz die Lippen ab,
als hätte sie wieder mal den Tod verschluckt. Ob diese Kinder nachts jäh aufwachen und mit den streunenen Hunden
heulen?
„Wenn sie die Hubschrauber hören, rennen sie in den Keller“, sagte die Grossmutter müde.
Als wir sie verliessen, standen sie vor ihrer Hausruine, ein Mädchen erhob die Faust, und die anderen Kinder taten es
ihr gleich, sie lachten halb verlegen, halb schelmisch und riefen: „Allahu Akbar, Gott ist gross.“
Aus „Gesang der Wajnachinnen“ (Frauenstimmen aus dem Krieg):
„Man bombardierte uns den ganzen Tag lang.
Die Kinder, acht- und neunjährig stehen da und beten zu Allah: Lass nicht zu, dass wir alle sterben!
Und ich dachte:
Was bin ich für eine grausame Mutter,
warum bin ich nicht geflohen,
warum töte ich die Kinder
mit meinen eigenen Händen?
Da kamen sie mit Panzern in unseren Hof.
Ich ging auf die Knie, bat sie: Hier sind Kinder,
ihr seid doch auch Menschen, schiesst nicht!
Und die Kinder hörten nicht auf, Allahs Namen zu rufen.
Das hat uns wohl gerettet.
Wem nützt unser Unglück?
Sicherlich nützt es jemandem.
Als ich unser verbranntes Haus sah,
bekam ich einen Kloss im Hals.
Die Nachbarn versammeln sich,
versuchen uns zu beruhigen,
haben Mitleid mit uns,
vergessen ihre eigene Not.
Doch ich verzweifle nicht,
ich ermuntere die Kinder,
dass wir alles neu errichten werden,
dass die Zukunft vor uns liegt.
Die Tschetschenen sind
wie Ameisen in einem Ameisenhaufen,
immer in Bewegung.
Kaum hat man uns zerbobmt,
schon flicken wir das Loch zu.
Ich fürchte mich sehr davor,
den Glauben an Allah zu verlieren.
Aber ich bete zum Allmächtigen,
dass er mich von diesen Zweifeln befreit.
Die russischen Soldaten, die man auf uns hetzt,
sind oft Waisenkinder,
ohne Mutter und Vater,
ohne Gott aufgewachsen.
Wir wollen nichts anderes,
als nach unseren eigenen Vorstellungen leben.
Wir mögen uns irren,
aber dies ist das Leben, das wir wollen,
und man soll uns nicht mit Gewalt zwingen,
ein anderes Leben zu haben.
Die Wajnachen werden nie
die Schande auf sich nehmen,
nicht für sich einzustehen,
nur deshalb, weil die Uebermacht zu gross ist.
Ich hatte russische Freunde,
aber mein Verständnis von Russland
wird nie mehr dasselbe sein wie vor dem Krieg.
Wenn es vor dem Angriff in unserem Dorf
vielleicht zehn Widerstandskämpfer gab,
dann sind es heute dreihundert.
Bauern, deren Häuser brennen.
Sie sagen, sie stellen bei uns die Ordnung her.
Warum stellen sie nicht in Russland die Ordnung her?
Als ich hinausging und den Rauch sah,
der aus der Stadt stieg,
begriff ich,
dass mein bisheriges Leben zu Ende ist.
Ich beschloss zu kämpfen,
die Stimme zu erheben, damit man uns hört.
Seitdem bin ich fast nie mehr zu Hause,
versuche zu helfen.
Wir Frauen organisieren uns.
Viele kritisieren meinen Mann,
dass er mir das Herumreisen gestattet,
aber eher lasse ich mich scheiden,
als mich davon abbringen zu lassen,
dort zu sein, wo mein neuer Platz ist:
bei meinem Volk.“