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| Die Sammlerin der Seelen |
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Sammelband „Die Sammlerin der Seelen“, Unterwegs in meinem Europa, Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 207 Seiten, 16 EURO, 30 Sfr ZURÜCK AUSZÜGE BESTELLEN |
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32 Pressestimmen in Kürze:
Es ist zu hoffen, dass die facettenreiche Stimme Irena Breznás... zu denen durchdringt, die sie mit Freude und
Erschrecken aufnehmen werden - Freude an all den Entdeckungen, die bei dieser Lektüre zu machen sind und Erschrecken
angesichts schonungslos dargestellter Gewalt und Ungerechtigkeit...Der Band, in dem es keinen Satz gibt, der nicht
überraschend wäre...Heimat mutet sie... uns als Thema zu...Heimat in dem Sinne, wie Irena Brezna sie weniger definiert
als vielmehr suchend umkreist, ist also mitnichten ein altbackener Begriff. Heimat ist hochbrisant, hochproblematisch,
aktuell und neu zu entdecken...Irena Brezna beschreibt eine Welt, in der die Schicksale, noch die entferntesten,
miteinander verwoben sind.
Aber diese schmerzwache Genauigkeit macht Breznas Kunst der Reportage noch nicht aus. Das Besondere ist vielmehr,
dass hier keine Chronistin des Elends spricht, sondern eine Emphatikerin der Freundschaft...Irena Brezna ist keine
Romantikerin der fröhlichen Armut und der gesellschaftlichen Rückständigkeit. Weil sie den Verheissungen eines bloss
technisch oder ökonomisch gedachten Fortschritts misstraut, ist sie jedoch in der Lage, mit wachem Auge Schönheit,
Würde, Glück dort wahrzunehmen, wo der müde Blick des Konsumseuropäers nichts als Mangel und Defizit zu erkennen
glaubt.
...die Autorin hat etwas zu erzählen...Geschichten über die allmählich schwindende deutschsprachige Minderheit in
Siebenbürgen, aus slowakischen Dörfern im Nordwesten Rumäniens oder aus dem zerrissenen Moldawien zeugen davon. Auch in
den Berichten über den Krieg in Tschetschenien, wo sie sich - ohne Bemühen, Ausgewogenheit zu heucheln - auf die Seite
der WiderstandskämpferInnen stellt, führt Brezna ihre Leserinnen und Leser in eine andere grosse Welt, führt sie in ein
Land, dessen Bevölkerung sie als stark und stolz zeichnet.
Der Band...verbindet, er sammelt, er gibt verstreuten, vergessenen, verletzten Seelen ein Heimatrecht in unserem
fest gefügten westeuropäischen Bewusstsein. Wie die von ihr porträtierte tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab
Gaschajewa ist die Autorin selbst eine „Sammlerin der Seelen“ und der leisen Stimmen, vor allem der von
Frauen...Wie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab appelliert Irena Brezna nicht einfach ans Mitgefühl,
mit Bildern und Fakten zerstört sie „unser Ost-West-Märchen“....Hier fügen sich die Reportagen zusammen zu einem
weiblichen Lebens-Roman.
Die Verfasserin gehört zu jenen wenigen, die, Wanderer zwischen zwei Sphären, es sich zur Aufgabe gemacht haben, den
Westeuropäern den so nahen und zumeist doch so unbekannten östlichen Teil unseres Kontinents zu vermitteln.
Der Bruch im eigenen Leben und der Sinn, den man ihm abgewinnt - dies ist das eine. Das andere: das Nachdenken über die
slowakische Muttersprache und das ursprünglich bloss für hart und streng gehaltene Deutsche, das sie heute virtuos
beherrscht; die Reportagen sind denn auch von literarischem Rang...Breznás Parteinahme gilt den Unbeachteten, den
Vergessenen, denen, die das schlechte Gewissen der in Frieden lebenden, zivilisierten Welt gern verdrängt.
Die Sammlerin der Seelen berichtet nicht nur über die Vereinigungen und Einigkeiten. Zwei Drittel der Reportagen
aus der Zeit von 1995 bis 2000 befassen sich mit Krieg, Feindschaften und Angriffen gegen Menschenrechte...
Unterwegs in meinem Europa heißt der Untertitel des Buches, in dem sie drei Aspekte miteinander verflechtet: Denken
in Landesterritorien, grenzenloses Handeln und immer Auf-Ästhetik-Bedachtsein. Die drei scheinbar disparaten
Aspekte zu verbinden, gelingt der Theodor-Wolff-Preisträgerin Brezná erstaunlich harmonisch: Mit einer
unverfälschten und reinen Prosa, gepaart mit warmherziger, humaner Intelligenz, verleiht sie ihren literarischer
Reportagen eine besonders vitale Ausdruckskraft.
Ihre Porträts, poetische Reportagen und Skizzen, sind deshalb für sie Heimatgeschichten. Es ist Literatur über die
Fremde...Immer wieder schreibt sie davon, halb Osteuropäerin geblieben und halb Westeuropäerin geworden zu sein,
was sie zu einer Ganzheit zusammenzubringen versucht...Sie präsentiert viele kleine Texte, die spannend erzählt
sind, nicht nur, wenn sie aus Kriegsgebieten berichtet.
Brezna stellt sich vor Ort diesen europäischen Realitäten, am Schreibtisch daheim im durchaus fremd gebliebenen
Basel leben die Menschen, denen sie begegnet ist, in ihr weiter. Sie finden die Sprachlosen zu ihrer Sprache.
Breznas slowakische Wurzeln und ihr Tschetschenien-Engagement habe sie zum zuverlässigen Seismographen der
Sowjetmentalität und des russischen Einflusses werden lassen...Das Ergebnis ihres kindlich-entwaffnenden Blicks auf
und hinter die Dinge sind merkwürdige literarische Streifzüge durch Europas blühende Randschaften. Sprachlich ist
das derart virtuos umgesetzt, dass die Texte einen magischen Sog entwickeln.
„Die Sammlerin der Seelen“ ist ein Sammelband von literarischen Reportagen, Beobachtungen, Porträts, Schilderungen und
Tagebucheintragungen, die Brezna 1995 bis 2000 aufgeschrieben hat, geleitet von einem systematischen Interesse, das
Geschehen im Europa des 21. Jahrhunderts zu dokumentieren und zu kommentieren. „Unterwegs in meinem Europa“ heisst der
Untertitel des Buchs. Unterwegs war Irena Brezna vor allem in einem Europa, über das meist nur in Politik-Dossiers
berichtet wird, in dem Krieg ist und Angriffe gegen Menschenrechte stattfinden...Doch ist sie dabei auch an eigene
Grenzen ihres Engagements gelangt und entschied sich schliesslich für „offene Verweigerung“.
Die Kampfnatur Irena Brezna ist jedoch kein Kind von Traurigkeit...In witzigen, humorvollen und melancholischen
Farbtönen schildert sie den oft befremdenen Fest- und Werktag... In ihren Texten pulsieren Leidenschaft und Kontraste.
Irena Breznas eindrückliches Leben auf der Flucht ist ein Lehrstück menschlicher Existenz.
Ein weites Buch... Irena Brezna...hat in der Schweiz den Spagat zwischen slowakischer Bindung und westeuropäischer
Unverbindlichkeit, zwischen ihren Wurzeln im slawischen Idiom und der als Befreiung und zugleich Bevormundung
empfundenen deutschen Sprache gelernt. Diesen Spannungsbogen hält sie seither nicht nur aus, sondern gewinnt ihm
gestalterische Energie und eine eigene Bildhaftigkeit ab. Ihr Schreiben ist ein in seiner Stetigkeit sanft anmutender
Kraftakt.
So wuchtig und gleichzeitig fragmentarisch ist die Prosa Irena Breznas, es sind literarische Reportagen, die über
blosse Tatsachen hinweisen und die Menschen ins Zentrum stellen und Themen wie Macht und Gewalt in ihrer ganzen
Komplexität darstellen.
Es ist ein Berichten, das klug das Erlebte ordnet und doch vor allem durch den Körper geht.
Irena Brezna will das ihr Fremde „erriechen, erweinen, erhören, ersehen“, sie liest die Körper der Menschen, denen sie begegnet, und
deutet deren Gezeichnetsein mithilfe ihres eigenen Körpers, der immer auch der Körper einer Frau ist, was sogar
nationale Konstellationen als Geschlechtsverhältnisse verstehbar(er) macht - entlarvend etwa die Analyse Russlands
in „Matuschka Rossija und ihr Sohn“ oder die Beschreibung der Massenvergewaltigung in Tschetschenien als Uebergriff
auf einen „nationalen Körper“ -, und es ist ein Berichten, dem die selbstbewusste Kraft poetischer Sprache zur
Verfügung steht. Eine Sprache, die fliesst und verwebt die private Nahaufnahme mit der politischen Totale, das
Sachliche mit dem Traum, das Entsetzen mit der Reflexion darüber. Und die Hoffnungslosigkeit - zuletzt - doch auch
mit Hoffnung und Trost.
Sie lebt ihren Beruf mit Leib und Seele...In eine neue Sprache hinein zu gehen,
war für sie das „grösste Wagnis“.
Positiv hervorzuheben sind auch die aussergewöhnlichen Einsichten, die Brezna dem Leser aufgrund ihrer reichen
Erfahrung bieten kann, und die schonungslose Konfrontation mit grausamen Realitäten und Zeitdokumenten, wie etwa
einem erschütternden Brief aus einem Frauenlager im Ural. Die kulturwissenschaftlichen, teilweise gar
tiefenpsychologischen Analysen, die Brezna darüber hinaus immer wieder einflicht, zeugen von einer unablässigen
Beschäftigung mit dem europäischen Osten und weisen neue Wege in der Deutung des politischen Geschehens. Breznas
Essays erfüllen die grosse Aufgabe, an die Verlierer im heutigen Europa zu erinnern. Sie blicken nach Rumänien,
Polen, in die Slowakei, in das Kosovo und darin liegt ein besonderer Verdienst - sie erzählt von den
himmelschreienden Vorgängen in Tschetschenien.
Liebesgeschichten, Anekdoten und Tagebucheintragungen stehen den Berichten...aus der Schuttwüste Grosny...nicht
etwa entgegen, vielmehr durchdringen sich die vielfältigen „Textsorten“ in synchroner Bewegung. Diese epische
Choreographie kennzeichnet natürliche Eleganz...
Kontemplative Besinnung und harsche Dramatik, reflexive Innerlichkeit und scharsichtiger Realismus - nichts
Menschliches und nichts Politisches, nichts Lyrisches und nichts Journalistisches ist der Autorin fremd. Im
Gegenteil, diese Etiketten, mit denen Erkenntnis und deren literarische Umsetzung heutzutage klassifiziert werden,
versagen vor der Prosa der Irena Brezna...
Dennoch bleibt sie bei aller Partizipation auf fast seltsame Weise nüchtern bewusst, exponiert sich, ihre
Erfahrungen und Eindrücke, ihre Worte und Bilder dauernd der sanft fragenden Ironie.
Irena Brezna ist eine Grenzgängerin...Die Mischung von Poesie und glasklarer Analyse machen die Qualität ihrer
Reportagen aus, dazu kommt ein augenzwinkernder Humor, vor allem, wenn es um die Grenzen in den Köpfen geht...Was
an den Reportagen auffällt, ist einerseits der offene Blick auf die Situationen, ob das nun die Prostitution an der
deutsch-tschechischen Grenze ist, ein Kloster in Rumänien oder ein Thermalbad, das sich als Treffpunkt der Mafia
entpuppt, und andererseits die Nähe zu den porträtierten Menschen, und seien es Zufallsbegegnungen im Zug. Die Nähe
und Identifikation mit dem Leid...Irena Brezna zog mit diesem Buch auch eine Bilanz ihres Lebens - von einer, die
in Angst aufwuchs, in Ohnmacht emigrierte, ihre Heimat in der Solidarität mit den Entwurzelten fand - und nun
wieder auf dem Weg zu sich und nach Hause ist.
Aus der Sicht dieser genauen Beobachterin, die sich „heimisch in der Vielfalt“
weiß, ist die Frage „Wo beginnt der Osten?“ eine Aufforderung an uns, unseren eigenen Platz im „Haus Europa“ zu
bedenken. Tschetschenien gehört zu Europa. Seit Irena Brezna 1996 als Kriegsberichterstatterin dort war, wird ihr
Schreiben und Handeln besonders davon bestimmt, den noch immer in diesem Land herrschenden „vergessenen Krieg“ in
europäische Bewusstsein zurückzuholen...Wir, die wir uns so gerne als die Hausherren verstehen, sollten uns
bewusst werden, dass wir für alle Räume im „Haus Europa“ Verantwortung tragen. Dann könnten die christlichen Werte,
deren Fehlen im Entwurf der europäischen Verfassung so beklagt wurde, zur Grundlage eines gesamteuropäischen
Bewusstseins werden. Menschen wie Irena Brezna sind auf dem Weg zu einem wirklich einigen Europa. Sie können noch
Begleiter gebrauchen!
Atemlose Sätze wie dieser verdeutlichen den starken Impuls der Autorin bei ihrer Schreibarbeit. Was im «Kampf gegen
den Terrorismus» im Kaukasus verbrochen werde, sei Völkermord. Das verpflichtet Irena Brezna...Wenn für sie selbst
das «Schreiben ein Akt der Heilung und der Befreiung aus der Zerstörung» ist, öffnet «Die Sammlerin der Seelen» der
Leserschaft das Tor zu Menschen – Vertriebenen und Zurückgebliebenen – und Landschaften im geschichtsträchtigen,
postkommunistischen (Süd-) Osten Europas...Irena Brezna ist eine genaue Beobachterin und eine unterhaltsame,
bisweilen auch heitere Erzählerin. Die Autorin schreibt mit Lust und Leidenschaft – so, wie sie den Menschen bei
ihren Reisen begegnet.
In diesem lesenswerten Band sind einige berührende Dokumente zu finden von Begegnungen mit Männern und vor allem
mit Frauen in Kriegs- und Krisengebieten...Es entsteht ein Panorama melancholischer Landschaften, in denen Menschen
leben, die sich entweder resigniert in ihr bescheidenes Schicksal fügen; aber auch Menschen, die sich auflehnen und
kämpfen, für ein kleines Stück Freiheit und Fortschritt, gegen Krieg und Gewalt, für ihre Rechte und für eine
eigene Heimat.
Ihre deutsche Sprache ist ungewöhnlich kontrastreich und poetisch. Mit ihren bildreichen Worten schafft diese
Autorin nicht nur Fakten, sondern haucht den verschiedenen Gestalten ihrer Geschichten Leben ein und macht sie
sichtbar. Das Aussergewöhnliche an dieser Sprachpoesie, die in dieser Form selten anzutreffen ist: Deutsch ist
nicht die Muttersprache von Irena Brezna...Weil sie grausame Realitäten aus dem Krieg auf so sensible, ruhige Weise
zu Papier bringt, ohne sie abzuschwächen. Im Gegenteil, auf diese Weise brennen sich Details stärker ein als
lautstark und sensationsheischend vorgetragene Tatsachen. Irena Brezna ist eine äusserst scharfsinnige
Beobachterin. Auch kleine vermeintliche Nichtigkeiten aus dem Alltag geraden in diesen Geschichten zu
Wichtigkeiten...Irena Brezna erzählt von Frauen, die alles können: melken, Kinder erziehen, zwischen Bomben
durchlaufen und bei Konferenzen referieren.
Irena Brezna fokussiert auch in ihren neuesten Texten auf kleine, nur scheinbar banale Szenen und Skizzen von
menschlichen Schicksalen, die aber oft mehr aussagen als wortreiche Analysen... Diese und viele andere Szenen
schildert die Autorin in einem manchmal lakonischen, manchmal wütenden Ton. Das Besondere dabei ist, dass die seit
35 Jahren in der Schweiz lebende Slowakin alle die von ihr entworfenen Bilder mit einem doppelt gebrochenen,
doppelt fremden Blick betrachtet und wiedergibt.
So sehr die Reportagen aus Mittel- und Osteuropa aber auch Breznas seismografischen Sinn für
Veränderungen aufzeigen – die stärksten Passagen und eindringlichsten Formulierungen gelingen der heute in Basel
lebenden Schriftstellerin und Reporterin in den Texten, in denen sie am nächsten bei sich selbst ist: Wenn sie über
ihr Verhältnis zum Begriff «Heimat» reflektiert oder über die Wandlungen, die sie in über dreissig Jahren in der
Schweiz durchlaufen hat, überzeugen ihre Texte psychologisch und literarisch am meisten.
Wenn man in diesem Buch den letzten Drittel der darin enthaltenen Essays, Reportagen, Erzählungen die Russland und
seinem Kolonialkrieg im Nordkaukasus gewidmet sind, liest, merkt man die eigenständige Denkerin über den
informativen Journalismus hinaus. Irena Brezna ist als Slawistin, Publizistin und Psychologin, die zudem als
Kriegsberichterstatterin in Tschetschenien mehrmals war, für eine Analyse der fast zehnjährigen, von der Welt
unbemerkten Tragödie geradezu prädisponiert... Jenes Tschetschenien, das Irena Brezna uns zeigt, ist nicht nur ein
zerstörtes, sondern auch ein berührendes, ein starkes. Wenn Sainab in Genf nur drei Minuten erhält, um das tägliche
Morden und Foltern in Tschetschenien anzuklagen und wenn sie den Begriff Genozid nicht benützen darf, trägt sie es
mit einer Fassung, die so kraftvoll ist, dass darin der Glaube ans Menschliche schlechthin enthalten ist. Und
Sainab, die bessene „Sammlerin der Seelen“ rennt weiter, um diesen verstecken Krieg bekannt zu machen: „Wir machen
weiter, demontieren die Maschinerie der Lüge, Schraube um Schraube“ Ein Buch, das sich mit vielen Stimmen ans
Gewissen von Europa wendet.
Selten habe ich Reportagen, Skizzen und Portraits mit soviel Gewinn für mich selbst gelesen, wie diejenigen, die
der Band „Die Sammlerin der Seelen“ in sich vereint. Nicht nur, dass eine Tür nach Osteuropa geöffnet wird, die den
Blick über die Tagesnachrichten hinaus auf den Alltag und die Schicksale der Menschen dort lenkt. Darüber hinaus
fand ich in jedem der Texte die ureigene Suche der Autorin nach Heimat gespiegelt...Ich fand mich eingesogen in mir
unbekannte Welten und doch am Ende jeder Geschichte auf mich selbst zurück geworfen. Mitgenommen an Orte, an denen
die Frage nach Heimat deutlicher zu Tage tritt als in unserer westeuropäischen Beschaulichkeit, wurde die Suche der
Autorin zu meiner eigenen.
Irena Breznas Reportagen sind eindringlich, ohne aufdringlich - aufrüttelnd, ohne besserwisserisch zu sein. Unaufgeregt, oft poetisch klingen ihre Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind - dem Leben in den gelegentlich vergessenen Teilen Europas. Es lohnt sich, mit ihr in „ihrem Europa“ unterwegs zu sein.
Bemerkenswert an allen diesen Texten ist Breznas spezielle Perspektive, die versucht eine Balance zu halten zwischen Objektivität und Emphatie den jeweiligen beschriebenen Problemen und Menschen gegenüber. Auf welcher Seite ihre Sympathien liegen, ist dabei immer eindeutig: es sind die Schwachen, die Beschädigten, die Zerstörten, die Benachteiligten, die Vergessenen, kurz, die Opfer machtpolitischer Auseinandersetzungen in dieser Region. So schreibt sie mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, mit klarem Blick, ohne jedoch in eine wertende Haltung zu verfallen, jenseits aller gängiger Klischeevorstellungen
Irena Brezna..Sie stellt sich den russischen Invasoren entgegen, prangert deren Gräueltaten an und hilft in ihrer Schweizer Wohn- und Schreibheimat der „Sammlerin der Seelen. Damit meint sie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, die unermüdlich auf Vortragsreisen versucht, Westeuropa wachzurütteln. Ihr widmet Brezna den Sammelband.
In 25 fragmentarisch angelegten und sprachlich meisterhaften Essays erzählt die Autorin die Geschichte eines Kontinents, erkundet Krisen- und Kriegsgebiete, ohne dabei Kriegsberichterstatterin zu sein. Sie sammelt Geschichten kleiner Leute, Schicksale abseits der Fernsehkameras und Sensationen. Irena Brezná versteht sich auf Pointen. Für sie gibt es kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Und". Ihre Erzählungen sind voll von Metaphern, die ins Innerste treffen. Sie scheut sich nicht, Vergleiche anzustellen, auch wenn sie sich dadurch angreifbar macht. Irena Brezná schuf mit diesem Band ein Kaleidoskop der Menschlichkeit und Würde. Von Zdenka Becker, Die Presse, Wien
Einige Rezensionen in voller Länge:
Dieses insgesamt siebte Buch der Irena Brezna versammelt 24 Texte, von denen 20 zwischen 1996 und 2002 in unterschiedlichen, teils renommierten bundesdeutschen und Schweizer Publikationen erschienen waren. Reportagen aus Kreigsgebieten wie dem Kosovo und Tschetschenien oder auch aus beschaulichen, halbvergessenen Landstrichen Polens, Rumäniens, Moldawiens und der Slowakei wechseln sich ab mit leidenschaftlich-harter Satire, kleinen Sprach- und Gedankenspielereien oder tagebuchähnlichen Notizen.... Wie eine Ars poetica klingt es, wenn sie in einem ihrer selbstbefragenden Texte berichtet:“...ich bekannte mich dazu, eine Realistin zu sein, die sich nichts ausdenken kann, bloss das Geschehene vom Boden leicht anhebt, damit es sich verschiebt.“ Die Konsequenz daraus wäre, dass ihre Texte immer nur so gut sein können wie das Thema, das sich ihr aufdrängt. Und wirklich: Wo immer Brezna einen festen Gegenstand im Blick hat, wo sie an einem roten Faden entlang Menschen, Situationen und Bedingtheiten beschreibt, ist sie hervorragend. Auf einem breiten Grenzstreifen zwischen Beobachtung und Fiktion gelingt es ihr, dem präzise Dokumentierten poetischen Leben einzuhauchen. So füllt sie in der satirischen Collage „Eine Familie ist noch kein Härtefall“ die Faktenschilderungen mit der Gedanken- und Vorstellungswelt der jeweiligen Individuen auf, um diese lebendig-poetische Ebene umso kontrast- und effektreicher auf der harte, unkommentierte Beamtensprache der zitierten Gesetzestexte prallen zu lassen - ein Aufprall, in dem das poetisch Angereicherte real und da Nüchterne irreal wird: das Unfassbare nachvollziehbar und das Sachliche unbegreiflich. Auch in ihrer Reportage über eine traditionelle Hochzeit bei den Goralen im polnischen Teil des Tatragebirges beschränkt sich Brezna nicht etwa auf die Schilderung des Brauchtums, der Abläufe, der Speisen, der Tänze oder der Kleidung - sondern sie benutzt Passagen wie: „Und den kühlen Herbstmorgen wärmte etwas der Glaube, sie würden all das zermürbend Kompromisshafte der Ehe zu tragen vermögen. Und stand nicht die Gemeinschaft als Rückendeckung immer noch da? Und hatte nicht der Pfarrer den Schmerz der Trennung von den Eltern besänftigt, als er sagte, diese sollten ihre Kinder nicht mehr lenken, ihnen aber weiterhin mit Rat und Tat beistehen?“ Solche Sätze sind natürlich nicht journalistisch, sondern fiktional- ein Reporter wüsste nur, was gesprochen, nicht aber, was gedacht wird. Und letztendlich ist gerade diese spekulative Seite des Berichts dasjenige, was den Beobachtungen Echtheit, Nähe und Substanz verleiht. Aber dies geschieht vor allem dann, wenn „das Geschehene“ der Autorin eine tragfähige Dramaturgie vorgibt, wenn also auch Gegenständliches ihre Beobachtungsgabe in den Bann zieht...Dort, wo ihr der Anker ds Körperlichen fehlt, läuft Brezna meist Gefahr, dass auch die Substanz des Textes verweht wird. Kurt Markel, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Heft 2, München 2005 LITERARISCHER TON In ihrem Reportageband übt die "Sammlerin der Seelen" Irena Brezná den Frieden in Kriegszeiten
Ein "embryonales" Verhältnis zu ihrer Heimat lehnt die Autorin Irena Brezná aus der Slowakei ab. Nicht weil die
Osteuropäerin seit 1968 in der Schweiz lebt, sondern weil sie in der Fremde "neue Räume" entdeckt hat, die sie "ihrem
Land schenkt", um es aus anderem Blickwinkel betrachten zu können. ...Jahre lang spürte sie ihre vor über drei
Jahrzehnten abhanden gekommene Heimat in der Fremde mit einem "fein entwickelten Heimatorgan" auf. Am Ende dieser
Suche, die sie in ihrer intimsten Sprache durchführt, in der sie ihrem Sohn Märchen vorliest und sich mit ihrer
Freundin in Bratislava über die Liebe unterhält, stellt sie fest, dass die Heimat nichts anderes als eine
verwechselbare Illusion ist. "Ich besitze nun eine weltweit anwendbare Fremd-Card. Wenn ich mich vergesse und
versuche, in verschiedene Gruppierungen als Einheimische einzutreten, gibt es einen Code, der mich entschlüsselt und
auffordert mit meiner wahren Identität zurückzukommen. Dann hole ich die Fremd-Card."
Fahimeh Farsaie, Freitag, Berlin, 24. 10. 2003.
Vergessene und Verdrängte
Zwei eng verflochtene Motive - eher: Grundgefühle - kehren in den Texten wieder, die der Band der Journalistin und Essayistin Irena Brezná vereinigt: die Heimatlosigkeit (oder, so man will, die Zugehörigkeit zu zwei Ländern und Welten) sowie die Auseinandersetzung mit zwei Sprachen. Die Erinnerung an die Flucht aus der Tschechoslowakei im Jahr 1968, an die Ankunft des jungen Mädchens in der so andersartigen, damals auch wesensfremd empfundenen Schweiz ist in Irena Breznás Arbeiten ständig präsent. Sie bestimmt ihre Sicht der Dinge und vorab die Wahl ihrer Themen. Die Verfasserin gehört zu jenen wenigen, die, Wanderer zwischen zwei Sphären, es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Westeuropäern den so nahen und zumeist doch so unbekannten östlichen Teil unseres Kontinents zu vermitteln. Der Bruch im eigenen Leben und der Sinn, den man ihm abgewinnt - dies ist das eine. Das andere: das Nachdenken über die slowakische Muttersprache und das ursprünglich bloss für hart und streng gehaltene Deutsche, das sie heute virtuos beherrscht; die Reportagen sind denn auch von literarischem Rang. Das Wort «Reportagen» entspringt vielleicht der Verlegenheit. In beträchtlicher Spannweite reichen die im vorliegenden Band gesammelten, zuvor in der Presse schon erschienenen Beiträge von persönlichen Alltagsnotizen über satirische sprachliche Spielereien («Fremdfirma. Interkulturelle Antiberatung») bis zu leidenschaftlichen Berichten aus dem vom Krieg heimgesuchten Tschetschenien. Ob sie kosovo-albanische Flüchtlinge beschreibt, die ihre Familien nachziehen möchten und sich verzweifelt mit Schweizer Behörden herumschlagen, ob ein armseliges slowakisches Dorf in Rumänien Thema wird oder die Vernichtung und die Verbrechen, mit denen der Krieg das Land der Tschetschenen überzieht, Breznás Parteinahme gilt den Unbeachteten, den Vergessenen, denen, die das schlechte Gewissen der in Frieden lebenden, zivilisierten Welt gern verdrängt. Die politische Analyse ist nicht Sache der Verfasserin; ihre Argumente überzeugen dennoch durch die Anschaulichkeit des Geschilderten.
Irena Breznás Neigung, politisches, auch kriegerisches Geschehen, allgemein die Verhaltensweise und die Konflikte von
Völkern nach psychologischen Denkmustern zu deuten - Mutterbindung der Russen, natürliche Ablösung der Nordkaukasier
-, braucht gewiss nicht jedermann zu teilen. Der Rezensent bekennt, dass er sich mit dieser Methode nicht
anzufreunden vermag, sie aber als Merkwürdigkeit zur Kenntnis nimmt. Sein Respekt vor dem Engagement Irena Breznás
bleibt indessen intakt. Daran ändert auch das Unbehagen nichts, das sich gelegentlich meldet - dann nämlich, wenn
sich die Verfasserin allzu gern der eigenen Person widmet, wenn sie eine Spur zu oft «ich» sagt.
Das Buch von Irena Brezná „Die Sammlerin der Seelen“ ist benannt nach dem darin enthaltenen Porträt von Sainab, einer starken Frau, die sich das Wirken gegen den Krieg zur Aufgabe gemacht hat. Ihr Land wird vernichtet und verraten, und so begibt sie sich auf die Suche quer durch Europa nach Menschen, raren Seelen, deren Menschlichkeit ihre Heimat retten könnte. „Wenn Sainab in ihr gefiltertes Tschetschenien zurückkehrt, umringen sie die Menschen: Was sagt Europa? Wann kommt die Hilfe? Wann zwingt Europa die Russen dazu, mit uns zu verhandeln? Genug hat Sainab von den Beschwichtigungen, die sie sich stets ausgedacht hat. Nun spricht sie unverständlich, sagt, Europa gebe es nicht, nur einzelne Europäer, auf die man bauen müsse, aber in den Parlamenten säßen sie nicht. Die Geschichte von der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainab ist wenige Seiten lang, der Text wirkt jedoch gerade in seiner Dichte. Der neue Sammelband der gebürtigen Slowakin Irena Brezná mit Texten aus Ost und West handelt von der Gabe des Mitfühlens und der des Wortes. Die Autorin, die seit 1968 in der Schweiz lebt und auf Deutsch schreibt, fühlt sich der Welt, die sie bewohnt und bereist, ganz zugehörig, obwohl sie für eine Fremde gehalten wird: „Ich fühle mich als Angeklagte, als wäre die Emigration ein schweres Verbrechen“, gesteht sie. Sie sehnt sich nach den Konturen und dem Geruch der Heimat, nach ihrer Geborgenheit und Zuwendung. „Ein Fremd-sein, als gäbe es mich nicht“, will sie nicht akzeptieren. Als Fremde sucht sie überall nach dem Eigenen. Als Frau, als denkender Mensch sucht sie nach den Menschen, mit denen sie das für sie Wichtigste teilen kann – die Solidarität mit den Entrechteten, egal wo. In ihren Texten spricht sie von Grenzen und Zugehörigkeit. Das Buch lehrt, einen fremden Schmerz, ein fremdes Leid gibt es nicht. Das Unglück des anderen und die eigene Betroffenheit kreuzen sich, werden untrennbar. „Heimatlose aus Diktaturen aller Welt sind meine Freunde“ stellt Irena Brezná fest. Irena Brezná schreibt über Heimat und Fremde, Angst und Krieg, über Wut und Hoffnung und die Freude an der Mitmenschlichkeit. Sie liefert Details über soziale und politische Zustände, über Sitten und Umbruchstimmung in Osteuropa. In der Fremde und in der fremden Sprache habe sie einen einzigen Besitz erworben – „das wie böhmisches Glas geschliffene Denken“. Brezná ist eine begabte Schriftstellerin, die zur dünnen Schicht der „Intelligenzija“ gehört. Für diesen russischen Begriff sucht man vergebens nach einer Entsprechung in anderen Sprachen, man übernimmt das fremde Wort unangetastet wie „Sputnik“ oder „Perestrojka“. Doch auch im Russischen gibt es keine eindeutige Definition davon, am nächsten steht der Begriff „Gewissen“. Zur Intelligenzija gehören Menschen mit einem besonders wachen Gewissen, deren Verantwortungs- und Zugehörigkeitsgefühl weit ist – das menschliche Leid wird darin nicht in „eigen“ und „fremd“ aufgeteilt. Das zwanzigste Jahrhundert begann für Europa mit dem Begriff der Entfremdung. Von der Entfremdung und dem Fremden ist die Rede, immer noch, immer mehr. Neue Migrationsströme, neue Grenzen, Zwei- und Mehrsprachigkeit machen die Suche nach dem Eigenen besonders notwendig. Laut Brezná gibt es weder die alte Klassenstruktur noch die alte Familie. Das Individuum sucht sich, sehnt sich nach einer klaren Zugehörigkeit, nach dem eigenen Platz. Irena Brezná scheut nicht das klare Wort: Sie benennt die heutigen Zustände schonungslos und treffend, ob sie über Rußland, Tschetschenien, Kosovo, Rumänien, Moldawien, Slowakei, Polen, über Minderheiten an europäischen Rändern oder über den Schreiballtag an ihrem Basler Wohnsitz schreibt. Ihre kraftvollen Texte, stets mit feinem Humor, mal als persönliche Notizen, Essays, Erzählungen oder als Reportagen und Porträts, sind nicht nur gute Literatur, sie sind Plädoyers – Plädoyers dafür, das Wesentliche zu sehen, die Welt mit allen Sinnen zu fühlen und mit ihr mitzufühlen. Literatur wie diese lebt nicht selten von der eigenen Betroffenheit. Es ist das Talent des schreibenden Menschen, die Welt für den Leser anders erfahrbar zu machen und mit eigenen Empfindungen und Überlegungen seine Wahrnehmung zu erweitern. Die klare und sehr schöne persönliche Note des Buches „Die Sammlerin der Seelen“, ein deutliches Ich, das die Welt zu begreifen und zu erklären sucht, drückt gerade das schriftstellerische Talent der Autorin aus. Die Auseinandersetzung mit der Fremde dank der Klarheit der eigenen Seele, des eigenen Gewissens endet mit dem Entwurf eines friedvollen Miteinanders. Das Buch ist dem „Ende des Heimatverlustes“ gewidmet. Der Buchuntertitel „Unterwegs in meinem Europa“ verspricht eine erfüllte Reise zum Wichtigen zu werden – es löst sein Versprechen ein. Anna Schor-Tschudnowskaja, Zeitschrift "Osteuropa", Berlin Bemerkenswert an allen diesen Texten ist Breznas spezielle Perspektive, die versucht eine Balance zu halten zwischen Objektivität und Emphatie den jeweiligen beschriebenen Problemen und Menschen gegenüber. Auf welcher Seite ihre Sympathien liegen, ist dabei immer eindeutig: es sind die Schwachen, die Beschädigten, die Zerstörten, die Benachteiligten, die Vergessenen, kurz, die Opfer machtpolitischer Auseinandersetzungen in dieser Region. So schreibt sie mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, mit klarem Blick, ohne jedoch in eine wertende Haltung zu verfallen, jenseits aller gängiger Klischeevorstellungen über vergessene slowakische Dörfer in Rumänien, über letzte absterbende deutsche Enklaven in Siebenbürgen, porträtiert Menschen und ihre Lebenseinstellungen bzw. Lebensentwürfe, die von den unseren so unendlich weit entfernt scheinen. Den Blick gerade auf benachteiligte Gruppen aus diesen Regionen zu schärfen und zu sensibilisieren ist zu einer Zeit, das sich Europa anschickt seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in dieser Region durchzusetzen, ein nicht zu gering veranschlagendes Verdienst.... Aus der Slowakei stammend, von dort 1968 mit 18 Jahren nach dem Zusammenbruch des Prager Frühlings zwangsemigriert, war die Autorin gezwungen, den Schock des Heimatverlustes zu überwinden, sich eine neue Identität in einer neuen Sprache aufzubauen. Diese Integration in eine fremde Kultur und in eine fremde Sprache gelingt, die existenzielle Grunderfahrung des Heimatverlustes und der damit verbundenen Auslöschung der eigenen Person wird aber ein Hauptmotiv ihres Schreibens bleiben. „Diese unstillbare Sehnsucht nach Form. Ihre Aesthetik der Worte ist ein Gesetz, dem sich die Schrecken fügen und die so erträglicher werden“. Zerstörung, Auslöschung, Heimatverlust sind zentrale Themen in diesem Sammelband und reflektierend über ihr eigenes Schreiben versucht sich die Autorin klar zu machen, warum sie an diese Thematik so gebunden ist...“Im Schreiben über den Krieg in Tschetschenien begreife ich, woher meine Sehnsucht kommt, der Zerstörung eine gerechte, eine sprachliche Existenz zu verleihen, gleich mir, die sich in der neuen Sprache aufgerichtet hat, in ihr die Würde der Verletzten fand.“ Dieses an das Trauma der Zerstörung der eigenen Person gebundene „emphatische Schreiben“ ist zuweilen für die Autorin mit enormen psychischen Belastungen verbunden, die sich daran zeigen, dass der Körper auf diese Belastungen mit vorübergehenden Krankheitszuständen reagiert.... In diesem Zwiespalt zwischen uneingeschränkter Emphatie, die bis zur seelischen und körperlichen Selbstgefährdung reicht, und dem berechtigten Wunsch nach Distanz halten zu könne, um sich letzten Endes auch selbst zu schützen, bewegt sich das Schreiben der Irena Brezna.... Der Autorin Irena Brezna, die selbst durch die Erfahrung der Persönlichkeitszerstörung hindurchgegangen ist, scheint klar zu sein, dass ein psychischer Bereich der Unversehrtheit, die Fähigkeit zum normalen Leben und Erleben, eine Notwendigkeit darstellt, um auf Dauer Arbeit für den Frieden leisten zu können. Sich einerseits den Tragödien zu stellen, andererseits nicht völlig von diesen Ereignissen psychisch okkupiert bzw. deformiert zu werden, diesen schwierigen Balanceakt scheint Irena Brezna lebend und schreibend bewältigen zu können. „Mit dem Fernrohr im Auge des Tornados zu stehen“ beschreibt in einer schönen Metapher diesen anspruchsvollen, schwierigen,mutigen Weg. Ewald Balasco, Band „Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20 Jahrhundert“, Wien 2004. Liebe zu den Trümmern Irena Brezna, 1968 mit ihrer Familie aus der Slowakei in die Schweiz emigriert geflüchtet, hat eine unwahrscheinliche neue Heimat gefunden: Tschetschenien. Natürlich ist sie nicht in den Kaukausus emigriert, aber im publizistischen Engagement für das geschundene Bergland hat sie sich neu verankert. Was sie als 18-jährige in der alten Heimat nicht tun konnte, holt sie nun in der ganz neuen nach: Sie stellt sich den russischen Invasoren entgegen, prangert deren Gräueltaten an und hilft in ihrer Schweizer Wohn- und Schreibheimat der „Sammlerin der Seelen. Damit meint sie die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, die unermüdlich auf Vortragsreisen versucht, Westeuropa wachzurütteln. Ihr widmet Brezna den Sammelband. Ueber das russische Verhalten entwickelt Brezna eine psychologische Theorie, die einleuchtend, aber höchstens eine Teilerklärung sein kann. Sie deutet die Soldaten als Muttersöhnchen, die ausserhalb der mütterlichen Obhut nicht erwachsen werden, sondern ähnlich wie Gefangene einem männerbündlerischen Brutalitätskodex gehorchen. Auch der Oberfehlshaber Putin in seinem militärischen Strampelanzug“ gehört dazu; Mütterchen Russland „hätschelt ihn, nicht trotz des Blutbades in Tschetschenien, sondern gerade deshalb hat sie ihn gewählt, stolz darauf, dass ihr schmächtiger grosser Junge eigenhädig einen Bomber in die Ruinenstadt Grosny steuert.“ Gerade dass sich das kleine Bergvolk „vom kolonialen Mutterland mit solch einem verbissenen Kampf abzutrennen versucht“, erzürnt den Sohn Putin: „Hier wagt jemand, seine eigene verhinderte Sehnsucht zu verwirklichen“. Die Spannungsfelder männlich/weiblich, östlich/westlich sowie heimisch/fremd durchziehen auch die Reportagen aus der vom Kommunismus befreiten Slowakei und Nachbarnländer, ebenso die Tagebuchnotizen übers (Ein-)Leben in der Schweiz. Hier eignet sich Brezna die deutsche Sprache an, für sie ein Werkzeug männlicher Klarheit, während ihre slawische Muttersprache „diffusen Klanmenschen“weibliche Geborgenheit vermittelt. In der Schweiz, die wenig „embryonale Nähe“ bietet, gründet Brezna mit einer anderen „Fremdin die Fremdfirma, eine interkultueller Antiberatung“. Daniel Goldstein, Der Bund, Bern Heimtragen der Toten in Koffern Irena Breznás Essays über Krisen- und Kriegsgebiete. "Für mich sind es Heimatgeschichten." Irena Brezná weiß, wovon sie spricht. Vor mehr als drei Jahr zehnten ist ihr die Heimat abhanden gekommen, "seitdem sehe ich mich in der halben Welt nach ihr um, spüre sie mit einem fein entwickelten Heimatorgan auf". Heimat ist mehr als Trachtenvereine, Blasmusik und Tradition. Es ist mehr als das oft gebrauchte und mit Heimatvertriebenen, Kriegsopfern und übervollen Flüchtlingsheimen belastete Wort. Es ist ein Phänomen, nach dem die Autorin nicht müde wird zu suchen. "Und je mehr Heimat ich erwarte, umso mehr Fremde treffe ich an, wie in keinem fremden Land zuvor." In 25 fragmentarisch angelegten und sprachlich meisterhaften Essays erzählt die Autorin die Geschichte eines Kontinents, erkundet Krisen- und Kriegsgebiete, ohne dabei Kriegsberichterstatterin zu sein. Sie sammelt Geschichten kleiner Leute, Schicksale abseits der Fernsehkameras und Sensationen. Der Bogen wird weit gespannt - von der Emigration aus der ehemaligen Tschechoslowakei, über eine Hochzeit bei den Goralen (einem Volk an der slowakisch-polnischen Grenze), dem Krieg in Tschetschenien bis zu den Krimtataren, die ihre Toten in Koffern in die Heimat tragen, um sie der Heimaterde zu übergeben. Die Prostitution an der tschechisch-bayerischen Grenze beschreibt sie als einen Akt zwischen vielen geschlechtslosen Zwergen und dem scheintoten Schneewittchen. "Es lässt sich auf dem Rücksitz eines Mercedes mit D-Kennzeichen gegen Devisen begatten, aber wird davon nicht auferstehen, kann auch nicht, denn unser Ost-West-Märchen ist noch nicht zu Ende." Irena Brezná versteht sich auf Pointen. Für sie gibt es kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Und". Ihre Erzählungen sind voll von Metaphern, die ins Innerste treffen. Sie scheut sich nicht, Vergleiche anzustellen, auch wenn sie sich dadurch angreifbar macht. Den Osten beschreibt sie zum Beispiel als weiblich, den Westen hingegen als männlich. "Ich bedauerte die westliche Frau, beraubt einer mir bekannten weichen Weiblichkeit, ich bedauerte das westliche Kind, beraubt der Osmose mit solch einer Mutter, mir fehlte das tröstend nebulöse Weibliche, das Verspielte." Brezná widmet das Buch der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, mit der sie seit Jahren bekannt ist und die sie manchmal bei ihrer Arbeit begleitet hat. "Sainab sucht fremde Seelen, Soldaten gegen den Krieg sammelt sie, Soldaten ohne Kalaschnikow, nicht tote Seelen, lebendige will sie, solche mit Riss." Als die erste Rakete ins Nebenhaus einschlug, während sie in der Küche stand, wusste sie, dass ihr der Krieg alles geworden ist. Sie fotografiert, schreibt, hält Vorträge, "sie bedient die Welt mit dem Krieg". Sie scheut keine schmutzigen Arbeiten, hadert mit Gott und fragt, wer von ihnen zwei mehr Leid gesehen hätte. "Die geschändeten Leichen in den Massengräbern stanken so, dass sich Sainab übergeben musste, als sie sie fotografierte." Sie hat sich an den Gestank gewöhnt. Er gehört zu ihrer Arbeit. Schon zwei Kriege lang. Doch die Lebenden fotografiert sie aufrecht und trotzend. "Es ist Sainabs Überlebenssinn, ihr Volk ungebrochen zu zeigen." Irena Brezná schuf mit diesem Band ein Kaleidoskop der Menschlichkeit und Würde. Von Zdenka Becker, Die Presse, Wien Emphase der Freundschaft Heimat als Begabung. Irena Brezna sammelt Seelen
Die Heimat steht im schlechten Ruf. Sie wird assoziert mit Heimat-Vertriebenen, die ihrer politischen Repräsentanten
wegen eine ungebührlich schlechte Nachrede haben, oder mit kostümierten Heimat- Schützern, die in der ländlichen
Tracht vergangener Jahrhunderte durch die Stadt ziehen...
Karl-Markus Gauss, Süddeutsche Zeitung, 6. Okt. 2 003.
Ein weites Buch.
...Irena Brezna...
Europas russische Abgründe
Basel und Grosny, die Karpaten und die Tatra, Tiraspol und Bratislava, Krieg und Hochzeit, Minderheiten und
Heimatverlust. Ueberall in Europa klaffen Abgründe. Ueberall kämpfen Menschen um ihre Würde. In Irena Breznas
Reportagen „Die Sammlerin der Seelen“ begegnen wir Bauern, Nonnen und Dichtern, Menschenrechtlerin, Asylbewerbern und
Prostituierten, Sklaven, Romas und Uniformierten. Brezna stellt sich vor Ort diesen europäischen Realitäten, am
Schreibtisch daheim im durchaus fremd gebliebenen Basel leben die Menschen, denen sie begegnet ist, in ihr weiter.
Sie finden die Sprachlosen zu ihrer Sprache. Breznas slowakische Wurzeln und ihr Tschetschenien-Engagement habe sie
zum zuverlässigen Seismographen der Sowjetmentalität und des russischen Einflusses werden lassen.
Sprache ist Rettungsanker und Abenteuer
...In dem Porträt „Die Sammlerin der Seelen“ schildert Brezna... die tschetschenische Kriegsfotografin und
Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa. Tote in Schiessgraben und zerbombte Marktplätze dokumentiert diese
Fotografin...Irena Brezna...hat viele Reportagen über den Krieg in Tschetschenien geschrieben. Sie lebt ihren Beruf
mit Leib und Seele...“Schreiben als Akt der Heilung“, hole sie aus den schwarzen Löchern, in die ihre Geschichten sie
ziehen, wieder hinaus...Denn als sie mit 18 Jahren in die Schweiz emigrierte, war für sie „die grösste Tragik der
Verlust der Sprache“. In eine neue Sprache hinein zu gehen war für sie das „grösste Wagnis“.
Gehen ohne anzukommen
„Heimat ist mir abhanden gekommen“, schreibt Irena Brezna und ihre Porträts, poetischen Reportagen und Skizzen
deshalb im vorliegenden Buch zusammengefasst, die für sie Heimatgeschichten sind. Es ist Literatur über die Fremde.
Sie berichtet über Transsilvanien in den rumänischen Südostkarpaten, die Ostslowakei, das polnische Tatragebirge,
Moldawien, über den Kosovo und vor allemn über Tschetschenien. Einer mutigen Frau hat sie ihr Buch gewidmet: Sainab
Gaschajewa, der tschetschenischen Menschenrechtlerin.
Die Fremd-Card
Sie suchte die Heimat und fand die Fremde. Auch zu Hause, wohin sie nach zwei Jahrzehnten zurückkehren durfte. In
Westeuropa und Amerika gewann sie jedoch eine Fremd-Card, mit deren Code sie sich mit den Zugereisten verständigen
kann. Die Emigrantin wider Willen musste mit ihren Eltern die Slowakei verlassen, als sich dort 1968 die Sowjets
heimisch machten. Dank den eigenen Erfahrungen kann sich Irena Brezna in die Lage der Flüchtlinge einfühlen und das
Heimweh der Fremdarbeiter nachempfinden. Die in Basel lebende Psychologin und Slawistin reflektiert den realen Alltag
in einer doppelten Perspektive. Mit einem Doppelblick des eigenen Exils und mit den helvetischen Erfahrungen. Als
Journalistin und Schriftstellerin ergreift sie Partei für die Benachteiligten...Für ihr Engagement gegen die Gewalt
und den Krieg wurde sie mit mehreren Publizistik-Preisen ausgezeichnet.
Helena Kanyar, Basler Zeitung, 16. Okt. 2003. „Europa lebt für sich... Europa gebe es nicht, nur einzelne Europäer, auf die man bauen müsse, aber in den Parlamenten
säßen sie nicht.“ Die dies sagt, die tschetschenische Menschenrechtlerin und Kriegsfotografin Zainap Gaschajewa, ist
eine Europäerin vom Rande Europas, aus dem Kaukasus. Die ihr eine Stimme gibt, ist eine Europäerin aus der Mitte
Europas, die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin Irena Brezna... Geboren in Bratislava ist sie
1968 mit 18 Jahren in die Schweiz emigriert. Ihre sehr bewusst betriebene „Auferstehung in der deutschen Sprache“
versetzt sie in die Lage, in ihren dokumentarischen und gleichzeitig literarischen Texten in ganz besonderer Weise
über Heimat und Fremde zu reflektieren. Aus der Sicht dieser genauen Beobachterin, die sich „heimisch in der Vielfalt“
weiß, ist die Frage „Wo beginnt der Osten?“ eine Aufforderung an uns, unseren eigenen Platz im „Haus Europa“ zu
bedenken. Tschetschenien gehört zu Europa. Seit Irena Brezna 1996 als Kriegsberichterstatterin dort war, wird ihr
Schreiben und Handeln besonders davon bestimmt, den noch immer in diesem Land herrschenden „vergessenen Krieg“ in
europäische Bewusstsein zurückzuholen. Tschetschenien gehört zu Europa und wird doch von einer EU-zentrierten Politik
geopfert um des lieben Friedens mit Russland willen. Doch der Frieden ist faul... Dieselben Medien, die in diesem Jahr
besonders daran erinnern, dass es vor 60 Jahren Deutsche gab, die Widerstand leisteten gegen Unrecht und Verbrechen im
eigenen Land, sind mit den Realpolitikern vereint im Totschweigen und Verdrängen gegenwärtiger Verbrechen in der
europäischen Nachbarschaft. Aber wir, die wir Bürger Europas sein wollen, werden uns nicht auf die Position derer
zurückziehen können, die von nichts gewusst haben. Viele aktuelle Informationsquellen über die Lage in Tschetschenien
sind bequem über das Internet zu erreichen, so über die Gesellschaft für bedrohte Völker (www.gfbv.de) oder die
Deutsch-Kaukasische Gesellschaft (www.d-k-g.de). ..Wir, die wir uns so gerne als die Hausherren verstehen, sollten uns
bewusst werden, dass wir für alle Räume im „Haus Europa“ Verantwortung tragen. Dann könnten die christlichen Werte,
deren Fehlen im Entwurf der europäischen Verfassung so beklagt wurde, zur Grundlage eines gesamteuropäischen
Bewusstseins werden. Menschen wie Irena Brezna sind auf dem Weg zu einem wirklich einigen Europa. Sie können noch
Begleiter gebrauchen!
Ein Leben in unterschiedlichen Kulturen, in vielen Ländern unterwegs, sich in
verschiedenen Sprachen verständigen, die eigene Heimat jedoch in der Solidarität
mit den Entwurzelten finden - das ist das ganz besondere Leben einer Frau aus
dem Osten.
Irena Brezna ist eine Grenzgängerin. Wenn sie ihrem Buch „Die Sammlerin der
Seelen“ den Untertitel gibt: „Unterwegs in meinem Europa“, so meint sie damit
neben der Schweiz, wo sie heute lebt, fast das ganze, immer noch unbekannte
Osteuropa. In ihren Reportagen erzählt sie von Rumänien, Moldawien, Polen,
Russland und von der Slowakei. Dort ist sie aufgewachsen, aber mit 18 Jahren
„wurde ich emigriert“, wie sie es formuliert. Denn sie wäre lieber nicht mit
ihren Eltern geflohen, sondern hätte sich den sowjetischen Panzern
entgegengestellt.
In diesem „gestohlenen Widerstand“ liegt für sie das Motiv für ihr Engagement
für unterdrückte Völker. Ein weiteres liegt sicher in ihrer Entwurzelung
begründet: Sie fühlt sich solidarisch mit anderen, die aus ihrer Heimat
vertrieben werden. Und so setzt sie sich in gleichem Masse für die Flüchtlinge
aus dem Kosovo wie für Menschen in Tschetschenien ein, die um ihre Freiheit
kämpfen.
Als Irena Brezna in Basel ankam, war sie ihrer Sprache beraubt; sie musste neu
anfangen und Deutsch lernen. In dieser Sprache schreibt sie heute ihre - oft
preisgekrönten - Reportagen, die auch in ihrer literarischen Qualität bestechen.
Deutsch ist zu Irena Breznas Schreibsprache geworden, eine Sprache, die aus
Kampf hervorging und zu ihrer Waffe wurde.
Sie könne auch viel freier in Deutsch denken, erzählt sie, denn das Slowakische
ihrer Kindheit war umstellt von Tabus. Die Mutter verschwand eines Tages, und
dem Kind wurde streng untersagt, darüber zu reden - wie über so vieles andere,
das es nicht verstand. Damals begann Irena Brezna zu schreiben, und zwar
Märchen, um aus der verstörenden Welt der Erwachsenen zu fliehen.
Die Mischung von Poesie und glasklarer Analyse machen die Qualität ihrer
Reportagen aus. Dazu kommt ein augenzwinkernder Humor, vor allem, wenn es um die
Grenzen in den Köpfen geht. So berichtet sie in „Wo fängt der Osten an?“ von
einer Reise mit einer Schweizerin und einem Ukrainer durch Osteuropa, das jeder
aus seiner Sicht völlig unterschiedlich wahrnimmt:
„In Bratislava fuhr uns der Wind in die Haare. Ich erkannte ihn wieder, er war
stark und warm, bog die duftenden Kiefern vor den Hotelfenstern. „Das ist doch
der Süden“, sagte Marie-Claude. Viktor schaute auf den schlichten
Hotelzimmertisch, das geometrische Lampendesign der fünfziger Jahre, die
Tuschzeichnung eines aufrechten Soldaten und sagte wehmütig: „Das ist doch die
Sowjetunion.“
Als Tschetschenien von russischen Panzern überrollt wurde, hielt es Irena Brezna
nicht mehr in ihrer sicheren Schweiz aus. Sie reiste als Kriegsreporterin in die
Kaukasusrepublik, verkleidete sich als Einheimische und lebte mit den
Tschetscheninnen. Ihr Porträt der Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa, das dem
Buch den Titel gibt, wurde mit dem Theodorf-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Erschütternd ist auch ein kleiner Text, in dem sie beschreibt, mit welchen
Hoffnungen sich diese Frau auf ihren Auftritt vor der UNO-Menschenrechtssession
in Genf vorbereitet: Drei Minuten gibt man ihr, um an das Schicksal ihres Volkes
zu erinnern...
Irena Brezna hat in Basel Slawistik, Philosophie und Psychologie studiert.
Psychologie wendet sie sehr unkonventionell auch in ihren politischen Analysen
an: Die Beziehung zwischen Mütterchen Russland und seinen ungezogenen Söhnen
steht für sie im Hintergrund des grausamen Kampfes gegen die abtrünnigen
Kaukasusrepubliken, was westliche Leser eher verblüfft, im slawischen Raum
hingegen als sehr treffend empfunden wird.
Was an Reportagen auffällt, ist einerseits der offene Blick auf die Situationen,
ob das nun die Prostitution an der deutsch-tschechischen Grenze ist, ein Kloster
in Rumänien oder ein Thermalbad, das sich als Treffpunkt der Mafia entpuppt.
Andererseits ist es die Nähe zu den porträtierten Menschen, auch wenn es sich um
Zufallsbegegnungen im Zug handelt. Diese Nähe und die Identifikation mit dem
Leid erfuhr Irena Brezna mit den Jahren als Gefahr. Sie merkte, dass diese Art
Schreiben an ihr zehrte, dass ein drohender Selbstverlust sie zu immer neuen
Aktionen treib. „Es ist ein bekanntes Phänomen bei Kriegsreportern“, stellt sie
fest, „dass sie es zu Hause, im Alltag,, nicht mehr aushalten. Es zieht sie
immer wieder zu den Kriegsschauplätzen hin.“
In „Sammlerin der Seelen“ reflektiert Irena Brezna: „Zuhause in den Extremen.
Dabei merke ich nicht, dass die Mitter zur Fremde wird, zum Abgrund.“ Irena
Brezna zog die Konsequenzen und mit dem neuen Buch auch eine Bilanz ihres
Lebens. Es ist das Leben einer Frau, die in Angst aufwuchs, in Ohnmacht
emigrierte, ihre Heimat in der Solidarität mit den Entwurzelten fand - und nun
wieder auf dem Weg zu sich und nach Hause ist. Vielleicht sogar zurück in die
Slowakei. Ein Gefühl wie Heimweh ist nun wieder erlaubt. Aber für Grenzgänger
ist Heimat ein komplizierter Begriff geworden.
Eva Pfister, Weltweit, 4/2005, Zeitschrift für Mission, Entwicklung und Kultur,
Luzern
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