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| Die Sammlerin der Seelen |
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Sammelband „Die Sammlerin der Seelen“, Unterwegs in meinem Europa,
Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 207 Seiten, 16 EURO, 30 Sfr REZENSIONEN ZURÜCK |
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Auszüge:
Abgesägter Obstgarten Reportage aus Moldawien und Transnistrien Noch ist Chisinau grün, die Not zugedeckt vom lauschigen Schatten der gleichgültig gütigen Bäume. Was ist hier geschehen, im „sonnigen Moldawien“, in diesem Sowjetklischee vom Garten Eden? Die Frauen herausgeputzt, ihre Haare geordnet, die Häuser ganz, etwas verkommen, aber gleich ihren Bewohnerinnen bemüht, den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten. Die Angestellten gehen morgens gemessenen Schrittes allen Ernstes und heroisch dorthin, wo die Gehälter sie verspotten. Die einsamen Alten treten auf die Hauptstrasse, halten diskret die Hand hin, wenn die monatliche 10-Dollar Rente sich verspätet. Jene, die die Haus- und Schamschwelle nicht zu übertreten vermögen, verkriechen sich, sterben still, wie verletzte Tiere. Ueberall erstickte Schreie, gepresst in leise, gedehnte, düstere Klagen, dazu spuckt man gemeinsam auf der Parkbank die dunkle Schale der Sonnenblumenkerne aus und behält den hellen Kern. Auf dem Land bis zwei Meter tief fruchbare schwarze Erde, Obst-und Tabakplantagen, Weinberge rennen über sanfte Hügel, Sonnenblumenköpfe nicken in der Brise einmütig bis zum Horizont, Mais reift für das Nationalgericht, Nussbäume säumen die Strassen, „Konjak“ ist bereit für den Export nach Russland. Doch in acht Metern Tiefe auf dem Grund des Brunnenschachtes glänzt eine Pfütze, der Bauer trauert: „Gott beleidigt uns, er schickt seit zwei Monaten keinen Regen“. Ein Arm des Dnjestr endet im Kornfeld vor einem Wall, das trübe Wasser dreht sich an Ort, Enten und Gänse drehen sich mit. Wer reisst den Wall ein, schafft den Durchbruch? „Ach, hier tut niemand etwas fürs Gemeinwohl“, winkt der Bauer ab. Und bei jeder Dorfeinfahrt entsteigt Gott mit Bart und wallendem Haar einer Kumuluswolke, breitet fürsorglich-gebieterisch die Arme aus, und unter seinem Bild hängt auf dem Kreuz der verlassene irdische Sohn. Und die Sonne brennt erbarmungslos. Verbrannte Felder, Wüste entdeckte hier Alexander Puschkin. Der Zar schickte den Dichter 1820 zur Strafe nach Chisinau - hier, im sogenannten „Südrussland“ sollte der freie Geist seine Frische verlieren. Der junge Petersburger Dandy langweilte sich, sah bloss Leere, und als imperialer Zeitgenosse füllte er Bessarabien mit „russischem Ruhm“. Die Zeiten, als die Russifizierung der lateinischen Bevölkerung noch Ruhm hiess, sind nicht vorbei, heute heisst sie bloss geschickter „Gleichberechtigung der russischen Minderheit“. Das Puschkinmuseum, ein niedriges Haus, in dem das 21-jährige Genie mit seinem Diener hauste, duckt sich inmitten sowjetischer Hochhäuser. Der moldawische Dichter Grigore Chiper geht lieber nicht hin. Er wird den Okkupationsdruck nicht los. Tritt der leidenschaftliche Rumänischlehrer auf die Strasse, schlägt ihm Russisch entgegen. Die slawische Minderheit dominiert die Städte eines Volkes, das sich nicht einig ist, wie es sich und seine Sprache nennen soll. Grigore Chiper und andere Intellektuelle nennen sich Rumänen, die meisten bezeichnen sich als Moldawier und ihre Sprache als Moldawisch. Es ist simpler als das Rumänische in Rumänien und gespickt mit russischen Lehnwörtern. Grigore Chiper aber weiss: Meine Sprache ist Rumänisch. Er verehrt Rumänien, das westlich von ihm hinter dem Fluss Pruth liegt, dort entsteht die reiche Literatursprache eines Mircea Cartarescu, dort ist die westliche Kultur. Weder teilen seine Landsleute diese Gefühle, noch werden sie aus Rumänien erwidert. Intellektuelle sind unter sich bei „Contrafort“ - die ambitiöse rumänischsprachige Kulturzeitschrift versteht sich als Balken, der die Festung, die eigene Kultur stützt. Die Redaktion ist in einem Betonbau in Chisinau, von hier aus stützt man eher mit dem Balken im eigenen Auge den Blick der durstigen Literaten, der durch das Guckloch den westlichen Himmel nach Fata Morganen absucht. Draussen wälzt sich die verräterische, die dumpfe Masse, die vor knapp zwei Jahren die Kommunisten zurückgewählt hat. Ekel befällt den Chefredakteurr, er wendet sich ab und beginnt zu träumen: „Wenn der Blick vom Präsident Bush bei seinem Herumreisen bloss auf uns fallen würde. Könnte er uns doch von den Kommunisten befreien!“ Und ein Seufzer: „Das Unglück kam über Bessarabien, weil die k.u. k. Monarchie uns nicht anektiert hat. Dadurch fielen wir dem Osten anheim.“ Seit zwei Jahren füllt „Contrafort“ ganze Seiten mit Tagebüchern des Direktors und des Chefredakteurs von ihrer Europareise im internationalen Schriftstellerzug. Wie Gefangene, die die Gnade der bunten Träume und der lieblichen Erinnerung ans Draussen geschenkt bekommen. In den Literaturcafés des Westens verkehren wollen, Freiheit des Wortes geniessen - es ist eine einsame Sache, in Moldawien Intellektueller zu sein, wenn man das Naheliegende, das Eigene nicht liebt, die kleinen grossen Geschichten der Erniedrigten verachtet, die täglich vor den Festungsfenstern überleben. Wie tun sie das überhaupt? Heimatsinne und Fremd-Card Essay Als ich die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie nach ihrem Hamburger Konzert frage: Aber wie hören Sie?, liest sie mir von den Lippen ab und fragt gereizt zurück: Und wissen Sie, wie Sie hören? In der sprachlosen Verwirrung, in die mich die taube Musikerin stösst, nehme ich auf einmal Druckwellen in meinen Beinen wahr, die von einem startenden Motorrad kommen. Seitdem höre ich auch mit den Beinen. In einem Londoner Café bedient mich ein Transvestit, der mit seiner dicken rosaroten Schminke und dem hyperbolisierten Hüftewiegen das permanente Fest der Weiblichkeit veranstaltet. Hineingeboren in die Männlichkeit, ist er trunken davon, endlich eine Frau zu sein. Der Kenner beschämt die in die Weiblichkeit Hineingeborene, die den Genuss an diesem Umstand vergessen hat. Als ich das Café verlasse, lege ich in meine Schritte die grösstmögliche Anmut, die Frau würdigend. Für mich sind das Heimatgeschichten. Mir ist die Heimat abhanden gekommen, es war vor über drei Jahrzehnten, und seitdem sehe ich mich in der halben Welt nach ihr um, spüre sie mit einem fein entwickelten Heimatorgan auf. Die Nachricht von der biblischen Heimreise der von Stalin deportierten Krimtataren berührt mich. Ein ganzes Volk kehrt seit Mitte der neunziger Jahre nach einem halben Jahrhundert verwehrter Heimat aus den zentralasiatischen Steppen auf die Krim zurück. Die Redakteurin eines Schweizer Magazins blickt leer, als ich ihr diese Reportage vorschlage:“ Wo, sagen Sie, ziehen diese Leute hin? Wozu? Nein, das zieht nicht.“ Mich zieht das Ende des Heimatverlustes an. Ich fahre nach Bachtschissaraj. Auf einem Rosenfeld sehe ich aufgeschlagene Zelte, darin Armut und Entschlossenheit zu bleiben. Ich treffe den krimtatarischen Führer Mustafa Dschemilew, er ist körperlich ausgezehrt und geistig fest. Für das Recht auf Rückkehr wurde er fünfzehn Jahre lang durch den GULAG geschleift, aber er stand zur Heimat. Ich kenne seine Geschichte der Standhaftigkeit, jahrelang schrieb ich Briefe aus der Schweiz an den Kreml, forderte seine Freilassung. Dieser Heimatüberzeugte war für mich in meinem Schweizer Exil mehr als ein politischer Gefangener, sein Ungebrochensein gab mir ein Stück heimatlichen Bodens; ihn nun in einem bescheidenen Haus neben dem krimtatarischen Khanpalast zu wissen ist mir bedeutsam. Ich höre vieles von dieser Heimat, dass sie den Jungen keine Arbeit gibt, dass ihr Wind die Wangen liebkost und sie den Alten einen plötzlichen Tod schenkt, mit der Sicherheit, in ihrer Erde begraben zu werden. Früher brachten die Krimtataren ihre Toten heimlich in Koffern hierher. Keine Heimat zu Lebzeiten zu haben heisst hier der halbe Tod, heimatlos zu Todeszeiten zu bleiben aber, heisst nicht gelebt und nicht gestorben zu sein. .... Und meine, nur meine Heimat? Wenn ich beim Sonnenuntergang auf dem Fahrrad durch das hügelige Elsass fliege, an Pferden, Weihern, Blumenfeldern, an Wäldern vorbei, und die nach dem Heim fragende tschechische Hymne singe: Kde domov muj, dann sind mir diese Sommerabende im selbst erzeugten Wind Heim. Das ist meine Heimat im Jahr 2 000, die mit der Fremde ausgesöhnt ist, da die Fremde nun mit der Heimat vermählt ist. Das war nicht immer so. 1984. Kalter Krieg. Auf einem afrikanischen Ball in Frankreich fordert mich ein Guineer zum Tanz auf. Er spricht russisch. Er hat in der verbrüderten Sowjetunion studiert und lebt als Emigrant in Frankreich, nun ist der eigenwillig sozialistische Diktator Sékou Touré gestorben, die Emigration ist zu Ende, das westafrikanische Guinea ist das erste Land der Welt, das den Kommunismus abschüttelt. Das erfahre ich im wiegenden Rhythmus, und einige Wochen später lande ich um vier Uhr Morgens im tropischen Regen in Conakry, mit meinem blauen Staatenlosen- Pass, Bürgerin von Nirgendwo, ich bin alleine und noch kaum des Französischen mächtig, mächtig ist nur meine Heimatprojektion. Das Tor des Konzentrationslagers Camp Boiro ist soeben geleert geworden, an den Wänden steht noch mit Exkrementen geschrieben: Dieu est grand. Hier wurde des Hungers gestorben, im schwärzesten schwarzen Humor hiess er diète noire, hier lehrten tschechoslowakische Geheimdienstler mit Strom foltern, wenn Conakry stromlos im Dunkeln versank. Ich nehme die Aussagen der Ueberlebenden auf, fühle Scham, Respekt und Nähe. Ich erlebe, wie Guinea sich öffnet, aber auch, wie viele ärmer werden und einige noch reicher. Ich komme immer wieder hierher, als wäre es mein postkommunistisches Trencin. Bald spreche ich Französisch mit guineischem Akzent, werde heimisch im Gang der Guineerinnen, bei dem das Becken gelöst in der Hitze ausschwingt, trage in riesigen Containern Zehntausende Lehrbücher und Werke der Weltliteratur aus der Schweiz in den Hafen von Conakry und dazu meinen zweiten Sohn aus, mit der afrikanischen Farbschattierung auf der Haut. Jahrelang denke ich, die Heimat trägt dunkle Haut. Bin ich mir selbst nicht Heimat? Einmal im Flugzeug über dem Nil lese ich eine deutschprachige Zeitung und erkenne in ihrem intellektuellen Stil die Heimat der zu klaren Kristallen eingefrorenen Gedanken. Ich will sie wieder selbst erschaffen. Ich schreibe über die Begegnung mit der schwarzen Haut auf deutsch, bis ich sie enthäute, diese heimlich heimelige Heimat entheimate, sodass sie mir nicht mehr mit dem Pawlow`schen Reflex den Heimatschein ausstellt, sondern zu ihrem Ursprung zurückkehrt, zum freien Pigmentspiel der Natur. Ich unterscheide zwischen beheimatet und entfremdet, aber nicht mehr nach der Hautnuance. Wie oft denke ich auf Reisen: Hier ist es gut, hier lasse ich mich nieder. 1980, Austin, Texas. Eine Heimat wird mir angeboten wie ein blankes Blatt Papier - fang hier an, schreib dich ein, das vergangene Gekritzel gibt es nicht. Eine joggende Gesellschaft lächelt mir zu, hi, hi, how are you, als wäre ich eine von ihnen. Und bin ich es nicht, wenn ich mich in den lockeren Smalltalk einbürgere? Eine grosszügige Heimat, meinen weichen Akzent darf ich behalten, streng wird sie bloss, wenn die Vergangenheit aus mir herausbricht, makabre Geschichten aus „Europe“, dann lacht mich die texanische Sonne ob soviel Ernstes wieder mal aus. Soll ich mir einen fröhlichen Lebenslauf andichten? Eine verführerische Entkleidung von Altem, alles ist möglich, alles ist einfach, aber so schwierig, nein, unmöglich. Von Monat zu Monat behacke ich mich und kann sie nicht loswerden, meine ureigenen Blüten, die wohl liebste unter ihnen ist die slowakische Sprache, getunkt im melancholischen Humor. Ich flüstere dieses Erbe meinem dreijährigen Sohn zu, und er flüstert es zurück, eine zwischen den Kakteen spriessende Heimat, wir zwei sind ihre einzigen Bürger. Da fragt eine von allen unnützen Sprachen befreite Texanerin: Welcher indianische Dialekt ist das? Ich beisse die Lippen zusammen und gebe sie nicht her, meine belastete Vergangenheit, sie ist mir Heimat. Wir kehren zurück nach „Europe“. Heimatlose aus Diktaturen aller Welten sind meine Freunde. Wir sprechen in vielen Sprachen im selben Heimatton. Je tiefer er ist, umso beschwingter werden wir. Hier darf vom Gefängnis gesprochen werden. Meine Geschichte ist nicht exotisch, die der Achtjährigen, der der Staat die Mutter wegnahm. Sie wurde eingesperrt, und das Mädchen durfte nie ein Wort darüber sagen, auch nicht der Grossmutter. Hier wundert sich niemand, dass Kindern eine Heimat aus Schweigen aufgezwungen wird, die sich eines Tages ins geschriebene Wort umkehrt. Es gibt Schlimmeres. Und man kommt damit zurecht oder eben nicht. Wundes gehört zum Smalltalk. Was für eine verständnisvolle Heimat, das Weinen kennt Lachen, das Lachen kennt Weinen. Zu Hause in den Extremen. Dabei merke ich nicht, dass die Mitte zur Fremde wird, zum Abgrund. ... Osteuropa eine Frau, der Westen ein Mann? Essay ..... Nach der Wende führ ich immer wieder für Reportagen in verschiedene Länder Mittel-und Osteuropas, suchte die slawische Welt mit neuen, schon verwestlichten Augen zu erforschen. Ich suchte auch nach einem Weg, um meine eigene zwischen Ost und West zerrissene Weiblichkeit zu vereinen. Ich sah professionelle östliche Frauen sich wie Puppen schminken und kleiden, in der Anwesenheit der Männer kichern und im Handumdrehen diesen grob befehlen. Ich begegnete einer Spaltung der Frau in Mädchenhaftigkeit und Verrohung, in Nachgiebigkeit und Fanatismus, ich sah eine Disharmonie in ehemaligen Direktorinnen, Dissidentinnen, Traktoristinnen, ich sah Mütter und Grossmütter, die keinen Mann kannten, da er im Suff oder im GULAG verschwunden war, und die den Knaben als ihr liebstes Puppenstubenspielzeug bar jeglichem Respekt behandelten. Sie strickten sich den „Mann“ buchstäblich mit ihren eigenen Zwangsjacken zu, führten sich und ihn in ewige Verstrickungen. Diese Söhne und Enkelsöhne krochen gerade aus dem schummerigen sozialistischen Mutterkuchen heraus und torkelten umher. Das frühere verbrecherische Monopol der KP zerfiel in abertausend kriminelle Verbände, die sich das Imperium aufzuteilen anschickten. Die Hauptverliererin sollte die Frau sein. Im Jahr 2 000 entlarvte die griechische Presse eine von der Ostmafia geführte Kette von kleinen Konzentrationslagern in Nordgriechenland, die als „Neue Dachaus, Folterkammern für Importmädchen“ bezeichnet werden. Frauen aus Russland und der Ukraine „bilde“ man darin durch Hunger, Durst, Schläge und regelmässige Vergewaltigungen für die Arbeit als begehrte, zu jeder Perversion bereite Sexsklavinnen aus. Nach ein paar Jahren Einsatz in Bordellen stürben sie ausgelaugt und gebrochen. Solche postkommunistische Sklaverei hält einen triumphalen Einzug in ganz Europa. In der russischen Unterwelt gilt die Frau als ein Nicht-Mensch - der kriminelle Jargon kennt für das Wort Frau nur die Bezeichnung prostitutka. Die Herabwürdigung der Frau auf einen für den Mann abgerichteten Körper ist in der kriminellen Welt genauso ein Reflex wie das ungehemmte Weinen des hartgesottenen Sohnes, wenn ihn die Mutter im Knast besucht. Die Karriere einer Frau in diesem infantilen und grausamen Milieu ist, Mutter eines hochrangigen Kriminellen zu werden. Die Hure wird in die Hölle geschickt, die Madonna in den Himmel gehoben, um den weiblichen Menschen aus der Welt zu schaffen. Denn gäbe es eine Frau, würde sie die Allmacht der Mutter relativieren. Eine Hure ist jedoch keine Konkurrenz, mit ihr gibt es keine Bindung, der Mutterverrat ist gebannt, und der Sohn darf Sohn bleiben. Der ostslawische Sklavinnenhalter ist kein Abweichler von seiner Kultur. Das, was er dank neuen kapitalistischen Freiheiten im Sexgewerbe konsequent betreiben kann, die Unduldsamkeit gegenüber jeglichem Subjekt, das es nicht geben darf, geschieht in Russland überall, ob physisch oder nur psychisch. Vor einigen Jahren blieb ich für eine Reportage drei Wochen lang im Milieu des Paten des russischen Fernen Ostens. Am meisten verblüffte mich die Bravheit dieser harten Jungs, ihre ständige pathologische Angst, ja alles „richtig“ zu machen. Dieses „richtige Verhalten“ auch sprachlich als pravilnyje ponjatija codiert, ist das bis in die kleinsten Details festgelegte ungeschriebene kriminelle Gesetz, dem sich auch der mächtige Pate unterzuordnen hat. Er verfügt genauso wenig frei über die Mordaufträge, die er anordnet, wie über seine Körperhaltung, die zur Machtdemonstration aufgebläht sein muss. Jedes Zeichen individueller Entspannung, ob in Geste oder Wort kann ihn nämlich das Leben kosten. Die Illusion, sich durch kriminelle Taten aus dem Spucknapf der Verstrickungen herauszuwinden, bringt den jungen Mann in eine neue Abhängigkeit von der streng hierarchischen kleinen gruppirowka, formacija oder eines einige Hundert Mitglieder zählenden klan. Er ist keine Einzelgänger, sondern auf ewig der bratwa, der krimininellen Brüderschaft gegenüber verpflichtet. Diese kommerssanty oder bisnissmjeny waren von ihrer eigenen - wie sie es nannten - „gerechten“ Lebensführung überzeugt. Die Welt ausserhalb ihrer Gruppierung erlebten sie als böse und gegen sich gerichtet. Und sie bekämpften sie genauso edel wie jede abweichende Meinung. .... Hart der Boden, biegsam der Mensch Reportage aus den slowakischen Dörfern im rumänischen Bihor ... Im 19. Jahrhundert waren die slowakischen Kolonisten in mehreren Wellen mit ihren Holzwagen aus den armen Gegenden der Slowakei und Mährens in die Hügel des heute rumänischen Bihor gekomen. Sie kamen, um den Wald zu roden, sie waren Holzfäller, und die ungarischen Grafen Baranyi und Banffy hatten sie gerufen. Der Wald ist noch da. Ein biegsames, hochgeschossenes Wesen, jung sind die Ahorne, die Eichen, die Buchen, zart die Birken, wie oft sind sie gefällt worden und nachgewachsen, auch pflegeleichte Fichten wurden gepflanzt. In Osterreich-Ungarn gehörte der Wald dem Grafen, der ihn teilweise zur Nutzung freigab, im Kommunismus eignete sich ihn der Staat ganz an. Jetzt besitzen jene Parzellen von ihm, die an ihm wohnen und mehrere Wörter für ihn haben - les, hora, hustava. Sie haben sich mit der Axt den Lebensraum freigehauen, haben darauf ihre Holzhütten errichtet. Heute sind die weit verstreuten Höfe aus Lehm und lehnen sich gerne an den Wald an. Dort suchen die Menschen ihren Mittelpunkt. Gefällte Stämme ähneln Goldbarren, Holz ist eine feste Währung. Ich helfe dir dein Dach reparieren, du bringst mir dafür Holz. Aeste liegen nicht herum, jedes Stück wird eingesammelt. Und das Fällen und Wiederaufforsten geht weiter. Diesmal für den Export nach Ungarn, Italien und in die Schweiz. Plötzlich heulen Sägen auf, ein ganzer Hügel wird entblösst, zeigt seine frischen Stümpfe. Ein schmerzvoller Anblick wie der auf die beinlosen Bettler vor dem Eingang zum Donnerstagmarkt. Die Waldwege entstehen irgendwo, kreuzen sich, laufen Hand in Hand nebeneinander her, gewunden sind sie, trennen sich wieder, verlaufen sich im Dickicht, tauchen aus dem Nichts neu auf. Wortkarge Bauern grüssen sich zwar mit „Gesegnet sei Herr Jesus Christus“, aber jene Göttin, die sie unablässig verehren, heisst Arbeit. Ihretwegen sind sie hierher gekommen, ihretwegen haben sie ausgeharrt, sie hat sie am Leben erhalten. Die Regime fallen, die Geldscheine ändern ihren Wert, aber eine Kuh bleibt eine Kuh, und wer sät, der erntet. Praca, robota, die Arbeit, das häufigste Wort. Wer seid ihr? Wir sind arbeitsam, sagen schon ihre Kinder. Die schwere körperliche Arbeit, der Ernst, der Wind meisseln ihre Gesichter und Körper zu Gestalten wie aus Stein. Aber wenn sie sagen, ihr Leben sei hart, sagen sie es scheu und weich. Das Dulden der allzu Müden, der so oft Betrogenen, der leicht Dankbaren. Als die Religionslehrerin fragt, welcher Weg in die Hölle führt, weiss die Klasse die Antwort: der bequeme. Der Pfarrer predigt: „Das Glück ist neben dir, du musst es bloss sehen und ergreifen.“ Zu der Frau mit dem von neun Kindern und dem Tragen von Lasten gebeugten alten Rücken sagt die Ordensschwester: „Tragen Sie es weiter, nehmen Sie es an. Gott ist mit Ihnen.“ Dann lindert sie ihre Schmerzen, behandelt mit ihrer Krankenschwesterhand eine Wunde am Fuss. Wäre der Fuss nicht vom Tritt der Kuh so angeschwollen, dass er die Arbeit behinderte, wäre die Bäuerin nicht in die Krankenstation beim Pfarramt gekommen. Der Körper ist wie der Karren, er trägt den Menschen, und bekommt er Wunden - ach, das wird schon vergehen. Und Schmerzen haben ab vierzig alle, im feuchten Klima meldet sich Rheuma, Vorbeugen kennt man nicht. Der Tod schlägt plötzlich zu. Noch am Montag hielt der Alte die Zügel auf dem Pferdewagen, abends fiel er hin, am Donnerstag war er tot. Der Pfarrer steigt auf den Hügel und schickt dem Sohn eine SMS in die Stadt: „Der Vater ist gestorben. Das Begräbnis ist am Samstag.“ Eine Mobilfunkantenne steht neuerdings bei der Dorfeinfahrt, höher als die Kirche. Eine andere Telefonverbindung gibt es nicht. ... Die hiesigen Lebensziele fordern auch eine Weitsicht - die Kuh melkt man, wenn das Euter voll ist. Das Schwein wird bis zur zabijacka, dem vorwinterlichen Schlachtfest, gepäppelt. Seine Speckreste kochen die Frauen im Garten und rühren sie mit Soda zur gelben Brühe, bis diese dick wird - dann ist sie Seife. Alle schwärmen zur Pilzsuche aus, wenn die Zeit kommt, auch der Lehrer sammelt dann Steinpilze statt Aufsätze im Unterricht. Trauben werden zu Wein gepresst und Paprika vorsorglich in Essig eingelegt. Und man steht morgens auf, bevor es hell wird, und trifft sich jeden Sonntag beim „Zdravas Maria“ in der Kirche. Wenn dann der Schnee kommt, füllen die Kinder den Kartoffelsack mit Stroh und rutschen den Hang zur Schule hinunter, überqueren Bäche, stampfen sich kilometerweit den Weg durch den Wald. „Hanka, was gefällt dir hier?“ „Wenn die Schwalben im Frühling kommen.“ „Und was noch?“ „Wenn die Bäume Blüten bekommen.“ „Hanka, was ist dein Traum?“ „Ich habe keinen. Ich bin erst acht.“ „Alle haben Träume.“ „Ich will ein Fahrrad haben und die Stadt sehen.“ Hier ist ein wie aus Zeit und Raum herausgeschnittener slowakischer Ort fern vom Mutterland. Das Slowakische erklingt hier inmitten des Rumänischen, nah am Ungarischen, neben dem aussterbenden Deutsch und über die Landstrassen zieht die Sprache der Roma. Es ist weich und zieht sich ins Freie, singend in die Weite nach der Art der ostslowakischen Sprachmelodie. Und man spricht mal derb, mal lyrisch, mal ehrfürchtig und siezt auch jene, die nicht anwesend sind - der Pfarrer sind gegangen, heisst es. Der Pfarrer in Mehrzahl steht für die gebündelte Einzahl. Er verbindet neuerdings die geistige und die zivile Macht. Nur für die Predigt zieht er sich das weisse gestärkte Gewand über den Pullover. Der Pfarrer in Nova Huta ist auch Bürgermeister geworden, er lacht viel und gutmütig, raucht unentwegt und plant eine Pommes-frites-Fabrik. Für seine Leute, damit dieses Stück slowakischer Erde erhalten bleibe. Er liess sich nicht ins Pfarramt in die Slowakei abwerben. Es wandere schon genug intelektuelle Elite seit Jahrzehnten ab. Er harrt auf dem kargen Boden aus, rötlich und steinig ist er, gut genug für die anspruchslosen Kartoffeln und als Kuhweide. ... Wurst, Käse, Wodka und Musik Goralen-Hochzeit im polnischen Tatragebirge Die Braut dreht sich, fest trippeln die unsichtbaren Füsse unter dem schweren Weiss, der Kopf strebt den Himmel an, das Kinn ist gebieterisch nach vorne geschoben, mloda pani, wie die Braut auf Polnisch genannt wird, dreht sich um sich selbst. Sie ist das Zentrum. Die Goralen- Hochzeit dreht sich um sie. Männer springen nacheinander aus dem Kreis heraus, einer berührt mit der Handfläche den Boden vor ihren Füssen, als streichle er die Erde, der er verpflichtet bliebt, er gibt das Zeichen, dass er an der Reihe ist, um sie herumzustampfen. Der wirbelnde Mann besteht aus vielen beweglichen Teilen, mit den Händen schlägt er sich über Kreuz auf die Sohlen, umkreist die Frau als wilder Satellit, seine Präsenz ist dröhnend, während sie das stille und mächtige Ganze bleibt, nur ihr praller Busen vibriert, als stünde sie unter Strom, und es leuchtet der stolze Blick und unmerklich zittern die erweiterten Nasenflügel. Einer Kerze soll die junge Frau gleichen, in der Höhe das Licht anzünden, und schon brennt sie nieder. Noch gehört ihr die Verehrung vieler junger Männer, aber der Pfarrer hat ihr gesagt, sie müsse Abschied nehmen von der Wertschätzung der Freunde und Freundinnen, der Eltern und Grosseltern, von nun an solle sie alles so tun, wie es ihrem Wawrzyniec gefällt, den sie gewählt habe, wie dieser sie, die fünfundzwanzigjährige Katarzyna, gewählt habe. Von nun an würden sie alles teilen, sich aneinander gewöhnen, Nachsicht füreinander erlernen und, das Wichtigste - ihre Kinder, die kommen würden, ja, das hoffe man, so Gott will, im Katholizismus erziehen. Miloszcz, Liebe sei all dies. Der Pfarrer, ein wortgewandter Anti-Utopist, entwarf einen Ehebund des Zusammenkauerns, stiess die in die Welt Hinausdrängenden aus ihr in die Verplichtung zum Allernächsten hinein und rettete sich selbst ins Zölibat. Vorne vor dem Altar standen sie, in der farbigen Tracht der Vorfahren, den Rücken gekehrt ihren Sippen und Freunden, es schien, sie froren in der kleinen Holzkirche so auf sich gestellt, sechs ernsten Priestern übergeben. Das Private der Liebe, das Ungezügelte wurde der Gemeinschaft zur Begutachtung, zur Regelung anvertraut. Ein grausames Ritual wurde da vollzogen - bis dass der Tod Euch scheidet, Amen, und ihre rechten Hände wurden behutsam mit einem weissen Band verbunden, als wären sie von nun an verletzt, beide am selben Glied. Sie liessen es geschehen, bleich, wie erschrockene Kinder in starken, erwachsenen Körpern. Und den kühlen Herbstmorgen wärmte etwas der Glaube, sie würden all das zermürbend Kompromisshafte der Ehe zu tragen vermögen. Und stand nicht die Gemeinde als Rückendeckung immer noch da? Und hat nicht der Pfarrer den Schmerz der Trennung von den Eltern besänftigt, als er sagte, diese sollten ihre Kinder nicht mehr lenken, ihnen aber weiterhin mit Rat und Tat beistehen? Und war das nicht auch die Welt, gar eine runde und grosse, diese dreihundert versammelten Hochzeitsgäste, die ihren Entschluss so warmherzig guthiessen? Von überall, aus ganz Polen, gar aus Amerika sind sie gekommen. Und haben es nicht alle Älteren vor ihnen schon durchgestanden, und würden nicht die jungen Trauzeugen auch bald so im Mittelpunkt stehen? Zwei sich ineinander einhakenden Glieder einer langen, einer bewährten Kette. Rhythmisch kniete die Gemeinde auf harte Holzbänke nieder und erhob sich und sang und murmelte in Demut: Vater unser, erlöse uns, und die Priester führten die Hand zum Herzen, als fächelten sie sich Luft in der Benommenheit zu, und wiederholten melancholisch: meine Schuld, meine Schuld. Und da vermengte sich die Schuld jedes Einzelnen mit der des Nachbarn und des Nachbarn des Nachbarn, unerträglich dicht wurde es im Raum, wenn alle Versammelten ihre Herzen berührten und sich im Chor eingestanden: meine Schuld, meine Schuld. Und als das Schuldbündnis so überhandnahm, dass das Düstere der menschlichen Existenz alle Zellen durchdrang, spielte auf einmal von der Galerie her die Musikkapelle frisch und leicht die Goralen-Tanzrhythmen, und wie durch einbrechende Lichtstrahlen hellten die vertrauten Töne die betretenen Mienen auf. Das Blut strömte zurück in die mit der Erbsünde bestraften Sterblichen, es spülte die Schuld weg gleich den siebenhundert Litern selbstgebrauten Wodka, der als flüssiger Refrain jedes Hochzeitsfest begleitet. Wie eine ausgelassene Kinderschar verlässt man die Kirche und fährt auf zwanzig Kutschen, geschmückt mit wehenden Schleifen, zum Hochzeitsschmaus, in der warmen Decke hinter jedem Sitz die Wodkaflasche eingewickelt. Für den Weg, es soll Euch wärmen! In der Bahn, aus der Bahn Eine Reise durch die Ostslowakei und das Tatragebirge Am Samstagnachmittag fährt auf dem Korsoplatz in Kosice (Kaschau) ein Bähnchen auf alten Schienen, gezogen geduldig vom stattlichen grauen Pferd, es fährt im Kreis um die gotische St. Elisabeth-Kathedrale: am laufenden Band wird geheiratet, schwarz der Bräutigam, weiss die Braut, die Gegensätze werden vermählt, in die Bahn gebracht. Ein frischer Bund für Leben tritt aus dem Kirchentor, spaziert zur Fontäne, diese spritzt hoch und fällt im Takt zur klassischen Musik, es wird fotografiert, und Passantinnen begutachten das Brautkleid, und das nächste Paar tritt mit seinem bunten Schweif von Verwandtschaft in diese grösste Kirche der Slowakei, und das übernächste wartet und das überübernächste reiht sich in die Warteschlange ein. Und der Himmel ist tief. So war das hier geregelt in Oesterreich-Ungarn, zu Zeiten der kapitalistischen Tschechoslowakei, in der Slowakischen Republik von Hitlers Gnaden, so bewahrte man sich im Rahmen der Sozialistischen Tschechoslowakei, und so lebt man fort im ersten Jahrzehnt der ersten unabhängigen Slowakischen Republik, so sanft, so gepflegt und jung und fügsam, als ob alles vergessen wäre: das Joch, die Kriege, die Umstürze, die Diktatur, die Zeiten der Not. Dabei sind wir wieder inmitten einer schweren Zeit. Die Speisekarten quer durchs Land verraten es nicht, sie überbieten sich wie eh und je im Angebot an üppigen Fleischgerichten. Mögen Sie das Rind nach Räuberart? Und dazu Knödel zur Besänftigung oder gleich eingebacken im Käsemantel, getunkt in dicke Tatarsauce und anschliessend reichlich Mehlspeise, übergossen mit Schokolade, gekrönt mit Schlagsahne, bestreut mit gemahlenen Nüssen, gepaart mit Puderzucker... Und natürlich bietet schon die Frühstückskarte hauptsächlich allerlei Berauschendes an. Wenn essen, dann richtig, wenn leben, dann heute. Doch der sinnenfrohe Schein trügt, die traditionelle Maxime ist noch da, sie aber bis zu den Restauranttischen zu befolgen, ist nicht mehr leicht. In Kurort Bardejov (Bartfeld) plätschert das ein-bis zweiwöchige Sein zwischen der Moorpackung, dem geduldigen Anstehen vor der Heilquelle - auch die kränkelnde Kaiserin Sissi machte hier 1895 die Trinkprozedur mit - und dem Verdaungsspaziergang, es plätschert im Becken, eingelullt von den vorgeschriebenen 28-Grad drehen sich Kurgäste, embryonal gemächlich um die eigene Achse, flüstern Belangloses auf Polnisch, Slowakisch, Ukrainisch, Tschechisch, Russisch. Ein slawischer Treffpunkt, ein friedliches Babylon, wo sich zumindest sprachlich alle verstehen, wo es paradiesisch egal ist, wer wie spricht, wer wohin gehört - die nachbarlichen Vorurteile scheinen hier und jetzt überwunden, die Polen sind nicht alle Schmuggler, die Tschechen nicht geizig, die Slowaken nicht dümmlich, die Ukrainer nicht grob, die Russen nicht aller und eines jeden Feind. Die Einheimischen machen die Versöhnung vor, ihr Sarisdialekt verschiebt die nahe slowakisch-polnische Grenze, verschiebt die Betonung auf jedem Wort von der slowakischen ersten auf die polnische vorletzte Silbe und verwischt die Trennung gar mit seinen vielen Zischlauten. Die Rezeptionsdame sprudelt selbstbewusst auf Slowakisch auf einen neureichen Russen, und der Grossrusse sucht angestrengt nach vertrauten Wörtern in der kleinen slawischen Sprache. Der ehemalige verhasste Okkupant passt sich an, er ist nun ein Kurgast wie jeder andere. Man spaziert in Familienverbänden, in Grüppchen, selbst die Holzstatuen stehen in Bardejov im Halbkreis auf dem Rasen, alle aus demselben Holz, gleicher Lackanstrich, ergebener Gesichtsausdruck, Augen mal geschlossen, mal visionär ins Weite blickend, doch die Annahme, dass sie von ein und demselben Bildhauer kreiert wurden, ist verfehlt - nicht einer erschafft Vielfalt, sondern viele erschaffen Aehnliches. Aber das verbrüdernd trüb- grüne Bassinwasser hat den Menschen auf die Vereinzelung nicht vorbereitet, je wärmer es war, umso mehr friert es dann auf dem Boden der Realität, es tut weh, sich ausgeliefert zu sehen, da sehnt man sich nach den dicken Himbeerbuchteln in zerlassener Butter, auch in politischen Belangen. ... Mit Fernrohr im Auge des Tornados Erzählung Eine neue Erkenntnis, die mir erst später einleuchten sollte, hat mir ein junger Mann im Erstklassabteil im Zug von Krakau nach Zakopane anvertraut. Er sass mir schräg gegenüber, mit wachem Blick, wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm, dass ich unterwegs in die Tatra zu einer Reportage über Goralenhochzeiten sei. Eigentlich sei ich keine Reporterin des persönlichen Glücks, mich ziehen kollektive Heimsuchungen an, deportierte Völker, Genozid, Flüchtlinge, Diktaturen. Daraufhin erwähnte er irgendwelche slawischen Minderheiten, die vom früheren Regime aus der Tatra zwangsumgesiedelt worden waren und nun spärlich zurückkehren würden. Das Bergvolk der Goralen wandere dagegen seit langem aus eigenem Antrieb nach Chicago aus, aber es sei noch da, ich würde es sehen, sein eigentümliches Polnisch, das auch Elemente des Slowakischen habe, hören. Der Mann sprach Polnisch, ich wiederum polonisierte mein Slowakisch, wir verstanden uns gut und nicht nur wegen der Verwandtschaft beider Sprachen. Es war milder Herbst, im Erstklasswaggon mit weissen Ueberzügen über den Kopflehnen sass ausser uns nur noch ein älterer Herr, der zu den Ausführungen seines Landsmannes beipflichtend nickte. Sympathische Menschen, diese Polen, herzlich und kultiviert, dachte ich. Als sich die Vorläufer des Gebirges hinter den Fenstern wölbten, wurde der Mann ernster und leiser. Er verriet mir seine Erkenntnis, die ich zuerst verwarf; so ungeheuer war sie mir erschienen, doch er beharrte auf seinem Fund und behauptete, die Beweise für seine Entdeckung verhärteten sich täglich. Die Prämisse seiner Theorie war: die vorrangigste Aufgabe des Menschen ist, eigene Energien zu schonen. Daraus ist zu folgern: man muss es vermeiden, sich von hungrigen Geistern anzapfen zu lassen. Und was ist das zuverläs-sigste Erkennungszeichen für einen gierigen Geist?, fragte der junge Forscher und stiess zum Kernwort vor: die Wut, nämlich die Wut darüber, dass der Hunger nicht gestillt werden konnte, weil ich mich dem hungrigen Geist verweigert habe! Und diese natürliche Wut des nicht satt gewordenen Gegenübers soll uns erfreuen, und mein Mitpassagier wurde sichtbar zufrieden, er bekam ein rundes Gesicht, das von Natur aus schon oval war. An der Grösse der Wut, fuhr er fort, können wir ablesen, wie gut unsere Ueberlebensstrategien funktionieren. Der Reisende, der als Geschäftsmann für eine Firma in Warschau tätig war, schilderte dann seine Alltagswonnen, in die ihn der aufbrausende Hass seines Mitarbeiters versetze. Da schaut er sich den Frustrierten am anderen Ende des Tisches an und gratuliert sich selbst zum richtigen Umgang. Sollte der Mitarbeiter aber liebenswürdig werden, ist Vorsicht angesagt, denn Liebenswürdigkeit überkommt den suchenden Geist, wenn er im Begriffe ist, einen leerzutrinken. Wenn er den perfiden Triumpf der Sattheit im Gesicht seines Gegenübers wahrnimmt, übt er zu Hause Schutztaktiken, konsultiert entsprechende Bücher, die es endlich auch auf dem polnischen Markt gibt. Ich hatte zu jener Herbstzeit die Vorteile der eigenen Wut bereits erkannt, aber die Freuden über die fremde Wut als geistiges Ziel anzustreben, das war mir nicht einmal theoretisch bekannt, und in anfänglicher Abwehr dagegen ersuchte ich den jungen Entdecker für die Harmonie zu missionieren. Unser Ueberleben hängt im Gegenteil davon ab, ob wir es schaffen, die Anderen umzustimmen, und nicht Bösartigkeit in ihnen auszulösen. In einer liebenden Atmosphäre explodieren die Energien, vervielfachen sich und den Segen davon erfahren alle Beteiligten, verkündete ich. Das sei übrigens mit der synchronen Atmung leicht zu erreichen, mit der ich die Anderen, statt sie noch mehr aufzuregen, zur Ruhe bringe. Zunächst synchronisiere ich ihre schnelle Atmung, ahme ihre nervöse Gestik nach und allmählich atme ich tiefer und langsamer, öffne die Gesten vorsichtig, lasse zuletzt die Arme entspannt auf den Knien ruhen und schon synchronisieren wiederum die Anderen meine Gesten und atmen in meinem Rhythmus ohne es zu merken. Ich demonstrierte mit Einsatz des ganzen Körpers die Verwandlung von einem aufgescheuchten Huhn zur Buddha Statue. Der spirituelle Geschäftsmann schaute mir gespannt zu. Er war unterwegs zu einer Sitzung in ein slowakisches Städtchen. Wie wir uns der slowakischen Grenze, die gleich hinter Zakopane liegt, näherten, zog ich mich unwillkürlich aus dem Polnischen zurück, wobei sein Polnisch sich slowakisierte, nicht nur in der Lexik, er übernahm auch die slowakische Sie-Anrede, die direkt ist, und benützte nicht mehr die polnische 3. Person, die auf mich wohltuend höflich wirkt, als wende man sich an eine Frau neben mir, denn zum Beispiel der Satz: „Wie heissen Sie“ heisst: „Wie heisst die Frau?“ Doch als ich die Vorteile der Harmonielehre begründet und eine Denkpause eingelegt hatte, gab ich plötzlich zu Bedenken, ob meine Aura etwa löchrig geworden sei, zerschossen durch die vielen tragischen Themen, denn ich bevorzuge in der letzten Zeit Erstklassabteile, und zwar nicht aus hygienischen oder snobistischen Gründen. Es liegt mir an dem hier gewährleisteten grösseren Abstand zu der geistigen Verschmutzung, die sich gerne, wo Menschen sich tummeln, ansammelt, und die mich leicht durchdringt. Ich verriet dem Unbekannten, dass ich zu der traditionellen Hochzeit, die am nächsten Tag in Zakopane stattfinden sollte, nicht nur aus professionellen Gründen fahre, sondern wegen eines Experimentes. Hungrige Geister, erläuterte ich, tarnen sich nicht nur in Einzelmenschen, sondern bewohnen ganze Themen, üben einen Sog gleich schwarzen Löchern aus, und ich sei oft bis über die Ohren in solchen Löchern gewesen, hatte den Themen Krieg, Gefängnis, Unterwelt, mein lebendiges Herz, die bildhafte Vorstellungskraft, den Intellekt, alle Körperzellen zur Verfügung gestellt, zur Plünderung freigegeben und bekam Fieber nach solchen Recherchen, Beklemmungen, Kopfschmerzen. Erst die eigenen geschriebenen Worte waren der Haarschopf, an dem ich mich herauszog. ... Teufel im Kloster, Gott im Schwefel Reisenotizen aus dem rumänischen Bihor ... Da kam über den Hügel eine sehr junge Frau im wollenen Kopftuch und einem schwarzen langen Rock. Sie ging lächelnd und leise auftretend zu uns hinunter. In den Händen trug sie einen sich vor dem dunklen Hintergrund abhebenden frisch gepflückten Petersilienstrauss. Als sie uns erreicht hatte, betrachtete ich ihre blasse Haut mit den weichen Gesichtszügen und grossen mandelförmigen Augen. Ich war einem harmonischen Menschen begegnet, an einem Ort, der die Dinge in Bezug zueinander brachte und die Zeitabläufe ebnete, so dass es zeitlos wurde. Die Erscheinung dieser Frau konnte genauso aus dem Altertum sein wie auch gestellt für ein zeitgemässes Modejournal. Ihre Schönheit, ihr Bekenntnis zur Nonne war Fiktion und greifbare Wirklichkeit zugleich. Was fühlte und dachte sie? Ein Mädchen, das im realsozialistischen Rumänien auf die Welt gekommen war, den postrevolutionären Niedergang kannte und den Weg der Weltentsagung gewählt hat. Hat sie ihn gewählt? Ueber ihrem rauhen Gewand trug sie eine ärmellose Nylonweste mit dem Schriftzug Nike. Sie legte den Petersilienstrauss auf einen Stein und führte uns ins Kloster. Sie ging mit den Gaben ihrer Jugend so um wie mit der Petersilie. Die Sammlerin der Seelen Porträt einer Tschetschenin Sainap sucht fremde Seelen, Soldaten gegen den Krieg sammelt sie, Soldaten ohne Kalaschnikow, nicht tote Seelen, lebendige will sie, solche mit Riss. Sie ist es, die sie einreisst, mit dem durchschossenen Körper ihres Volkes, den sie durch die westlichen Städte des Friedens trägt, Fotos der abgerissenen Glieder, der verkohlten Leichname zeigt und erwartungsvoll lächelt. Wenn die glatte Seele einreisst und sich für eine Weile dem Kaukasus zuwendet, freut sich Sainap. Sie nennt es Freunde sammeln an der Westfront. Wenn Sainap es schafft, die fremde Seele vom Frieden weg in die tschetschenischen Ruinen zu führen, ist ihre Arbeit vollendet, sie wird nichts mehr tun müssen, nur von der Seite schaudernd zuschauen, wie die Seele all das einsaugt, was Sainap schon das siebte Jahr in sich trägt, und wie sie von all dem eingesaugt wird. Hier bricht die Seele auf und wird feucht. Dann wird Sainap die Seele umarmen und weiter gehen. Für diesen Kampf braucht es viele Seelen. Sainap darf nicht ruhen. Am Morgen aufspringen, die Haare nach hinten binden, den langen Rock mit den Handflächen über den Schenkeln glätten, auf den Mann nicht hören, das nütze alles nichts, sie solle ihre Kreise in der Familie drehen, er werde sie verlassen, solch eine Frau bringe ihrem Mann Unglück. Es ist aus mit dieser Stimme. Sainap hört andere Rufe, die Schreie der Zerfetzten im Pfeiffen der Geschosse. Das ist ihre Moral und ihre Familie. Sainap fliegt wie ein Granatsplitter, wie Hunderttausende von Granatsplittern, bohrt sie sich in neue Körper hinein, wandert unter der Haut. Die erste Rakete, die neben ihrem Haus in Grosny einschlug, als Sainap in der Küche stand, hat sie nach ihrem Bild geformt. Der Einschlag, die Wucht und die verstreuten Fragmente der Welt, das ist Sainap. Der Krieg ist ihre Unruhe, und sie ist seine Tochter. Manchmal denkt sie: Der Krieg ist mir alles geworden. Weder meine Schwester noch meine Mutter verstehen mich, aber jene fremden Seelen, die ich zu treffen vermag, die verstehen mich. Ich muss sie tiefer treffen, sie mit der Harpune aus unserem Leid an Kriegsland heraufziehen, aber behutsam vorgehen, die Unwissenden mit Wissen verletzen, doch ihren Schrecken erst allmählich auslösen. Sainap weiss, dass sie die Krankheit des Krieges verbreiten muss, wenn sie ihr Volk heilen will, andere mit ihrer eigenen Rastlosigkeit anstecken, die fremden Kleider in den vertrauten Schiesspulvergeruch eintauchen. Es ist ein vor der Welt versteckter Krieg, und Sainap muss ihn bekannt machen, wenn sie ihm ein Ende setzen will. Dann kann sie sich das erlauben, was so viele tun, junge Frauen, die in den Flüchtlingslagern ankommen und umfallen, um nie mehr aufzustehen. Sainap sehnt sich, es ihnen gleich zu tun, aber sie schaut bloss hin und geht weiter; nein, erst nach dem Krieg, dann wird sie den Kopf auf ihr Archiv legen und einschlafen. Solange das Dröhnen nicht über die zerschundenen Dörfer hinauskommt, muss Sainap sein Echo werden, es Verbrechen um Verbrechen, Wunde um Wunde, Foto um Foto mit ihren kleinen Händen, mit ihren wissenden Augen, mit ihrer im Krieg geschliffenen Sprache hinaustragen, dem Lärm das zu geben, was er verdient - ein starkes Echo zu werden, das von den westlichen Parlamenten nach Moskau und nach Grosny zurückkommt und von dort in jedes Dorf, in jedes Haus auf jenem kleinen Stück Erde, in Tschetschenien. Wir nennen Dich Itschkeria, mein Land, du bist ein winziges Marienkäferchen. Wirst du noch einmal fliegen? Sainap weiss, wie unstandhaft die Mauern der Parlamente sind, sie sind aus Schleiern, in denen die Bombenexplosionen lautlos versinken. Schleier kennen keinen Widerstand, wie sie ihn kennt. Sainap, die Zierliche, die Gewöhnliche, die Hinausgeschleuderte, die Feste, hat vor, das mächtige Echo zu werden, damit die Welt zu hören anfängt. Sie schreit nicht, empört sich nicht. Sie spricht gar leise. Wenn sie sich dazu entschliesst, ein paar schamvolle Worte über den Hunger, die Folter zu sagen, schickt sie voraus: Verzeiht, dass ich euch traurig machen muss. Und sie lächelt. Das Lächeln lässt sie nie aus. Bei jeder Detonation fühlt sie die Schuld in sich fallen, jene Schuld, die ihr die Täter überlassen. Sie schämt sich der Plünderungen, die die betrunkene Soldateska begeht. Sie schämt sich der Armut, in die die Bäuerinnen gestürzt worden sind. Sainap lädt sich jene Scham auf, die Andere abwerfen. Wenn sie in die Kirchen der christlichen Städte geführt wird, meint sie die Tempelwände stürzen ein, weil sie, die vom Krieg Beschmutzte, hierher kommt. Erst wenn Sainap solange gerannt wird, bis der Krieg besiegt ist, bis ihre Söhne auch die letzte Mine entfernt haben, bis die Verstümmelten eine Prothese erhalten werden, bis die Kriegswaisen den Mördern ihrer Eltern verziehen haben, da die Mörder bestraft worden sind, erst dann wird Sainap wagen, die Schuld neben sich zu stellen, um sie anzuschauen, als wäre diese ihr fremd. Wenn Sainap in ihrer Sprache „Nochtschi“, Tschetschenin, sagt, findet sie die Achse, die sie ins Zentrum rückt. Wenn sie sich ihren eigenen Tod vorstellt, will sie „Nochtschi“ sagen und in Frieden gehen. Wenn sie in der Moskauer Metro in der Menge unterzugehen droht, denkt sie: „So Nochtschi iu“, und schon umschliesst sie eine lichte Kugel und macht sie unverletzbar. Wie gut, dass ich Nochtschi bin, und wie unerträglich es ist, Nochtschi zu sein. Liebt uns Gott oder hasst er uns? Manchmal denkt Sainap, dass sie mehr gesehen hat als Gott sich ausdenken kann. Sie will nicht, dass der Erhabene dorthin hinabgezerrt wird, wo sich Fäkalien mit Blut vermischen, weil Pflöcke in die Gefolterten gestossen werden, dort könnte er den Glauben an sich selbst verlieren. Gott muss nicht wissen, wie Menschenteile auseinanderfliegen, aber einen Teil der zerrissenen Wahrheit soll er kennenlernen, davor will ihn Sainap nicht bewahren. Diese Kraft soll er schon aufbringen, wenn die kleingewachsene Sainap all das erträgt. Manchmal zeigt sie Gott ihre Kriegsalben. Die geschändeten Leichen in den Massengräbern stanken so, dass sich Sainap übergeben musste, als sie sie fotografierte. Und wenn sie die Fotos über die Konferenztische reicht, ist der Gestank wieder in ihr, und Sainap fürchtet die Fassung zu verlieren, aber sie weint nicht vor fremden Menschen, sie ist Nochtschi, sie musste schon immer für sich einstehen. Der Krieg ist Arbeit mit Gestank, und Sainap macht ihre Arbeit. Der säuerliche Gestank, der aus dem Leichnam ihres Volkes entweicht, begleitet sie schon durch zwei Kriege, und falls Gott ihrem Volk einen dritten Krieg erlässt, verspricht sie, glücklich zu werden, und mehr als das gibt es nicht zu versprechen. Sie will Gott mit ihrem Versprechen eine Freude machen und ihn in ihre Arbeit einbinden. Je mehr Seelen Sainap einfängt, umso bereiter ist sie zu sterben. Werde ich Morgen ermordet, trete ich auf eine Mine, wird die Arbeit auch ohne mich fortgesetzt, freut sie sich. Sie kennt Mütter, die in wenigen Jahren ihre vier Söhne bestattet haben, es ist ungerecht, aber noch ungerechter findet Sainap den Tod eines fremden Journalisten, einer humanitären Helferin. Dann zweifelt sie an der Richtikeit des Unabhängigkeitskampfes. Es ist unsere Wahl, wenn wir zugrunde gehen, denkt sie, aber andere, die uns lieben, die sollen am Leben bleiben. Am liebsten würde sie einen Lustgarten für die neugewonnenen Seelen einrichten, diese mit Medaillien behängen, sie üppig bewirten und unterhalten. Sie führt sie in Flüchtlingszelte, wo ihnen die Kriegswaisen Tänze vorführen, barfuss und kraftvoll. Die Blutarmen, die Verstörten lachen breit während der Vorstellung. Diese Freude ihres Volkes verschenkt sie als tschetschenisches Souvenir. Es ist Sainaps Ueberlebenssinn, ihr Volk ungebrochen zu zeigen. Sind die Gäste zufrieden, weiss sie, dass die Tschetschenen Menschen sind, Nochtschi, dass sie noch leben. |