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| SCHUPPENHAUT |
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Schuppenhaut, Liebesroman,
edition ebersbach, 2010 Berlin, 112 Seiten, 18 Euro/ sFr 31.90 BESTELLEN ZURÜCK |
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Rezensionen:
„Eine Psychologin untersucht die psychologischen Auswirkungen der Psoriasis (Schuppenflechte) auf die Betroffenen. Damit wird schon ganz zu Beginn die übliche Blickrichtung umgekehrt: In der europäischen Kulturgeschichte waren es zumeist Frauen, die mit einem exotisierenden Blick betrachtet wurden. Traditionell wird dem Mann die Rolle des aktiv Handelnden zugeschrieben, der Blick auf das Andere ist dann der männliche Blick. (...) Hier ist es jedoch der Mann, der als fremdes Objekt beschrieben wird. Seine Reaktion darauf – Rückzug, Verzicht auf eigenständiges Handeln, Annahme des Fremdbildes – entspricht der, die Frauen traditionell zeigen (sollten). (...) In der Wahrnehmung der Psychologin verändert sich auch die Außenwelt, die ihr immer abweisender erscheint. Auf merkwürdige Weise identifiziert die Frau sich einerseits mit diesem erkrankten Außenseiter und seiner Rebellion gegen die Welt der „Normalen“ und grenzt ihn andererseits durch ihren Exotismus aus. Um ihn besser zu verstehen, greift sie zu einem Zoologielexikon: Eintrag „Echsen“. (...) Brezna zeichnet eine surreale Welt, in der Zugehörigkeiten relativ eindeutig geregelt sind. Seine Versuche zur Gesundung oder Anpassung gibt der Kranke am Ende auf, indem er sich in seine eigene Welt zurückzieht, in das „Haus“ seiner Haut. Er hat keinen Orientierungssinn mehr und empfindet die Außenwelt als ein Labyrinth, in dem er sich nicht zurechtfindet. Claire Horst, Raum- und Körperbilder in der Migrationsliteratur „Irena Brežná...erzählt in einer sehr bildhaften, eigenwilligen Sprache, die fast ohne Schlacken auskommt; ihr Buch wird dadurch bedrängend und spannend...Besonders gelungen ist die ständige, unaufdringliche Verknüpfung der erzählten realistischen Ebene (verkrustete Haut, sysiphusartige Selbstreinigung und Disziplinierung, Hoffnung auf Heilung, Sehnsucht nach Schönheit, nach Berührungen) mit den mit gemeinten Bedeutungsebenen. Die Krankheit als Metapher für ungelungenes Leben, als Eingesperrtwerden in einen Körper, der nicht mehr geliebt werden kann: das scheint mir schlüssig gelungen.“ Verena Stössingen in „Nordschweiz extra“ „Im Verlauf der Liebe verwandelt sich der Liebhaber kafkaesk in ein schönes Schuppentier, anstelle der grauen, matten, aus menschlicher Sicht kranken Haut treten lebendige Farben eines Chameleons oder Leguans. Ein Text, der mich durch seine bildliche, verschlüsselte, fiktive Ebene fasziniert und der auch noch als rein formales, literarisches Gebäude stehen kann, trotz der vielen Gefühle, die im Laufe der Geschichte geweckt werden.“ Emanzipation „Die Erzählung Irena Brežnás geht nicht geradlinig auf ein Happy End zu, sondern ist verschlungen merkwürdig und verwirrend wie die Beziehung der Psoriatiker zu ihrer eigenen Haut. Und sie mag diese wie die Nicht-Psoriatiker in gleicher Weise interessieren.“ Maja Wicki, Tagesanzeiger-Magazin „Irena Brežná verbindet Fiktives und Reales in einer tiefgründigen Reflexion, im Spannungsfeld von Erotik und ironisierender Kritik an einer scheinbar völlig statischen Gesellschaft, dennoch nicht ohne Einbezug einer beobachtenden Selbstanalyse. (...) Die Schuppenhaut wird zur Metapher für die eigene Fremdheit, das sich Fremdfühlen, für die Sehnsucht nach physischer und psychischer Geborgenheit, nach Heimat, auch in sich selbst.“ Ingrid Isermann, Wochenpost am Zürichsee „Den Wandel von der distanzierten Beschreibung und dem subjektiven Empfinden muss der Leser bei der Lektüre unweigerlich nachvollziehen. Denn Irena Brežná unterbricht die Erzählung auf behutsam packende Wiese durch ständige Rückblenden der Ich-Erzählerin, die sie stilistisch durch die Vergangenheitsform Präteritum ausdrückt. (...) Erst die poetische Sprache eröffnet hier offenbar neue Ausdrucksmöglichkeiten. Irena Brežnás phantasievolle Schilderungen des seltsamen Endes dieser ungewöhnlichen Liebesbeziehung nähern sich dem Mythos, der Literatur, der Poesie: Vor den Augen der Geliebten verwandelt sich der Mann in eine Eidechse.“ Anita Heßmann-Kosaris, Deutsche Ärzte-Zeitung Leseprobe: Ich bin jetzt ganz ruhig. Mein Mann sagt, ich hätte einen melancholischen Blick bekommen, aber ich protestiere: „Es ist nur die Mandelform meiner Augen.“ Ich zeige ihm alte Fotos von der Abiturfeier und er gibt zu: „Ja, es ist die Form und nicht der Ausdruck.“ Vor dem Sonnenuntergang, der jetzt früh einsetzt, joggt er im Wald und ich gehe mit beiden Söhnen zum Flussufer. Während die Knaben Steine in den Fluss werfen, suche ich nach außen gefasst, aber innerlich freudig aufgewühlt nach Eidechsen. Sie liegen mit erhobenen Köpfen auf flachen Felsen und holen sich für die Nacht die letzte Wärme. Ich brauche nur den Blick über die Schuppen gleiten zu lassen und schon fühle ich ihre Rauheit, die sich für immer in meinen Fingerkuppen festgesetzt hat. Es ist eine besondere Art von Rauheit, nach der ich süchtig geworden bin. Ich glaube fast, ich habe ein neues Sinnesorgan gewonnen, ein Gedächtnis, das ich der Menschheit weitergeben werde. Du bist der Preis dafür. Die letzte Erinnerung an dich ist die stärkste. Ich sehe dich von hinten. Die Schuppen auf deinem Rücken glitzern metallisch grün in der Sonne. Meine Liebe zu dir ist kein Wirbel mehr, sondern ein feines Gewebekorsett, das spannt, wenn ich tief Atem hole. Aber das tue ich nicht oft und bald kommt wieder der Winter und die Eidechsen werden sich verkriechen. Die Villa über dem See wirkte bescheiden, dabei war sie solide wie alles in diesem Land. Der Reichtum, der sich in den vielen kleinen, nützlichen Gegenständen und schweren Möbeln verbarg, sollte diskret sein, wie das dem hiesigen Geschmack entspricht. Ich habe zum Reichtum ein angespanntes Verhältnis, eine barbarische und kindische Verachtung, doch meine zerstörerischen Gedanken zerstreuten sich, denn der Hausherr hatte einen sympathischen Gesichtsausdruck und eine warme Hand. Er führte mich in sein Arbeitszimmer, er sprach laut. Erst später begriff ich, dass er so aufgeregt war, weil er mich in seine Intimsphäre hereingelassen hatte. (...) Unseren Streit, wer wen verführt hatte – du mich oder ich dich – kultivierten wir zu einer Art Erinnerungsspiel. Als ich vor unserem ersten nächtlichen Spaziergang meine Strümpfe anziehen wollte und mich vor der Tür umdrehte, als hätte ich deine Gedanken erraten, sagte ich: „Sie denken: Gleich wird sie die Strümpfe doch wieder ausziehen. Aber Sie irren dich.“ Ich war überzeugt, ich würde Recht behalten. Auf dem menschenleeren Kai küsstest du mich unerwartet mitten im Gespräch auf die Lippen, als hättest du dich auf deine männliche Rolle besonnen, doch gleich darauf entschuldigtest du dich scherzhaft: „Ich musste es tun.“ Ich bemerkte schon damals einen ungewöhnlichen Schlitz an deinen Ohrläppchen. Dieses Detail berührte mich insgeheim, aber ich spottete, du hättest atavistische Merkmale, stammtest statt von Hominiden von Urechsen ab. Schon als wir am Telefon den Interviewtermin vereinbarten, gefiel mir deine Art, leise und schnell zu sprechen und alles humorvoll in Zweifel zu ziehen. Entschlossene, laute Stimmen gehören kantigen Männern in Trainingsanzügen, die abends mit ihren Hunden spazieren gehen. Mein Mann wirft mir vor, ich hätte keinen Sinn für das Männliche. Er hat Recht, aber ich will diesen Sinn gar nicht entwickeln. Welche Erlösung, dass die Verführung nicht die übliche Ernsthaftigkeit hatte. Du entkleidetest mich mit der Eleganz eines Unbeteiligten, mit einer Sanftheit, als wärst du zufällig in eine dir unbekannte Lage geraten. Dir fehlte jegliche Heftigkeit, dein Rhythmus war langsam und beständig und gerade das eröffnete mir die Ewigkeit. Deine Brust war gewölbt und weich wie die eines dreizehnjährigen Mädchens. Wallungen von Gier waren bei dir selten und kostbar und du warst selbst von ihnen überrascht. (...) Die Frau entspannte sich und sprach nun flüssiger. „Einmal sah ich im Schwimmbad eine junge Frau. Die war aber voll, wirklich voll, noch rot. Und niemand nahm Anstoß daran. Ich habe sie bewundert. Nein, dachte ich, das würde ich nie machen. Ich hätte gerne mit ihr gesprochen, traute mich aber nicht wegen der anderen. Bist eine Arme, dachte ich und konnte die Augen nicht von ihr abwenden.“ Sie riss sich mühsam aus ihrer Erinnerung. „Ich muss wieder an die Sonne. Die Nachbarn denken sicher, die hat wohl nichts anderes zu tun, als sich ständig zu sonnen. Wenn die wüssten!“ Ich trank den allzu süßen Orangensaft aus und löste mich vom klebenden Ledersessel. Es war heiß. Beim Abschied nannte ich den Namen eines chemischen Präparates, das gerade auf den Markt gekommen war. Wie eine Erstklässlerin schrieb sie es auf. Ihr dankbares, hoffnungsvolles Lächeln beschämte mich. Ich glaubte nicht so recht an mein Geschenk. Als ich die Treppen hinunter ging, hatte ich das Gefühl, ein geheimes Versteck verlassen zu haben. Diese Frau trug die Flechten an ihrem Körper wie eine Verbrecherin ihre Tat – in dauernder Angst, entdeckt zu werden, und in der Sehnsucht danach. Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich ein ärmelloses Kleid mit einem tiefen Ausschnitt angezogen hatte, wie eine Unschuldige. Deine Eifersucht äußerte sich in verbissenem Schweigen. Du nanntest es Verrat, wenn ich mich anderswo als in deiner elitären Einsamkeit auf Nähe einließ. „Nähe ist etwas Seltenes“, versuchtest du mir beizubringen, „bewahre sie nur für uns auf.“ Hätte ich das getan, hätte ich mich verleugnen müssen. Es zog mich in alle Richtungen, nicht nur zu den Menschen, ich hatte ein Intimverhältnis mit dem Wind, gab mich ihm überall hin. Aber du wolltest meine Sonne sein. Dass du vor allem auf Psoriatiker eifersüchtig warst, wundert mich kaum. Meine Abgeklärtheit der Psoriasis gegenüber wirkte auf sie wie eine offene Tür. Du fürchtetest die besondere psoriatische Dankbarkeit, die schnell in Zuneigung übergeht. Einmal beherbergte ich einen Psoriasis-Aktivisten bei mir, der mir nach langer Diskussion um vier Uhr Morgens gestand: „Ich merke erst jetzt, dass ich seit Jahren mit keinem Menschen gesprochen habe.“ Du empörtest dich maßlos über diese Frechheit und nachdem du dich beruhigt hattest, fragtest du allen Ernstes: „Hast du seine Flechten berührt?“ Ich lachte bloß. |