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| FALSCHE MYTHEN |
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Rezensionen: „Falsche Mythen“ ist eine Sammlung von Reportagen über Orte, Menschen, Konflikte und den Alltag in Ländern des ehemaligen Ostblocks, die Irena Brezna zwischen 1989 und 1996 für verschiedene Schweizer Magazine schrieb. Brezna deckt falsche Mythen auf und räumt sie gründlich aus, um sie durch wunderbar subtile, kenntnisreiche Beschreibungen auf hohem literarischem Niveau zu ersetzen...sie erzeugt in ihren Beobachtungen und Reflexionen eine Synthese zweier Welten, die belebende Denkanstösse wohl für alle interessierten Beteiligten bietet, unabhängig davon, auf welcher der beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs sie leben. Die intime Kenntnis von Sprache(n), Lebensgefühl und Weltsicht in der als „Osten“ bezeichneten geographischen Mitte Europas trägt viel zu der besonderen Dichte bei, mit der Brezna ihren LeserInnen im „Westen“ Information, Stimmungsbilder, Verständnis vermitteln kann - im wahrsten Sinne des Wortes eine bildende Lektüre, stilistisch so brillant und intelektuell so reizvoll, dass der Lernprozess ein pures Vergnügen ist. Brezna weiss, dass ihre Position stets die westliche Position ist, ob sie nun Porträts des postkommunistischen Lebens ehemaliger DissidentInnen zeichnet, mit dem Populisten Schirinowski abrechnet, die Rolle der Mafia im jäh in die Marktwirtschaft gekippten Russland zu ergründen sucht oder die slowakische Heimatstadt beschreibt. „Die Journalistin aus dem Westen“ ist und bleibt sie für ihre GesprächspartnerInnen. Dass dieser höchst sensible Bewusstseinsstand in allen ihren Berichten durchgängig transparent gehalten wird, ist ein nicht hoch genug anzurechnendes Verdienst. Zu oft bleibst ansonsten in Reportagen für westliche Medien diese Tatsache völlig ausgeblendet und unreflektiert, woraus nicht zuletzt der beste Boden für „Falsche Mythen“ entsteht.“ Helga Pantkratz, Weiber Diwan, Herbst 1996. „Unter den Reportagen der in der Schweiz lebenden Journalistin befinden sich auch ihre Aufzeichnungen bei der Widerentdeckung der unter schmerzhaften Umständen verlorenen Heimat. Die melancholische Hinwendung zu der Art von Einfachheit, die in einigen Gegenden der ehemaligen Tschechoslowakei noch das Leben bestimmt, die Liebeserklärung an das rein Menschliche ohne die umfangreichen und vielfältigen Ausschmückungen, die unsere Zeit mit sich bringt, macht das Buch zu einer gefühlvollen Reise durch die Regionen Europas, die den unseren sehr nah liegen, uns aber ferner denn je sind.“ Studentenzeitung der Humboldt-Universität, Dezember 1996. „Es sind ganz unterschiedliche Texte über die ehemalige Tschechoslowakei und die ehemalige Sowjetunion, die hier zusammengefügt wurden. Das gibt es Reportagen, zum Beispiel über die Slowakei am Vorabend ihrer Unabhängigkeit oder über die Rückkehr der 1944 deportierten Krimtataren. Da gibt es den Essay „Sprachbilder“, in dem Brezna ihr Verhältnis zu Sprache und Schreiben reklektiert. Und da gibt es vor allem Porträts, von dem Menschenrechtler Sergej Kowaljow, von der Schriftstellerin Libuse Monikova oder von einem russischen Mafiaboss. Die Skepsis verfliegt schnee. Breznas Texte sind mehr als nur Erkundgungen gesellschaftlicher und politischer Veränderungen - das sind sie auch: Ihr Augenmerk gilt nicht den Umbrüchen in der grossen Politik, sondern vielmehr deren Auswirkungen auf die Menschen. Dabei hat Brezna als Emigrantin den Vorteil, dass sie immer mittendrin ist, immer irgendwo anknüpfen kann, sei es durch persönliche Bekanntschaften, sei es durch ihre Vergangenheit. Sie nimmt lose Enden wieder auf, sucht nach Kontinuität in Zeiten des Wandels und bemüht sich, das Neue zu verstehen, manchmal abwartend, meistens aber offensiv und vor allem im Dialog mit den Menschen. Und das ist, was an Breznas Texten fasziniert: Es sind engagierte und leidenschaftliche Texte, Texte, die nicht Distanz und Objektivität vortäuschen, sondern pointiert Stellung nehmen zu den Phänomenen einer Umbruchzeit.... Breznas Texte, besonders diejenigen über Tschechien und die Slowakei sind im wahrsten Sinne subjektiv, persönlich; bisweilen gewähren sie beinahe intime Einblicke. „Ich suche das Grab meines Grossvaters. Und ich verspreche ihm, hier begraben zu werden. Das Bekenntnis zu diesem Ort will ich lediglich im Tod ganz einlösen.“ Dieses Unbehaustsein der Emigrantin, ihre innere Zerrissenheit kleidet Brezna in eigenwillige Sprachbilder. Sie feiert ein „Wiedersehen mit der Muttersprache nach zwei Jahrzehnten Trennung“, sie koketiert mit ihrer „sprachlichen Promiskuität“, aber letztlich ist sie eben doch „ein ehrgeiziges Adoptivkind der deutschen Sprache. Ich habe Zuflucht bei ihr gefunden vor der klebrigen, verführerischen Muttersprache, von der ich mich jedesmal mit viel Kraft losreissen muss. Mit schlechtem Gewissen nehme ich Abschied von ihr. Doch ich eile, eile ins helle Haus der deutschen Substantive.“ Ein schlechtes Gewissen, ob begründet oder nicht, auch bei der Konfrontation mit ihrer eigenen Geschichte. „Sie sind dageblieben, ich bin damals gegangen.“ Das Wiedersehen mit der Heimat bringt Begegnungen von wunderbarer, schmerzhafter Intensität, aber auch das Gefühl, eben doch nicht mehr dazuzugehören. Nach drei Wochen in Bratislava fühlt sich Irena Brezna in Wien „vom Druck der slowakischen Homogenität wieder befreit. Ich atmete tief als Fremde unter Fremden, heimisch in der Vielfalt.“ Dorothea Trottenberg, Wochenzeitung, 15. 11. 1996. „Nach mehr als zwanzig Jahren reist die Journalistin Irena Brezna Ende 1989 wieder in ihre ehemalige Heimat, die Tschechoslowakei. Sie begenet vielem, dass ihr vertraut ist, aber sie spürt auch eine grosse Distanz und Fremdheit, wird sich ihrer Situation als Emigrantin deutlich bewusst. Dieser Reise folgen weitere in die unterschiedlichen Staaten Mittel- und Osteuropas. Irena Brezna dokumentiert behutsam und offen Hoffnungen, Aengste und Fragen, die die Menschen angesichts der politischen Umbruchsituation beschäftigen. Sie selbst bleibt dabei immer Beteiligte, beobachtet sich selbst in diesem Umbruchprozess. Trotz vieler offener Fragen strahlen die Reportagen Optimismus und Zuversicht aus. Selten habe ich eine so gelungene Mischung aus Sozialreportage und Selbsterfahrung gelesen.“ sky,Verband binationer Familien und Partnerschaften, 4/1996. „Die Bezeichnung „Reportagen aus Mittel- und Osteuropa nach der Wende“ ist fast allzu bescheiden, und unsofern ist sie nicht ganz zutreffend, als Irena Breznas Texte übers sachliche Beobachten und Rapportieren hinausgehen. Wenn sie als Emigrantin in ihre ehemalige Heimat zurückkehrt, dann beginnt allerhand in ihrem Innern zu vibrieren, da ist sie nicht schlechthin „objektive“ Reporterin, da setzt ein Hin und Her von Gefühlen, Erschütterungen und Erregungen ein. Dass Irena Brezna diese Bewegtheit auszudrücken weiss, ohne die sichtbare Welt darob zu vernachlässigen, das macht die besondere Qualität mancher dieser Arbeiten aus. Andere, die aus dem heutigen Russland, z.B., sind distanzierter, kühler, kritischer. Auch diese haben jedoch ihren Reiz und ihren Informationsgehalt. Stärker und gewinnender wirken indessen noch die, in denen die Autorin ihr persönliches Beteiligtsein vermittelt.“ Der Bund, c.c., 13.7.1996 „Die Basler Journalistin Irena Brezna, die 1968 aus der Slowakei emigrierte, bricht 1989 nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ zu Entdeckungsreisen in ihre ehemalige Heimat, nach Russland und in die Ukraine, auf. Wir lernen die Frauen der „samtenen Revolution“ 1989 in Bratislava und Kaschau kennen, die nach der Wende aus der Politik wieder in die Küche vertrieben werden; die russischen Bürgerrechtler Andrej Mironow, Wladimir Bukowskij und Sergej Kowaljow; die Krimtatarinnen Aische Seitmuratowa und Naila Isamailowa, die 45 Jahre nach den stalinistischen „ethnischen Säuberungen“ in ihre Heimat zurückgekehrt sind; den russischen GULAG-Veteranen Walerij Abramkin, der als Mitglied der Organisation „Penal Reform International“ gegen menschenunwürdige Haftbedingungen kämpft; den russischen Rechtsextremisten Wladimir Schirinowskij, der sich „nach neuen Aufgaben für Russlands Armee“ sehnt; und schliesslich den „Paten“ der russischen Mafia in Wladiwostok, einen scheinbaren Gewinner der neuen Zeit. Die dreizehn Reportagen sind keine faktenstarrenden Analysen, sondern berührende Geschichten von Menschen.“ Felicitas Rohder, Pogrom, Zeitschrift für bedrohte Völker, Nov. 1996. „Der Sammelband...berichtet über die wunde, irrational hoffende „Volksseele“, über politische Scharlatane und russische Dissidenten. Eigene Reflexionen, Beobachtungen und Faktendichte ergeben ein überzeugendes, oft erschütterndes Psychogramm des osteuropäischen Umbruchs. Die Autorin ist mitunter lyrisch „beteiligt“, als Emigrantin jedoch distanziert genug, um Pathos zu vermeiden. So stimmungsdichte und aktuelle Berichte über Russland und die Slowakei wird man derzeit vergeblich suchen.“ Robert Elstner, ekz-Informationsdienst, ID38/96 „Das Herzstück des Buches, „Sprachbilder“ genannt, öffnet uns die Welt der Autorin, aufgewachsen im slawischen Sprach- und Gedankenraum, heute in der Schweiz lebend und schreibend; doch ihr „Konjuktiv des Ostens“ durchdringt die deutsche Sprache, bricht deren nüchternes Licht in tausend Facetten. Man meint beim Lesen slowakischen Schnaps im Gaumen zu schmecken, klebrig und verführerisch, wie Irena Brezna ihre Muttersprache nennt. Wer sie mit offenen Sinnen aufnimmt, hat nach der Lektüre des kleinen Buches gelernt: Der „Osten“ verdient weiterhin unsere Aufmerksamkeit.“ Margrit Rohde, CH-Bibliotheksdienst, 4.11.1996. „Irena Brezna...ist radikal subjektiv und autobiographisch, gleitet aber nie ins Geschwätzige ab, im Gegenteil: Ihre Art „Ich“ zu sagen, erscheint als das beste Mittel, sich Gesellschaften zu nähern, die über vier Jahrzehnte lang vom Kollektivwahn eines imaginären „Wir“ besessen waren. Die Autorin wurde 1950 in Bratislava geboren und emigrierte 1968 in die Schweiz; ihr „doppelter Blick“ ist einer der ganz grossen Pluspunkte dieses ungewöhnlichen Buches. Im Winter 1989 kommt sie das erste Mal in ihr Land zurück. „Eine Mitarbeiterin des Bürgerforums führt uns zum Wenzelsplatz: überall Plakate, brennende Kerzen für die Opfer des Kommunismus. Ich glaube es langsam. Die Tschechoslowakei wird frei. Parolen, die hier einen lebensnotwendigen Inhalt haben: Freiheit, Demokratie, Pluralismus, Wahrheit, Gerechtigkeit, sanfte Revolution, vereintes Europa...“ Doch die Euphorie verfliegt schnell. Nostalgie mischt sich mit Nationalismus, die Slowakei bevorzugt den Separatismus, und die Emigrantin fühlt sich erneut als Fremde: „Zuerst Freudentaumel über geöffnete Horizonte, dann wird es bange ums Herz. „Unter homogenes slowakisches Volk wird jetzt auseinanderbrechen“, verkündet Darina, meine ehemalige Lehrerin. Die versammelten Schulfreundinnen von damals blicken mich erschreckt an: „Wird es tatsächlich mit dem Einzug der Freiheit zerfallen?“Sie warten gespannt auf die Meinung einer, die die Freiheit kennengelernt hat. „Na, ja“, ich zögere in die undankbare Rolle der Zerstörerin von Tabus zu schlüpfen. „Es wird halt seine Homogenität einbüssen. Und was ist schon dabei?“ Als stumme Antwort bekomme ich vor Schmerz verzogene Gesichter, als wäre ich eine unverschämte Diebin, die ihren Verwandten im geplünderten Haus das Letzte siehlt...Und sie recken sich bequem auf dem folkloristischen, mit farbigen Vorurteilen bestickten Sofa. Opfer, die längst Täter geworden sind. Inzwischen verlässt fast eine halbe Million vietnamesischer Gastarbeiter die Tschechoslowakei. Meine Klage bleibt. Diese moralische Entrüstung leiste ich mir als Fremde und als Beheimatete.“ Diese vermeintliche Küchen-Perspektive erhellt das Wesentliche, den tragischen Zusammenhang zwischen der sogenannten „östlichen Gemütlichkeit“, dem Sinn für Humor und Witze auf der einen Seite und das völlige Fehlen individueller Verantwortlichkeit und geistiger Offenheit auf der anderen. So sensibel, aber auch so prägnant ist über derlei Mentalitätsmuster bisher kaum geschrieben worden. Die Kenntnis dieses besonderen Geisteszustandes ist notwendig, um die Situation nach 1989 verstehen zu können. Westliche Beckmessere hilft da ebensowenig weiter wie die pseudoironische Schönfärberei der Dieckmanns, Bertrams, Osangs und anderer Propagandisten der „Ost-Identität“. Neben Reflexionen über den Status des Emigranten, die Chancen doppelter Welt- und Spracherfahrungen und die Hintergründe des neuen Nationalismus, wendet sich Irena Brezna auch dem Leben in der ehemaligen Sowjetunion zu. Sie trifft Dissidenten wie Sergej Kowaljow, der seine Leidenserfahrungen nicht wie ein Plakat vor sich herträgt und stattdessen sagt: „Der Mensch ist kein Held, und er soll auch keiner sein. Die Liebe ist höher als die Gerechtigkeit. Heute kann man endlich ein normaler Mensch mit Schwächen sein und gleichzeitig die eigene Würde bewahren.“ Auf die Bemerkung seiner Gesprächspartnerin, dass er doch in den siebziger Jahren immerhin eine kompromisslose Wahl getroffen und sieben Jahre Lagerhaft und drei Jahre Verbannung auf sich genommen habe, antwortet Kowaljow: „Ja, abe rich werde nur dann ein Mensch bleiben, wenn ich dauernd bedauern werde, dass ich gezwungen war, diese Wahl zu treffen.“ Irena Brezna ist eine aufmerksame Beobachterin, der es gelingt, von Alltagsdetails auf gesellschaftliche Zustände zu schliessen. Ueber die graue Freudlosigkeit, die auch nach dem Zerfall der Sowjetunion die Menschen in Moskau wie steinerne Masken aussehen lässt, schreibt sie: „Die Maske des Gleichmuts, die die Menschen hier in der Oeffentlichkeit tragen, ist soziologisches Mimikryspiel. Aeusserlich sieht man unansehnlich, düster aus wie ein Tier, das die Farbe der Umgebung annimmt. Man ist bestrebt, auszusehen wie alle. Doch das ist bloss Färbung, das bedeutet nicht, dass man im Inneren auch so ist...Die Farbskala wird hier nach innen verlagert, Farben sind Prinzipien, das Erstrebenswerte ist ein Leben in Wahrheit. Dieses Wort klingt nicht pathetisch oder verschwommen im Reich der institutionalisierten Lüge.“ Ein paar dieser Lügner hat Irena Brezna persönlich getroffen, so auch Wladimir Schirinowskij, der sich schwitzend vor ihr aufbaut udn wirre Reden hält. Die Frau hört zu, widerspricht, zeichnet auf, was er sagt. Kein einziger falscher Ton entgeht ihr. Anders als viele westliche Intelektuelle, die den Osten bereisen, aber weiss sie sehr genau um den existenziellen Unterschied, der Täter von Opfern trennt. „Besondere Situationen“ oder „Geschichtliche Notwendigkeit“ lässt sie nicht gelten, wenn das Individuum entwürdigt wird oder man noch heute nichtsrussische Völker wie die Krimtataren diskriminiert, die von Stalin umgesiedelt und zu Tausenden ermordet wurden und nun langsam in ihre alte Heimat auf der Krim zurückkehren. Als Abkömling eines egalitären Systems weiss sie, dass Vielfalt und Freiheit nicht nur leere Worthülsen sind: „Ich habe die Enge des Hofes (meiner Kindheit) durch die Welt hindurchgetragen, werde nie mehr von ihr loskommen...Seitdem aber laufe ich Amok gegen geschlossene Systeme, gegen Zimmer mit fest zugeschlagenen Türen, kaufe mir Kleider mit Stilbruch, liebe nur brüchige Städte und eine verfremdete Sprache. Die Metropolen nehmen mich auf, die Geräusche an den Bahnhöfen sind der beruhigend Rhythmus der schaukelnden Wiege“... Marko Martin, Deutschlandradio Berlin, 1996. „Das mitteleuropäische Gesicht war nur für den Westen osteuropäisch. Verzweifelt drückte es über vier Jahrzehnte die fahlen Backen in den Stacheldraht, immer blickten seine Augen Richtung Westen“, schreibt Irena Brezna 1990, als sie nach Prag kommt. Sie spricht mit den Menschen in ihrer Muttersprache. Mit der Schulkamaradin weint sie am Küchentisch. Mit der ebenfalls ausgewanderten Schriftstellerin diskutiert sie über den Gebrauch der Fremdsprache Deutsch als besseres literarisches Verständigungsmittel einer Emigrantin. Den Bäuerinnen/Bauern, den ArbeiteriInnen in der Slowakei, die alle Vladimir Meciar gewählt haben, geht es so wie dem Recken Janko in einem alten slowakischen Märchen, der am Scheideweg angekommen ist: „Gehst du rechts, wird es dir schlecht gehen, gehst du links, wird es dir noch schlechte gehen.“ Hier gab es nie die Illusion des guten, eindeutigen Weges, wie die Autorin erkennt.... Konservatismus macht sich breit. Frauen sollen zurück an den Herd und zu den Kinder. Vergessen sind die Doppelt- und Dreifachbelastungen. Die Vertreigung der Frauen aus der Politik ist eine traurige Tatsache...Fazit Breznas: „Ein postkommunistisches Land gebärdet sich, als sei die verhasste kommunistische Herrschaft eine Frauenherrschaft gewesen, und rechtfertigt so die Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben.“ Der russische Imperialismus zieht sich wie ein roter Faden durch den zweiten Teil des Buches...Auch der Ultranationalis Wladimir Wolfowitsch Schirinowskij fehlt nicht in den Porträts. Nie im Leben sei er Faschist: „Ich bin Demokrat, konservativ möglicherweise.“ Die Grenzen und den Lebensstil dürfe mann nicht ändern. Die Karriere der Frau schade der Gesundheit der Gesellschaft, eine Frau würde es in der Politik nicht schaffen.... Das Buch zeigt ein Gesamtbild des nachkommunistischen Osteuropas aus der Sicht einer emigrierten Journalistin, die manchmal auch nicht mehr mit der Mentalität des ehemaligen Ostblocks zurechtkommen mag. Und immer wieder ist ihr alles so vertraut, als ob sie eben erst weggegangen wäre. Die Reportagen sind auch eine Spurensuche nach dem eigenen Ich, dem eigenen Selbstverständnis von Irena Brezna. „Falsche Mythen“ ist eine interessante Darstellung vieler Facetten dieses Teils Europas und zugleich ein guter Einstieg für Westeuropäerinnen, um Lebensumstände und Denkweisen von Menschen aus Mittel- und Osteuropa besser verstehen zu lernen...die Sehnsucht nach diesem...so lange vorenthaltenem Teil unseres Kontinets.“ Elisabeth Boyer, Das Buch des Monats, An.schläge, Juni 1996 „Alles beginnt noch einam. Alles war schon einmal da. Nach mehr als 20 Jahren taucht es wieder auf. Ende 1898. Die Journalistin Irena Brezna reist in die samtene Revolution ihrer ehemaligen tschechoslowakischen Heimat... Die angstvollen Fragen der Kindheit drängen wieder hervor. Wer bin ich? Im ersten Teil der Reportagensammlung „Falsche Mythen“ sind wir Irena Brezna, sehen wir aus ihrer Sicht, im zweiten Teil sind wir in Begleitung von Irena Brezna. Zwischen 1989 und 1996 sind diese Reportagen aus dem ehemaligen Ostblock entstanden. Geschrieben wie unter einem sprachlichen Vergrösserungsglas... „Ueber den Fernsehschirmen wälzte sich Abend für Abend das Glück. Ein rundes. Ein skandierendes...“ Und der aufgeschreckte Sohn im Schweizer Heimatland: „Wo willst du hin? Warum dieser Dubcek? Dieser Havel? Warum so eine Mutter?... Es hatte sie im letzten Jahrzehnt nicht mehr gegeben, diese Republik...Nur die Muttersprache blieb, mit der ich meine Kinder wie mit einer Schattennahrung fütterte, eine absurde Sprache ohne Nährboden, die wie von Eingebungen aus einer früheren Inkarnation lebt, Worte, die ich zweifelnd weitergab, als hätte ich sie erfunden.“ Die Heimat im Einmachglas, lautlose Vietnamesenorde, das Absurde und das Vakuum nach dem Verschwinden des Feindes und - „das Weinen..., es gehört in diesen Breitengraden zum Inbegriff der Glückseligkeit.“ ...Irena Brezna schreibt über die Heimat in der Sprache, die Gefahr der eigenen Auflösung in der Muttersprache, himmlische, angsteinflössende, gefühlvolle Sprache. Der Ort ihres Sprechens, jenseits der Heimat: das Dunkelblau des Schweizerdeutschen, die Sprache ihrer Kinder. Schlaglichter. Weichheit und Schönheit als Kriterien der slowakischen Sprache. In diesen Reportagen kann man sie ahnen, die Präzision der Ironie und der Distanz, aber auch so: „Das ist Mitteleuropa, die Region der Melancholie.“ Eine Begegnung mit Libuse Monikova in Berlin 1992. Zwei Sprachschmugglerinnen treffen sich im leergeschenkten Schreibzimmer beim Wein. Sie schreibt Deutsch. Das hilft. Das hat auch Irena geholfen. Sprachbilder. „Die Faszination der Sprachen für mich ist körperlich, ich empfange die Sprache zuerst mit der Haut, dann giesst sie sich in Bilder, in neue Körper hinein.“ Wir erfahren, warum alles so nah erscheint: „Ich war ein slowakisches Mädchen...Ich war zunächst mal stumm. Das Schreiben fing dort an...Ich ziehe die deutsche Sprache an. Sie ist nicht meine Heimat geworden, sondern ein Geschenk des Zufalls. Ich habe bei ihr Zuflucht gefunden, vor der klebrigen, verführerischen Muttersprache, von der ich mich jedesmal mit viel Kraft losreissen muss.“ Mit der Reportage „Das Reich des unendlichen Provisoriums“ die Slowakei am Vorabend ihrer Unabhängigkeit enden die Reiseberichte aus der alten Heimat, in der doch ein anderes Raum- und Zeitverständnis beginnt... Den Profifotografen der Hamburger Agentur war das entgangen. Sie kehrten nach zehn Tagen mit harten Bildern zurück. Mit Bildern, die scharfe Konturen haben. „Beim Uebersetzen aus dem Deutschen in die slawischen Sprachen arbeitet man auflösend,...Konturen dehnen sich, verschwinden.“ Im zweiten Teil bereisen wir mit der russisch sprechenden Irena Brezna die ehemalige Sowjetunion. Das Vergrösserungsglas ersetzen wir durch eine gute Brille. Wir treffen ehemalige Dissidenten als selbstproduziertes Gewissen des Sowjetimperiums, wir beobachten die Rückkehr der Krimtataren, begleiten den Menschenrechtler Sergei Adamowitsch Kowaljow, begegnen Wladimir Wolfowitsch Schirinowski im Lift und besuchen den Paten Pudel in Chabarowsk. Wir sehen die Funktion des GULAG als kulturprägendes russisches Phänomen, aber auch als eine Gefahr überall dort, wo der Konformismus den Widerstand der Menschen besieg hat. Irena Brezna hält uns an ihrer warmen slawischen Brust und zeigt uns, was wir nicht wissen von Mittel- und Osteuropa. Sie gibt Einblicke: Spannend, sinnlich und wunderbar geschrieben.“ Rosemarie Seidel-Zöller, Tageszeitung, 28.9.1996. „Der Band beginnt mit einem Essay, fein geschliffen wie böhmisches Glas: Meine kleine revolutionäre Zelle erzählt davon, wie die samtene Revolution bei den tschechoslowakischen Emigranten in Basel ankommt, wie Gefühle und Erinnerungen wachgeküsst werden, heftige Aktivität ausbricht. Sie erzählt von dem Heimweh, das in die Ferse verbannt war und sich wieder meldet, vom Kulturschock bei der Reise in die alte Heimat und der schnellen Verwandlung der kleinen Gruppe die „in der längsten Woche der Emigration“ in Basel „zögernd, voller Zärtlichkeit“ zueinander gefunden hatte. Nach ihrer Rückkehr sind die Sensiblen den Pragmatikern gewichen, und wahrscheinlich verstehen nur alte Linke die Sätze, mit denen ein Freund sie begrüsst: „Weisst du schon das Neueste? Du bist gerade Mitglied einer Kulturfraktion geworden. Mit dir sind wir schon zwei.“ Brezna beobachtet und erklärt, fühlt und fragt, zitiert Mythen oder stellt Meinungen nebeneinander, nicht richtig oder falsch, nicht konservativ oder progressiv, nicht objektiv und nicht nur subjektiv, eher dazwischen. Für eine Diskussion über die Frage, ob „die Emigranten und Emigrantinnen das zukünftige Ich Mitteleuropas“ sind, dürfte es von grossem Vorteil sein, dass Brezna in der Schweiz Asyl gefunden hat und nicht in Deutschland lebt. In dem Bericht über die Gespräche in der Küche bei Tee und dem kleinen Stück Biskuit, das geteilt wird, steckt mehr als nur „ein wenig Sehnsucht nach jener Atmosphäre der Solidarität“. ...Die vielen Fragen, die in diesen Texten stecken, scheinen forzuführen, was die kritischen uns sensiblen Emigranten angefangen hatten, als sie sich 1989, nach den ersten Nachrichten aus Prag, in Basel zusammengesetzt hatten, bei McDonald`s, weil es so überraschend viele waren, dass sie in keiner anderen Kneie Platz fanden.“ Berliner Freitag, 1996. „Betrachtung und den intensiven Wahrnehmungen seelischer Schwingungen zwischen bekenntnishaftem Charakter und Bildhaftigkeit, Spannungsfelder, die gerade in „Falsche Mythen“ deutlich erkannbar werden und nicht unwesentlich zu deren Reiz beitragen... Wer solcherart seine Position umschreibt, kann und will es sich nicht zu einfach machen, nicht im Hinblick auf die Sicht der Dinge und Erscheinungen und nicht beim Hineinhorchen ins eigene Innere, sondern sieht sich vielmehr genötigt, Problemfelder mehrmals und aus unterschiedlicher Distanz einzukreisen...Ueber weite Strecken ist „Falsche Mythen“ ein Buch der Begegnungen und der Wiederbegegnungen...Wenn in einer Passage, bezogen auf Mitteleuropa, von einer „Region der Melancholie“ gesprochen wird, verweist dies zweifellos auf eine der Autorin nicht fremde Lebensstimmung. Als ein wirksames Gegenmittel zu Melancholie angesichts teils verschütteter, teils verödeter Lebenslandschaften bietet sich jene verhaltene Ironie an, die Irena Brezna in ihren Darstellungen auf souveräne Weise einsetzt... In „Falsche Mythen“ wird weitgehend auf Spekulatives, Hypothesenbildungen verzichtet, stattdessen finden sich eindrucksvolle, lebendige Berichte und klarsichtige Analysen der Lage.“ Hanns Schaub, Landbote, 31. August 1996. |