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FALSCHE MYTHEN
Sammelband
„Falsche Mythen“, eFeF-Verlag,
1996 Bern, 191 Seiten,
19 Sfr.  


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Auszüge:

  Aus „Flüssiger Fetisch“ (Rückkehr nach Trencin):
„Wir haben kein Loch in die Welt geschlagen“, sagen sie und senken beschämt den Blick. Wie könnte man in Trencin am Vah, inmitten des Horizontes der wiegenden Herzlichkeit, eine wuchtige, eine individuelle Tat vollbringen, mit der die Welt ihre Ganzheit verlieren würde? Das Volksempfinden kennt eine Publizität einbringende Tat nicht als das Ergebnis langwieriger Abmühungen, des gebündelten Willens, nicht als ein Konstrukt mit einem soldiden Fundament, sondern als ein Naturereignis. Der einsame, laute, destruktive Schlag, der über die Gemeinschaft hinausschiesst, löst Furcht und Bewunderung aus. Das Loch in die Welt braucht nicht kommentiert zu werden. Das Loch ist da, ein Mythos, die Tat vollbracht. Von der Trencinerin. Trink noch einen Borovicka. Zier dich nicht. Sei keine verweichlichte Westlerin. Er ist gut auf den nüchternen Magen. Die zerrissenen Fäden knüpfen wir wieder zusammen....
Doch sogleich besinnen sie sich auf das altbewährte Mittel gegen Zwist und Entfremdung. Energisch liebevoll setzen sie meine Söhne vor zwei Teller randvoll mit Hühnersuppe und rennen in den Garten, um Johannisbeeren und Aepfel zu pflücken.
„Na, nimm, nimm schon.“
Süsse Aepfel sind das, teuer sind sie mir im Geschmack und in ihrem verschroebenen, fleckigen Aussehen. Die Gastgeberinnen entschuldigen sich saft für diese Kleinheit und Unvollkommenheit. In ihren glänzenden Augen wachsen die westlichen Früchte zu ebenmässigen Melonen heran. Für den Heimweg bekommen wir Einmachgläser mit selbstgemachter Aprikosenmarmelade...
Nach meiner Rückkehr nach Basel fragt mich ein Schweizer Bekannter: „Hast du dort einen Gegenstand gesehen, einen wertvollen, einen, den es hier nicht gibt und den man von dort exportieren könnte?“ Ich habe lange überlegt, versuchte mich zu erinnern, dann sagte ich zu ihm: „Es gibt dort einen Fetisch, den tragen die Menschen immer bei sich. Er ist aber flüssig und unverkäuflich, er rinnt ihnen freizügig über die Wangen.“  

Aus „Das Reich des unendlichen Provisoriums“ (Die Slowakei am Vorabend ihrer Unabhängigkeit):  
„Hier fängt der slawische Raum an, hier unterscheidet man bei jedem Tätigkeitswort den vollendeten und unvollendeten Verbaspekt, entscheidet sich für den einen oder anderen. Der unvollendete Veraspekt bedeutet in den slawischen Sprachen Kontemplation, Wiederholung, Allgemeingültigkeit. Der Mensch steht inmitten der Zeit, einbezogen ins Geschehen, das sich ohne Anfang, ohne Ende über ihn wälzt. Die Slowakei ist das Reich des unvollendeten Verbaspekts, daher der Eindruck des Statischen, der leisen Bewegung im Kreis in einem urlaubsähnlichen, plätschernden Provisorium, das jedoch ewig zu dauern scheint. Die mitreisende amerikanische Fotografin wurde mit entspannten privaten Gesichtern beschenkt, die hier auch zu öffentlichen Anlässen getragen werden. Ausgestreckt im Liegestuhl, vertraut man sich der fürsorglichen grossen Mutter wie einer warmen Decke an. Die Gesichtszüge werden weich, der verträumte Blick schweift über die grenzenlose Ebene des unvollendeten Verbaspekts....
Die Entscheidung auf dem Scheideweg. Die neuen slowakischen Machtmänner sagen es unverhohlen: „Wenn uns der Westen nicht aufnimmt, gehen wir in den Osten.“
Davor fürchtet sich der ostslowakische Schweisser. Der Westen, diese Vertikale, erscheint als Garant seines bescheidenen Wohlstandes, den die Slowakei nach dem Krieg erreicht hat. Seine Achtung vor den Tschechen, den „germanisierten Slawen“, wie sie wegen ihrer Ration genannt werden, ist stärker als die Kränkung, die sie ihm zufügen, wenn sie eine eigenständige slowakische Sprache als eine Variante des Tschechischen belächeln, ihn als ein temperamentvolles Gefühlsbündel von oben herab behandeln oder ihn verklären als den ursprünglichen, sich selbst nicht entfremdeten Menschen, ähnlich wie der Mann die Frau oder die Weissen die Schwarzen. Eine gängige Wertskala, in der Ratio über der Emotion steht, das Perpetuum mobile über dem Amorphen. Der Ueberlegene spielt sich als Retter des Ufers vor dem steigenden Wasser auf. Der Westen und der Osten. Die westliche Arroganz, das Besserwissertum und die östlichen Minderwertigkeitskomplexe mit ihrer Suche nach dem nächsten Feind, an dem sich reibend man wachsen kann.“
 
Aus „Heimat oder Tod“ (Die Rückkehr der Krimtataren):
  „Ein 6jähriges Mädchen vergräbt eilig ihre Puppe in einem Graben neben ihrem Haus. Dann wird sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern, gestossen von Maschinengewehrkolben, in einen Viehwaggon gesperrt. Der Vater, der ihr die Puppe geschenkt hat, stürmt Berlin in der Uniform der Roten Armee. Hunger und Durst haben die Erinnerung des Mädchens an die tagelange Fahrt von der Krim nach Usbekistan zerfetzt. Wenn der Zug anhält, werden die Leichen am Ufer der Wolga zurückgelassen. Aufgebrachte, organisierte Volksmassen an Bahnhöfen werfen Steine nach den Zügen mit den „Volksverrrätern“. „Väterchen Stalin, was hast du uns angetan, das muss ein Irrtum sein.“ Die heute 56jährige Historikerin Aische Seitmuratowa sieht immer nur dieses Mädchen vor sich, wie sie in einem gleichnishaften Ritual ihre Puppe versteckt. Als sie 17 Jahre später zum ersten Mal die Krim besuchen darf, geht sie die Strasse zu ihrem Geburtshaus nahe der Stadt Kertsch entlang. „Ich ging, feuchter, dicker Nebel umgab mich, und auf einmal verzog er sich, und ich sah den Graben, und im Graben lag die Puppe“. Diese auf der Krim zurückgelassene Puppe, das ist Aische Seitmuratowa selbst, das ist ihre krimtatarische Volksseele, in der Erde der Vorfahren hat sie überdauert....
Seitmuratowa fühlt auf einmal keine Schmerzen, wenn sie auf der Krim ist. „Dieses Land, auf dem wir jahrhundertelan gumhergegangen sind, gibt mir Kraft. Diese Steine, diese Wurzeln sind befruchtet worden von den Knochen, den Tränen, dem Schweiss unserer Vorfahren...Seitmuratowa weint auf die hiesige Art, leidenschaftlich, gekränkt und entschlossen.
Der Nationalismus in Osteuropa. Die Bolschewiken taten ihn arrogant als „kapitalistische Uebergangserscheinung“ ab. Sie rissen die Gebeine aus den krimtatarischen Friedhöfen, gaben den Dörfern und Städten russische Namen, die Volksbezeichnung „Krimtataren“ verschwand aus allen Publikationen...
In den 30 000 noch bestehenden typischen krimtatarischen Häusern wohnen jetzt Russinnen und Russen...Die Krimtataren kommen. Sie kommen, angezogen vom „Kern der Wirklichkeit“, wie Mircea Eliade den Heimatort nennt. Sie graben sich dort auf dem Rosenfeld der Kolchose zunächst einmal ein Loch in die heimatliche Erde, errichten ein Zelt darüber und schreiben darauf ihren Slogan „Heimat oder Tod“. Dann stellen sie ihren mitgebrachten Fernseher in die düstere Behausung, das Bett, den Tisch, die Pfanne, den Teekessel. Sie begeben sich auf die Suche nach Arbeit und machen Bekanntschaft mit dem Misstrauen. „Warum seid Ihr gekommen?“ „Nach Hause sind wir gekommen, nach Hause“, wiederholen sie für sich selbst und für die anderen, für alle, die es wissen und jene, die es nicht wahrhaben wollen, damit sich in diese Frage auf Leben und Tod kein Zweifel einschleicht.“
 
Aus „Emigrant aus der Heimat des GULAG“ (Waleri Abramkin und der östliche und westliche GULAG):  
„In den Kerkern einer als klassenlos und atheistisch proklamierten Gesellschaft entstand eine strenge Hierarchie der vier Hauptkasten, eine mythische Männerwelt, wo Gegenstände verzaubert sind, wo man für ein dahergesagtes Wort, eine falsche Geste mit dem Leben, mit Verkrüppelung bezahlt oder zu einem Wesen zwischen Mensch und Tier degradiert wird. Ein hochrangiger Gefangener befiehlt dem Verfehlten, von nun an neben dem Toilettenkübel zu schlafen, lässt ihn vergewaltigen, oder es genügt auch, über sein schlafendes Gesicht mit dem Penis zu streifen, und schon ist er unwiderruflich Angehöriger der niedrigsten Kaste der Unberührbaren. Die Entmenschlichung der Hähne, der Ziegenböcke oder der Fallengelassenen, wie die Unberührbaren genannt werden, zeigt sich auch darin, dass sie kein Recht auf Geben haben. Fasst man Gegenstände an, die sie berührt haben, „beschmutzt“ man sich und wird einer von ihnen...
Der GULAG war während des Sowjetregimes der fünftwichtigste Wirtschaftszweif des Landes. Nicht nur die Holzindustrie bediente sich gerne der Zwangsarbeit, kaum ein Industrieprodukt made in UdSSR kam ohne die billigen Hände der Gefangenen aus. In vielen Haftanstalten herrscht jetzt Arbeitslosigkeit anstatt des Frons... Für Waleri Abramkin ist GULAG der Name für ein System zur „Brechung der Persönlichkeit“. Ein Kulturerbe der UdSSR, immer noch höchst aktuell...Abramkin hält den Sieg der Demokratie in Russland ohne eine Demontage des GULAG für unmöglich. „Alles, was Alexander Solschenizyn beschreibt, ist noch da: die Konvois, die Schäferhunde, die Wachtürme, die Schläge...Abramkin warnt auch vor dem weltweiten GULAG und meint damit nicht die bevorstehende Russifizierung des Planeten. Der GULAG sei auch ohne die Russen schon da. Der Lebkuchen-GULAG des Westens, wo Unmündigkeit gezüchtet wird. In Russland mit Peitsche, im Westen mit Zucker. Auch ausserhalb des Stacheldrahtes. „Unsere Aufgabe in Ost und West sollte sein, die Menschen weden in den Käfig hineinzuprügeln, noch sie dorthin mit Leckerbissen zu locken.“ GULAG sei überall dort, wo der Konformismus den Widerstand besiegt habe.“  

Aus „Wolodja, der Massenmensch“ (Ueber Wladimir Schirinowski)
„Wladimir Wolfowitsch, stellen Sie sich doch, bitte, in diese Brotschlange in der flachen russischen Provinz hin, kompaktnej poschalujsta (noch dichter heran), ja, so ist es gut. Sehen Sie, Sie unterscheiden sich tatsächlich durch nichts von den anderen. Sie stehen mitten im lebendigen sowjetischen Alltagserbe, in der Keimzelle der Masse. Und die Schlange wächst und wächst. Das ist Ihr politisches Kapital. Diese unberechenbare Grösse mit diffusen Rändern, diese kascha, der Brei, die einheimische kulinarische Spezialität, die Essration der Roten Armee und der Bewohner des GULAG, die kascha, mit der auch jede Ninotschka und jeder Iwanuschka gerne den Tag anfangen. Sie versprechen dem hungrigen Rentner das private Paradies: „Zum Frühstück ein Butterbrot mit Käse und Brei.“ ... „Wir sind eine kosmische Nation. Die grosse russische Sprache und der russische Rubel werden die Völker zu einer einzigen russischen Nation verschmelzen. Nicht Türken, Perser, Tadschiken, sondern Bürger. Rossijanin, das wird wie heute Amerikaner, Europäer klingen. Das ist das Schicksal Russlands, seine Bestimmung, seine Heldentat“... Wladimir Wolfowitsch, ich bin in Sorge um Sie, dass das Kabarett und vor allem die Psychiatrie Ihren Namen entweden werden, um aus ihm einen Terminus technicus für eine Massenpsychose zu schaffen, für diesen uralten, ungezwungenen Drang Russlands nach Ausdehnung. Und jene Traditionsbewussten, deren Körpergrenzen immer noch an den Grenzen der verflossenen Sowjetunion enden, wird man als zwanghaft bezeichnen und ihren echten Schmerz darüber, dass sich wieder eine ehemalige sowjetische Republik abtrennt, als Phantomschmerz.“

Aus „Der Pate und der kommerssant“ (Russisches bisness im Fernen Osten):  
„Hier ist der Anfang der Menschheit. Der Mann ist noch Jäger, seine Trophäen trägt er bei sich, die schwarze Lederjacke, Import aus dem benachbarten China, das Päckchen amerikanischer Zigaretten und den japanischen Gebrauchtwagen, den er im Hafen von Wladiwostok erbeutet hat. Das Leben ist kurz und schnell. Die Taiga wird unter den rivalisierenden patriarchalen Stämmen aufgeteilt. Ueber Nacht kann man reich oder als verkohlte Leiche aufgefunden werden. Der junge Mann mit dem gestylten kurzen Haarschnitt nennt sich kommerssant, seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis arbeitet er, mit der Waffe unter dem Blazer, für einen einflussreichen bisnessmjen. Er rast über die Hügel des russischen San Francisco in der vom Stillen Ozean kommenden Brise, zwischen den Hochhäusern, dort, hinter dem schwarzen Staub des Wohnsilos im 14. Stock, liegt seine bescheidene Hütte. Der Mann hat das breite, grobe geschnitzte Gesicht des monumentalen Matrosen vom Denkmal de Revolution am Hafenplatz. Der Granitmatrose kniet auf einem Bein, schaut vorrevolutionär zuversichtlich auf die atomaren U-Boote und das Kriegsschiff Admiral Pantelejew mitten im Erbe der Gewalt dieser bis 1985 geschlossenen Militärstadt. In einem neueröffneten Fitnesszentrum hat der junge Mann seine Muskeln gehörtet, deren Kraft er jedoch kaum brauchen wird. Ihr betontes Vorhandensein genügt als Siegel zum mündlichen Vertrag und das karge, wohlüberlegte Manneswort als Unterschrift. Der Anfang der Menschheit ist ernst, schriftlos, Humor ist noch nicht da, die Zweideutigkeit wäre lebensgefährlich, das Denken ist schnörkenlos, Selbstkritik eine unverzeihliche Schwäche. Wir sind noch im Wald, und der Stamm wähnt sich in ständiger Gefahr. Hier gibt es das Reich des Lichtes und das der Finsternis, das „Wir“ und die „anderen“, das Gute und das Böse, die Macht der Unterwelt und die der Behörden. Wer ist die Mafia? Die Mafia sind nicht wir, das sind die anderen, wir sind gerecht, der rechtsgläubige Gott steht uns bei.“