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| KARIBISCHER BALL |
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Rezensionen: Hingabe und Rückzug, Oeffnen und Verschliessen: Das ist der Wechselrhythmus, der Irena Breznas neues Buch durchpulst. Ihre Texte leben - wie die Haut, die schwarze und die weisse, von der sie handeln. Schon der erste Satz öffnet sich für eine weite Geste, für Lionel, den schwarzen Fabrikarbeiter: „Lionel beanspruchte viel Lebensraum, warf beim Gehen die schlacksigen Arme von sich, drehte sich im Halbkreis um die eigene Achse, streckte mit seinen beweglichen Augen den ganzen Horizont ab, machte lange, regelmässige Schritte, als wäre er dabei, die Erde für einen unbekannten Zweck auszumessen.“ Und wenn die Autorin schliesslich nach knapp zweihundert Seiten die Afrikaner verlässt, wird es wieder kühl und eng um ihre weisse Protagonistin: „Benitas Poren schliessen sich.“ ...Weiss oder schwarz, stark oder schwach: Der ständige Perspektivenwechsel und die Umpolung der Wahrheit zwischen Schwarzen und Weissen, zwischen Mann und Frau, machen dieses Buch so dynamisch, bisweilen auch komisch und immer vorurteilslos. Das Wartevermögen kann ebenso Macht wie Ohnmacht des schwarzen Mannes sein. Wie bei „Bokar, dem Sohn von Ibrahima“: Oft verzweifelt seine weisse Geliebte an Bokars Seelenruhe, manchmal ist sie davon wie narkotisiert. Die Sippe des Afrikaners verschlingt ihre Individualität bedrohlich, dann wieder löst sie sich gerne auf im „grossen Ganzen“. Sie lässt sich fallen - um schliesslich doch wieder alle zu verlassen, um nicht vom „grauen Raum“ der Gleichmut verschlungen zu werden. Suchen und Fliehen, Hingabe und Selbstrettung, Weiss und Schwarz: Alles ist in Bewegung. Und der Tanz der Geschlechter und Rassen ist es auch, der Lionel mit Nathalie nach vielen Umwegen am Schluss der Titelerzählung für einen kurzen Augenblick wieder verbindet: „Zouké, zoukéééé...j`ai une femme, j`ai une mère, j`oublie tout, je dance.“ Festhalten und Loslassen, Beweglichkeit: Das ist das Prinzip Leben - erfahrbar beim „Karibischen Ball“ von Irena Brezna. Christine Richard, Basler Zeitung, 3. April 1992. „Karibischer Ball“ vereinigt Erzählungen und Reportagen, die allesamt vom Fremden handeln. Und davon, wie schwer wir uns damit tun, Fremdes nicht als Bedrohung unserer eigenen Identität zu sehen...Es ist wohl kein Zufall, dass die Haut im „Karibischen Ball“ eine ausschlaggebende Rolle spielt: menschliche Haut als Zeichen der Identität, der Abgrenzung - und als Zeichen des Andersseins. .. „Brief an meinen schwarzen Sohn“, der berührendste Text des Bandes, ist eine hoffnungsvolle Utopie, der Entwurf einer Welt, in der Getrenntes zueinander findet. Das Kind einer weissen Frau und eines schwarzen Mannes, zwei Kulturen und zwei Welten in sich tragend: Wird dieses Kind in diesem Zwischenraum leben können, in dem es keinen Platz für starre Kathegorisierungen geben darf? „Du gehörst ihnen, jenen, die mit dir verwandt sein wollen. Ich gebe dich in ihre Arme. Du, mein Afrika, du, mein mein Europa, du bist das Wunder der Versöhnung.“ Ihr eigener Werdegang mag dafür entscheidend gewesen sein: Irena Brezna weiss jedenfalls dicht und nuanciert von den Schwierigkeiten interkulturellen Begegnung zu erzählen. Josef Bossart, Berner Zeitung, 10. April 1992. Kleine Bravourstücke sind der Autorin über Annäherung und Differenzen zwischen Schwarz und Weiss gelungen. Dass ihr leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus dabei subversicher wirkt als jedes aufklärerische Pathos, beweist u.a. ihr artistisches Niveau. Christine Wittmann, Die neue Bücherei, München Der Text, der dem Band den Namen gab, die Erzählung „Karibischer Ball“, steht gleich als erster, ist der längste und scheint mir der gewichtigste und kräftigste. Hier begegnen sich Lionel und Nathalie in einer Liebesbeziehung, die jenseits der meisten Erklärbarkeiten aufflammt. Sie ist fasziniert von ihm, seiner Welt, seinem Körper, seinen Bewegungen, seiner stolzen Ueberlegenheit, und für ihn ist die weisse Frau ein unbestreitbarer Beweis gesellschaftlichen Aufstiegs; er will sie besitzen und muss sich und seinen Landsleuten doch immer wieder beweisen, dass er sich von ihr nicht abhängig machen lässt. Die Konfliktkreise, in die diese Liebe unweigerlich gerät, sind Gesellschaft/Normen/Aussenwelt, Heimat/Fremde, Sexualität und Geld. In allen diesen Bereichen reiben sich die Verschiedenheiten („Sie sprach von der Liebe, er sprach von Gott“) und eigentlich gibt es nur einen Ort, wo sich die beiden nahekommen: in der körperlichen Verschmelzung. In diesem Text wird am deutlichsten, was Irena Breznas Texte so packend gelingen lässt: es ist ihr „Ort des Schreibens“, der weder im einen noch im anderen Bereich zuhause ist. Als sähe die Schreibende von aussen zu, wie sich die einander fremden Welten mischen, abstossen, abgrenzen; die Zerrissenheit wird beobachtet, notiert, und die beiden Seiten kommen nie in einen Wettstreit der Werte. Das macht, dass uns auch unsere eigene Welt fremd wird, zufällig und veränderbar. Wahrscheinlich ist dies das Fairste, was sich erringen lässt. Verena Stössinger, Nordschweiz, 26. Nov. 1991 Wer einmal der „schwarzweissen Aesthetik“ verfallen ist, dem gerät die Faszination am Fremden leicht zu einer Art erotischer Sucht. Dies zumindest legen Irena Breznas Texte nahe. Die Autorin selbst interessiert am Thema der vielschichtigen Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur und Hautfarbe weniger das das Verbindende als das unüberwindbar Trennende. Stärker als in jeder anderer Partnerschaft werde man dabei immer wieder mit der Tatsache konfrontiert: „Der Mensch ist ein Andersdenkender.“ Ulrike Jamin, FAZ, 26.5.1993. Ein Erlebnis ganz anderer Art sind dagegen die Reportagen Irena Breznas im selben Band. Die Formulierungen wirken leicht, die Beobachtungen sind präzise und doch stimmungsvoll. Da überzeugt die sachliche Recherche ebenso wie der Versuch, sich ins kulturell Fremde einzufühlen. In der Reportage „Die Rebellin“ begleiten wir die Autorin nach Guinea und vollziehen am Beispiel der glorifizierten Rebellin Hadja Bobo den Lernprozess der Journalistin nach, Personen ihres Interesses und ihrer Wertschätzung nicht nach eigenen Bildern zuzurichten, sondern zu beobachten, zu erforschen und zu beschreiben, wie sie wirklich sind: „Je besser ich Guinea kennenlernte, umso seltener hämmerte ich mit Fäusten an verschlossenen Türen. Ich verstummte und warf verstohlene Blicke ins Halbdunkel.“ Eindrucksvoll und desillusionierend auch die Reportage aus den guineischen Flüchtlingslagern, die Beschreibung des bürokratischen Dickichts. Ein Kind, angelehnt an eine vernagelte Unicef-Kiste, droht zu sterben, weil ein anderes „Hochkommissariat“ für die Verteilung der Nahrungsmittel und Medikamente zuständig ist. Sobald die literarische Form keine narrative, fiktionale ist, verschwindet auch das deutlich Bemühte in Breznas Sprache: Die Texte wirken lebendig, machen nachdenklich, berühren. Im „Brief an meinen schwarzen Sohn“ (dieser Sohn der Autorin existiert tatsächlich), wird die Banalität des alltäglichen Rassismus deutlich, und sie wird im O-Ton überzeugend dargeboten: „Sein Vater ist Afrikaner“ - „Das macht gar nichts, wir mögen alle Kinder“, oder „Die breite Nase kann man operieren“, sagte die Grossmutter, „wenigstens das“. Gegen Ende des Buches dann die Reise in die Heimat des ehemals geliebten schwarzen Mannes. Sehr schön, sehr unverstellt schildert Irena Brezna die Annäherung an die fremde Familie, die entstehende Bindung bis zu dem zeitweiligen Wunsch, einzutauchen in die Geborgenheit des afrikanischen Clans. Aber ebenso klar die Erkenntnis rassistischer Züge auch bei den Afrikanern. Da ist es beileibe nicht sicher, ob der Vater seinen hellhäutigen Sohn würde lieben können, und der Vereinnahmungswunsch der afrikanischen Familie ist nicht weniger autoritär als bei den heimischen Verwandten: „Das ist die Sprache der Sippe, mein Sohn. Sie hat keine Hautfarbe, kein Land, keinen Kontinent. Du wirst sie überall an ihrer Vernarrtheit in den Status quo erkennen. Auch eine lebensbewahrende Vernarrtheit?“ Ingrid Apel Wie in ihrem „Schwarzweissen Kinderbuch („Biro und Barbara“) thematisiert die Autorin auch hier das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, die Schwierigkeiten, Fremdheit zu überwinden, aber auch die Faszination des Andersartigen.. . Es ist nie Schönfärberei und falsche Sentimentalität, aber auch nie Blosstellung, Verächtlichkeit. Es ist der Versuch, andere Lebensart zu akzeptieren, zu verstehen, mit ihr umzugehen. Katharina Boulanger, okz-Informationsdienst |