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| KARIBISCHER BALL |
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Sammelband
„Karibischer Ball“, eFeF-Verlag Zürich, 1991, 19 Sfr. REZENSIONEN BESTELLEN ZURÜCK |
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Auszüge:
Aus der Titelerzählung „Karibischer Ball“: Nach Mitternacht strömten immer mehr Männer in den Saal herein. Zur Begrüssung holten sie mit dem rechten Arm weit aus und schlugen klatschend zu. Die kurzen Wortwechsel auf Kreolisch endeten mit Lachsalven. Die schnellen Laute waren kein Redefluss, waren Fontänen. Als würden sie dem Wort zuwenig Bedeutung zumessen, stützten sie es mit Berührungen ab, als überprüften sie die Existenz anderer am liebsten durch Tastsinn. Lionel wartete taktisch zwei volle Stunden, dann holte er Nathalie zum Tanzen ab. Je mehr sie sich seinem Rhythmus anglich, umso geschmeidiger steigerte er die Geschwindigkeit, war ihr immer voraus. Mit seinen breiten Handflächen fuhr er über ihren Rücken, in grossen Bögen, mit weit gespreizten Fingern, die ganze Fläche abdeckend, beständig, sich seines Besitzes sicher und doch vorsichtig, jederzeit bereit, anzuhalten. Grosszügig, professionell, ein arbeitsamer Pflüger. Der Druck war entscheidend, fest genug, um Knechtschaft zu erahnen, leicht genug, um mit Freiheit zu locken. Das Lied hörte nicht auf, die Zeit folgte einer Acht. „Martinique, Guadeloupe, Guayana, kilindon, kilindon, ajajajaaaaj...“ Die Hüften redeten, riefen, strebten einem Ziel zu und bebten gleichzeitig nur für sich, zweckentbunden. Das Blut strömte durch die engen Kanäle, überstürzte sich, eilte zur Haut, wälzte sich dicht unter ihr, eine Sintflut. Lionel hielt die Augen geschlossen. In seinem Bart glitzerten Schweisstropfen wie Weihnachtsschmuck. Sie standen aneinandergepresst am Ort, die Becken schmolzen zu einer uralten Wiegenschwingung zusammen. Nathalie tanzte die Nacht so durch, wie sie bis jetz nur zu schlafen vermochte.“ Lionel scherte sich nicht um den Geschmack der weissen Bürger. Er lebte bei ihnen, in ihrer Nähe, aber nicht nach ihren Kriterien. Für die Begriffe seines Milieus sah er durchaus respektabel aus. Sie wissen, dass ich arbeitslos bin, und sie fragen sich, wie schafft er das, immer elegant zu sein. Lionel triumphierte. Er stampfte aus dem Nichts einen Palast. Das war Ueberlebenskunst. Kostümiert, krawattiert, parfümiert, gut gelaunt, an seiner Seite stets eine Frau, oft eine andere und nie die Ehefrau, so erschien er zu den Bällen. Er schätzte die aufgedonnerte Form, den Maskenball, das Dorftheater. Nach Geld auszusehen und keines zu haben war in seinen Augen ehrbarer als eine gesicherte Beamtenexistenz. Vorläufig, denn das geregelte Leben eines unscheinbaren monogamen Familienvaters in einem Vorstadtbhäuschen war sein ferner Traum. Manchmal gab er sich trotzdem Mühe, führte seine kleine Tochter aus, doch der Weg brachte ihn von alleine in die Bar. Ab und zu zahlte er eine Runde. Was er hatte, teilte er gleich mit den anderen. Vor den copins grub er nicht nach seiner Melancholie, dort sprach er laut im schnellen Kaskadentempo, er war einer von ihnen. Scheinbar. Freunde hatte er keine. Frauen fielen ihm zu. Sein Milieu vermutete begnadete Männerpotenz, aber wusste eines nicht: Seine Wahrhaftigkeit teilte Lionel nur mit der Frau. Nathalie lavierte zwischen den Blicken der schwarzen Proleten, eine vibrierende Kugel, betört von sich selbst. Ihre Lederanzüge wurden enger, sie gab sich als Blumenverkäuferin aus, lachte viel. Lionel flehte sie an: „Bleib kühl. Lächle nicht, rede nicht mit ihnen. Eine Frau muss schroff, streng sein. sie muss den Mann dazu bringen, die Augen vor ihr zu senken.“ Er wehklagte: „Sie scheuen sich nicht, mir die Geliebte vor den eigenen Augen auszuspannen. Ich bin ein Niemand geworden.“ „Sie beneiden dich.“ „Keineswegs. Sie halten dich für eine leichte Beute. Deine Universitätsweisheiten kannst du dir einstecken. Mir wäre lieber, du wärst eine anständige Putzfrau.“ Lionel log gewohnheitshalber, Nathalie glaubte ihm aus Prinzip. Eine Hand auf ihrem Schenkel, in der anderen den Telefonhörer, Lionel rief Frauen an, borgte sich von Nathalie Geld fürs Taxi und fuhr zu ihnen. In seinem Milieu gab es das Fama der besonderen Milde der weissen Frau. Aber als sie endlich den Humanismus aufgab und Drohungen schrie, klatschte er, umarmte sie. „Wie wütend du sein kannst“, lallte der verlorene Sohn, der seine Urmutter wiederfindet. „Ich brauche Widerstand“, bat er sie. Nathalie schaute angewidert zu, wie ihr Zorn ihn zur Ruhe brachte, seinen Geist anregte, ihm Achtung vor ihr schuf. Die Frau war die Struktur, die Lebensmitte, die Göttin, das Verhängnis. Lionel, ein Betender, ein Pilger, den heiligen Ort erahnte er in den verborgenen Windungen der Vagina. Die kosmische Trauer, die ihn heimsuchte, war rein, staubfrei, er ergab sich ihr. „Ich suche etwas, ich kann es nicht finden, aber ich weiss: Es ist in der Frau.“ Aus „Die Rebellin“ „Mein Vater war Kantonschef in Fouta Djalon. Er wollte mich nicht in die Schule schicken. Nur die Knaben schickte er. Er wollte, dass wir Mädchen später unsere Ehemänner achten.“ „Meinte er, dass die Schule die Achtung vor dem Mann austreibe, weil die Frau klüger als der Mann werden könnte?“ „Ja, das meinte er.“ „Haben nur die Ungebildeten Achtung vor den anderen?“ „Gewöhnlich ist es so. Wir Mädchen, wir blieben ungebildet und man verheiratete uns sehr früh. Ich wurde mit 16 Jahren verheiratet.“ Da mischte sich Oury ein: „Haben Sie es akzeptiert?“ „Aus Achtung vor meinen Eltern habe ich es akzeptiert.“ Oury drängte weiter, mit Hoffnung in der Stimme: „Haben Sie es auch in ihrem Herzen akzeptiert?“ Gab es kein Tauziehen, keine Reibereien?“ „Nein, keine Reibereien, ich habe es akzeptiert. Unsere Bräuche gebieten uns, das zu tun, was die Eltern wünschen.“ Da fragte ich ungläubig: „Haben Sie diesen Mann geliebt?“ „Ach, ich musste ja.“ Sie lachte tief. „Ich habe ihn geliebt.“ „Kann man zwangsweise lieben?“ „Mit der Zeit sah ich ein, dass er mich liebte, mich unterstützte, vor allem meine Eltern, also liebte ich ihn.“ „Er liebte also nicht in erster Linie Sie, sondern ihre Eltern.“ Hadja Bobo erklärte: „Er fing mit mir an, er liebte mich, wir haben uns verstanden, gemeinsam haben wir meine Familie unterstützt.“ Oft stiess ich in Guinea auf diesen erweiterten Liebesbegriff, nach dem die Ehe nicht die Angelegenheit zweier Individuen, sondern ganzer Sippschaften ist. Als wir dann erfuhren, dass Hadja Bobo die dritte von vier Frauen ist, berührte es uns peinlich, denn die chronologische Reihenfolge der Ehefrauen entspricht auch einer Werteinstufung, nach der die erste Frau die meisten Rechte hat. Die vier Familien von Hadja Bobos Ehemann leben nicht unter einem Dach, jede Frau hat ein Haus für sich und für ihre Kinder, wo der Mann in einem regelmässigen Turnus für zwei Tage einkehrt. Hadja Bobos Nebenfrauen leben wie auch der Mann in der Stadt Labé, sie ist aber schon vor einigen Jahren mit ihren Kindern nach Conakry gezogen. Sie tat es wegen der Kinder, damit sie in der Hauptstadt die höhere Schule besuchen konnten. Ab und zu fährt sie für ein paar Tage zu ihrem Mann nach Labé. Nur bei familiären Zusammenkünften, bei Todesfällen, Taufen und Hochzeiten treffen sich alle Frauen und die zahlreichen Kinder. „Wir teilen den Mann“, sagte Hadja Bobo und lachte. Aus „Brief an meinen schwarzen Sohn“: „Der Kinderarzt fragte mild: „Seit wann ist er schon bei Ihnen?“ Ich schaute dich verwundert an. „Sehen Sie die gewölbte Stirn nicht? Die hat er von mir.“ Er schwieg. Ich schaute dich wieder an und sah, was er sah. Nicht die Wölbung, sondern die Tönung. Ein Findelkind? Gefunden unter Gefahren der tropischen Zone, unterernährt, entrissen der Obhut der Affen, der Wölfin, ein Tarzan, ein Romulus und Remus auf schwarz? In Gedanken meine Rettungsversuche: Noch weiss ich, wie der grosse Bauch mich besetzt hielt gleich einer hungrigen Armee, über mich donnernd hinwegrollte und eine Dehnung hinterliess. Zum Glück gab es den Schmerz des Verlassens. Dass ich es nicht vergesse, das, was unmöglich ist: Du wurdest in mir modeliert, damit du aussiehst wie aus Ton...Mein Bauch ist dein Bauch, mein Busen ist dein Busen. Gedrängt in die Defensive besinne ich mich auf unsere Blutsbande. Und doch will ich es nicht. Ueber den Bauch hinaus will ich dich lieben. Habe ich mich aus der Gemeinschaft hinauskatapultiert? Ein Publikum ruft begeistert zum ungeschützten Flug: „Mut hast du, welchen Mut!“ Als ich dich noch nicht kannte, als uns beide meine Haut noch bedeckte, badete ich manchmal im Morgengrauen im eigenen Schweiss, eine Gefangene der Farbkriterien. Damals fand auch ich meine Tat mutig. Im Schrecken gedeiht der Mut. Wollen wir ihn ablegen, den Mut, mein Sohn. Noch warst du eine zarte Kaulquappe, und ich vertraute mich der Frauenärztin an. Zaghaft gab ich das Geheimnis preis. Und sie rief laut aus, schrie ihr eigenes Entsetzen an, wie man ein unerzogenes Kind anschreit, das stört, dazwischenredet: „Aber das macht doch gar nichts! Das ist, als ob man abstehende Ohren hätte!“ Die Hand will einen Kinderkopf streicheln, aber die abstehenden Ohren sind im Wege, diese Ohren, die beim blossen Anblick wachsen, wuchern, ein Wall werden. Nicht Schönheitskriterien stempeln die golden schimmernde Tönung deiner Haut zu einem Makel, sondern Herrschafts- und Wirtschaftsverhältnisse. In diesem Gefälle tendiert man zur Bleiche. Wenn ein Mann aus einem engen Tal eine Frau aus der Ebene nach Hause brachte, herrschte Aufruhr im Tal. Zwei Dörfer, zwei Kontinente. Die ganze Last des Misstrauens musst du durch den schmalen Bergpass hindurchtragen. Doch bald wird der Gibraltar eine Snackbar auf einem Boulevard sein. Solange begnüge dich mit dem Glückszeichen des Bahnbrechers auf der Stirn. Deine Haut ist deine Chance. Wisse sie zu nutzen. Du bist das Fabelwesen, ein Riesenfrosch aus den Märchen, in dem sich Rassen begegnen. Du wanderst duch Umarmungen, angstfrei, man spricht zu dir in den verschiedensten Sprachen. Du hörst zu. Höre zu, mein Sohn, höre gut zu. Auszug aus „Bokar, der Sohn von Ibrahima“ Wir nennen ihn Bokar. Diesen Namen wollte er seinem erstgeborenen Sohn geben, aber er unterliess es, dies auszusprechen, so wie er vieles zu tun unterliess. Seine Stärke ist das Warten. Man kann sogar sagen, dass er nichts ausser dem Warten kann, seinem uralten Warten ohne Anfang und Ende. Wie eine seit Jahrtausenden wartende reglose Eidechse liegt er auf einer Meeresklippe, schaut mit gesenkten Augenlidern über alles hinweg, schaut aufs Meer. Seine alte Seele verbeugt sich vor dem Meer, schaut immer aufs Meer hinaus, über die Autobahnen, Häuser, über den Kontinent hinweg; er schaut auf sein Land zurück. Wartend. Dort, wo er herkommt, ist das Warten das grosse Tun. Männer liegen schläfrig vor ihren Häusern und warten. Frauen bücken sich müde und warten, verharrend. Die Säuglinge, festgeschnallt an den Rücken ihrer Mütter, schlafen geduldig. Die grossen Kinder schauen die Fremde an, sie warten, dass etwas passiert. Die Hitze ist erregt, sie wartet mit. Die Hunde hungern leise, lungern. So sah sie sein Land. Wir nennen sie Jana. So wollte sie als Kind aus einer entlegenen Provinz heissen. Als Jana Bokar zum ersten Mal sah, sah sie einen matten, verstaubten Wartenden. Sie erkannte die verstaubte Provinz wieder, die sie für immer verlassen wollte. Ist im Warten das Sein eingeschlossen? Sie hielt das Sein für glanzvolles Emporschwingen, für aufgeregtes Flügelschlagen. Ihre Landungen waren kurz, waren Pausen. Sie hat es unterschätzt. Sie wusste noch nicht, was er schon immer wusste: dass sein Erbe eine Kraft ist. Die dachte in der Art der Kinder, der Vögel: ich setzte mich mal hin, einfach so, unverbindlich, bloss zum Ausruhen, Verweilen, Plaudern. Noch wähnte sie sich geborgen an einer Zwischenstation, noch war Bokars Lethargie angenehmens Plätschern, noch stand sie nicht vor der unbekannten, unumstösslichen Mauer. Es war sein Rhythmus, der Bokar vor Jana schützte. Dieses Wunder an Langsamkeit. „Du bist lebensunfähig“, entsetzte sich Jana. Doch Bokar überlebte. Er bewältigte die kleinsten Dinge des Alltags mittels ausgedehnter Vorbereitungsrituale. Drei Tage lang schickte er sich an, ein Hemd zu kaufen, das er schlussendlich, am vierten Tag, nicht kaufen konnte, weil er kein Geld hatte. Jana hielt diese Rituale für Lügen. Er täusche bloss vor, er sähe die Wirklichkeit nicht, empörte sie sich. Bokar hatte ein grossmaschiges Raster, vieles fiel hindurch, fiel wieder heraus. Bokar vergass, dass er kein Geld hatte. Er vergass es, weil er grosszügig dachte, weil das Geld ein Fluss war, der niemandem gehörte. Er hielt sich für die Tat des Hemdenkaufes innerlich bereit, er wartete auf den richtigen Augenblick, in dem ihm das Geld zufliessen würde, einfach so, wie sich ein Bächlein vom Hauptstrom zufällig, schicksalhaft absondert und zum ausserwählten Kind hinunterfliesst. Als es nicht eintraf, war es nicht seine Schuld. Der Augenblick war noch nicht gekommen. Nicht seine Grundhaltung war falsch, der Zeitpunkt war falsch bestimmt worden. Bokar hatte sich nichts vorzuwerfen, er hatte seinerseits alles vorbereitet. Er war bereit, aufzubrechen, aufzubrechen zur Tat. Er hatte sogar eine fast konkrete Ahnung von diesem Hemd, das er dann, nach der vollbrachten Tat, an seiner Haut tragen würde, das er dann waschen und bügeln würde. Sein Hemd. Sein Hemd war er selbst, das hat Jana lange nicht begriffen. Er entzog sich ihr während seiner Vorbereitungen, er sammelte sich, er gehörte nur dem zu kaufenden Hemd, er gehörte seiner bevorstehenden Tat. Er schwieg an diesen Tagen, weil Worte Löcher im Gemäuer sind. Er hörte Jana nicht zu. Nichts drang in diese Ballung ein. Sie liebte ihn in solchen Aufbruchslagen wie einen unglücklichen, verfluchten Menschen, für sich, mütterlich, unerreichbar. |